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MATRIX 4/2019 (58) • Zwanzig Tage – zwanzig Romane

Dich rufe ich erneut an, lieber Gott der Literatur. Verzeih mir bitte, aber ich kann den Sinn meiner Schritte schon wieder nicht mehr ausmachen.
Ich habe gestern einen Autor kennengelernt, der mir offen sagte, er habe ohne seinen Verlag gar nicht existieren können. Mit dabei stand auch ein anderer, der genauso offen zugab, er brauche so etwas überhaupt nicht, er suche unbedingt und sofort eine Druckerei, um die Welt mit seinem Werk zu beglücken. Einem weiteren Autor reichte ein Copyshop, um sein Opus unter die Leute zu bringen. Und es gab noch einen, der meinte, „jemand“ sei verpflichtet, ihn zu publizieren. Sogar eine Behörde, die sehr viel Geld in die Hand nimmt, um NICHTS zu tun für Autoren, die sowieso irgendwie und irgendwann verlegt werden, war vertreten. Dazu eine Einrichtung, die für Selfpublishing warb. Ein Verlag, der ohne Autoren nicht existieren kann, durfte natürlich nicht abwesend sein. Genauso wie einer, der keine Autoren braucht.
Um Klarheit zu schaffen: Wir sprechen hier und jetzt über Literatur und nicht über Literatur 2.0, 3.0, 4.0 usw.
Verzeih mir, lieber Gott der Literatur, aber ich dachte, du hättest mir empfohlen, an der größten Buchmesse der Welt teilzunehmen. Mir, der ich immer noch an der Brust der Literatur hänge – schlimmer als ein libidinöser alter Mann, der an der vergilbten Fotografie einer ehemaligen Kollegin klebt, die sein Lehrer einst neben ihn gesetzt hatte, um dem Klassenfoto Gleichgewicht zu verleihen. Mir, der ich immer wieder zu dir zurückkehre, sogar dann, wenn das Navigationsgerät sagt, dass ich in die falsche Richtung fahre. Ich dachte, du würdest mir zustimmen, wenn ich das heutige Übermaß an politischer Korrektheit als Übertreibung betrachte – wenn auf einmal sehr vieles als nicht akzeptabel proklamiert wird, um dann wiederum auch all jene, die sich diesem Diktat widersetzen, diffamieren zu können. Deswegen habe ich mich nicht gewundert, als mich einmal sogar Grenzbeamte nicht davon abhalten konnten, mich in eine Zwickmühle hineinzumanövrieren. Niemand außer dir, lieber Gott der Literatur, weiß, dass es keinen Platz mehr gibt für einen, der keine Ahnung von Marketing, von Gewinnspannen, von Lobbyarbeit oder vom Schleimen hat. Für einen, der morgens über dem ausgetrunkenen Weinkrug meditiert, ohne zu merken, wie ihm jede Menge von sogenannten Spezialisten am Zeug flicken.
Doch nun bin ich vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen. Was will ich überhaupt? Wenn ich ein Editorial schreibe, kümmere ich mich in der Regel um die Schriftsteller und deren Werke. Diesmal muss ich mich aber zu einem süchtigen Leser und seinen Einsichten äußern, der Folgendes schreibt:

Ganz einfach: Zwanzig Autoren sind von der Bildfläche verschwunden. Seit dem 20. August 2019. Der Schattenfänger, so wird kolportiert, hat sie an der Nase herum in ein Labyrinth geführt und in einem schwarzen Traum eingeschlossen, wo sie nun randalieren, einander die Augen auskratzen bzw. die Köpfe einschlagen.

O Gott, was könnte ich denn da noch hinzufügen? Dass er Tag und Nacht damit verbrachte, über zwanzig Romane zu schreiben, finde ich absolut in Ordnung – wer hätte es sonst tun können, wenn nicht er, der alle zwanzig Titel der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019 gelesen hat? Zwanzig Tage der Lektüre, zwanzig Tage des Konkubinats mit zwanzig Büchern, zwanzig Tage voller Durchhaltevermögen, voller Freude oder auch Enttäuschung. Lassen Sie sich von unserem Mitstreiter Theo Breuer und seiner ungewöhnlichen Art, zu lesen und Literatur zu entziffern, auf mehr als achtzig Seiten mitreißen. Und lesen Sie hier zwanzig Ausschnitte aus zwanzig Romanen, die im Wettstreit um den Deutschen Buchpreis 2019 angetreten sind. Dabei sollten Sie sich nicht wundern, dass Sie die Zeitschrift eines Kleinverlags, der von möglichen Fördergeldern und Preisen umgangen wird, in Händen halten. Denn das ist schlichtweg normal. Oder haben Sie für einen Moment vergessen, in welcher Welt wir leben?

Von den Schreibtischen einiger Gegenwartsautoren erhielten wir diesmal außergewöhnliche Texte von Klaus Martens („Man meint es nicht gut mit mir. / Aber was kann man mir schon nehmen? / Meine Vergangenheit ist sicher verwahrt, / meine Zukunft erblüht an diesem Tag“), Nora Iuga („es sind kreaturen. ich kenne sie nur schriftlich. gelesen habe / ich in der zeitung“), Anton Sterbling („aber diese Polka tanzen wir alle noch, / obzwar Toni, der die Tuba bläst, / schon ausgewandert ist“), Horst Samson („Der Tod geht und kommt / Wie Jesus übers Wasser, verliert / Keine Minute, kein Wort“), Traian Pop Traian („was hätte der Leichenträger empfunden / hätte er unter den Leichen dich oder mich wiedererkannt / hätte er sich selbst unter den Leichen entdeckt …“) und Benedikt Dyrlich („Und die Mutter war kein Nazi, sie genoss aber das Leben in vollen Zügen“).

Widmar Puhl und Michael Moritz besprechen neu erschienene Bücher von Andrew Sayer, Volker Weiß und Harald Gröhler. Und die Kulturszene ist präsent durch die Beiträge „Erstes Abonnementkonzert des SWR-Symphonieorchesters Stuttgart in der Liederhalle am 20. September“, „Aufwachen in Istanbul. Kölner Künstlerinnen und Künstler am Bosporus“ und „Evgeny Mitta: Moskau 2012. Gescheiterte Revolution. Multimediale Installation“. Es signieren: Widmar Puhl, Wolfgang Schlott sowie Gudrun und Karl Wolff.

Eine gute Buch- und Messezeit mit der Longlist 2019 und mit MATRIX wünscht Ihnen

Traian Pop

Es signieren: • Theo Breuer • Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel • Jackie Thomae • Andrea Grill • Raphaela Edelbauer • Lola Randl •Jan Peter Bremer • Ulrich Woelk • Alexander Osang • Eva Schmidt • Marlene Streeruwitz • Emanuel Maeß • Saša Stanišić • Katerina Poladjan • Miku Sophie Kühmel • Karen Köhler • Tom Zürcher • Tonio Schachinger •Nora Bossong • Angela Lehner • Norbert Scheuer • Norbert Zähringer • Klaus Martens • Nora Iuga • Anton Sterbling • Horst Samson • Traian Pop Traian • Benedikt Dyrlich • Widmar Puhl • Michael Moritz • Wolfgang Schlott • Gudrun und Karl Wolff • Evgeny Mitta •

Editorial / S.4

Die Welt und ihre Dichter • Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel

Theo Breuer • Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel . Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019 . • Brüder • Cherubino • Das flüssige Land • Der Große Garten • Der junge Doktorand • Der Sommer meiner Mutter • Die Leben der Elena Silber • Die untalentierte Lügnerin • Flammenwand. • Gelenke des Lichts • Herkunft • Hier sind Löwen • Kintsugi • Miroloi • Mobbing Dick • Nicht wie ihr • Schutzzone • Vater unser • Winterbienen • Wo wir waren • / S. 7
Jackie Thomae • Brüder / S. 87
Andrea Grill • Cherubino / S. 91
Raphaela Edelbauer • Das flüssige Land / S. 95
Lola Randl • Der Große Garten / S. 99
Jan Peter Bremer • Der junge Doktorand / S. 103
Ulrich Woelk • Der Sommer meiner Mutter / S. 107
Alexander Osang • Die Leben der Elena Silber / S. 111
Eva Schmidt • Die untalentierte Lügnerin / S. 115
Marlene Streeruwitz • Flammenwand. / S. 119
Emanuel Maeß • Gelenke des Lichts / S. 123
Saša Stanišić • Herkunft / S. 127
Katerina Poladjan • Hier sind Löwen / S. 131
Miku Sophie Kühmel • Kintsugi / S. 135
Karen Köhler • Miroloi / S.139
Tom Zürcher • Mobbing Dick / S. 143
Tonio Schachinger • Nicht wie ihr / S. 147
Nora Bossong • Schutzzone / S. 151
Angela Lehner • Vater unser / S. 155
Norbert Scheuer • Winterbienen / S. 159
Norbert Zähringer • Wo wir waren / S. 163Atelier

Atelier
Klaus Martens • Acht Gedichte / S. 169
Nora Iuga • Zehn Gedichte / S. 179
Anton Sterbling • Acht Gedichte / S. 187
Horst Samson • Fünf Gedichte / S. 195
Traian Pop Traian • Drei Gedichte / S. 203
Benedikt Dyrlich • In Erinnerung an Temeswar . Tagebuch / S. 207

Bücherregal
Widmar Puhl • Andrew Sayer, Warum wir uns die Reichen nicht leisten können / S.211
Widmar Puhl • Volker Weiß, Die autoritäre Revolte / S. 214
Michael Moritz • Harald Gröhler, In Eile, im Mantel / S. 216

Aus der Kulturszene
Widmar Puhl • Der Retter trägt Wuschelkopf . Erstes Abonnementkonzert des SWR Symphonieorchesters Stuttgart in der Liederhalle am 20. September / S.219
Wolfgang Schlott • Aufwachen in Istanbul. Kölner Künstlerinnen
und Künstler am Bosporus / S.221
Gudrun und Karl Wolff • Evgeny Mitta . Moskau 2012. Gescheiterte Revolution. Multimediale Installation / S.223
Evgeny Mitta • Protestflug / S.227

MATRIX 3/2019 (57) • Die KOGGE • Nicht alle, welche wandern, sind verloren

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

als „zu meiner Zeit“ ganze Jahre ohne technologische Veränderungen vergingen, hatte ich genug Luft, um Häppchen der Geschichte, Arithmetik, Literatur und Philosophie mit aller Wissbegier eines Kindes zu schlucken, das sich darauf vorbereitet, nicht nur seinen Eltern und Großeltern, sondern allen zu zeigen, wie schön die Welt sein kann. Dass die Geschichte in den Lehrbüchern diesseits und jenseits des Ozeans, diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs nicht identisch war, ahnte ich schon – wie wohl jeder von Ihnen. Dass die Arithmetik von „Diesseits und Jenseits“ nur ein und dieselbe sein konnte, wusste ich, obwohl in unseren Lehrbüchern schwarz auf weiß stand, dass Hitlers Arithmetik braun und die von Stalin rot
wäre.

Ja, so war es zu der Zeit, als es Jahre dauerte, bis sich – wissenschaftlich und technologisch gesehen – eine Veränderung zeigte. Doch wie sieht es heute aus? Wenn wir in einer von Wissenschaft und Technologie dominierten Welt leben, in der kaum jemand die Wissenschaft und Technologie versteht? Wenn heute unser Dasein online ist, wie verhält es sich mit dem Analogen und Digitalen, dem Realen und Virtuellen? Wenn heute alles ständig auf dem neuesten technologischen Stand sein muss und wir keine andere Wahl haben, als uns anzupassen oder uns zu entfremden – bis zum nächsten Upgrade, wenn viele, wenn nicht gleich alle von uns durch Leistungsfähige ersetzt werden? Wenn ich heute z. B. mein eigenes Bankkonto nicht online sehen bzw. eine Überweisung durchführen kann, weil ich den Brief mit der Information zu den neuen Regeln nicht rechtzeitig gelesen habe?
Nicht nur, dass wir uns die Welt von morgen nicht mehr vorstellen können und die Dinge, die jetzt geschehen, uns total unvorbereitet überrollen, sondern auch, dass wir nicht einmal mehr verstehen können, was uns in der Vergangenheit passierte, ist längst zu einer alltäglichen Tatsache geworden.

Oh, Mutter, und wir machen Musik, brüllt ein bekanntes Volkslied!

Ja, werde ich antworten, das ist – egal ob wir damit einverstanden sind oder nicht – unsere Welt. Damit müssen wir nun zurechtkommen. Nichts ist einfacher, als sich eine kurze Atempause zu gönnen. Auch die perfekte Hardware braucht ab und zu eine Pause. Lasst uns spielen: Verstecken wir uns vor uns selbst. Geben wir zu, dass wir, als wir geboren wurden, nicht an Google und Amazon dachten, sondern an das, was unsere Vorfahren als göttlich und gleichzeitig menschlich erachteten. Auch wenn sie glaubten, dass die Arithmetik – egal ob braun oder rot – alles regle. Sie haben uns Zeit gegeben, um zu überlegen, was wir mit uns und der Welt anfangen wollen. Keine Arithmetik der Welt kann uns das nehmen. Und keine menschliche Existenz mit all ihrer Kürze und all ihrem Schmerz.

„Viele – und auch das verheißt uns der Titel mit seinem ,nicht alle‘ – scheitern. Das Mittelmeer wurde zum Massengrab, Tausende kamen und kommen immer noch in den Fluten um, auf ihrem Weg in die Hoffnung auf eine bessere Zukunft; es ist eine Schande für Europa, für jedes einzelne europäische Land, dies hinzunehmen, eifersüchtig zu streiten und in Kauf zu nehmen, dass aus dem Europa der Vielfalt und der Buntheit, der Toleranz, der rücksichtsvollen Aufnahmebereitschaft, wovon der Kontinent immer gelebt und wodurch er sich weiterentwickelt hat, ein kalter Block sich einmauernder Staaten wird, der – und auch das wird nur vermeintlich gelingen – durch Abschottung seinen auf dem Rücken der Armen, der ausgebeuteten Erdteile begründeten Wohlstand sichern will.
[…]
Lesen Sie, liebe Leserinnen und Leser, diese Literatur zu einem aktuellen Thema, zu dem beherrschenden Thema unserer Zeit, dem Wandern in die Zukunft, erfüllt von Hoffnungen, als Momentaufnahme, als zeitlose Dokumentation, als Anregung für das eigene Denken und Handeln. Und bleiben Sie menschlich, jeden Tag, jede Stunde, zu sich selbst und so auch zu anderen.“ So Uli Rothfuss über der Schwerpunkt unserer Ausgabe, die von 37 KOGGE-Autoren unterstützt wird.

„Immer wieder träume ich den gleichen Traum: Ich bin gestorben, und mein Schicksal entscheidet sich. Mir sind ein paar Stunden Zeit gegeben, um in mein früheres Erdenleben zurückzukehren und es zu verbessern. Aber was genau?“ So Tatjana Kuschtewskaja in „Unterwegs…“. Und weiter: „Jedes Mal komme ich in meinem Traum genau an den Ort, an dem ich heute lebe. Der Drang wegzulaufen verschwindet.“

In dieser MATRIX-Ausgabe kämpft die KOGGE nicht mit dem Kaventsmann, sondern mit … der ruhigen See.

Aber nicht nur die KOGGE. Was wäre die Auseinandersetzung von Theo Breuer mit dem Werk von Norbert Scheuer sowie mit der Dichtung von Gao Changmey (Meier) denn anderes als eine Atempause vor den Sturm?
Oder Admiel Kosmans Gedichte „Aus dem Zwischen des Hohelieds“ und Edith Lutz’ Blick darauf: „Von hinter dem Stacheldraht? Die letzten Wörter in dieser Auswahl […] hallen nach. Der Stacheldraht von Auschwitz? Der Draht, der unbarmherzig trennt? Oder ist es der telegrafische Draht, der Verbindungen herstellt? Das hebräische Wort ist – wie so oft in Kosmans Gedichten – mehrdeutig. In der Mehrdeutigkeit lässt sich, etwa im Nachhall dieser Frage, in einer folgenden Leerzeile sozusagen, vielleicht eine Stimme, eine hauchdünne Stimme hören: ,Ja, auch hier‘.“
Wie Matthias Buths Donau, die „kniet sich tiefer in den Grund / Horcht die Sedimente ab Nacht und Tag“.

 

Ihr Traian Pop

Es signiert: • Die KOGGE • Nicht alle, welche wandern, sind verloren • Johanna Anderka • Pilar Baumeister • Mark Behrens • Eva Maria Berg • Beppo Beyerl • Detlev Block • Susanne Brandt • Gudula Budke • Ingo Cesaro • Manfred Chobot • Fritz Deppert • Eric Giebel • Harald Gröhler • Judith Gruber-Rizy • Brigitte Gyr • Ilse Hehn • Rudolf Kraus • Peter Küstermann • Tatjana Kuschtewskaja • Horst Landau • Hermine Navasardyan • Marcus Neuert • Małgorzata Płoszewska • Mechthild Podzeit-Lütjen • Uta Reichardt • Uli Rothfuss • SAID • Helmut Schmale • Tarja Sohmer • Herbert Somplatzki • Friedrich Wilhelm Steffen • Tina Stroheker • Piotr Szczepański • Ursula Teicher-Maier • Charlotte Ueckert • Rainer Wochele • Barbara Zeizinger • Theo Breuer • Empfundene / erfundene Welten in Norbert Scheuers Gedichten und Geschichten • Admiel Kosman • Edith Lutz • Ulrich Bergmann •  Matthias Buth • Peter Gehrisch • Heinz Weißflog • Theresia Schön • Widmar Puhl • Karl-Markus Gauß zum 65. Geburtstag •  Traian Pop •

Traian Pop • Editorial / S.8

Die Welt und ihre Dichter

• Die KOGGE • Nicht alle, welche wandern, sind verloren.

Uli Rothfuss • Nicht alle, welche wandern, sind verloren. Ein Versuch der Näherung an eine unsichere Zeit. / S. 9
Johanna Anderka • Drei Gedichte / S. 12
Pilar Baumeister • Zwei Gedichte / S. 15
Mark Behrens • Der Bleistift . Prosa / S. 19
Eva Maria Berg • Zwei Gedichte / S. 24
Beppo Beyerl • Triest . Prosa / S. 27
Detlev Block • Gedicht / S. 33
Susanne Brandt • Zwei Gedichte / S. 35
Gudula Budke • Sonnenglut und Wassernot . Prosa / S. 37
Ingo Cesaro • Schattenspuren . Gedicht / S. 42
Manfred Chobot • Fünf Gedichte / S. 46
Fritz Deppert • Wanderwege . Gedicht / S. 51
Eric Giebel • Zwei Gedichte / S. 54
Harald Gröhler • Schlecht zu lokalisieren . Prosa / S. 59
Judith Gruber-Rizy • Rückkehr in die Stadt K. . Ein Auszug aus dem gleichnamigen Roman / S. 64
Brigitte Gyr • Tous ceux qui errent ne sont pas perdus . Prosa / S. 69
Ilse Hehn • Vier Gedichte / S. 71
Rudolf Kraus • Zwei Gedichte / S. 76
Peter Küstermann • Brief nach Aleppo . Prosa / S. 78
Tatjana Kuschtewskaja • Unterwegs zu sein ist ein Weg zur Selbst-
erkenntnis . Prosa / S. 80
Horst Landau • „Nicht alle, welche wandern, sind verloren.“ . Gedicht / S. 84
Hermine Navasardyan • Zwei Gedichte / S. 85
Marcus Neuert • S.O.S. (Sound Of Speed) . Prosa / S. 87
Małgorzata Płoszewska • Drei Gedichte / S. 89
Mechthild Podzeit-Lütjen • forttragen . Prosa / S. 92
Uta Reichardt • Vier Gedichte / S. 98
SAID • wir teilen . Gedicht / S. 102
Helmut Schmale • colline des puits . Gedicht / S. 103
Tarja Sohmer • Die Pflicht zu Leben . Prosa / S. 105
Herbert Somplatzki • Vier Gedichte / S. 109
Friedrich Wilhelm Steffen • Vier Gedichte / S. 113
Tina Stroheker • Drei Gedichte / S. 116
Piotr Szczepański • Fünf Gedichte / S. 119
Ursula Teicher-Maier • sichtfeld parzelliert . Prosa / S. 125
Charlotte Ueckert • Erinnerungstour . Prosa / S. 131
Rainer Wochele • Prosa / S. 136
Barbara Zeizinger • Liebe allein genügt nicht . Prosa / S. 142

Theo Breuer • Winterbienen im Urftland . Empfundene / erfundene Welten in Norbert Scheuers Gedichten und Geschichten . Auszug / S. 147
Admiel Kosman • Aus dem Zwischen des Hohelieds . Fünf Gedichte / S. 155
Edith Lutz • Es mag der Liebe gefallen . Zu den Gedichten von Admiel Kosman / S. 161
Ulrich Bergmann • La voix du Pirandello . Ein paar Gedanken zu Pirandellos Drama „Sechs Personen suchen einen Autor“ / S. 165
Theo Breuer • Alles – und viel, viel mehr (vielleicht …) . Regenbogenfarben des kalten Wetters, verfaßt von der 1968 in Huai’an geborenen chinesischen Schriftstellerin Gao Changmey / S. 167

Atelier
Matthias Buth • Acht Gedichte / S. 179

Bücherregal
Uli Rothfuss • Wo seid ihr, ihr merkwürdigen Toten? „Traum von meinem Vater“ eine Leseerfahrung der Erzählung von Karol Sidon / S. 189
Harald Gröhler • Wie oft hab ich geknirscht mit den Zähnen . Hadaa Sendoo, Sich Zuhause fühlen. / S. 191
Peter Gehrisch • Wie mit der Feder geschrieben . Aphoristische Reflexionen von Hans Bender / S. 194

 

MATRIX 2/2019 (56) • Dieter Schlesak • THEOPHANIE. Letzte Reisegedichte und Texte

Ich weiß nicht wie und warum, aber die Gerechtigkeit scheint immer auf Seiten der Vernachlässigten, Marginalisierten usw. zu sein. Die Gerechtigkeit natürlich – und nicht das Urteil. Ich weiß nicht, wie und warum das so ist, aber das Gesetz und die Mehrheit in unserer demokratischen Welt entscheiden fast ausnahmslos genau umgekehrt. Was nun mit dieser Balance, die immer wieder dazu neigt, alles auf null zu setzten? Was nun mit den vielen Faktoren, Zufällen und nicht zuletzt den Menschen, die – bewusst oder nicht, mit oder ohne kriminelle Energie – an der Justierung dieses verdammt empfindlichen Gleichgewichts beteiligt sind? Sollen alle wegen unterlassener Hilfeleistung bestraft werden?

Dann nehmen Sie bitte meine Aussage zur Kenntnis: Ich bin der Erste, den ich kenne, der nicht nur sich selbst, sondern auch alle anderen vernachlässigt hat. Ich weiß nicht, ob Sie überhaupt bemerkt haben, wie viele Angehörige Ihres Bekannten- oder Freundeskreises – diejenigen, für die Sie alles tun würden, was in Ihren Kräften steht, um ihnen zu helfen, diejenigen, die öffentlich den eigenen bürgerlichen Mut immer wieder zum Ausdruck bringen – sich für gewöhnlich aus dem Staub machen. Sie sind genau dann nicht da, wenn Sie am ehesten Hilfe gebraucht hätten, erinnern sich plötzlich an Familie, Verpflichtungen, dringende Erledigungen …
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich spreche nicht von Ihnen, sondern immer noch von mir. Es stimmt, ich habe meine Familie, meine Verpflichtungen sowie alle Dringlichkeiten der Welt ignoriert. Aber: Auch wenn es anders zu sein scheint, ich erlaube mir, Ihnen in Erinnerung zu bringen, dass Ausnahmen die Regel bestätigen.

Ich weiß nicht, wie und warum das so ist, aber wir erkennen dies alles erst, wenn es zu spät zu sein scheint. Die Umstände wollten, dass Dieter Schlesak zu einem der größten, mir in meinem bisherigen Leben bekannten Opfer seines, meines sowie unser aller Rückzugs ins eigene Selbst wurde. Von dieser Tatsache wird ab sofort unser Weiterleben bestimmt werden.

Ja, er ging in letzter Zeit nicht mehr so oft ans Telefon und bat mich einige Male zu warten, bis er sein Hörgerät eingeschaltet hatte. Ich war so dumm, darauf zu warten, statt mir selbst eines zu besorgen. Denn in der Tat bin ich der wirklich Taube gewesen. Zumindest ist es ihm gelungen, mich auf den Weg nach Agliano zu bringen. Nicht mehr, aber auch nicht
weniger!

Dieter Schlesak: Das Treffen mit ihm hat mir gezeigt – als es unbedingt notwendig war –, wie klein und unbedeutend, wenn überhaupt sichtbar ich in dem Register des ewigen Notars, der Zeit, bin. Wie lange wird er über uns schreiben? Wie lange ist er bereit, uns zu ertragen? Wie lange braucht er uns? Braucht er uns überhaupt? Wofür? Trotzdem: Was für ein fantastisches Abenteuer! Unsere Reise zwischen zwei unbekannten Bahnhöfen, ohne zu wissen, wann alles anfängt und endet, wer die Reisekosten übernimmt, was mit den Hinterbliebenen passiert, was auf all dieses, so geliebt und gehasst, folgen wird. Und dennoch der Nabel der Erde zu bleiben, die sich immer wieder neu entdeckt findet, um unseren Egozentrismus zu streicheln.

Vor fast 85 Jahren führten für ihn alle Wege der Erde und des Himmels nach Schäßburg/Sighişoara. Es folgte Bukarest. Dann Stuttgart. Nun heißt die Hauptstadt der Welt Camaiore. Agliano. Die Zeitlose?

(Ich suche etwas, das ich selbst lesen möchte, und schreibe es mir auf; löse Gedichte wie eigne Rätsel, verständlich für einige, gebe sie auf. Auch wenn der Tod wie die Zeit droht. Ein Liebesbrief wäre die beste Erregung, um zu verstehen, was nicht ist.)

WER HAT MICH OBEN AN DEN BRÜCHEN ERKANNT?

Die Zeitlose
droht

Dröhnen von draußen Scheiben klirren zitternd ein Vogel
am Fenster mit mir

so treten wir an/ ohne Nachricht taub

von fern ein Dröhnen
Kräfte Wirbel die schon die Schläge vorbereiten die Nähe
die Sachen fesseln dagegen körpereng

die Augenblicke gehn
aus dem ertrunknen Meer das droht unfrei an Land

wer sie bezeichnen könnte
wäre tot

Habe ich tatsächlich deine letzten Texte gesehen, mein lieber Dieter Schlesak? Vielleicht. Verstehen kann ich alles immer noch nicht. Ich finde alles zu unerwartet, irreal, ungerecht … Einige unter dem Titel „SENSE. Die letzten Reisegedichte und Texte“ gesammelten Gedichte sind 1978 datiert. Warum „die letzten“, verstehe ich genauso wenig wie vieles andere. So lange sollest du unter dem Terror des un- (oder doch) erwarteten Treffens mit Charon gelebt haben? Auch die Frau, die mehr als 50 Jahre an deiner Seite stand, scheint noch vieles nicht zu verstehen, sondern so, wie es ist, zu akzeptieren. Sie leidet grausam, aber zeigt es nicht, klagt keinen Moment. Eine echte Grande Dame. Wie die Berge im Hintergrund, die Schneemützen tragen, obwohl schon Sommer ist: aus Stein, aber gleichzeitig extrem zerbrechlich. Sie ist fest entschlossen, auch ihren letzten Lebensabschnitt hier zu absolvieren. Sie wird es tun, wie du es an ihrer Stelle getan hättest.

Erleichterung, vorsichtig, vorsichtig, Unglücksfälle sind möglich, Sturzgeburten, Blutstürze. Dreiviertel acht ist das Kind da … furchtbare Angst beim Abtrennen, Gefühl des Erstickens, Atemnot, Form der Einfachheit, ein Jauchzen –
Leben? Noch ist der Große Schatten, der seit einem Jahr über der Welt steht, nicht da, doch eine Kontur schon in den Wolken von Westen her ist erkennbar, wie eine Schmerz­linie am Himmel, ein Riesengesicht auch, das mit spitzen Zähnen in den Himmel beißt, sodass die Vögel schreien und davonfliegen; das alles wird sich entfalten wie ein fledermausartiges Geschöpf – jetzt aber noch Stille und Morgenkühle, schöne Idylle, Ruhe, von wem behütet der noch fast Ungeborene, der sich zum Dasein bequemen soll, schreiend vorerst, „wie am Spieß“, sagte der junge Vater: „Was er denn hat, der Junge?“
Ich aber friere erbärmlich …

Habe ich tatsächlich deine letzten Texte gesehen? Bestimmt
nicht.

Ich hatte mir gerade die Finger verbrannt, als ich versuchte zu erfahren, was du uns noch oder nicht sagen wolltest. Ja, wie ein unverschämter Dieb legte ich meine Hand auf einige Gegenstände, die du auf deinem Schreibtisch liegen ließt: Sie waren alle noch warm. Dein letztes Gedicht jedoch scheint eine Rose zu sein, die plötzlich in einem Garten der Toskana aus dem Boden spross. Sieht das Paradies wie ein Garten in der Toskana aus? Oder vielleicht die Hölle? Ich weiß es nicht, aber mir wurde erlaubt, dieses Wunder selbst mitanzusehen durch das Fenster deines Arbeitszimmers. Kein Buch der Welt hätte es schöner fassen können.

Ob meine Finger auch etwas anderes als deine Wärme entdeckt haben, weiß ich leider – oder Gott sei Dank – (noch) nicht: Die Dornen der Rose wollten unbedingt meine verbrannten Finger auf ihre eigene Art behandeln.

bevor du zum Thema kommst
irrst du ab
und lebst

Welch ein Irrtum, Dieter Schlesak!
Gelebt.
Geliebt.
Das auf dem Schreibtisch liegende Tagebuch:

Dott. Amoroso
Con gratitudine
Dieter Schlesak
01. 2019 Camaiore

24./25. Januar 2019: Traum von meiner Hinrichtung […]

13. März 2019: Traum von Celan […]

Ein gelber Post-it-Zettel:

Was tun? Pop Traian?

So etwas wurde mir erlaubt zu lesen … Es ist nur ein kleiner Teil von allem, was ich unter meinen Augenlidern verstecken konnte. Und nun? Was tun, Dottore Amoroso?

Vor ungefähr einem Jahr hat uns Dieter Schlesak drei Lyrikbände und einen Roman zur Veröffentlichung angeboten. Davon haben wir nun für Sie einige Gedichte und ein Prosafragment ausgewählt.

„Es war einmal in Schäßburg“ und „Drăculea ist nicht Dracula“: Die zweí Buchbesprechungen von Barbara Zeizinger beschäfti­gen sich mit dem letzten Teil von Dieter Schlesaks Transsylvani-scher Trilogie – TranssylWAHNien und Vlad, der Todesfürst. Die Dracula-Korrektur – sowie mit dem Roman des Romans:
Der Tod und der Teufel.
Anton Sterbling ergänzt den literarischen Teil zu Dieter Schle­sak mit seinen Gedanken über eine wichtige Facette von dessen Werk:

Zu Dieter Schlesaks sehr zutreffend formulierten These der „Entpolitisierung durch Überpolitisierung“, die vielfach zu einer „Politik- und Geschichtsverhinderung“ und zugleich zu einem indifferenten Opportunismus führte, wird unter anderem befunden: „Politik gibt es also im Land selbst immer noch nicht; was es gibt, ist Herrschaft.“ Und: „Erziehung zum Unpolitischen: Erwünscht ist sozialistisches Untertanendenken. Meinungsaustausch, offene Diskussion in Versammlungen, in Massenmedien ist unerwünscht, ja, verboten.“
Im kurzen dritten Hauptteil des Buches geht es vornehmlich um Vergleiche der Anpassungsmechanismen und der da-
mit erzeugten Deformationen („Infektionen“) in Ost und West […].

Außerdem versuche ich, Ihnen Dieter Schlesak mit ein paar Bildern näherzubringen. Mehr in unseren nächsten Ausgaben von MATRIX und BAWÜLON sowie in den geplanten Neuerscheinungen. Und nicht zuletzt in der vom POP-Verlag angekündigten Werkausgabe.

Georgien trat im Oktober 2018 als Hauptdarsteller auf die Bühne der größten Buchmesse der Welt in Frankfurt. Ich weiß nicht warum – wie schon so oft gesagt –, aber die Tatsache, dass ein Kleinverlag, nämlich POP aus Ludwigsburg, dort mehr Neuerscheinungen aus der georgischen Literatur präsentiert hat als alle anderen Verlage aus dem deutschen Sprachraum insgesamt, wurde von fast allen Medien einfach übersehen. Trotzdem erschien 2019 ein weiterer Titel eines wichtigen Vertreters der georgischen Literatur: Goderdsi Tschocheli. Daraus veröffentlichen wir nun eine Kurzprosa. Und Bela Tsipuria, eine bekannte Uni-Professorin aus Tbilissi, schrieb für uns einen ausführlichen Essay über den Autor und sein Werk. Beide Texte wurden von Maja Lisowski ins Deutsche übersetzt.

Wie in der letzten Nummer feiern wir auch in dieser das 15-jährige Jubiläum des POP-Verlags. Diesmal mit Materialien zu Peter Rühmkorf (einem Essay von Theo Breuer und einem Interview von Francisca Ricinski), einem Romanausschnitt von Johann Lippet und Kurzprosa von Eje Winter.

Antworten auf „die zwei großen Aspekte unseres Lebens: Wie sollen und können wir leben und wozu? Und: Was kommt danach?“ findet Ulrich Bergmann in seinen Gedanken zu Thomas Manns Roman „Joseph und seine Brüder“. Edith Ottschofski will (und schafft es) mit einigen Gedichten, uns nach London mitzunehmen, während Ngo Nguyen Dung uns Die Erkenntnisse der Genitive und seines Lebens mitteilt. Die Karpateske Nach-Lese von Carmen Elisabeth Puchianu und ein Fragment aus Edith Lutz’ Roman Einer aus Wiesendorf schließen unsere Literatur-Ausstellung.

Das Schlusswort haben wie immer unsere Rezensenten. Uli Roth­fuss, Wolfgang Schlott und Edith Ottschofski haben für uns Bücher von Isaku Yanaiharas (Mit Alberto Giacometti), Franck Maubert (Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell), Michaela Debastia­ni (Frauenherz), Goderdsi Tschocheli (Eine Krähe für zwei), Ngo Nguyen Dung (Tausend Jahre im Augenblick) und Ioana Nicolaie (Der Himmel im Bauch) gelesen. Außerdem kommt unser Berichterstatter aus der Stuttgarter Kulturszene, Widmar Puhl, zu Wort, der über eine Schmutzkampagne gegen SWR-Chefdirigenten, ein Symphoniekonzert plus x und ein Internationales Friedenskonzert in Stuttgart schreibt.

Mehr passte in diese – schon wieder opulente – Ausgabe nicht hinein. Die nächste aber steht vor der Tür.

Ihr Traian Pop

Es signiert: • Dieter Schlesak • Anton Sterbling • Barbara Zeizinger • Goderdsi Tschocheli • Bela Tsipuria • Eje Winter • Johann Lippet • Francisca Ricinski-Marienfeld • Theo Breuer • • Peter Rühmkorf • Ulrich Bergmann • zu Thomas Manns Roman „Joseph und seine Brüder“ • Edith Ottschofski • Carmen Elisabeth Puchianu • Edith Lutz • Uli Rothfuss • Traian Pop • Wolfgang Schlott • Widmar Puhl •

Traian Pop • Editorial / S. 4

Dieter Schlesak • THEOPHANIE. Letzte Reisegedichte und Texte
Traian Pop • Porträts, 2014 . Fotos / S. 11 und S. 12
Dieter Schlesak • Sense . Gedichte / S. 13
Dieter Schlesak • Devachan . Prosa / S. 23
Dieter Schlesak • Sechs Fotos aus dem Privatarchiv des Autors, 1934–2009 / S. 53
Traian Pop • Linde Birk, die Frau, die immer an Dieter Schlesaks Seite stand und stehen wird . Foto / S. 58
Traian Pop • Dieter Schlesaks Tagebuch . Foto / S. 60
Traian Pop • Vor der Reise: Dieter Schlesaks letzte Notiz . Foto /
S. 62
Barbara Zeizinger • Es war einmal in Schäßburg. Der letzte Teil von Dieter Schlesaks Transsylvanischer Trilogie / S. 63
Barbara Zeizinger • Drăculea ist nicht Dracula. Zu Dieter Schle-saks Vlad, der Todesfürst. Die Dracula-Korrektur und Der Tod und der Teufel / S. 66
Anton Sterbling • Dieter Schlesak – Erinnerungsfragmente / S. 70
Traian Pop • Dieter Schlesaks Schreibtisch . Foto / S. 86
Traian Pop • Hier fängt die letzte Reise an: Dieter Schlesaks Ruhe-
stätte . Foto / S. 87

Die Welt und ihre Dichter
Goderdsi Tschocheli • Ein Brief an die Tannen . Prosa / S. 89
Bela Tsipuria • Der magische Realismus bei Goderdsi Tschocheli /
S. 103
Francisca Ricinski-Marienfeld • Peter Rühmkorf, 2009 . Fotos / S. 112 und S. 120
Theo Breuer • Peter Rühmkorfs Gedichtbuch Wenn – aber dann von 1999 – haltbar bis heute (und darüber hinaus) / S. 113
Francisca Ricinski-Marienfeld sprach mit Peter Rühmkorf: „Als Richter über den Dichter tauge ich nicht“ / S. 117
Johann Lippet • Franz, Franzi, Francisc . Ein Auszug aus dem gleichnamigen Roman / S. 129
Eje Winter • der ort der verwandlung . die geschichte mit valentin . Prosa / S. 143
Ulrich Bergmann • EX ORIENTE LUX. Gedanken zu Thomas Manns Roman „Joseph und seine Brüder“ / S. 149

Atelier
Edith Ottschofski • Sechs Gedichte / S. 159
Ngo Nguyen Dung • Die Erkenntnisse der Genitive und meines Lebens / S. 165
Carmen Elisabeth Puchianu • Nach-Lese. Eine kleine Karpateske .
Prosa / S. 169
Edith Lutz • Einer aus Wiesendorf . Ein Auszug aus dem gleichnamigen Roman / S. 177

Bücherregal
Uli Rothfuss • Alberto Giacometti . Zwei neue, grandiose Annäherungen an ein Kunstgenie – Isaku Yanaihara: Mit Alberto Giacometti und Franck Maubert: Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell / S. 199
Uli Rothfuss • Michaela Debastiani: Frauenherz / S. 201
Wolfgang Schlott • Goderdsi Tschocheli: Eine Krähe für zwei / S. 204
Wolfgang Schlott • Ngo Nguyen Dung: Tausend Jahre im Augen­blick / S. 208
Edith Ottschofski • Ioana Nicolaie: Der Himmel im Bauch / S. 211

Aus der Kulturszene
Widmar Puhl • Schmutzkampagne gegen SWR-Chefdirigenten? /
S. 213
Widmar Puhl • Internationales Friedenskonzert in Stuttgart: „Touch!“ / S. 215
Widmar Puhl • Symphoniekonzert plus x mit Currentzis / S. 217

 

MATRIX 1/2019 (55) • Eginald Schlattner •

Ciudat, dar îmi vine să scriu româneşte …
Komisch, aber ich hätte Lust, rumänisch zu schreiben … Denn ich lerne Rumänien auch dank einiger deutscher Freunde besser ken-
nen. Ich, der geborene Rumäne, der jetzt – als Verleger ein „Wiederholungstäter“, der immer wieder an den „Tatort“ zurückkehrt – ein Editorial schreiben muss.
Nun, so wie ich mich wahrscheinlich zig Mal geäußert habe, ohne besonders hervorzuheben, dass alles, was ich Ihnen mitteile, nur meiner Realität entspricht – um Ihnen das Gefühl zu geben, dass
es sich bei meinen Aussagen um eine allgemein verbindliche
Sicht der Dinge handelt –, muss ich nun betonen, dass alles, was ich im Folgenden erzähle, stimmt.
Ich bin nicht mehr der Jüngste. Als mein Vater noch lebte, habe ich mal seine Jacke und seinen Mantel anprobiert. Danach traute ich mich, in seine Haut zu schlüpfen. Als mein Bruder von einer Lawine verschüttet wurde und starb, bat ich meinen Vater, seine Haut zu verlassen, um in die Haut meines Bruders zu schlüpfen.
Er sagte nichts, aber ich konnte nur mit seiner Haut in die Haut meines Bruders schlüpfen. Die Szene wiederholte sich, als meine Mutter mich aufforderte, in ihre Haut zu schlüpfen.
Warum ich Ihnen all dieses sage? Weil ich gerade mit meinen eigenen Fehlern konfrontiert bin. Und mit den Fehlern meines Vaters. Und mit den Fehlern meines Bruders. Und mit denen meiner Mutter. Meines Erachtens schaffte ich es nie, meine bisherigen Fehler zu vermeiden. Ebenso wenig wie die Fehler von Vater, Bruder oder Mutter. Noch schlimmer: Meine Kinder haben – soweit ich das mitbekommen habe – nie etwas aus meinen Fehlern gelernt, ob-wohl ich immer wieder vorgesorgt habe, genauso wie mein Vater und meine Mutter … Anders gesagt: Ich habe es nicht geschafft, meine Kinder besser als mich werden zu lassen.
Hätte ich das machen müssen? Wäre diese Welt besser, wenn zum Beispiel meine Kinder kein Flugzeug besteigen würden, da es
umweltschädlich, außerdem gefährlich und absolut ungesund ist – vor allem, wenn man bedenkt, dass mein Vater, der Pilot war, an Krebs starb und lange Zeit gar nicht gemerkt hatte, wie sich die
Radar-Strahlung auf seinen Körper auswirkte? Würde es meinen
Kindern besser gehen, wenn sie auf Fast Food verzichteten, weil es
ungesund ist? Würden sie ruhiger schlafen, wenn sie kein Handy benutzen würden und kein Bluetooth und kein WLAN, weil man nicht
sicher sein kann, was für einen Schaden dies alles nach sich zie-
hen könnte? Würden Sie länger leben, wenn Sie das Skifahren auf-
gäben, weil nicht nur mein Bruder, na ja, dabei erwischt wurde … Würden meine Kinder einen besseren Job haben, wenn sie nicht mehr zur Wahl gingen wie meine Mutter, die alle Politiker ent-
weder für dumm oder für korrupt erklärt hat und schuldig am Tod ihres Mannes wie ihres Sohnes? Wie wäre es ohne das Abenteuer, das Risiko, den Wunsch, etwas Neues zu entdecken, zu erleben, zu versuchen? Eine Gesellschaft von gealterten Kindern, eine
Geschichte ohne Vergangenheit und Zukunft, ein Zahnrad, das sich selbst genug ist, um selbstverliebt zu entscheiden, wann es
sich nicht mehr drehen mag?
Schön, werden einige von Ihnen sagen, schön wäre, wenn alle
Horrortaten, die von Menschen an Menschen – um nicht noch
an die Zerstörung der Umwelt zu erinnern – verübt werden, ein für alle Mal verschwinden würden: endlich Gerechtigkeit! Warum sollte es wie gewohnt weitergehen?
Nun frage ich mich: Wie anders? Gibt es etwas anderes? Gibt es tatsächlich eine „gute“ und eine „schlechte“ Geschichte? Es sieht so aus, dass wir nur zwischen dieser Mischung aus Versuch, Horror, Abenteuer, Unerträglichkeit, Unvorhersehbarkeit und … dem Nichts wählen dürfen.
Wie gesagt, ich höre die Stimme meines Bruders, wenn ich etwas über die Berge erzähle oder wenn ich jemandem kategorisch widerspreche – nur um ihm zu widersprechen. Die Stimme meiner Mutter höre ich, wenn mein Körper schmerzt, weil ich
sie so sehr vermisse. Die Stimme meines Vater höre ich, wenn ich unserem Enkelkind zu erklären versuche, wie man eine eingefro-
rene Militärmaschine startklar macht mithilfe einer Roma-Band, die Csárdás-Tänze spielt, und mit einem Viertel Palinka.
Ja, ich hätte gern rumänisch schreiben wollen …
Komisch? Nicht unbedingt, wenn ich an diese MATRIX-Ausgabe denke, die mich in einen Ausnahmezustand versetzt hat.
Wundern Sie sich nicht: Ich lerne gerade eine wunderbare Facette Rumäniens kennen dank eines der besten dort geborenen deutschsprachigen Schriftsteller. Ich lerne gerade eine wunderbare Facette Europas und der Welt kennen dank eines evangelischen Pfarrers und Gefängnisseelsorgers aus Rumänien. Ich lerne gerade mich kennen: so ängstlich, neidisch, schwach, gierig, unbedeutend usw., aber deswegen doch froh, glücklich und unternehmungslustig. Und vor allem voller Lust, ins Auto zu steigen und nach Rothberg/Roşia zu fahren. Um Freude und Frieden zu tanken. Binecuvântat să fie cel ce mi-a îndreptat paşii spre dumneavoastră! Gelobt sei jener, der meine Schritte zu Ihnen gelenkt hat, Eginald Schlattner! Und ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich nun – so „klein und mit sprudelndem Kopf“, wie ich mich fühle –, nicht in der Lage bin, etwas anderes zu tun, als unseren Lesern zu empfehlen, Ihre
Bücher so schnell wie möglich zur Hand zu nehmen.

Liebe Leserinnen und Leser, ich freue mich, Ihnen diese besondere Ausgabe, die Eginald Schlattner, den erfolgreichsten deutschen Autor aus Rumänien, als Schwerpunk hat, präsentieren zu dürfen. Es signieren: Eginald Schlattner, Sigurd Paul Scheichl, Michaela Nowotnick, Edith Konradt, Karl-Markus Gauß, Eva László-Herbert, Gabriela Sonnenberg, Andreea Dumitru, Christoph Klein, Matthias Buth, Traian Pop Traian, Frieder Schuller, Gabriella-Nóra Tar, Cord Meier-Kloth, Emil Hurezeanu und Mirona Stănescu.

Dazu gibt es einen starken Lyrik-Teil zum 100. Geburtstag von
Hans Bender mit seinen letzten Vierzeilern, begleitet von einem Essay von Theo Breuer.

Und vergessen Sie bitte nicht, uns auf der Leipziger Buchmesse, Halle 4. E213 zu besuchen. Die vorliegende Ausgabe wird am Sonntag, 24. März 2019, im Café Europa, Halle 4, E401 um 13.00 Uhr von Edith Konradt, Herausgeberin dieses MATRIX-Schwerpunktes und Lektorin von Eginald Schlattners Buch Wasserzeichen, vorgestellt.
Traian Pop

Es signiert: • Eginald Schlattner • Man verlasse den Ort des Leidens nicht, sondern handle so, dass die Leiden den Ort verlassen • Sigurd Paul Scheichl • Michaela Nowotnick • Karl-Markus Gauß • Christoph Klein • Eva László-Herbert • Gabriela Sonnenberg • Andreea Dumitru • Matthias Buth • Traian Pop Traian • Frieder Schuller • Gabriella-Nóra Tar • Cord Meier-Kloth • Emil Hurezeanu • Mirona Stănescu • Harald Gröhler • Wolfgang Schlott • Hans Bender • Letzte Vierzeiler • Theo Breuer •

Editorial / S. 4

Die Welt und ihre Dichter

Eginald Schlattner • Man verlasse den Ort des Leidens nicht, sondern handle so, dass die Leiden den Ort verlassen
Eginald Schlattner • Und … / S. 7
Sigurd Paul Scheichl • „Wie an den Lagerfeuern der Karawan-
sereien“. Eginald Schlattner – ein exotisches Kuriosum? Zur Schlattner-Rezeption in den deutschsprachigen Ländern / S. 27
Michaela Nowotnick • Vom Büchermachen / S. 51
Eginald Schlattner • im Gespräch mit Edith Konradt über seinen Debütroman Der geköpfte Hahn: „Eindeutigkeit gibt es nur um den Preis des Irrtums“ / S. 57
Eginald Schlattner • Maghrebinische Zwischenräume / S. 65
Eginald Schlattner • Vom Dorfweiher zum Königsschloss. Ein modernes Märchen und mehr / S. 72
Karl-Markus Gauß • Brief an Eginald Schlattner / S. 75
Eva László-Herbert • Geballte Klarsicht und die bittersüße Poetik
der Erinnerungen eines Mitteleuropäers / S. 77
Gabriela Sonnenberg • Gespiegelt im Fluss der Erinnerungen. Gedanken zu Eginald Schlattners Buch Wasserzeichen / S. 79
Andreea Dumitru • „Erlebte, gelebte Wirklichkeit“. Eginald Schlatt-
ners neues Buch Wasserzeichen / S. 89
Christoph Klein • Mythische Erinnerungsorte in Eginald Schlattners Wasserzeichen / S. 95
Eginald Schlattner • Bericht des evangelischen Gefängnispfarrers /
S. 125
Eginald Schlattner • Ja nicht Ja. Walther Gottfried Seidner zum 80. /
S. 145
Eginald Schlattner • Fackeln im Schnee / S. 159
Matthias Buth • Gemeinde / S. 167
Traian Pop Traian • Ultima ninsoare / Der letzte Schnee / S. 170
Frieder Schuller • Rothbach zur Neige / dr. honoris ruffimontanus /
S. 173
Eginald Schlattner • Post festum. Zur Verleihung des Ehrendoktor-
titels am 12. November 2018 in der Johanniskirche zu Hermannstadt / S. 176
Gabriella-Nóra Tar • Laudatio zur Verleihung des Ehrendoktortitels an Pfarrer Eginald Schlattner / S. 183
Eginald Schlattner • Der Fremdling im Tor. Akademische Ansprache beim Festakt zur Verleihung des Ehrendoktortitels / S. 192
Eginald Schlattner • Tränen in vielen Sprachen / Lacrimi în multe
limbi. Deutsche Übersetzung der rumänischen akademischen Ansprache / S. 207
Cord Meier-Kloth • Ansprache in der Begegnungsstätte „Bischof Friedrich Teutsch“ / S. 224
Emil Hurezeanu • Ansprache in der Begegnungsstätte „Bischof Friedrich Teutsch“ / S. 228
Mirona Stănescu • Ansprache in der Begegnungsstätte „Bischof Friedrich Teutsch“ / S. 231

Hans Bender • Letzte Vierzeiler
Theo Breuer • Vertraute Wörter, Rhythmen, Reime. Zum 100. Ge-
burtstag von Hans Bender / S. 234
Hans Bender • Hinter die dunkle Tür. Zwanzig Vierzeiler / S. 237

Bücherregal
Harald Gröhler • Dato Barbakadse: Wenn das Lied sich vom ermüdeten Körper befreit / S. 243
Wolfgang Schlott • Helmut K. Seitz / Ingrid Thoms-Hoffmann: Die berauschte Gesellschaft. Alkohol – geliebt, verharmlost, tödlich / S. 247

MATRIX 4/2018 (54) • 15 Jahre Literaturverlag •

Vor 15 Jahren habe ich mir erlaubt, einen Verlag zu gründen. Eine größere Sünde hätte ich nicht begehen können, lieber Gott der Literatur und Kunst!
Ich gestehe: Meine Sünde betrifft mehr als 400 angenommene Manuskripte, und ich habe immer noch nicht genug davon, trotz meines Alters, meiner fehlenden Kräfte und Kapazitäten. Ich habe mich in mehr als 400 Autorinnen und Autoren verliebt, sogar in jene, die mir und meinem Verlag nicht wohlgesonnen waren, und mit allen – ohne Ausnahme – mein Leben geteilt: mit Tausenden von Prosastücken und noch mehr Gedichten sowie Texten aller Art über Literatur und Kunst. Mit Luther gesprochen: Hier verlege ich und kann nichts anders! Was für eine Anmaßung, lieber Gott der Literatur und Kunst!
Einen Ausspruch des geschätzten Verlegers Kurt Wolff habe ich mir von Anfang an als Maxime auserkoren: „Man verlegt entweder Bücher, von denen man meint, die Leute sollen sie lesen, oder Bücher, von denen man meint, die Leute wollen sie lesen. Verleger der zweiten Kategorie, das heißt Verleger, die dem Publikumsgeschmack dienerisch nachlaufen, zählen für uns nicht – nicht wahr?“ Dieses Zitat ist zugleich Motto und Leitfaden meiner verlegerischen Ambitionen. „Geht es noch?“, wirst du, lieber Gott, bestimmt fragen.
Nun folgt aber etwas, das alle Erwartungen übersteigt: Der Verlag ist unabhängig und macht davon im Dienste der Förderung der Literatur auch im Sinne der Zusammenführung europäischer Autoren und Literaturen mit Sorgfalt und Verstand Gebrauch, und zwar aus Überzeugung und Vergnügen, mit Augenmaß und Ernsthaftigkeit, auf eigene Kosten und mit einem eigenen, unverkennbaren Verlagsprofil.
Verzeih mir, lieber Gott, wenn ich ergänze, dass der Aufwand für Lektorate, Druckkosten, Messestände usw. nicht nur beträchtlich, sondern auch immer höher war als die Einnahmen und mich an die Grenzen des Machbaren und der Existenz geführt hat. Mit der vorliegenden Beichte der umfassenden literarischen Sünden des Pop-Verlags und dessen Betreiber lege ich mein Herz in deine Hände, auch wenn es schwach ist, verrückt und immer noch bereit zu sündigen, trotz regelmäßiger ärztlicher Behandlungen.
Eine Sünde ist natürlich auch die Tatsache, dass es sich beim Pop-Verlag de facto um einen „Ein-Mann-Verlag“ handelt – was fälschlicherweise vermuten lassen könnte, dass die verlegerische Arbeit (Romane, Lyrik, Essays, Übersetzungen aus Literaturen anderer Länder, Reisebeschreibungen etc.) nicht professionell erfolgt. Dazu lässt sich nur anmerken, dass das Gegenteil der Fall ist.
Könntest du bitte, lieber Gott, unseren Autoren zuflüstern, dass der Pop-Verlag mit Stolz auf seine lange Reihe von Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Ländern Europas und den USA blickt, auf namhafte, vielfach international prämierte Schriftsteller mit allerhöchsten ästhetischen Ansprüchen (deren Werke zum Teil auch verfilmt wurden): die weltbekannte rumänische Schriftstellerin und Bürgerrechtlerin Ana Blandiana, Friederike Mayröcker, Eginald Schlattner, Hans Bender, Orhan Kemal, Orhan Pamuk oder Herta Müller, aber auch Klaus Martens, Richard Wagner, Dieter Schlesak, Johann Lippet, Horst Samson, Dieter P. Meier-Lenz, Badri Guguschwili, Dato Barbakadse, Jan Goczol, Dimiter Dublew, Haadaa Sendoo, Robert Şerban und viele andere, darunter auch bekannte Größen aus der Region wie Imre Török, Barbara Zeizinger, Reiner Wedler, Uli Rothfuss oder Norbert Sternmut. Dazu Übersetzer von Ruf aus dem Amerikanischen, wie Klaus Martens, oder aus dem Rumänischen, wie Ernest Wichner, Gerhard Csejka, Georg Aescht oder Edith Konradt, die für den Pop-Verlag arbeiten. Mit welch sündhaftem Engagement ich den Verlag betreibe, zeigt nicht zuletzt auch der seit 2014 jährlich vergebene Debüt-Literaturpreis zur Förderung von jungen/neuen Autoren.
Doch das ist bei Weitem nicht alles. Das literarische Sünden-Programm wird flankiert von der Herausgabe zweier Literaturzeitschriften – „Matrix“ und „Bawülon“ –, jede Ausgabe mit durchschnittlich 200 Seiten, die regelmäßig viermal pro Jahr erscheinen. Und dies ohne Zugeständnisse an die literarische Qualität, sodass eine ständige Präsenz auf den Literaturbühnen nicht nur in Baden-Württemberg, sondern in ganz Deutschland, ja, auch in Europa gewährleistet ist.
Selbstverständlich sündigt der Pop-Verlag auch bei den Buchmessen in Frankfurt und in Leipzig, wo er jeweils mit einem eigenen Stand vertreten ist, um die Neuerscheinungen auch in Form von Autorenlesungen dem interessierten Publikum zu präsentieren.
Bei diesem umfassenden Programm und Konzept käme niemand auf die Idee, dass es sich beim Pop-Verlag in der Tat um einen Kleinstverlag handelt, hinter dem im Prinzip nur eine einzige Person steht, die – um das anspruchsvolle verlegerische Programm finanzieren zu können – bis vor kurzem auch noch einer geregelten Erwerbstätigkeit als Elektronikingenieur nachgegangen ist.
Verehrter Gott der Literatur und Kunst, es lässt sich aus der Ferne nicht im Leisesten ermessen, aber gewiss erahnen, wie viel Herzblut, Energie und Arbeit ich in diesen Verlag stecke! Ich bin auch dankbar, dass es mir immer wieder aufs Neue gelingt, einzelne Schriftsteller für Korrekturen oder für die Vorauswahl literarischer Texte als aktive Helfer einzubinden. Doch die Hauptsünde – von der Textauswahl über das Layout, die Gestaltung der Buchumschläge und die Druckvorbereitung bis hin zum Vertrieb – kann mir ohne deinen Willen niemand abnehmen.
Lieber Gott der Literatur und Kunst, verzeih mir, aber ich halte die Verlagsarbeit mit dem 15-jährigen Jubiläum keineswegs für abgeschlossen, vollendet, sondern bin bereit, auch künftig all meine Energie, Kraft und Ambitionen, mein Wissen und Können in diese wunderbare Tätigkeit zu investieren. Denn ich bin mir sicher: Ganz dagegen kannst du nicht sein. Wie sonst hätte ich die Menge an Autoren und Freunden, Texten und Bildern, Freude und Ärger, Arbeit, Schulden, Krankheiten und allem, was sonst noch dazugehört, bewältigt? Ich danke dir, dass du mir dies alles gewährst!
Und, lieber Gott der Kunst und Literatur, was wäre ich ohne die Redaktionsmitglieder (deren Namen und Funktionen du auf der ersten Seite jeder Ausgabe lesen kannst)? Diese Frage bedarf – selbstredend – keiner Antwort, und ich sage, schlicht und (hoffentlich) ergreifend: DANKE.
Ich danke auch allen Autorinnen und Autoren sowie Leserinnen und Lesern, ohne die es den POP-Verlag nicht gäbe, und bitte sie, an unserem Fest teilzunehmen. Auf der Bühne stehen diesmal: Dieter Schlesak, Orhan Kemal, Orhan Pamuk, Kalosh Çeliku, Uli
Rothfuss, Theo Breuer, Francisca Ricinski, Barbara Zeizinger, Klaus Martens, Mićo Cvijetić, Benedikt Dyrlich, Ngo Nguyen Dung, Holger Benkel, Peter Frömmig, Horst Samson, Ulrich Bergmann, Wolfgang Schlott, Marco Sagurna, Mark Behrens, Karl Wolff, Elke Engelhardt, Eric Giebel und Widmar Puhl.
Traian Pop

Es signiert: • Dieter Schlesak • Orhan Kemal • Orhan Pamuk • Kalosh Çeliku • Uli Rothfuss • Theo Breuer • Francisca Ricinski • Barbara Zeizinger • Klaus Martens • Mićo Cvijetić • Benedikt Dyrlich • Ngo Nguyen Dung • Holger Benkel • Peter Frömmig • Horst Samson • Ulrich Bergmann • • Marco Sagurna • Wolfgang Schlott • Mark Behrens • Karl Wolff • Elke Engelhardt • Eric Giebel • Widmar Puhl • 

Editorial / S.4

Die Welt und ihre Dichter

• 15 Jahre Literaturverlag Traian Pop •
Dieter Schlesak • Zwölf Gedichte / S. 7
Orhan Kemal • Die 72. Zelle . Prosa. / S. 23
Orhan Pamuk • Die Lebensbejahung Orhan Kemals / S. 29
Kalosh Çeliku • Dreizehn Gedichte / S. 31
Uli Rothfuss • nachrichten aus einem land im dauernden ausnahmezustand – die gedichte von kalosh çeliku / S. 39
Theo Breuer • Zehn Gedichte / S. 42
Francisca Ricinski • Acht Gedichte / S. 53
Barbara Zeizinger • der ort der verwandlung . die geschichte mit valentin / S. 61
Klaus Martens • Das Übliche, mit Variationen: Ein weiteres Kapitel / S. 67
Mićo Cvijetić • Sechs / S. 75
Benedikt Dyrlich • Begegnungen mit Mićo Cvijetić / S. 81
Ngo Nguyen Dung • Auszug aus „Tausend Jahre im Augenblick“ / S. 85
Holger Benkel • wohnräume der poesie: Theo Breuer · Zischender Zustand · Mayröcker Time / S. 95

Zeitgeschichte
Peter Frömmig • Mythos und Wirklichkeit revolutionärer Zeiten. Die 1968er Bewegung und ihre Folgen. / S. 103
Horst Samson • Umherirren in der Fremde · Die Bulhardt-Affäre – Der Anfang vom Ende des Literaturkreises „Adam Müller-Guttenbrunn“ / S. 114
Ulrich Bergmann • Der Bonner Bücherkarren / S. 137

Atelier
Wolfgang Schlott • Dreizehn Gedichte / S. 148
Marco Sagurna • Zehn Gedichte / S. 155
Mark Behrens • Chimären und andere Seltsamkeiten . Gedichte und Geschichten / S. 165
Karl Wolff • Warum ich Nationalhymnen brauche . Vier Prosa-
stücke. / S. 176

Bücherregal
Elke Engelhardt • Zurückhaltung im Dienst der Tiefe . Michael Hillen, Antonia und andere Frauengeschichten / S. 181
Elke Engelhardt • Landgewinnung durch Poesie . Francisca Ricinski, In deinen Schuhen voller Sand / S. 184
Eric Giebel • Diskrete Poesie . Michael Hillen, Antonia und andere Frauengeschichten / S.187
Eric Giebel • Zwei georgische Lyrikerinnen . Bela Chekurishvili und Irma Shiolashvili / S. 189
Wolfgang Schlott • Helmut K. Seitz / Ingrid Thoms-Hoffmann, Die berauschte Gesellschaft. Alkohol – geliebt, verharmlost, tödlich. / S.189

Aus der Kulturszene
Karl Wolff • 30-jähriges Jubiläum der Gesellschaft zur Förderung der deutsch-russischen Beziehungen Münster / Münsterland e.V. / S.193
Widmar Puhl • Liechtenstein wie noch nie: 40 Jahre PEN Club. / S.197

MATRIX 3/2018 (53) • Kreuz und quer – Literatur aus Rumänien •

„Jedoch: Ist ein Buch gedruckt, gehört es nicht mehr dem Verfasser an. Es ist in die Hände der Welt gelegt. Und verwandelt sich im Guten, im Unguten durch die, die es lesen, wächst auf alle Fälle über sich hinaus.“
Eginald Schlattner

Zauberer des Wortes

Sie sind Zauberer des Wortes und einige von ihnen schon lange nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch über deren Grenzen hinaus bekannt. Einige sind – sonderbarerweise – im Ausland sogar bekannter und beliebter als zu Hause. Und einige warten noch darauf, entdeckt zu werden. Sie kommen alle aus Rumänien. Nicht nur, aber auch deswegen bieten wir ihren Werken so viel Platz wie möglich in unserer MATRIX, einer Veröffentlichung des – wie einer der eloquentesten Schriftsteller Rumäniens und gleichzeitig des deutschsprachigen Raumes bemerkt hat – „vielstimmigen Verlags POP, Inhaber Traian Pop, beheimatet in Rumänien, zu Hause in Deutschland“. Und hoffen, eine Antwort zu finden auf die Frage: Wie viel noch zu entdeckende Literatur aus Rumänien versteckt sich in den Schubladen der Autoren, Übersetzer und Verlage, die mit diesem Land verbunden sind?
So viel darüber, was mir als Initiator dieses Projekts vor etwa drei Jahren durch den Kopf ging, als das Ganze sich noch in der Planungsphase befand. Inzwischen ist vieles passiert und die Leipziger Buchmesse, auf der Rumänien Gastland war, liegt schon einige Monate zurück, doch fertig sind wir mit unserem Vorhaben noch lange nicht. Und werden, wie es aussieht, nie damit fertig sein.

Alltag des Schreibens

Eginald Schlattner, ein im Dörfchen Rothberg bei Hermannstadt/Sibiu lebender siebenbürgischer Autor und evangelischer Pfarrer, dessen letztes Buch Wasserzeichen definitiv zu den besten Titeln des Jahres 2018 gehört, eröffnet unsere Gala. In einer „kurzen Darbietung“ zu Wasserzeichen schrieb er u. a.:
Doch nachdem es heißt, der Heilige Geist Gottes hat sein Wohlgefallen an gelungenen kulturellen Schöpfungen, sage ich: Gott befohlen.
Zu mir ein Wort: Für mich stand das vergangene Jahr unter dem Zeichen von „fallen“, war gezeichnet von „Missfällen“: Arbeitsunfall in der Kirche beim Friedensgebet. Und dann weiter: Nach dem Hinfall unselige Fälle und Vorfälle noch und noch. Auch ein Todesfall.
Nun also: Ausfälle, ja! Aber kein Wegfall: Jeden Sonntag halte ich Gottesdienst, allerdings vor den Menschenkindern aus den Lehmhütten beim Bach. Evangelische Deutsche sind wir noch vier Greise zu begraben. Selbst die Toten sterben aus.
Dazwischen wahrlich das Ganze metaphysisch überhöht von Glücksfällen.
Und wie wir es glauben wollen: Alles in allem kein Unfall! Sondern eine Kette von Fügungen. Denkbar auch als Weg Gottes da hinaus, um nachzudenken, was am Ende der Biografie als Sündenfall benannt werden sollte und vielleicht in letzter Stunde wiedergutgemacht werden kann. Über dem Portal meiner Kirche (1225) steht in Marmorlettern: „Weise mir, Herr, DEINEN Weg.“
Leider Rückfall vor einem Monat, unerträgliche Schmerzen. Es geschah eines Abends wie aus heiterem Himmel, wahrlich ein Überfall. Ich tappe neuerlich mit dem Gestell zwischen Bett, Bad, Büro meines Weges.
Traumziel bleibt, wieder mit dem flotten Krückstock, wie im Sommer, hochgestimmt dahinzuwallen, so z. B. von der Küche bis zur Kirche, unbegleitet!
Ansonsten beschirmt Tag und Nacht die Haustochter Carmen
Bianca Trandafir mit viel Lachen und in Liebe. Die sich vor sieben Jahren, spitalsreif geschlagen, aus der Lehmhütte vom Bach eines Nachts auf den Pfarrhof gerettet hat, wissend um die offene Tür hier. Ich sagte: „Bleib!“
Nach zwölf Jahren ist es so weit: Am 16. März 2018 um 17.30 Uhr stellt Frau Dr. Edith Konradt das Buch vor: „Wasserzeichen“. Leipziger Buchmesse, Stand Rumänien.
Es ist ein letztes Wort am Ende meiner Biografie. Das letzte Wort. Ob und wie es gehört wird?
Zwei Damen befinden, die den Inhalt am Stück kennen und jedes Teilstück dazu: „Die Fülle von springlebendigen Gestalten und oft haarsträubenden historischen Gegebenheiten verdichtet sich zum breiten Zeitgemälde.“ (Edith Konradt) „Langwierig, aber nicht langweilig. Und ,Wasserzeichen‘ kann den übrigen Büchern ‚das Wasser reichen‘.“ (Tamar Ambros)
Auf der Himmelsleiter der Geltungen, gewiss, wünsche ich meinen Büchern einen würdigen Platz. Aber auf den obersten Sprossen der Skala gilt für mich, den Geistlichen, als triftig ungleich anderes. Denn: Meiner Seele Seligkeit hängt nicht von den Büchern ab.
Wie einfach, klar und natürlich. Man versucht das Leben zu leben – egal ob es seine schöne oder weniger schöne Seite zeigt –, bewusst und froh, diese einmalige Chance nutzen zu dürfen.
Haben Sie bitte Verständnis für den Verfasser dieses Editorials, wenn er dem oben Gesagten kaum noch etwas hinzuzufügen hat. Was könnte ich Ihnen denn noch erzählen? Dass sich auch im Dasein eines Schriftstellers vieles um den normalen Alltag dreht? Selbst in Rumänien – wie überall, wo man (noch) schreibt und liest. Es geht – wie Sie den ausgewählten Textbeispielen entnehmen können – um nicht mehr und nicht weniger als um das Leben in dieser Ecke der Welt, das zu weiten Teilen anders war und ist, als man es sich im Westen in vielen klischeehaften Bildern vorstellt, nämlich keineswegs nur Dracula, Bettler, Ceauşescu, Securitate, leere Regale, Plattenbauten und Korruption. Meiner Meinung nach will Eginald Schlattner auf keinen Fall die Siebenbürger Sachsen, die Rumänen, die Ungarn, die Zigeuner – die sich übrigens in Rumänien selbst so nennen und nicht Roma – sowie alle, die dort gelebt haben oder immer noch leben, verteidigen oder verurteilen, er versucht nicht, sich oder andere reinzuwaschen, er lässt nur sein Leben – und alles, was dazugehört – in seine Prosa einfließen. Einfach so, aus Lust am Erzählen. Nicht weil er es so plant, sondern weil er nicht anders kann. Er ist kein gelernter, sondern ein geborener Schriftsteller. Einer mit einem eigenen Stern in der himmlischen Nomenklatur. Was nicht unbedingt heißt, dass er und sein Werk mit bedeutenden Literaturpreisen bedacht wurden. Denn das Gegenteil gehört leider auch zur unserer „Normalität“. Selbst wenn z. B. der Roman Rote Handschuhe, der Eginald Schlattners zwei Jahre Untersuchungshaft bei der Securitate in Stalinstadt (heute wieder Kronstadt/Braşov) thematisiert, unter den hundert besten in deutscher Sprache geschriebenen Büchern 1999–2001 figuriert (Goethe-Institut, Internationes). Übrigens wird eine der nächsten Ausgaben von MATRIX dem Werk und Wirken von Eginald Schlattner als Schwerpunktthema gewidmet sein.
Der „rumänische Teil“ dieser Ausgabe wird durch Lyrik unterstützt. Es signieren u. a.: Ana Blandiana (Die Einsamkeit ist eine Stadt, / in der die anderen gestorben sind – welch ein wunderbarer Einstieg in die Welt der Lyrikerin!), die junge Autorin Ana Donţu (mit tom&jerry konntest du alles tun), Dinu Flămând (frühmorgens das Schweigen der Nacht / am Fenster die Asche der Zeit), Ilse Hehn (Der Versuch, auf Füchsen zu reiten. // Nichts geht mehr bis aufs Blut, / die Pferde sind tot, es lebe der Gaucho, / die Pampa verloren an den Westen), Petru Ilieşu (Rumänien, / – Siehe da die Logik von der Immunität der Parlamentarier / siehe ein neues Handwerk rentabel und geschützt / das der Demokratie alle schmutzigen Spuren verwischt […] Rumänien, ein neuer Sieg! / Eine neue Diktatur der Opfer. / Ein Frieden! / Noch ein Frieden! / Ein … neuer Frieden!), Traian Pop Traian (der Augenblick der Liebe muss vor anderen geheimgehalten werden / denn die Gefahr mehr zu lieben als du verkraftest verzehnfacht sich / wenn alles öffentlich wird wenn der Zuschauer dich zu immer / höheren Leistungen zwingt ausgerechnet dich der du so konservativ veranlagt bist / dass du nicht einmal ihren Namen in Kleinbuchstaben schreiben würdest), Horst Samson (Also werde ich zappeln, werde zappeln / In der Hoffnung auch, dass der Mann am Schlegel / Mut und Weisheit genug haben wird, zu berichten, / Wie maßlos gering sein Verdienst war), Hellmut Seiler (Es geht also weiter. Immer weiter. / Die Wirklichkeit eine Strickleiter, / zur Kenntlichkeit verzerrt) und Robert Șerban, einer der erfolgreichsten (noch) Jungautoren aus der rumänischen Literaturszene (tatsächlich / erwarte ich nichts wenn / das Blatt Papier vor mir liegt / genauso wie ich auf einer Brücke / nichts anderes erwarte als dass sie mich hinüberbringt / oder entzweibricht).

Die Welt und ihre Dichter wird eingerahmt von einigen neu ins Deutsche übersetzten Gedichten von Wjaceslaw Kuprijanow. Und ein Essay von Klaus Martens – „Ich bin, der ich bin. Wer oder was schreibt wem? Einige Phänomene in der (zumeist) amerikanischen Lyrik“ – fliegt über den Atlantik zu uns, um die Reise durch die Welt abzurunden.
Die deutschen Autoren sind natürlich auch vertreten, diesmal durch Gedichte von Michael Hillen und Peter Gehrisch sowie Prosa von Marco Sagurna: ein Auszug aus dem Roman Werbia, ausgezeichnet mit dem „Prima Verba“-Debütpreis 2018 des POP-Verlags.

Wolfgang Schlott, Widmar Puhl, Matthias Hagedorn und Elisabeth Schawerda besprechen neu erschienene Bücher von Eginald Schlattner, Hartmut E. Arras, Peter Meilchen, Tom Täger & A.J. Weigoni, Klaus F. Schneider sowie Charlotte Ueckert. Und „PANTHEON. Ein großartiges Jazzprojekt mit Bach“ heißt Widmar Puhls Bericht aus der Kulturszene.

So viel diesmal und bis bald,
Traian Pop

Es signiert: • Eginald Schlattner • Ana Blandiana • Ana Donţu • Dinu Flămând • Ilse Hehn • Petru Ilieşu • Traian Pop Traian • Horst Samson • Hellmut Seiler • Robert Șerban • Wjatscheslaw Kuprijanow • Klaus Martens • Michael Hillen • Peter Gehrisch •
• Marco Sagurna • Wolfgang Schlott • Widmar Puhl • Matthias Hagedorn • Elisabeth Schawerda •
Inhalt

Editorial / S. 4

Die Welt und ihre Dichter

• Kreuz und quer – Literatur aus Rumänien •
Eginald Schlattner • Wasserzeichen . Ein Auszug aus dem gleichnamigen Roman. / S. 9
Ana Blandiana • Zehn Gedichte / S. 25
Ana Donţu • Drei Gedichte / S. 35
Dinu Flămând • Acht Gedichte / S. 39
Ilse Hehn • Sieben Gedichte und drei Arbeiten / S. 47
Petru Ilieşu • Rumänien. Post scriptum . Ein Poem / S. 60
Traian Pop Traian • Acht Gedichte / S. 73
Horst Samson • Vier Gedichte. / S. 83
Hellmut Seiler • Acht Gedichte / S. 93
Robert Șerban • Zehn Gedichte / S. 105

Wjatscheslaw Kuprijanow • Sechs Gedichte (Russ. / Dt.) / S. 116
Klaus Martens • Ich bin, der ich bin. Wer oder was schreibt wem? Einige Phänomene in der (zumeist) amerikanischen Lyrik. / S. 128

Atelier
Michael Hillen • Zwölf Gedichte. / S. 143
Peter Gehrisch • Chronos, preise mir jetzt nicht das Chaos! . Elf Gedichte. / S. 155
Marco Sagurna • Warmia . Ein Auszug aus dem gleichnamigen Roman. / S. 167

Bücherregal
Wolfgang Schlott • Eginald Schlattner, Wasserzeichen. / S. 176
Wolfgang Schlott • Hartmut E. Arras, Vom Freischärler zum Propagandisten des Nationalsozialismus. Mein Vater Erwin Arras (1905-1942). / S. 180
Wolfgang Schlott • 630 Buch / Katalog-Projekt von Peter Meilchen, Tom Täger & A.J. Weigoni. / S. 184
Widmar Puhl • Klaus F. Schneider, „pret-a-porter“. / S. 186
Matthias Hagedorn • Die Fluidität der Poesie . 630 . Peter Meilchen, Tom Täger und A.J. Weigoni. / S. 189
Elisabeth Schawerda • Charlotte Ueckert, Die Fremde aus Deutschland. / S. 199

Musik
Widmar Puhl • Pantheon . Ein großartiges Jazzprojekt mit Bach / S. 201

 

MATRIX 2/2018 (52) • Made by Characters – Lyrik aus Georgien •

Leg alles offen auf den Tisch, den Wahnsinn der Gesellschaft, ihre Attitüden, ihre Auswüchse, und du wirst sofort, ohne das Recht, dich zu wehren, ihr Feind, das trojanische Pferd, der Unglücksbringer, das schwarze Schaf, der Irrsinnige, der in die Zwangsjacke gehört, eine unerschöpfliche Quelle der Abschreckung, damit allen die Lust vergeht, aus der Reihe zu tanzen. Klar: ein gefesselter kritischer Geist. Deshalb nimmt die Feigheit so oft und nicht zufällig „pazifistische“ Konturen an. (Aus dem Gedächtnis zitiert)

Ich bin eigentlich kein „Krieger“, aber es fällt mir schwer, ein „Pazifist“ im zitierten Sinne zu sein, auch wenn ich mich manchmal scheue, „die Karten offen auf den Tisch zu legen“. Aus zwei Gründen. Erstens, weil ich schon seit Langem – wenn überhaupt –
kein Spiel ohne Tricksereien erlebt habe. Zweitens, weil jeder Gewinn in der anderen Waagschale durch einen Verlust ausgeglichen wird. Jeder von uns kennt diese einfache Wahrheit, aber keiner will sie zur Kenntnis nehmen.

Albträume eines Verlegers
Mir geisterten im Laufe dieses Jahres Bilder des Schreckens durch den Kopf. Es ging um unseren Auftritt bei der Frankfurter Buchmesse 2018. Genauer gesagt, um unser Anliegen, Ihnen die georgische Literatur näherzubringen. Es wäre einfach zu behaupten, Georgien sei ein Land wie jedes andere, die georgische Literatur sei eine Literatur wie jede andere und so weiter und so fort. Doch dem ist nur so, wenn man alles aus der Ferne betrachtet. Wenn man aber versucht, sich zu nähern, ändert sich das Bild. Ich befürchtete also, dass die vertrauten Vorstellungen von georgischer Landschaft, Geschichte und Kultur sich verflüchtigen könnten. Es ist nicht einfach, mit solchen Ängsten umzugehen, wenn man sich schon seit Jahren um einige – nicht wenige – georgische Autoren und Werke gekümmert hat.
Nach etwa vierzig aus dem Georgischen übersetzten und veröffentlichten Titeln hätte ich leider immer noch nicht sagen können, dass alles reibungslos lief, dass ich mich über die Ergebnisse freuen könnte. Warum? Weil mich meine Albträume einfach nicht losließen und ich mich scheute, darüber zu sprechen.
Zu meinen angstbesetzten Vorstellungen gehörte, dass ich es mit einem sogenannten Übersetzer aus dem Georgischen zu tun haben könnte, der gar kein Georgisch kann. Weil ich, naiv oder dumm, ihn vorher nicht nach seiner Qualifikation und beruflichen Laufbahn als Übersetzer gefragt hatte.
Schreckensvisionen waren auch, dass ein sogenannter Herausgeber mir das von ihm betreute Buch erst nach dem verbindlichen Abgabetermin liefern und mir untersagen würde, es lektorieren bzw. korrigieren zu lassen. Dass er mich zwingen könnte, eine bestimmte Druckerei zu nehmen und – damit nicht genug – eine mir unbekannte Person als bevollmächtigte Vertretung des Verlags in einem mir fremden Land zu akzeptieren. Dass es sich um einen Herausgeber handelte, der sich selbst dazu ernannt hatte, erst nachdem das Buch unter Vertrag stand; ein Herausgeber, der sich zwischen Verlag und Druckerei drängen und das zum Druck geschickte Buch hinterher noch ändern könnte, ohne den Verlag zu informieren; ein Herausgeber, der dem Verlag verbieten würde, die Annahme der Bücher zu verweigern, falls sie nicht ordnungsgemäß gedruckt wären; ein Herausgeber, der den Verlag zwingen könnte, die Druckkosten zu begleichen, bevor die gedruckten Bücher überhaupt geliefert wären – mit dem Hinweis, dass andernfalls die von ihm bevollmächtigte Person ermordet würde, falls der Betrag nicht sofort auf das Konto einginge. Und wäre von so einem Herausgeber nicht auch zu erwarten, dass er im Namen des Verlags auf der Buchmesse eigenmächtig agieren könnte, ohne den Verleger davon in Kenntnis zu setzen?
Mich plagten aber noch andere Sorgen. Eine der qualifiziertesten Übersetzerinnen aus dem Georgischen hatte akzeptiert, für uns einen bekannten Roman ins Deutsche zu übersetzen. Doch statt diese Übertragung zu fördern, wollten die von den georgischen Behörden beauftragten Juroren einen Übersetzer favorisieren, der überhaupt kein Georgisch kann. Uns blieb also nichts anderes übrig, als das Buch auch ohne Förderung auf den Markt zu bringen. Und unsere Ausgabe sah sehr gut aus. Gelobt und in der Presse gut besprochen wurde allerdings die geförderte Ausgabe. Und eine ängstliche Stimme flüsterte mir ins Ohr, dass die Lobbyisten vermutlich nie schlafen.
Trotz meiner Befürchtungen und Ängste berichteten einige Zeitungen doch ziemlich positiv über „unsere“ Bücher. Und dann so etwas: „Sehr geehrter Herr Pop, wir hatten bei Ihnen die im Betreff erwähnte Anthologie bestellt und haben sie auch vor wenigen Tagen erhalten. Wir sind ziemlich erschrocken über den Zustand des Buches und das umso mehr, da es ja nicht ein sehr preiswertes Buch ist. Auch wenn neu, sieht es antiquarisch aus. Gelesen, beblättert, leicht angestoßen. Ich werde es so meinem Kunden anbieten. Sollte er den Zustand monieren, behalte ich mir eine Rückgabe zur Gutschrift vor.“
Wollen wir dies tatsächlich als unabänderlich hinnehmen? Gerade jetzt, wenn Georgien im Rampenlicht steht? Gerade jetzt, wenn wir endlich die Möglichkeit haben, dass georgische Autoren und Werke von der Leserschaft gewürdigt werden? Was wird aus unserem Fleiß, aus unseren durchgearbeiteten Nächten, aus unseren Träumen, etwas Gutes für uns, für die Welt und für die Weltliteratur getan zu haben? Und was wird aus der qualifizierten Übersetzerin, die alle Feinheiten der georgischen Sprache kennt, die sich seit Jahren für die georgische Literatur und Kultur einsetzt – und zwar nicht nur als Professorin an einer der besten Universitäten im deutschen Sprachraum, sondern auch durch zahlreiche Übersetzungen aus dem Georgischen? Was bleibt dann von unseren gelungenen Nachdichtungen von Lyrikern, die – wie eine renommierte Kritikerin meint – „in die oberste Weltliga gehören“? „Die größte Entdeckung: Lyrik und Dichter aus Georgien, die in die oberste Weltliga gehören, wie (große Empfehlung) Nika Jorjaneli und sein Band Roter Schein: ,Im Sommer vergeht kein Tag, ohne dass kleine Vögel in meine Küche fliegen. / Ein kaum zu hörendes Geräusch auf dem Linoleumboden verrät ihr Erscheinen, / das sind ihre winzigen Füße. / Und ich – ich weiß auch nicht warum – scheuche die Vögel nach draußen.‘“ (Iris Radisch, Die Zeit, Nr. 43/2018).
Wie schon gesagt, ich hatte Angst, dass die ganze Arbeit futsch sei, wenn nun alle in ein und denselben Topf geworfen werden. Es sah so aus, als ob ich wählen müsste zwischen „besser machen“ und „besser verkaufen“. Was könnte ich tun gegen die Lobbyisten, gegen die Tatsache, dass heutzutage mehr in die Verpackung als in den Inhalt investiert wird? Wie könnte ich gegen diese unverantwortliche Ignoranz und Verschwendung vorgehen? Wie könnte ich mich für die Werte einsetzen, die vor meinen Augen mit Füßen getreten werden? Was war das alles? Ein Albtraum? Oder Fiktion? Wie viel Angst darf ein Traum beinhalten? Und wie viel Realität? Wie viel Realität darf in die Fiktion einfließen? Und wie viel in ein Editorial? Wahrscheinlich brauchte ich diese kalte Dusche. Ich ahnte doch, dass für einige unserer Übersetzungen mehr Zeit nötig gewesen wäre, um wirklich dem Original gerecht zu werden. Ich ahnte doch, dass ein Übersetzer, egal wie gut er beide Sprachen beherrscht, zuerst die Sprache des Werkes selbst verstehen und vom allem lieben soll, damit der Text ihm unter die Haut geht, bevor er überhaupt mit seiner Arbeit anfängt. Ich ahnte doch, dass ich mir viel zu viel vorgenommen und vieles zu schnell aus der Hand gegeben hatte. Ich ahnte doch, dass mein Kleinverlag anders aussieht, als ich ihn sehe…

Nun sind wir aber Gastland. Und zwar alle. Egal wie wir heißen, egal ob wir Georgisch verstehen oder nicht, egal ob wir überhaupt wissen, wo Georgien auf der Europakarte liegt (viele denken ja, dass Europa an der EU-Ostgrenze endet), egal ob wir Kenner oder Neugierige, ob wir Verleger, Buchhändler oder Leser sind. Egal ob wir ausgeträumt haben oder weiterhin träumen. Trauen Sie sich einzutreten: Die georgische Welt steht uns offen – und das nicht nur so lange, wie wir Gastland sind. Danke dir, Georgien, dass ich dabei sein darf, danke euch allen für euer Vertrauen und eure Hilfe, danke euch allen, dass es euch gibt!

„Georgia – Made by Characters“
Seit dem 4. Jahrhundert nach Christus gibt es die georgischen Schriftzeichen – die 33 Buchstaben des einzigartigen Alphabets, das kürzlich zum UNESCO-Welterbe erklärt wurde. Unter dem Motto „Georgia – Made by Characters“ präsentierte Georgien auf der Frankfurter Buchmesse Werke, die in dieser Schrift geschrieben wurden, und damit auch die eigentlichen Charaktere: Autoren, Künstler, die Georgier und ihr Land.
„Georgien blickt auf eine 15 Jahrhunderte lange literarische Tradition und eine bewegte Geschichte zurück. Dieses kulturelle Erbe prägt und inspiriert zeitgenössische Autorinnen und Autoren auch heute noch. Auf der Frankfurter Buchmesse 2018 werden unsere Besucherinnen und Besucher aus aller Welt die lebendige Literaturszene des kaukasischen Landes entdecken.“ (Juergen Boos, Geschäftsführer der Frankfurter Buchmesse).
„[Die georgische Literatur] hat sich Schritt für Schritt neben der modernen Weltliteratur entwickelt und vermittelt ein klares Bild von dem Charakter der Nation, die sie hervorgebracht hat.“ Und weiter: „Wir wollen als Ehrengast unsere Antwort auf die Herausforderungen der modernen Welt präsentieren – die Antwort eines Landes, das so klein ist wie unseres und das seine historischen und kulturellen Erfahrungen mit der ganzen Welt teilen möchte.“ (Medea Metreveli, Leiterin des georgischen Ehrengast-Komitees).
Wie von unseren Mitstreitern erwartet, wurden die meisten Bücher, mit denen sich Georgien auf der Messe vorgestellt hat, nicht in Großverlagen veröffentlicht, sondern in Kleinverlagen. Mit mehr als 33 Titeln dürfen wir als einer der wichtigsten Unterstützer Georgiens auf dieser Buchmesse gelten. In der vorliegenden MATRIX-Ausgabe stellen wir Ihnen einige georgische Lyrikerinnen und Lyriker vor, u. a. Dato Barbakadse, Kato Dschawachischwili, Badri Guguschwili, Nika Jorjaneli, Rusudan Kaischauri, Eka Kevanischwili, Esma Oniani, Nino Sadghobelaschwili, Lela Samniaschwili, Irma Schiolaschwili, Amiran Swimonischwili und Mariam Ziklauri.
Die Essays „Gedanken über die Poesie“ von Esma Oniani sowie „Die ewig fließende Grenze zwischen Leben und Tod“ von Peter Gehrisch runden den georgischen Teil dieser Ausgabe ab. Ich stelle gerade fest, dass ich eines der besten Bücher, die überhaupt über Georgien geschrieben wurden, nicht erwähnt habe, und bitte Karl Wolff um Verzeihung: „Von Tiflis nach Tbilissi. Reise an den Ursprung einer Sehn-Sucht“ ist immer noch aktuell, auch wenn es mehr als zehn Jahre alt ist. Ich darf es sehr empfehlen.
Und last but not least haben wir von unseren Mitstreitern Klaus Martens und Barbara Zeizinger einige Texte für Sie ausgewählt. Im Bücherregal stehen diesmal Neuerscheinungen von Karl Ove Knausgård, Holger Benkel und Hellmut Seiler, die von unseren Rezensenten Pilar Baumeister, Ulrich Bergmann und Edith Ottschofski kritisch unter die Lupe genommen wurden.
Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen
Traian Pop

Es signiert:
• Dato Barbakadse • Peter Gehrisch • Kato Dschawachischwili • Ela Gotschiaschwili • Badri Guguschwili • Nika Jorjaneli • Rusudan Kaischauri • Esma Oniani • Eka Kevanischwili • Nino Sadghobelaschwili • Lela Samniaschwili • Irma Schiolaschwili • Amiran Swimonischwili • Mariam Ziklauri • Klaus Martens • Barbara Zeizinger • Pilar Baumeister • Ulrich Bergmann • Edith Ottschofski •
Inhalt
Editorial / S. 3
Die Welt und ihre Dichter
Frankfurter Buchmesse 2018 • Gastland Georgien
Dato Barbakadse • Elf Gedichte / S. 9
Peter Gehrisch • Die ewig fließende Grenze zwischen Leben und Tod / S. 38
Kato Dschawachischwili • Zwei Gedichte / S. 47
Ela Gotschiaschwili • Zwei Gedichte / S. 52
Badri Guguschwili • Sieben Gedichte / S. 58
Badri Guguschwili • Die Metro der Illusion . Vier Gedichte / S. 68
Badri Guguschwili • Visuelle Gedichte / S. 78
Nika Jorjaneli • Neun Gedichte / S. 86
Rusudan Kaischauri • Zwei Gedichte / S. 103
Eka Kevanischwili • Zwei Gedichte / S. 106
Esma Oniani • Neun Gedichte / S. 111
Esma Oniani • Gedanken über die Poesie / S. 125
Nino Sadghobelaschwili • Zwei Gedichte / S. 147
Lela Samniaschwili • Drei Gedichte / S. 153
Irma Schiolaschwili • Drei Gedichte / S. 158
Amiran Swimonischwili • Elf Gedichte / S. 162
Mariam Ziklauri • Drei Gedichte / S. 174
Klaus Martens • Sechs Gedichte / S. 179
Atelier
Barbara Zeizinger • Die Reise . Prosa / S. 185
Bücherregal
Pilar Baumeister • Karl Ove Knausgård, Im Frühling. / S. 192
Ulrich Bergmann • Holger Benkel, fliegende wesen. / S. 195
Edith Ottschofski • Hellmut Seiler, Dieser trotzigen Ruhe Weg. / S. 201

MATRIX 1/2018 (51) • Kreuz und quer – Lyrik aus Rumänien •

Schon mal erlebt? Beim Durchblättern einer Publikation, die sich als „Zeitschrift“ oder „Anthologie“ ausweist, entsteht der Eindruck, dass sie nicht für die Leser, sondern für die Urheber der veröffentlichten Texte gemacht wurde. Man erkennt mühelos, welcher Urheber mehr investiert hat, um für sein Werk ein Obdach zu finden, nämlich nach der gepachteten Fläche. Ich erinnere mich genau an einen Novemberabend, als ich bei der Präsentation einer solchen Ausgabe überrascht feststellen musste, dass die meisten Exemplare nicht von Lesern, sondern von den Autoren gekauft wurden – wobei die Anzahl der jeweils erstandenen Exemplare Rückschlüsse auf die Anzahl der jeweils belegten Seiten erlaubte. Doch über solche Praktiken möchte ich keine weiteren Worte verlieren, dafür ist mir meine Zeit zu schade.
Was mich aber beschäftigt, ist eine Sammlung von Texten, wo nicht der Autor, sondern sein Werk das Sagen hat. Gerade weil es öfter vorkommt, dass solche Projekte in erster Linie die Autoren oder die Kritiker im Visier haben. Manche Anthologien scheinen sogar von Autoren für Autoren bzw. von Kritikern für Kritiker gemacht zu sein. Gut für den Autor, für den Kritiker und für andere Spezialisten (Studenten, Forscher usw.). Was aber können wir tun, um die Literatur, die diesen Namen verdient, vor allem dem Leser näherzubringen? Und dies ohne falsche Versprechungen, ohne luxuriöse Ausgaben, ohne aggressive Werbung oder dergleichen? Wie können wir einfach das Werk für sich sprechen lassen in einer Zeit, wo immer öfter die Verpackung mehr wert ist als der Inhalt und niemand daran interessiert scheint, dies zu sehen, noch weniger, es zu bekämpfen? Wie steht es dann um eine Anthologie für den anonymen Leser? Einige von Ihnen werden sofort sagen, dass die „echten Werke“ zu wichtig, zu schön, zu überraschend und zu berauschend sind, um nur Spezialisten – seien es Autoren oder Kritiker – zugänglich zu sein. Wie aber sollte eine Anthologie aussehen, damit die Texte von möglichst vielen Lesern wahrgenommen werden können? Gute Frage!
Die jetzige Ausgabe von MATRIX gehört, wie Sie schon ahnen werden, zu einer Reihe, die Ihnen ganz einfach – und das heißt: ohne Hierarchien, Ranglisten oder Zugeständnisse an irgendeine verkopfte oder verkrampfte Sichtweise – Werke aus Rumänien vorstellen möchte. Wir wollen Ihnen lediglich – im Rahmen unserer Möglichkeiten – einen kleinen Teil des umfangreichen Angebots präsentieren.
Die Geschichte der Literatur aus Rumänien wurde – von den Anfängen bis heute – noch nicht einmal in ihrem Herkunftsland gebührend wahrgenommen. Selbst dortige Leser brauchten einen Literaturnobelpreis, um zu verstehen, dass in Rumänien verdammt gute Literatur geschrieben wurde und wird – sogar in einer anderen Sprache als Rumänisch. „Wer hat Angst von Herta Müller?“, fragte einer der besten Literaturkritiker des Landes, als die frisch ausgezeichnete Autorin nach Rumänien reiste, um endlich einen Dialog mit der rumänischen Leserschaft zu beginnen. Dass dieser Dialog schon dreißig Jahre vorher hätte stattfinden müssen, scheint niemanden mehr zu interessieren. Sollen wir glauben, dass daran – wie an allem anderen – nur die kommunistische Regierung schuld sein soll? Trotz der Tatsache, dass ihre Werke veröffentlicht und geehrt wurden, sogar mit dem Preis der Kommunistischen Jugendorganisation – übrigens einer sehr guten Erfindung der rumänischen Literaturbranche, um sich an der Wachsamkeit der „Behörden“ zu rächen: Wer diesen echten Literaturpreis bekommen hat, konnte sich einigermaßen sicher fühlen. Sollen wir uns nun wundern, dass eine Bukarester Zeitschrift fragte, was man tun könne, um den Literaturnobelpreis auch nach Rumänien zu holen? Es sieht so aus, als ob tatsächlich noch einer nötig wäre, um die Vermutung, hier schreibt man Weltliteratur, zu bestätigen. Was schwer verständlich scheint, ist die Tatsache, dass die preisgekrönte Autorin in Rumänien eigentlich für sich und für einen kleinen Leserkreis schrieb. Dort gab damals nicht mehr so viele Deutsche und die meisten waren bestimmt nicht einverstanden mit Herta Müllers antifaschistischer und antikonservativer Prosa – wenn sie überhaupt an etwas anderes als an Auswanderung gedacht haben. Eine Autorin, die mehr Aufmerksamkeit von Kollegen (auch viele rumänische Autoren haben Herta Müllers Prosa schon damals, vor ihrer Ausreise, sehr geschätzt) und Kritikern bekommen hat als von den Lesern. Dass sich das Blatt nach ihrer Ausreise nach Deutschland gewendet hat, steht fest, auch wenn einige bekannte Zeitschriftenredaktionen nicht wahrhaben wollten, dass die Angehörigen der deutschen Minderheit in Rumänien Deutsch gesprochen, gelernt, kommuniziert, Theater gespielt und geschrieben haben – manche so gut, dass die Stockholmer Juroren dies unbedingt honorieren wollten.
Klammer zu. Sollen wir nun aber davon ausgehen, dass noch ein Literaturnobelpreis – und zwar für einen Schriftsteller, der rumänisch schreibt, aber im Ausland lebt – nötig wäre, damit die rumänische Leserschaft versteht, dass die rumänische Literaturgeschichte nicht nur im Land selbst, sondern auch in Deutschland, Frankreich, den USA, Russland, Ungarn, der Ukraine oder Moldawien – eigentlich überall auf der Welt – geschrieben wurde und wird? (So viel z. B. zum Thema Panait Istrati, Mircea Eliade, Emil Cioran, Eugen Ionesco, Matei Vişniec, Norman Manea, Carmen-Francesca Banciu, um einige auch hierzulande bekannte Namen in den Mund zu nehmen.)
Oder besser gleich zwei (es wäre möglich, zumindest 2019) – und zwar auch einer für einen rumänischen Autor, der in Rumänien lebt und schreibt (Mircea Cărtărescu kommt seit Jahren dafür infrage, Ana Blandiana ist keine Unbekannte in Stockholm und Varujan Vosganian hat, meiner Meinung nach, auch verdammt gute Karten, sein „Buch des Flüsterns“ wurde als „Ein ,Jahrhundertbuch!‘“ von der FAZ gefeiert.)
Nun, nachdem ich gerade dieses Jahr ohne Literaturnobelpreis mit dem Preis verbunden habe, möchte wieder auf die Erde zurückfinden, um Ihnen endlich zu sagen, dass ich einfach weitermachen möchte und mein Versuch als ein kleiner Beitrag zur Bekanntmachung der Literatur aus Rumänien verstanden werden soll, die sich wie ein umgedrehtes Fernglas auf die schmerzhafte menschliche Komödie in diesem Teil Europas richtet. Diese Literatur, entstanden auf einer „Insel der Latinität“, auf welche die meisten Rumänen so stolz sind und auf die sie alle gleichzeitig spucken. Diese Literatur, die eine Menge Freude und Trauer, Erfüllung und Verzicht, Kriege, Auswanderungswellen, Deportationen und andere Schicksale enthält, welche die „Insulaner“ meist als Pech betrachten wollen, auch wenn allen bewusst ist, dass sie dessen unmittelbares Produkt sind.
Was sollen wir nun im deutschen Sprachraum damit anfangen? Ich schlage vor, wir reisen einfach weiter kreuz und quer durch diese Landschaft. Gastgeber und Gast zugleich, erlaube ich mir diesmal, einige Lyrikbeiträge von Constantin Acosmei, Wolf von Aichelburg, Ion Barbu, Stoian G. Bogdan, Paul Celan, Traian T. Coşovei,  Dan Dănilă, Edith Konradt, Ioana Nicolaie, Nicolae Popa, Eugen D. Popin, Carmen Elisabeth Puchianu, Moses Rosenkranz, Petre Stoica, Theodor Vasilache, Matei Vişniec, Richard Wagner und Andrei Zanca auszuwählen. In der parallel erscheinenden Ausgabe von BAWÜLON werden dann Prosatexte von Radu Aldulescu, Carmen-Francesca Banciu, Mircea Cărtărescu, Gheorghe Crăciun, Rodica Draghincescu, Johann Lippet, Liviu Papadima, Viorel Marineasa, Julia Schiff und Géza Szocz veröffentlicht. Vielleicht vermissen einige von denen, die uns regelmäßig folgen, die Namen mancher Autoren, die wir schätzen und über deren Beiträge wir uns immer wieder freuen. Keine Sorge, nicht nur Eginald Schlattner und Dieter Schlesak – um hier nur zwei von ihnen zu nennen –, sondern auch viele andere werden in den folgenden Nummern vertreten sein.
Neben den oben genannten Autoren empfehle ich Ihnen einen Text von Gerhard Pötzsch, die Rezensionen von Wolfgang Schlott (Karl Ove Knausgård: Im Frühling, und Karl Ove Knausgård: Im Sommer), Stefanie Golisch (Susanna Piontek: In einer Falte der Welt), Katja Hachenberg (Donna Tartt: The Goldfinch und Der Distelfink) sowie den Essay von Matthias Hagedorn: „Die Fluidität der Poesie, 630. Peter Meilchen, Tom Täger und A.J. Weigoni“.
Einen weniger heißen Sommer hätte ich Ihnen gewünscht, um das Fieber des Literaturlandes namens MATRIX auszugleichen. So wie es aussieht, sind beide, sowohl MATRIX als auch der Sommer, aus dem Ruder gelaufen.
Traian Pop
Es signiert:
• Constantin Acosmei • Wolf von Aichelburg • Ion Barbu • Stoian G. Bogdan • Rihard Wagner • Rolf Bossert • Horst Samson • Paul Celan • • Frieder Schuller • Traian Pop Traian • Traian T. Coşovei • Dan Dănilă • Edith Konradt • Carmen Elisabeth Puchianu • Moses Rosenkranz • Theodor Vasilache • Matei Vişniec • Carmen Elisabeth Puchianu • Moses Rosenkranz • Theodor Vasilache • Matei Vişniec • Ioana Nicolaie • Nicolae Popa • Eugen D. Popin • Petre Stoica • Andrei Zanca • Barbara Zeizinger • Gerhardt Csejka • Uli Rothfuss • Wolfgang Schlott • Katja Hachenberg • Stefanie Golisch •
Editorial / S.4
Die Welt und ihre Dichter
• Kreuz und quer - Lyrik aus Rumänien •
Constantin Acosmei • Dreizehn Gedichte / S. 8
Wolf von Aichelburg • Zwei Gedichte / S. 17
Uli Rothfuss • „Ich selbst bin ein ungünstig gewählter Ratgeber in diesem Fall“ . Wolf von Aichelburg über Heimat / S. 20
Ion Barbu • Romantisch parallel . Acht Gedichte / S. 22
Stoian G. Bogdan • Zwei Gedichte / S. 32
Gerhardt Csejka • Hätte Rolf Bossert... / S. 35
Rihard Wagner • Laudatio / S. 36
Rolf Bossert • Acht Gedichte / S. 39
Rolf Bossert • Dankesrede zum „Adam Müller-Guttenbrunn“-Literaturpreis 1983 / S. 48
Horst Samson • Eulenspiegels Regenschnüre . Dem Dichter Rolf Bossert zum 65. Geburtstag / S. 50
Horst Samson • Vielleicht wollte er fliegen / S. 61
Horst Samson • Vier Gedichte für Rolf Bossert / S. 63
Traian Pop Traian • Gedicht für Rolf Bossert / S. 68
Paul Celan • Todesfuge / Tangoul morţii (Todestango) . Ein Gedicht / S. 70
Frieder Schuller • Celan und der lange Weg seiner „Todesfuge“
nach Deutschland / S. 74
Traian T. Coşovei • Ein Gedicht / S. 81
Dan Dănilă • Sieben Gedichte / S. 82
Edith Konradt • Zwei Gedichte / S. 89
Ioana Nicolaie • Fünf Gedichte / S. 93
Nicolae Popa • Fünfzehn Gedichte / S. 105
Eugen D. Popin • Sechs Gedichte / S. 116
Carmen Elisabeth Puchianu • Sechs Gedichte / S. 124
Moses Rosenkranz • Ein Gedicht / S. 132
Petre Stoica • Neun Gedichte / S. 133
Theodor Vasilache • Drei Gedichte / S. 142
Matei Vişniec • Sechs Gedichte / S. 146
Richard Wagner • Sechs Gedichte / S. 149
Andrei Zanca • Fünf Gedichte  / S. 159
Atelier
Gerhard Pötzsch • Abgesang . Prosa / S. 169
Bücherregal
Wolfgang Schlott • Karl Ove Knausgård, Im Frühling. / S.187
Wolfgang Schlott  • Karl Ove Knausgård, Im Sommer. / S. 190
Stefanie Golisch • Susanna Piontek, In einer Falte der Welt. / S.193
Katja Hachenberg • Donna Tartt, The Goldfinch . Donna Tartt, Der Distelfink. / S.195

MATRIX Nr. 1-2/2005 (1-2)

MATRIX Nr. 1-2/2005 (1-2)

Achtung, es rauscht! Hören Sie es? Nein, nicht in unseren blattlosen Wäldern. Die im Januar aufgewachten Herbststürme sind auch nicht gemeint. Es rauschen die Blätter von „Matrix“, aber in Wirklichkeit nur 30 Prozent der Beiträge dieser Ausgabe. Ungefähr die gleiche Anzahl hat Angst vor dem Rausch und ebenfalls 30 Prozent „leiden“ an einer anderen „Art von Rausch“. Aber freuen Sie sich ebenfalls über die restlichen 10 Prozent! Sie sind so gut, dass man allein beim Lesen, beim Träumen, beim Interpretieren einen Rausch bekommt und beim Sprechen darüber schwindelig wird wie nach einem Glas Champagner. Was mich daran erinnert, Ihnen liebe Leserinnen und Leser ein gutes und glückliches neues Jahr zu wünschen!
Das Erbe, das Atelier, das Debüt: Aus Freude an Literatur und Kultur rauschte und raschelte es am Redaktionstisch. Wir möchten mehr als Ihrem Bedürfnis nach kultureller Information nachkommen.
Luxemburg und Sibiu/Hermanstadt – Kultureuropas Hauptstädte, Una Notte Italiana, Wir brauchen Europa, 50 Jahre Exil-PEN-Club, Marathon, bacchus, Spielfleisch, Abhauen…, Das Hypomnema & Ich: kam: before the storm, Krümel: Die Titel liegen blank. Wenn andere sich fürchten, freut sie sich: Die Redaktion arbeitet als professioneller Rauschschmuggler.
Sollten Sie sich ohne Rausch und mit klarem Kopf einen Essay „über die gesetze der physik und modelle des universums“ gönnen? Sie haben die Qual der Wahl. „… dass eine mathematisch erfasste Kosmologiearbeit in einer literarischen zeitschrift erscheint, sollte eher mit einem bekämpfungsversuch der negativistisch-nihilistischen philosophien zu tun haben, die infolge der drei vorgeschlagenen szenarien für das verhalten des universums entstanden …“ erläutert uns der Autor Paul Pistea. Die neu eingerichtete Rubrik „Cogito“ ist nicht nur für Hawkings- oder Einstein-Fans gedacht!
Ankündigen darf ich Ihnen an dieser Stelle, dass die nächsten Matrix-Ausgaben nicht nur ein Titelthema haben werden, sondern mehrere Schwerpunkte, wie man an dieser Ausgabe schon erahnen kann.
Für die nächste Ausgabe haben wir Platz für literarische Beiträge, die dem Thema „Schriftsteller sein“ zugeordnet werden.
Ein Aufruf an jungen Autorinnen und Autoren, die bisher noch kein Buch veröffentlicht haben: Der Pop-Verlag wird demnächst einen Preis für das beste Lyrik- Manuskript (im Frühjahr) und einen für das beste Prosa- Manuskript (im Herbst) ausschreiben. Die prämierten Bücher werden veröffentlicht und andere gute Zusendungen in zwei Anthologien zusammengefasst. Genauere Konditionen erfahren Sie demnächst auf der Homepage des Pop-Verlags.
Ein berauschendes Leseerlebnis wünscht Ihnen
Traian Pop

Inhaltsverzeichnis

Editorial / S.3

Das Erbe
Francisca Ricinski-Marienfeld: „Der gute Europäer“ Stefan Zweig konnte nicht mehr warten / S.4
Reinhard Streit: Alfonsina Storni, Argentiniens berühmte Dichterin / S.6

Die Dichter dieser Welt / S.8
Valentino Zeichen: Gedichte / S.8
Francesco Macciò,: Gedichte / S.10
Angelo Tonelli: Gedichte / S.12
Gabriella Galzio: Gedichte / S.14
Massimo Daviddi: Gedichte / S.17
Karlhans Frank: Gedichte / S.20
Ioana Nicolaie: Gedichte/ S.22
Jan Goczol: Gedichte/ S.25
René Welter: Gedichte / S.26
Jean-Michel Bongiraud: Gedichte / S.28
Horst Samson: Gedichte / S.30
Herta Müller: Gedichte / S.33
Mircea Ivanescu: Gedichte / S.35
Merkez Gulijew: Fabel / S.36

Leuchttürme
Eine Erinnerung an Oskar Pastior von Jan Koneffke/ S.37
Iustin Panta: Gedichte / S.40

Essay
Uli Rothfuss: Kunst als Transmissionsriemen für die Gesellschaft Die Inszenierung als Aufgabe einer zeitgemäßen Kulturvermittlung /S.41

Signum
Uli Rothfuss: Gedichte / S.45

Atelier
Edith Konradt: Gedichte / S.46
Theo Breuer: Gedichte / S.49
Hellmut Seiler: Gedichte / S.53
Jochen Bauer: Gedichte / S.54
Reiner Wedler: Parodien / S.56
Ines Hagemeyer: Gedichte / S.58
Manfred Pricha: Gedichte / S.60
Maeco Kerler: Gedichte / S. 62
Joanna Lisiak: Gedichte / S. 63
Kerstin Becker: Gedichte / S.65
Urszula Usakowska-Wolff: Gedichte / S. 66
Dorothea Fleiss: Monographien / S. 67
Rolf Stolz: Prosa / S. 71
Markus Berger: Prosa / S. 72
Ioona Rauschan: Prosa / S. 75
Gerald Meyer: Prosa / S. 83
eje winter: Prosa / S. 86
Ulrich Bergmann: Prosa / S. 88

Debüt
Antonio Staude: Zweisprachiges Gedicht / S. 90
Anna Cäcilia Weinand: Gedichte / S.94

Cogito
Paul Pistea: über die gesetze der physik und modelle des universums /97

Rezensionen
Hildegard Ginzler: über Irena Wachendorffs Buch, „Grenzwort“, 2005, / S.113

Aus der Kulturszene
Hildegard Ginzler: Die Prinzessin Der Bahnhof/ S.114
Antonio Staude: Una Notte Italiana/ S.116
Barbara-Marie Mundt: Festival etnográfico / S. 119

Aktuell
Wolfgang Schlott: Fünfzig Jahre ästhetischer und politischer Widerstand: der Exil PEN Club Deutschsprachiger Länder im Lichte neuer Herausforderungen / S. 121
Carmen-Francesca Banciu: Wir brauchen Europa, und Europa braucht uns / S. 128 Umberto Eco ist 75. / S. 130

Forum

MATRIX 4/2017 (50) • Kreuz und quer – Lyrik aus Rumänien •

MATRIX_50_A MATRIX_50_BVor ein paar Tagen habe ich in Rumänien ehemalige Kollegen getroffen, um 40 Jahre seit unserem Uni-Abschluss zu feiern. Nachdem wir uns alle wiedererkannt hatten, ging man ziemlich rasch zum Wesentlichen über. Wie es schien, sollte jeder zuerst einige Kreuzchen auf dem Fragebogen seines eigenen Lebens machen. Ich war endlich brav geworden, wie meine Frau anmerkte, und beantwortete – wenn auch leicht irritiert – alle Fragen, ohne zu übertreiben oder jemanden vor den Kopf zu stoßen. Eine einzige Kollegin meinte jedoch, ich sei immer noch der gleiche Rebell wir vor 40 Jahren und sie lasse sich von meinem Gerede nicht an der Nase herumführen. Denn sie wisse, dass ich schreibe, und ihr Sohn lese Gedichte, sogar auf Deutsch, obwohl seine Stärke das Englische sei.
So war es: Einige waren echt froh, mich wiederzusehen. Was sie nicht glauben wollten, ist die Tatsache, dass ich kein Haus, keine Jacht, keine Jagdpacht oder zumindest einen Porsche besitze und in Deutschland als Verleger einen schweren Stand habe.
Dies erinnerte mich an die Zeiten, als unsere Eltern miteinander wetteiferten, wer die klügeren und erfolgreicheren Kinder hatte. Pech für meine Eltern, zumindest was mich betraf: Ich war zwar an Lesen, Rechnen und Sport interessiert, aber es reichte nicht. Das Rennen machten die wenigen, die bereit waren, sich die Vorträge und Meinungen unserer Lehrer wortwörtlich zu merken und zu wiederholen.
Meine Eltern haben dann doch akzeptiert, dass ich stets an anderem interessiert war, als festen Boden unter den Füßen zu haben. Irgendwie sind alle meine Verweigerungen mehr gewesen, als eine Art zu pennen. Im Gegenteil. Ich war nie zufrieden mit dem, was ich erreicht hatte. In Rumänien zum Beispiel, wo ich nach meinem Elektrotechnik-Studium statt Ingenieur Schriftsteller sein wollte. In Deutschland, wo ich mit einem Uni-Abschluss in der Tasche mein Brot jahrelang als Lagerarbeiter verdient oder mich integriert habe, wenn Sie es lieber so lesen wollen, bevor mir die liebevollen Damen und Herren von den „Human Resources“ eine qualifizierte Stelle als von Microsoft geprüfter und zertifizierter Systemingenieur anboten. Doch „Human Ressource“ wollte ich nie sein und habe mich als Verleger getarnt.
Sie werden es kaum glauben, aber trotz der Tatsache, dass ich mich auch als Verleger nicht besonders gut aufgehoben fühle, mache ich weiter. Entgegen allen Erwartungen. Gefragt wurde ich schon: Wie, warum, wieso, was steckt dahinter? Fragen tue ich selbst allerdings immer weniger. Es hat kein Sinn, ich mache sowieso weiter.
Ein Literaturverleger also, um genauer zu sein, der natürlich die Literatur des Landes, wo er geboren und, wenn überhaupt, erwachsen wurde, gut kennen sollte. Deswegen hatte ich zunächst auch kein Problem, eine Lyrik-Anthologie ins Auge zu fassen. Erst als ich anfing, konkret an eine Auswahl von Autoren und Texten heranzugehen, bemerkte ich, dass die Sache gar nicht so einfach war. Die „Anthologie“ ist mittlerweile zum „Versuch einer Anthologie“ geworden. Und demnächst werde ich wohl zu dem Ergebnis kommen, dass ich die rumänische Literatur nur oberflächlich kenne. Werde ich irgendwann einräumen müssen: Ich kenne die rumänische Literatur nicht? So lange werde ich bestimmt nicht warten.
Deshalb will ich versuchen, Ihnen mithilfe einiger (leider nicht sehr vieler) aus dem Rumänischen, aber auch aus dem Ungarischen, Aromunischen, Serbischen, Romanes und anderen Sprachen ins Deutsche übersetzter Texte sowie mithilfe (nicht weniger) deutsch verfasster Gedichte einen Blick auf Rumäniens Lyrik-Landkarte zu ermöglichen.
Nehmen Sie bitte als Maßstab nicht die im deutschen Sprachraum bekannten Schriftsteller aus Rumänien. Auch wenn dazu einige renommierte Autoren zählen wie Eugen Ionesco, Emil Cioran, Mircea Eliade, Norman Manea, Mircea Cărtărescu, Matei Vişniec, Ana Blandiana, Eginald Schlattner, Richard Wagner, Dieter Schlesak oder die Nobelpreisträgerin Herta Müller. Die Vielfältigkeit dieser Literatur kann höchstens geahnt werden, ohne ihren „Exoten“-Status zu vermindern.
Außerdem bitte ich Sie, die hier und in der nächsten Ausgabe gesammelten Texte nicht als eine Anthologie aufzufassen, sondern als eine Lyrik-Reise durch Rumänien, wie sie uns die Mittel, die Zeit, die Kräfte und das Glück erlaubt haben.
Unser Versuch, die Präsenz Rumäniens nicht nur bei der Leipziger Buchmesse, sondern allgemein in der Literaturszene des deutschen Sprachraums zu fördern, hat einen einzigen Grund: In Rumänien schrieb und schreibt man großartige Literatur, deren Bekanntheit immer noch schmerzlich auf sich warten lässt.
Die mehr als 170 Seiten Lyrik aus Rumänien (mit Gedichten von Daniel Bănulescu,  Nikolaus Berwanger, Denisa Comănescu, Iosif Costinaş, Aura Christi, Grigore Cugler, Rodica Drăghincescu, Mihail Eminescu, Ioan Flora, Emilian Galaicu Păun, Slavomir Gvozdenović, Emil Hurezeanu, György Mandics, Zsuzsanna M. Veress, Kira Iorgoveanu-Mantsu, Virgil Mazilescu, Ruxandra Niculescu, Nicolae Prelipceanu, Dieter Schlesak, Nichita Stănescu und Gelu Vlaşin) werden begleitet von Ulrich Bergmanns Reise durch „Die Monde der gelben Mitte“, Prosa von Gerhard Bauer und Bernd Kebelmann sowie einem Interview mit Bernd Kebelmann über sein Buch Blind Date mit Ägypten (gefragt hat Barbara Zeizinger). Wolfgang Schlott, Edith Ottschofski, Eric Giebel, Uli Rothfuss, Barbara Zeizinger und Roland Kaufhold besprechen neu erschienene Bücher von Badri Guguschwili, Micho Mossulischwili, Thomas Melle, Werner Streletz, Manfred Chobot und Dogan Akhanli.

In der nächsten Ausgabe setzen wir unsere Reise durch die rumänische Lyrik-Landschaft fort.

Eine spannende Lektüre wünscht Ihnen
Traian Pop

Es signiert:

• Daniel Bănulescu • Kreuz und quer – Lyrik aus Rumänien • Nikolaus Berwanger• Denisa Comănescu • Iosif Costinaş • Aura Christi • Grigore Cugler • Horst Fassel • Rodica Draghincescu • Mihail Eminescu • Ioan Flora • Emilian Galaicu Păun • Slavomir Gvozdenović • Emil Hurezeanu • György Mandics / Zsuzsanna M. Veress • Kira Iorgoveanu-Mantsu • Virgil Mazilescu • Ruxandra Niculescu • Nicolae Prelipceanu • Dieter Schlesak • Nichita Stănescu • Gelu Vlaşin • Wolfgang Schlott • Rainer Wedler • Ulrich Bergmann • Gerhard Bauer • Bernd Kebelmann • Barbara Zeizinger • Uli Rothfuss • Edith Ottschofski • Eric Gieebel • Roland Kaufhold •  

Editorial / S.4

Die Welt und ihre Dichter

• Kreuz und quer – Lyrik aus Rumänien •

Daniel Bănulescu • Drei Gedichte / S. 7
Nikolaus Berwanger • Drei Gedichte / S. 13
Denisa Comănescu • Fünf Gedichte / S. 24
Iosif Costinaş • Einiges von dem, was ich nicht verstehe . Ein Gedicht / S. 31
Aura Christi • Zehnte Elegie . Ein Gedicht/ S. 34
Grigore Cugler • Fünf Gedichte / S. 38
Horst Fassel • In vielen Sprachen zu Hause . Grigore Cugler (1903-1972) / S. 44
Rodica Draghincescu • Meinetwegen . Prosa als Gedicht / S. 50
Mihail Eminescu • Acht Gedichte / S. 62
Ioan Flora • Vier Gedichte / S. 74
Emilian Galaicu Păun • Ch-ău . Ein Gedicht / S. 85
Slavomir Gvozdenović • Acht Gedichte / S. 92
Emil Hurezeanu • Drei Gedichte / S. 101
György Mandics / Zsuzsanna M. Veress • Zwei Gedichte / S. 111
Kira Iorgoveanu-Mantsu • Sechs Gedichte / S. 119
Virgil Mazilescu • Zehn Gedichte / S. 125
Ruxandra Niculescu • Sechs Gedichte / S. 135
Nicolae Prelipceanu • Sieben Gedichte  / S. 139
Dieter Schlesak • Sechs Gedichte / S. 147
Nichita Stănescu • Vier Gedichte / S. 157
Gelu Vlaşin • Sechs Gedichte / S. 166

Die Monde der gelben Mitte
Ulrich Bergmann – 包悟礼 • Lie Zi und die Parabel vom Reh / S. 173

Atelier
Gerhard Bauer • Das Horn von Mars-la-Tour . Prosa / S. 180
Bernd Kebelmann • Grabräuber und Spione . Prosa / S. 187
Barbara Zeizinger • Gespräch mit Bernd Kebelmann über sein Buch Blind Date in Ägypten. / S. 191

Bücherregal
Wolfgang Schlott • Badri Guguschwili, Der Tag des Menschen. / S.195
Wolfgang Schlott • Micho Mossulischwili, Schwäne im Schnee. / S. 197
Edith Ottschofski • Thomas Melle, Die Welt im Rücken. / S. 200
Eric Giebel • Johann Lippet, Kopfzeile, Fußzeile. Gedichte&Variationen. / S. 203
Uli Rothfuss • Werner Streletz, unterwegs mit robert desnos. Der freieste aller Dichter. / S. 206
Barbara Zeizinger • Manfred Chobot, Franz -Eine Karriere. / S. 207
Roland Kaufhold • Dogan Akhanli, Verhaftung in Granada oder: Treibt die Türkei in die Diktatur. / S.210

MATRIX 3/2017 (49) • Kito Lorenc •

M_49_A_N M_49_B_NShort story der kanadischen Lyrik hieß der Hauptteil unserer letzten Ausgabe, der in einer kleinen, aber feinen Auswahl von Andrew Goldthorp und Stefanie Golisch englischsprachige Autoren aus Kanada vorstellte. Vertreten war, wie denn sonst, auch Margaret Atwood. Inzwischen wurde sie zur diesjährigen Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gewählt. In der Begründung des Stiftungsrats heißt es u. a.: „Die kanadische Schriftstellerin, Essayistin und Dichterin zeigt in ihren Romanen und Sachbüchern immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen.“
Dass unser Mitarbeiter Klaus Martens eine besondere Beziehung zur Atwood-Dichtung hat, ahnte ich, als wir uns über mögliche Nobelpreisträger für Literatur 2018 unterhalten haben. Nun bin ich mir sicher – und auch Sie können es anhand seines Beitrags nachvollziehen: „Atwood hatte mich als Leser ,an der Angel‘, ,am Haken‘. I was hooked. Das war’s schon. So knapp, so viel. Ein Liebesgedicht? Atwoods kleines Buch Power Politics stellt die Machtfrage im interpersonalen Bereich, so bereits hier am Anfang. Passen wir zusammen?, ist die Frage an den Partner. Passen wir ineinander wie der/dein (Kleider-)Haken in ein Knopfloch, ein Angelhaken in ein Auge? Werde ich wie ein Fisch ins Außen gezogen? Ein Fischhaken in meinem geöffneten Auge? Bedeutet dies die Liebesaufnahme, die Verbindung von zwei Personen als schmerzhafte, ja tödliche Gefangennahme bei vollem Bewusstsein? Der Liebesakt als Tötung.“ (Klaus Martens)

Ich geh, ich krieche / zum Grubenrand: / Was ist dir, Bruder / du steckst bis zum Hals / schon im Sand // Er spricht von unten: / Es ist so kalt, so dunkel / hier in der Grube. / Habt ihr es oben / warm in der Stube? (Es ruft aus dem Dunkel da unten, Kito Lorenc)
„Menschen sind Wesen, die sich nicht in schön gerahmte Bilder pressen lassen; jedenfalls nicht in den Gedichten von Kito Lorenc, der am 24. September 2017 im 79. Lebensjahr unverhofft in Bautzen verstorben war. Schon 1965 zeichnete der damals junge Literat aus der Lausitz im Gedicht Aber wenn ihr weint… ein poetisches Menschenbild, welches nicht nur den eckigen oder runden Rahmen des ,sozialistischen Realismus‘ sprengte.“ (Benedikt Dyrlich)
Über die Bereicherung der Weltliteratur durch Kito Lorenc wird wahrscheinlich erst demnächst richtig und laut gesprochen. Wir wollen in dieser Ausgabe mit einigen Texten sowie einigen Gedanken von Elke Erb und Benedikt Dyrlich an den verstorbenen Dichter erinnern.

Georgien wird nächstes Jahr Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein. Unser Wunsch, Ihnen einige herausragende Vertreter dieser Literatur zu präsentieren, ist immer noch so stark wie vor ein paar Jahren, als wir die ersten georgischen Autoren vorgestellt haben. In der vorliegenden Ausgabe ist es Guram Assatiani, „ein wahrer Ästhetiker und ein fantasievoller Literat vom Scheitel bis zur Sohle“, wie er von einem Kollegen charakterisiert wurde. So liebte man in Georgien, einen seiner bekanntesten Texte dort, haben wir für Sie, liebe Lesbierinnen und Leser, übersetzen lassen.

„Ihr Versuchsfeld für eine neue Gesellschaft stand auf dem Spiel. Indem die Hippie-Hochburg durch Außeneinwirkung immer
kaputter und zugleich kommerzieller wurde, kam es in der Allgemeinheit und selbst in der liberalen Jugendszene zu einem starken Imageverlust der Hippies. Dagegen wurden in den Medien die Kleidung und die Musik der Hippies zum gefeierten Modetrend. Anlass für die Begründer der Hippie-Bewegung, am 6. Oktober 1967 in San Francisco den Hippie symbolisch zu Grabe zu tragen. Der Sarg war angefüllt mit zwei Kilo Marihuana, Postern, Buttons und falschen Bärten – was so alles in ,Hippie-Shops‘ verkauft wurde. Doch mit diesem Abgesang konnte noch keiner ahnen, wie tief sich die Spuren der Hippie-Bewegung ins kollektive Bewusstsein gegraben hatten, wie nachhaltig sich ihre Ideen, wie entwicklungsfähig sich viele ihrer soziokulturellen und alternativen Ansätze erweisen würden…“ Wie das vor 50 Jahren war, schildert Peter Frömmig in seinen Erinnerungen an den Summer of Love von 1967. Sein Essay Vom Höhepunkt und Niedergang der Hippie-Bewegung ist nur zu empfehlen.

Johann Lippet, Abdelwahed Souayah, Traian Pop Traian, Liviu Tulbure (Bilder aus der Reihe „Memorial ’89“), Peter Vougar Aslanov (mit einer historischen Prosa über den Roten Oktober 1917), Michael Hillen, Ulrich Bergmann (diesmal mit grafischen „Texten“) und Ngo Nguyen Dung bestücken unsere Rubriken „Atelier“ und „Zeitgeschichte“.

Aus unserem Bücherregal haben wir diesmal Titel von Harald Gröhler (Eine Selbstmörderin),  Dennis Mizioch  (Thermoplastische Texte), Michael Hillen (Wundbilder), Florian Günther (Genug Zeit zu verlieren. Neue Fotos, gebrauchte Gedichte), Iris Wolff (So tun, als ob es regnet) und  Wsewolod Nekrassow (Ich lebe ich sehe) sowie aus dem Marbacher Katalog 69 (Rilke und Russland) ausgewählt. Barbara Zeizinger, Ulrich Bergmann, Helwig Brunner, Rainer Wedler, Uli Rothfuss und Wolfgang Schlott zeichnen die Buchbesprechungen.

Die nächste Ausgabe kommt ein bisschen spät, aber bald: mit vielen Texten aus Rumänien – als kleine Kostprobe zur Leipziger Buchmesse, bei der 2018 rumänische Autoren auf der Hauptbühne agieren.

Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr wünschen Ihnen die Autoren und Redakteure von MATRIX!

Herzlich,
Traian Pop

Es signiert:

• Klaus Martens • Margaret Atwood • Kito Lorenc • Elke Erb • Benedikt Dyrlich • Guram Assatiani • Johann Lippet • Abdelwahed Souayah• Peter Frömmig • Vom Höhepunkt und Niedergang der Hippie-Bewegung Anna Letodiani • Traian Pop Traian • Michael Hillen • Liviu Tulbure• Vougar Aslanov • Ulrich Bergmann • Ngo Nguyen Dung • Helwig Brunner • Barbara Zeizinger • Uli Rothfuss • Wolfgang Schlott • Rainer Wedler •

Editorial / S.4

Die Welt und ihre Dichter

Klaus Martens • Repräsentierende Prosa / Militante Lyrik . Margaret Atwood. Ein subjektiver Überblick / S. 7

• Modernisierer sorbischer und deutscher Literatur •
Benedikt Dyrlich • In Erinnerung an den Dichter Kito Lorenc . Modernisierer sorbischer und deutscher Literatur / S. 17
Kito Lorenc • Acht Gedichte / S. 21
Elke Erb • Durch lauter gleich Frühnebeln schleiernde Hüllen / S. 30

• So liebte man in Georgien •
Anna Letodiani • Guram Assatiani  – Forscher des georgischen Charakters / S. 39
Guram Assatiani • So liebte man in Georgien / S. 47

Johann Lippet • Die Heiratsanzeige . Lebensläufe . Schriftsteller/Schriftstellerinnen . Prosa / S. 75
Abdelwahed Souayah • Vier Gedichte / S. 84

Zeitgeschichte
Peter Frömmig • Vom Höhepunkt und Niedergang der Hippie-Bewegung / S. 93
Traian Pop Traian • Sieben Gedichte / S. 101
Liviu Tulbure • Vier Bilder aus der Reihe Memorial ’89 / S. 103
Vougar Aslanov • Es ging nicht anders . Historische Erzählung / S. 115

Atelier
Peter Frömmig  • Neue Gedichte (2017) / S. 151
Michael Hillen • Zehn Gedichte / S. 159
Ulrich Bergmann • Innenansicht der Äußern Werte . grafische ‚Texte‘ / S. 169
Ngo Nguyen Dung • Schnee in meinen farblosen Träumen . Prosa / S. 177

Bücherregal
Barbara Zeizinger • Harald Gröhler, Eine Selbstmörderin / Samobójczyni. / S.187
Ulrich Bergmann • Thermoplastische Texte . Gebrauchsanweisung zum Verständnis gegenwärtiger Dichtung am Beispiel von „istanbul. eine matrjoschka“ von Dennis Mizioch  / S.189
Helwig Brunner • Michael Hillen, Wundbilder./ S.192
Rainer Wedler • Marbacher Katalog 69 | Rilke und Russland. / S.196
Ulrich Bergmann • Florian Günther, Genung Zeit zu verlieren. Neue Fotos, gebrauchte Gedichte. / S. 198
Uli Rothfuss • Iris Wolff, So tun, als ob es regnet. / S.201
Wolfgang Schlott • Wsewolod Nekrassow, Ich lebe ich sehe. / S.203

 

MATRIX 2/2017 (48) • Short story der kanadischen Lyrik •

MATRIX 48MATRIX 2/2017 (48)

Kein Land kann tatsächlich die Heimat eines Menschen sein. Unser Heimatland ist, wie die Bibel sagt, der Himmel. Hier aber, unter dem Himmel, sind wir, wo immer wir leben, in der Lage von Exilanten. „Fremdlinge“ also sind wir und immer unterwegs. Natürlich ist jeder Mensch mit dem Ort seiner Geburt verbunden, der Gegend, wo er aufgewachsen ist. Auch mit der Sprache, der Geschichte seines Landes, dessen Traditionen. All dies macht seine Identität aus. Diese Identität aber ist eine gegebene, keine, die man bewusst wählen kann. Also kann niemand seine Zugehörigkeit zu einem bestimmten Land als persönliches Verdienst betrachten. Man kann demnach nicht stolz darauf sein, ein Deutscher zu sein, wie man auch nicht auf blaue Augen stolz sein kann.
Die Tatsache, ein Deutscher zu sein, muss ohne Eitelkeit, ohne Überheblichkeit, auch ohne Minderwertigkeitskomplexe angenommen werden. Aber ein Deutscher zu sein (oder ein Angehöriger irgendeiner anderen Nation) impliziert nicht nur Loyalität, sondern auch Verpflichtungen. Und kommt man denen nicht nach, läuft man Gefahr, sich menschlich – und nicht im strengen Sinne „patriotisch“ – zu disqualifizieren. Was auch für die Parteien zutrifft, ob die Roten, die Grünen, die Gelben, die Blauen, die Schwarzen, die uns eigentlich vertreten sollten. Ehrlich gesagt, fühle ich mich in keinem Fall vertreten, von keinem der gewählten Farbenträger oder -bekenner. Ich hätte mir gewünscht, dem wäre nicht so, aber wie im Leben werden auch in der Politik die Farben immer wieder verstärkt, geschwächt, gelöscht, vermischt, verwechselt, vertuscht, verfälscht, gekauft, verkauft …

Vertreten fühle ich mich deshalb hauptsächlich von der Literatur. Sei sie aus der Türkei, aus Georgien, aus Rumänien, aus Russland, aus Korea, aus dem Iran, aus den USA, aus Deutschland, woher auch immer: Hauptsache Literatur. Nicht mehr, aber auch nicht weniger als LITERATUR.
Manchmal schaffen wir es – mein Team und ich –, Ihnen Literatur zu vermitteln. Wenn es so ist, können Sie davon ausgehen, dass die Werke, die in MATRIX zu Wort kommen, zu den Vertretern der von uns anerkannten Republik der Literatur und Kunst zählen.

Einer davon, der große karibische Dichter Derek Walcott, wurde 1988 von Klaus Martens für Deutschland entdeckt. Martens war bis zur Jahrtausendwende sein deutscher Übersetzer, er war dem Nobelpreisträger von 1992 aber auch als sein Gastgeber freundschaftlich verbunden. Er verfolgte den weiteren Weg des Dichters, der nicht einfach gewesen ist, mit großem Interesse bis zu dessen Tod am 17. März 2017 auf seiner Insel St. Lucia.

Short story der kanadischen Lyrik heißt der Hauptteil dieser Ausgabe. Eine kleine Auswahl, die Andrew Goldthorp und Stefanie Golisch zusammengestellt haben, repräsentiert einen Querschnitt von Gedichten, die exemplarisch für die Suche nach einer genuin kanadischen Identität begriffen werden können ‒ einem Paradoxon, wenn man bedenkt, dass die Wurzeln der weitaus meisten Kanadier in andere Länder und Kulturkreise reichen. Vertreten durch eigene Texte sind die englischsprachigen Autoren: Pauline Johnson, E. J. Pratt, A. M. Klein, Irving Layton, Al Purdy, Leonard Cohen, Margret Atwood, Gwendolyn MacEwen, Kevin Irie und Bruce Meyer.

„An den rostig-weißen Mauern von Cartagena
liest eine Palme dem Sand aus der Hand,
doch die Linien vergehen schnell; »Malagueña«
kratzt eine strohbehütete Band,
und ein Hahn stolziert mit Quetzalcoatls Federn,
und die rußigen Büschel der Palmen sind Braten
am Spieß von Briganten, ganz wie im Hilton.“

Ay, caramba, Gringo! / wie New York ist‘s, findste nicht? … Derek Walcott ist nicht nur durch die Erinnerungen seines Freundes Martens, sondern auch mit drei von ihm ins Deutsche übersetzten Gedichte vertreten.

Erst nach dem Tod des polnische Poeten Cyprian Kamil Norwid wird der unvergleichliche Wert seines Dichtens erkannt und von Zenon Przesmycki und der Krakauer Avantgarde entsprechend gewürdigt. Peter Gehrisch versucht, ihn uns nahe zu bringen durch seine raffinierten Übersetzungen und einer ausführlichen Einführung.

Das Werk des iranisch-deutschen Dichters SAID bewegt heute mehr denn je, findet Maryam Aras und gratuliert SAID zu seinem siebzigsten Geburtstag. In seiner Lyrik und seinen Essays reflektiert er beharrlich das Leben im Exil, sein mal liebevolles, mal leidvolles Verhältnis zur deutschen Sprache und zu seinem Europa, dessen Idealen er sich trotz der aktuellen Politik verbunden fühlt.
Theo Breuer ist wieder dabei, diesmal mit Collagen. Denisa Comănescu, Arzu Demir, Kira Iorgoveanu-Mantsu, Emil Hurezeanu, Horst Samson, Viorel Marineasa, Adriana Carcu, Barbara Zeizinger und Charlotte Ueckert ergänzen unser dichterisches Weltpanorama.

„Übersetzen ist ein Grattanz, den man ins dialektische Gleichgewicht bringen muss, um sich nicht zu verirren in der Wüste der Akribie oder in einem Amazonas leerer Phantasie.“ meint Ulrich Bergmann  und versucht dies zu belegen durch „Ein kleines Gedicht und viele Übersetzungen“.

„Am Tag, als mein Vater verschwand, stand ich im Examen, hatte einen halben Vormittag in einem Göttinger Prüfungsamt verbracht und war dann mit meiner Freundin spazieren gegangen, um den Kopf auszulüften…“ Ob der Vater Klaus Martens tatsächlich an diesen Tag – und überhaupt – verschwunden ist, möchte ich – schon nach den ersten Seiten – gar nicht mehr wissen, so hält mich der Text gefangen. Ein Auszug aus dem Roman finden Sie in unserem unter dem Namen „Atelier“ bekannten Vorschaufenster.

Wolfgang Schlott, Anneliese Merkel,  Stefanie Golisch, Peter Frömmig, Katharina Kilzer,  Ulrich Bergmann, Rainer Wedler, Uli Rothfuss, W. Gunther le Maire haben wieder interessante Rezensionen geschrieben.
Traian Pop

Es signiert:

• Klaus Martens • Derek Walcott • Cyprian Kamil Norwid • Peter Gehrisch •Andrew Goldthorp • Stefanie Golisch • Short story der kanadischen Lyrik • Pauline Johnson • E. J. Pratt • A. M. Klein • Irving Layton • Al Purdy • Leonard Cohen • Margret Atwood • Gwendolyn MacEwen • Kevin Irie  • Bruce Meyer • Said • Theo Breuer • Denisa Comănescu • Emil Hurezeanu • Viorel Marineasa • Adriana Carcu • Barbara Zeizinger • Kira Iorgoveanu-Mantsu •Arzu Demir • Charlotte Ueckert • Anneliese Merkel • Katharina Kilzer • Uli Rothfuss • Wolfgang Schlott • Rainer Wedler • Peter Frömmig • W. Gunther le Maire •

Editorial / S.4

Die Welt und ihre Dichter

• Short story der kanadischen Lyrik •
Andrew Goldthorp und Stefanie Golisch • Short story der kanadischen Lyrik / S. 7
Pauline Johnson • The Song My Paddle sings . Das Lied, das mein Paddel singt / S. 12
E. J. Pratt • Erosion . Erosion / S. 16
A. M. Klein • Heirloom . Erbstück / S. 22
Irving Layton • A Tall Man Executes a Jig . Ein großer Mann führt einen Freudentanz auf / S. 24
Al Purdy • Roblin’s Mills. Roblin’s Mills / S. 32
Leonard Cohen • A Kite is a Victim . Ein Drache ist ein Opfer / S. 38
Margret Atwood • Game After Supper . Spiel nach dem Abendbrot / S. 40
Gwendolyn MacEwen • Dark Pines Under Water . Dunkle Kiefern unter Wasser / S. 42
Kevin Irie • Immigrants: The Second Generation . Emigranten: die zweite Generation / S. 44
Bruce Meyer • The white flower . Die weiße Blume / S. 48
Short story der kanadischen Lyrik . Kurzbiographien der Autoren / S. 50

• Derek Walcott •
Klaus Martens • Kleine Rückschau auf Derek Walcott (1930-2017) / S. 52
Derek Walcott • Drei Gedichte / S. 61

• Cyprian Kamil Norwid – der unergründliche Kosmos •
Peter Gehrisch • Cyprian Kamil Norwid – der unergründliche Kos-
mos . Versuch einer ersten Einführung / S. 68
Cyprian Kamil Norwid • Vier Gedichte / S. 73
Said • tage voller verlangen . Ein Gedicht / S. 79

Theo Breuer • Visuellpoetische Collagen / S. 82
Denisa Comănescu • Fünf Gedichte, rumänisch und in deutscher Übersetzung / S. 89
Arzu Demir • Sechs Gedichte / S. 107

Die Monde der gelben Mitte

Ulrich Bergmann – 包悟礼 • Ein kleines Gedicht und viele Übersetzungen / S. 119

Atelier
Kira Iorgoveanu-Mantsu • Sechs Gedichte/ S. 131
Emil Hurezeanu • Sechs Gedichte/ S. 137
Horst Samson • Sechs Gedichte/ S. 147
Viorel Marineasa • Partoş–Europa, hin und zurück . Prosa / S. 153
Adriana Carcu • Ein altes Haus . In Curtici, zwischen den Welten . Marion . Prosa / S. 157
Klaus Martens • Das Übliche, mit Variationen . Prosa / S. 165
Barbara Zeizinger • Sommerschweigen . Prosa / S. 175
Charlotte Ueckert • Die Fremde aus Deutschland . Prosa / S. 179

Bücherregal

Wolfgang Schlott • Salman Nurhak, … nur die Liebe. 66 Gedichte. / S.185
Anneliese Merkel • Ilse Hehn, Sandhimmel, Lyrik und Übermalun-
gen. / S. 188
Stefanie Golisch • Hans-Jörg Dost, Orte zu leben. / S. 191
Peter Frömmig • Florian Günther, Genug Zeit zu verlieren. Neue Fotos, gebrauchte Gedichte. / S. 193
Katharina Kilzer • Hellmut Seiler, Dieser trotzigen Ruhe Weg. / S. 196
Ulrich Bergmann • David Krause, Die Umschreibung des Flusses. / S. 199
Rainer Wedler • Ruth Langen-Wettengl, Zugabe. Kunst in der
Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main. / S.203
Rainer Wedler • Burkhard Fuhr, Schafe. / S.205
Uli Rothfuss • Ralph Dutli, Die Liebenden von Mantua. / S.207
W. Gunther le Maire • Harald Gröhler, Eine Selbstmörderin / Samobójczyni. / S.209

MATRIX 1/2017 (47) • Schriftsteller untergetaucht? • Signum •

MATRIX 47 A„Poesie und Politik werden nie einander die Hand reichen. Auf der terminologischen Ebene bedeutet Politik die Kunst der Staatsverwaltung. Ich werde  nicht zu beweisen versuchen, dass die Kunst im erwähnten Kontext nichts Gemeinsames mit jener Kunst hat, mit der man einen Schriftsteller, Maler, Musiker charakterisiert (obwohl auch hier viele problematische Nuancen auftauchen).“ So reflektiert Dato Barbacadse über „Poesie und Politik“.
 
„Ich weiß nicht, wie der zukünftige Leser sein wird, z. B. der Leser, der im Unterschied zu mir den Luxus entbehren wird, zu schaffen, umgeben von den mit eigenen Büchern beladenen Regalen (diesen Luxus entbehren bereits heute einige meiner Bekannten – ausländische sowie georgische Dichter), aber ich bin der Meinung, dass diese Frage wichtiger ist als die, ob die von uns geschaffenen Bücher die Zeit überleben und das digitale Dorf der Zukunft erreichen, ob sie auch den künftigen Chip-Leser erreichen werden.“ Ein Kerngedanke aus Dato Barbacadses Essay „Poesie und postgutenbergsche Realität“.
 
„…auch nach siebzehneinhalb erschienenen Jahrgängen darf an Aufhören nicht zu denken sein. Auch wenn sich die Rahmenbedingungen, unter denen die Herausgabe der „Blätter für Literatur und Kritik“ vollzogen werden muss, sukzessive zu verschlechtern scheinen. Es muss weiter gehen. Aus vielerlei Gründen. Zuvörderst natürlich der Leser, Macher und Autoren wegen. Außerdem: Wohin sollte der Herausgeber, der das Fehlen seiner Blätter für Literatur und Kritik „geradezu körperlich als ernsten, ja unerträglichen Mangel empfände“, wohin denn also, sollte er sonst mit seiner Passion?“ Norbert Weiß über sein Lebenswerk, die Literaturzeitschrift „Signum“.
 
Der Verleger und Schriftsteller Traian Pop Traian fühlte sich irgendwann dazu verpflichtet,  Gedichte wie das folgende zu  schreiben.
„…du weiterhin die Blicke deiner Kollegen prüftest der Arbeiter /in deren Mitte du dich nicht sicher fühlen zu können glaubtest / gelähmt von der Angst einen Fehler zu machen / Verwirrung bei einem noch nicht abgeschlossenen Projekt / zu stiften // weshalb dich / ein Gefühl der Unruhe beschleicht / wenn deine Hand eine Zange einen Schraubenzieher packt / deine Hand die schöne Namen für Frauen Männer Kinder und Vögel zu formen weiß / deine Hand die heimlich von einer Revolution des Schreibens / träumt“ (Traian Pop Traian, 1989)
 
Irgendwann stellt man fest, dass eigentlich viel mehr zusammenpasst, als ursprünglich gedacht. Danke, dass es dich gibt, liebe Literatur, liebe Kunst! So denkt der Herausgeber Traian Pop.
 
Autorinnen und Autoren der Zeitschrift SIGNUM kommen in dieser Ausgabe zu Wort. Es ist eine breit angelegte Auswahl, „bei der es sich weder um eine Text-Bestenliste noch eine Präsentation der Lieblingsdichter des Herausgebers handelt, sondern um die (hoffentlich) profunde und aussagekräftige Annotation ganz unterschiedlicher Schreibweisen und Weltsichten, eine Volltextdokumentation mithin wohlverstandener Zeitgenossenschaft, die mit dem in den Leitmedien gebetsmühlenartig beschworenen Zeitgeist recht wenig zu tun haben dürfte.“ So der Herausgeber Norbert Weiß.

„Die Welt und ihre Dichter“ wird eröffnet mit einem Auszug aus dem gerade ins Deutsche übersetzten Roman, der auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse präsentiert werden wird mit der nicht ganz unbegründeten Hoffnung, dass er zu den besten Übersetzungen gehören wird. Als Übersetzer von Daniel Bănulescu erhielt Ernest Wicher 2005 den Preis für Europäische Poesie der Stadt Münster. Hinter den Titel „Der Teufel jagt nach deinem Herzen“ versteckt sich eine Welt des magischen Realismus‘, balkanisch wohlschmeckend und geheimnisvoll riechend, eine Welt aus dem dunklen Rumänien der 80er Jahre, vergrößert unter der Lupe der überbordender Fantasie des Autors.
 
Kürzere Texte von Gegenwartsautoren finden wir im „Atelier“: Gedichte von Irma Schiolaschwili  (Akupunktur: Ganz fest und unkompliziert sagte der Vater: / Wenn wir glauben, werden wir alle Schmerzen im Griff haben, / und aus dem Finger wird das blühende Wort herausdringen, /nicht als Blut oder als Tränen, / sondern als Brief der Seele …) und Harald Gröhler  (Ich und nicht Eulenspiegel unterhalt mich nervös mit den Nachbarn, / über zwei Goldröhrlinge. / Die beiden gelben Pilze wachsen gleichzeitig unter einer Lärche, / artig nebeneinander.) sowie das Prosastück „Leben am Fluss“ von Regine Kress-Fricke.
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Dominik Irtenkauf , Wolfgang Schlott, Rainer Wedler, A. Dana Weber, Heide Rieck und Barbara Zeizinger besprechen Neuerscheingungen von Markus Liske, Marjana Gaponenko, Roland Kaehlbrandt, Irma Shiolashvili, Harald Gröhler, und Kurt Drawert.
 
Traian Pop
Es signiert:

• Dato Barbacadse • Daniel Bănulescu • Schriftsteller untergetaucht? • Signum •
Kathrin Schmidt • Gerd Künzel • Kerstin Hensel • Gert Steinert • Jörg Bernig • Uwe Claus • Erich Sobeslavsky • Roland Bärwinkel • Wolfgang Hädecke • Norbert Weiß • Jürgen Israel • Andreas Altmann • Uwe Hübner • Joochen Laabs  • Christian Hussel • Eckhard Mieder • Ralph Grüneberger • Benedikt Dyrlich •Thomas Rosenlöcher • Hans-Jörg Dost • Wolfgang David • Manfred Streubel • Rudolf Scholz • Hans Georg Bulla • Stefanie Golisch • Irma Shiolashvili • Harald Gröhler • Regine Kress-Fricke • Dominik Irtenkauf • Wolfgang Schlott • Rainer Wedler • A. Dana Weber • Heide Rieck • Barbara Zeizinger •

MATRIX 4/2016 (46) • Badri Guguschwili • Mich auf jeden Fall, nicht! •

MATRIX_46_ASie bekommen nun eine – leider – verspätete Ausgabe einer unserer Zeitschriften MATRIX oder BAWÜLON. Es ist eine aktuelle Ausgabe, auch wenn auf dem Cover 2016 steht. Der Grund: die Reihenfolge sollte nicht unterbrochen werden. Ich hatte immer gedacht, dass ich über das, was ich tue, was ich will und was ich muss, selbst entscheiden kann. Nun aber gibt es im Leben Situationen, die uns lehren, dass es so einfach nicht ist. Im letzten Jahr war ich durch eine plötzliche Erkrankung quasi zum Zuschauer meiner eigenen Hilflosigkeit geworden. Statt meinen verlegerischen Verpflichtungen nachzugehen, musste ich für längere Zeit im Krankenhaus und in der Reha zubringen. Jetzt aber arbeiten meine Kollegen und ich mit Hochdruck daran, die verspäteten Ausgaben fertigzustellen und den normalen Erscheinungsrhythmus wiederherzustellen. Ich bitte Sie und meine Redaktionskollegen um Pardon für die Verspätungen und hoffe, Sie bleiben uns weiterhin treu. 
Dass Dichter-zu-sein nicht leicht war, ist und wird, dachte ich schon immer. Dass ein System oder eine Gesellschaft dich als Dichter entweder unterwürfig macht oder dich tötet oder, wie Bela Tsipuria plastisch schreibt, dich erst unterwürfig macht und dann tötet, ahnte ich auch. Mehr noch hielt und halte ich für normal,dass ein Dichter sich nicht unbedingt geliebt oder erwünscht fühlt und ihm dies alles bewusst ist. Und dennoch, es tut mir physisch weh, wenn ich diese Verse lese:

„sie alle
wissen, wen genau sie brauchen!
Mich auf jeden Fall, nicht!“

Ich hätte ihm gern widersprechen wollen. Ein erster Versuch liegt Ihnen vor: Mehr von und über Badri Gugushvilli, ein georgischer Dichter, der uns Menschen sehr geliebt hat, können Sie ab Seite sieben lesen.

„Ich entdeckte sie wieder in meinen alten Tagebüchern. Und diese Exilgedichte nach dem ersten Schock und meiner Flucht aus Deutschland nach Italien schienen mir eine Rarität in meinem Werk zu sein“, schrieb mir Dieter Schlesak. Er erlaubte uns einen ersten „archäologischen“ Blick in sein Lyrik-Archiv, aus dem wir  einige Gedichte aus den 70er-Jahren für Sie ausgewählt haben.

„… an den Fahnenstangen fault die Wut“, heißt der neueste Gedichtband des unermüdlichen Kämpfers für Wahrheit und Gerechtigkeit William Totok. Zusammen mit Mariana Codrut, Christine Kappe,Lenka und Peter Frömming ergänzt er glücklicherweise unser Lyrikfest.

Benedikt Dyrlich, der zwischen und in zwei Sprache lebt und schreibt, erklärt uns … „Das Sorbische profitiert vom Deutschen, wie das Deutsche Impulse aus der sorbischen Sprache aufgenommen hat…“.
Und Ulrich Bergmann setzt seinen China-Bericht fort mit „Der Schrei – Ein expressionistisches Gedicht vor 1200 Jahren“.

Gudrun & Karl Wolff haben sich nach einer langen „Reise ins Morgen-Land“ wieder gemeldet. In einigen Essays, Reportagen und Geschichte(n) berichten sie über Ethos und Ethnogenese der Tataren vom Wolgabulgarischen Reich bis zur Republik Tatarstan, über Identitäts-und Sprachverlust, über Marina Zwetajewas Grab in Jelabuga (Patriarch Alexij II., 1990: „Die Selbsttötung Marina Zwetajewas ist einem Mord durch das Regime gleichzusetzen“) und über „Der Silicon-Valley-Spirit“, „Sonderwirtschaftszone Alabuga“ und „IT-Stadt Innopolis“.
„Verwandeln uns Kleider auch? Das Tragen ebenso, wie die Verzierung derselben?
Kleider sind mehr als nur Schutz vor Kälte und Sonne. Sie können eine symbolische Funktion (u. a. Totenhemd, Brautkleid, Priesterhemd) ausüben oder auf eine soziale und kulturelle Zugehörigkeit hinweisen. Unsere Kleidung ist immer Teil des Bildes, das wir oder andere von uns machen. Bei meinem Projekt DAS KLEID veränderten sich die Frauen im fertig bestickten Kleid. Sie wurden schweigsam und ihre Bewegungen verlangsamten sich. Ihr Auftritt bekam etwas Würdevolles, fast Majestätisches.“
Gefragt hat Elke Engelhardt, beantwortet: Elisabeth Masé. Ihr neues Projekt „DAS KLEID“ bestückt die Räume der MATRIX-Ausstellung dieser Ausgabe.

Die Rezensionen von Wolfgang Schlott, Stefanie Golisch, Mark Behrens, Rainer Wedler und Uli Rothfuss berichten wie immer über einige, in letzter Zeit erschienene Bücher, u.a von Ursula Teicher-Maier, Tatjana Kuschtewskaja, Hans-Jörg Dost, Eric Giebel und Rainer Wedler.

Ich hoffe, Sie werden eine anregende Lektüre haben.

Ihr
Traian Pop

Es signiert:

• Christine Kappe • Badri Guguschwili • Mich auf jeden Fall, nicht! • Bela Tsipuria • Wolfgang Schlott • Mariana Codruţ • William Totok • Dieter Schlesak • „Lyrikarchäologie“ • Mark Behrens • Benedikt Dyrlich • Gudrun Wolff • Karl Wolff • Rainer Wedler • Lenka • Uli Rothfuss • Elke Engelhardt • Elisabeth Masé • DAS KLEID • Peter Frömmig • Holger Benkel • Stefanie Golisch • Ulrich Bergmann • Die Monde der gelben Mitte •

MATRIX 3/2016 (45) • MaximilianZander • Bericht zur Lage •

MATRIX_45_AIn absehbarer Zeit könnte die Welt anders aussehen, das heißt „erdoganisiert“, um einen guten Freund aus der Türkei zu zitieren. Nur hat mein Freund damals an eine „erdoganisierte“ Minderheit gedacht, heute geht es um eine übergroße erdoganisierte Mehrheit, eine antikritische und antidemokratische Mehrheit, die sich gegen alle Minderheiten wendet.
Vordem undenkbar, entfaltet sich heute eine konservative Revolution gegen alle zivilisatorischen Werte. All dies ist eingebettet in der sogenannten postfaktischen Ära. „Die Toten haben damit begonnen, sich zu fürchten“, hat ein rumänischer Dichter in Zeiten des faschistoiden Kommunismus geschrieben. Was würde er heute schreiben?
Können wir überhaupt etwas gegen diese trügerische „Normalität“ unternehmen? Können wir es uns leisten zu schweigen, uns nicht einzumischen? Das ginge nur, wenn sich die demokratischen Kräfte fest zusammenschlössen. Dagegen sehe ich nur Feigheit, Kollaboration und dumpfe Gleichgültigkeit. Ich setze aber große Hoffnungen in Künstler, Schriftsteller und Denker, in eine Elite im gramscianischen Sinn. Ich träume von einer aufgeklärten Jugendrevolte gegen die Welt, die eigentlich ihr gehören soll. So gesehen fühle ich mich noch immer jung.  
 
Das Gedicht „Zehn Verbote“ von Theo Breuer spiegelt auf frappierende Weise die augenblickliche Situation in der Türkei Erdogans. Viele Texte dieser Ausgabe passen wie bestellt zu diesem Problemfeld.

„Ich habe zu Max Zanders Gedichten nie etwas geschrieben“, schrieb mir der Autor der „Zehn Verbote“, als ich eine „Umfrage“ zu Zander gemacht habe. Und Breuer weiter:
„Wir haben seit vielen Jahren etwa einmal im Monat stundenlange telefonische Literaturgespräche geführt. Wenige Wochen vor seinem Tod wollte ich – gleichsam außer der Reihe – über die Möglichkeit einer ihm gewidmeten Matrix-Ausgabe sprechen, wozu es allerdings nicht einmal ansatzweise kam. Es ging ihm gesundheitlich schlecht, und er meinte:
,Theo, ich rufe Dich an, sobald es mir besser geht.‘ Das war oft so gewesen in den letzten Jahren, und ich wünschte ihm, nicht ahnend, dass es das letzte Mal war, dass wir miteinander sprachen, gute Besserung. Das war‘s. Zwei Wochen später erhielt ich die Nachricht vom Tod meines Freundes Maximilian Zander. Umso mehr freue ich mich, dass Du diese Ausgabe nun machst.“
Maximilian Zander, der uns mit seinen Gedichten und Aphorismen seit Jahren begleitet, hat mir mehrmals Autoren vorgeschlagen für den Schwerpunkt der einen oder anderen Ausgabe. Eine davon habe ich quasi persönlich genommen, aber der vorgeschlagene Autor wollte nichts davon wissen und drohte mir die Redaktionskreis zu verlassen, falls etwas in der Richtung unternehme. Über eine „Zander“ Ausgabe traute ich mich nie, ihn anzusprechen.
Jetzt liegen die Reisenden / in getrennten Schachteln / mit gewaschenen Händen / mit dem Rücken zur Nacht.
Mir bleibt nur festzustellen, dass er etwas geahnt hat und eine solche Besprechung vermeiden wollte.“

„Ich habe die poesie erfunden und habe kein herz mehr“ schrieb Virgiel Mazilescu, ein zeitgenössischer im deutschsprachigen Raum wenig bekannter rumänischer Dichter. Ruxandra Niculescu,  eine gute Kennerin der rumänischen Literaturszene, hat für uns 25 Texte Mazilescus ins Deutsche übertragen.
„Es mag sein, dass Poesie nicht den realen Nutzen im Auge hat, doch sie kann der Welt Frieden und Hoffnung geben.“ Hadaa Sendoo sagt uns damit nichts Neues: neu und frisch dagegen ist die Art, wie es der berühmte mongolische Dichter sagt. Maya Gogoladse sprach für uns mit dem Autor. Andreas Weiland hat einige Gedichte Hadaas Sendoo für die MATRIX ins Deutsche übertragen.
Joachim Britze stellt uns den georgischen Autor Micho Mosulishvili vor.
Josef Balazs denkt über unseren Mitstreiter Horst Samson nach und stellt ihm vor einem interessierten Publikum elf Fragen, siehe S. 117ff. das “Nürnberger Interview”.
Ulrich Bergmann bringt uns das heutige China näher, indem er uns den Sinologen und Poeten Wolfgang Kubin vorstellt.
Im Atelier finden sich Beiträge von Klaus Martens, Marius Koity, Dieter Beck, Ruxandra Niculescu, Peter Ettl, Norbert Sternmut, Rainer Wedler und Dorothea Šołćina.

Gleich zwei Debütantinnen  können wir vorstellen: Justyna Michniuk (Jetzt bin ich eine Europäerin, in Polen geboren / trage Schwarz, weil ich ewig trauere / um die verlorene Identität / Ich kenne zwar fünf Sprachen / in keiner aber kann ich ausdrücken / wie sehr ich von der Wirklichkeit enttäuscht bin) und Jîn Musa (da werden sich Wille  / und Freiheit ergeben / wie die Blätter / dem Wind / du wirst es spüren bis in die Adern / da ich es lebe).

Matthias Hagedorn, Wolfgang Schlott, Uli Rothfuss und Holger Benkel besprechen Neuerscheinungen von A.J. Weigoni, Hans Bergel / Manfred Winkler, Thomas Brock, Holger Benkel, Sylvain Tesson, Gudrun & Karl Wolff, Edith Ottschofski, José Samarago, Ulrich Bergmann, Mani Matter und Roland Kaehlbrandt.

Traian Pop

Es signiert:

• Frank Milautzcki • MaximilianZander • Bericht zur Lage • Peter Ettl  • Theo Breuer  • Josef Balazs • Virgil Mazilescu • Barbara Zeizinger • Horst Samson • Klaus Martens • Giuseppe Pontiggia • Hadaa Sendoo • Rainer Wedler • Micho Mossulischwili • Uli Rothfuss • Marius Koity • Dieter Beck • Ruxandra Niculescu • Norbert Sternmut • Holger Benkel • Dorothea Šołćina • Ulrich Bergmann • Die Monde der gelben Mitte  • Matthias Hagedorn • Wolfgang Schlott • Christine Kappe • DEBÜT: Justyna Michniuk • Jîn Musa 

MATRIX 1-2, 1-2/2005

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Editorial 1

Schiller: Nänie  / 3
Ulrich Bergmann: Warum ich Schiller liebe / 4
Die Dichter dieser Welt
Gregor Laschen: Gedichte 8
Rodica Draghincescu: Interview / 11
Michel Butor / S.11
Yves Bonnefoy / S. 16
Kurt Drawert / S. 21
Cristina Castello / S. 27
Olga Martynova / S. 31
Gérard Blua / S. 34
Sandrine Rotil-Tiefenbach / S. 38
Eginald Schlattner / S. 41
Dieter Schlesak / S. 45
Volker Demuth / S. 50
Arne Rautenberg/ S. 53
Jan Koneffke Bukarester Tagebuch / 58
Leuchttürme
Nichita Stanescu: Gedichte / S. 67
Grigore Cugler: Prosa / S. 73
Essay
Dieter Schlesak Metapoesie der Roten Zeit. Umkehr des Totalitären zum Einen / S. 76
Edith Konradt: Im Auge der Abgottschlange. Splitter einer verdrängten Geschichte / S. 84
Atelier
Valérie Rouzeau: Gedichte / S. 99
Rainer Wedler: Prosa / S. 106
André Schinkel: Prosa/ S. 112
Günter Ruch: Prosa / S. 118
Traian Pop Traian: Theater / S.123
PAPI: Ein Styx-Inter-View mit Johannes Poethen /131
Signum
Ulrich Bergmann: Prosa / S.133
Anita Riede: Prosa /S. 135
eje winter: Prosa / S.137
PAPI: Manchmal später / S. 139
Francisca Ricinski: Prosa / S. 143
Wortspiegel
Bruno Kartheuser: Gedichte  (deutsch/französisch) / S. 146
Neue Lyrik 2005
Armin Steigenberger: Gedichte / S. 150
Debüt
Mareike Rumpf: Prosa / S. 153
Rezensionen
Francisca Ricinski-Marienfeld über: Günter Ruch, Burg Hammerstein, Bertelsmann 2004 / S. 159
Mircea Pop über: Daniel Bãnulescu, Schrumpeln wirst du wirst eine exotische Frucht sein, Wien, edition per procura, Lana, 2003 / S. 160
Ingmar Bransch
über: Ilse Hehn, Lidlos, Holzer Verlag, 2003 / S. 162
Aus der Kulturszene
Francisca Ricinski Marienfeld über:
Inger Christensen, Lesung / S. 164
Vernissage „Confluentes II“ / S. 165
Ulrich Bergmann über: „King Arthur“ v. Henry Purcell / S. 167

Ausgaben 2012- 2013

 M_33-34_1MATRIX Nr. 3-4/2013 (33-34) • Thomas Lux •

•  Thomas Lux • Robert Lee Brewer • Stefanie Golisch • Klaus Martens • Thomas Lux • Gabriele Frings • Thomas Brandsdörfer • Lutz Rathenow • Barbara Zeizinger • 60 Jahre Die KOGGE in Minden • Christoph Leisten• Uli Rothfuss • Rainer Wedler • Eva Wieting • Fouad El-Auwad • Andreas Noga • Adelheit Szekeresch • Peter Ettl • Harald Gröhler • Kira Iorgoveanu-Mantsu • Theo Breuer •Mohammed Bennis • Jewgenij Jewtuschenko • Ulrich Bergmann • Julietta Fix • Francisca Ricinski • Steliana Huhulescu • Julia Schiff • Elke Engelhardt • Sabine Bentler • Marc Behrens • Fred Viebahn • Robert Schiff • Willi F. Gerbode • Wolfgang Schlott • DEBÜT: Annabell Jimenez, Melanie Hassel • 324 Seiten, ISSN: 1861-8006; 20,00€

MATRIX_32_1MATRIX Nr. 2/2013 (32) • 60 Jahre Die KOGGE in Minden •

  • Rainer Wochele • Martin A. Völker • Alf Tondern • Axel Thormählen • Robert Stauffer • Klaus Hensel • Oleg Mityaev • Jan Decker • Gheorghe Hibovski • Gabriele Frings • Wolf Peter Schnetz • Mechthild Podzeit – Lütjen • Rudolf Kraus • Myron Wojtowytsch • Barbara Zeizinger 60 Jahre Die KOGGE in Minden • Charlotte Ueckert • Mark Behrens • Małgorzata Płoszewska • Eva-Maria Berg • Renate Axt • Johanna Anderka • Tatjana Kuschtewskaja • Rainer Bartels • Pilar Baumeister • Beppo Beyerl • Manfred Chobot • Uli Rothfuss • Manfred Hausin • Fritz Deppert • Ingo Cesaro • Gudula Budke • Susanne Brandt • Dagmar Dusil • Herbert Friedmann • Willi F. Gerbode • Harald Gröhler • Michael Starcke • Harald K. Hülsmann • Ilse Hehn • Ralf Jandl • Gerald Jatzek • Bernd Kebelmann • Christoph Andreas Marx • Susanna Piontek • Jutta Dornheim • Wolfgang Schlott • Tina Stroheker • Traian Pop Traian • Jürgen Jankowsky • Ulrieke Ruwisch • Helmut Rizy • Piotr Szczepański •
  • 210 Seiten, ISSN: 1861-8006; Preis: 10,00 Euro.

M_31_1MATRIX  Nr. 1/2013 (31) • Schatten und Ebenbild. Neue sorbische Literatur und Kunst •

Schatten und Ebenbild. Neue sorbische Literatur und Kunst • Benno Budar • Jěwa-Marja Čornakec • Benedikt Dyrlich • Lubina und Dušan Hajduk-Veljković • Marion Quitz • Lenka • Dorothea Šołćina • Ulrich Bergmann • Balthasar Waitz • Jan Christ • Theo Breuer • Franz Hodjak • Uli Rothfuss • Florica Madritsch • Georg Janßen • Karl Wolff • Fred Viebahn • Traian Pop • Barbara Zeizinger • Wolfgang Schlott • Michael Hillen •  176 Seiten, ISSN: 1861-8006; Preis: 10,00 Euro.

M_30_1_2MATRIX  Nr. 4/2012 (30) • Genowefa Jakubowska- Fijałkowska

 

  • Genowefa Jakubowska- Fijałkowska Vesna Lubina • Norbert Sternmut • Helmut Seiler • Michael Hillen • Billy Colins • Francisca Ricinski-Marienfeld • Katerina Poladjan • Ingrid Leibhammer • Peter Ettl • Herwig Haupt • Reiner Wedler • Peter Frömmig • Kalosh Çeliku • Jutta Dornheim • Stefanie Golisch• Reiner David • Christine Kappe • Tekgül Ari • Matthias Hagedorn • Traian Pop • Wolfgang Schlott • Urszula Usakowska-Wolff • 
  • Debüt: Anke Meyring • 176 Seiten, ISSN: 1861-8006; Preis: 10,00 €

MATRIX 2/2016 (44) • Kurt Drawert • 60 Jahre. 47 Antworten

M_44Damit große Dichter existieren können, braucht man große Leser.
Walt Whitman

„Niemand wird noch an den Büchern anderer interessiert sein, wir werden unsere eigenen Romane lesen, bestellt bei den Self-Publisher-Verlagen. Wir werden alle Schriftsteller sein“, stellt Matei Vişniec, einer der großen Dramatiker der Gegenwart, fest und ergänzt: „Anscheinend sind wir schon im Sternzeichen der leserlosen Schriftsteller angelangt … Uns gefällt die Umwandlung vom denkenden zum absorbierenden Gehirn, vom Erbauer zum Nachahmer… Ich bin mir nicht sicher, dass der Aufruhr noch möglich ist in einer Welt, in der die Hirnwäsche immer effizienter wird und die zu dieser ,Mutation‘ eingesetzten Instrumente immer sophistischer werden, einfallsreicher, subtiler … Die Mediendiktatur hat der Diktatur des Showgeschäfts die Hand gereicht. Auf meinen Fiktionsseiten halte ich fest, dass nach einigen Jahrzehnten ein Dostojewski lesender Mensch es riskiert, zum Lobotomiepatienten gestempelt zu werden. Denn ein Mensch, der liest, schaut nicht mehr fern, wird also resistent, ein indirekter Oppositioneller des Medienimperiums. Mein letztes, bei Cartea Românescă veröffentlichtes Buch Der Mensch, aus dem das Böse extrahiert wurde enthält drei Stücke, die eine Analyse der Art und Weise, wie der Mensch Schritt für Schritt seine Werkzeuge zum Verstehen der Welt, aber auch die seiner Zukunftssicherung zerstört. Ich will nicht pessimistischer als Cioran sein … Wer konnte sich aber beim Fall des Kommunismus vorstellen, dass die folgende große Gefahr der Menschheit der Integralismus sein wird. Es gibt Lösungen, damit wir uns nicht von Moden verblöden lassen, von Modellen, zahlreichen Formen des Dilettantismus, die nicht nur in der Politik gedeihen, sondern auch in der Kunst. Wenn ich dem Menschen nicht zutrauen würde, dass er sich über die Mittelmäßigkeit erheben kann, würde ich keine Literatur mehr schreiben.“

Auch mit dieser MATRIX-Ausgabe versuchen wir gegen die Strömung von Hirnwäsche und Verblödung anzuschwimmen. Neben oben zitiertem Matei Vişniec und unserer Ehrengast Kurt Drawert unterstützen wieder zahlreiche zeitgenössische Autoren unser Vorhaben, Literatur unter die Menschen zu bringen, nicht mehr und nicht weniger.

„…es gibt Container voller schlechter Bücher, jedes Halbjahr neue, und sie verstopfen regelmäßig die Zu- und Abflüsse des Literaturbetriebes“, schreibt Kurt Drawert, der gerade 60 Jahre jung geworden ist, im Jahr 2001. „Mein Schutz sind meine Bücher, in ihnen habe ich alles für mich Wichtige gesagt – der Rest sind Irritationen und halbe Wahrheiten, die allenfalls für die Psychoanalyse von Bedeutung sind, aber nicht für das öffentliche Leben. Ich bin immer wieder erstaunt, wie offensichtlich gern sich einige in ihre körperlichen Öffnungen blicken lassen, ihre banalen Verwerfungen voyeuristischen TV-Skandalen zur Verfügung stellen und ihre platten Empfindungen in die Kameras nuscheln, als gehörten sie zum Weltkulturerbe an und für sich. Das ist natürlich Ausdruck einer restlos verkommenen und exhibitionistisch ausgerichteten Massenkultur, aber leider auch mehr: die medialisierte Pathogenese einer verlorenen Beziehung des Einzelnen zu sich selbst, der für einen Moment der Anerkennung vermutlich alles tun würde“, fügte er 2011 hinzu.

„60 Jahre. 47 Antworten“ – im Hauptteil dieser Ausgabe stellt Kurt Drawert mit einer großzügig edierten Auswahl seine bislang erschienenen Bücher vor. Als Hommage zum 60. Geburtstag, zu dem wir herzlich gratulieren, kann er sich mit diesen Versen selbst beschenken:

Ich bin, was ich in meiner Sprache bin,
Was ich in den Worten bin, die ich mir
            über mich mache.

Wir bedanken uns für die freundliche Unterstützung und Abdruckgenehmigung sowohl beim Autor als auch bei allen in dieser Ausgabe erwähnten Verlagen, die ihn publizistisch betreuen.

Rodica Draghincescu, Horst Samson, Barbara Zeizinger und Theo Breuer gratulieren Kurt Drawert mit Textbeiträgen, während Ute Döring 17 wunderbare Fotos beisteuert, die im Übrigen viel mehr Lob verdienen als diesen einfachen Hinweis – in einer der kommenden Ausgaben wollen wir weitere Facetten ihres künstlerischen Werks vorstellen.

„Die Welt und ihre Dichter“ wird in dieser Ausgabe glücklich ergänzt durch Theo Breuers Gespräch mit Hans Bender, der am 28. Mai 2015 im Alter von nahezu 96 Jahren starb.
„Bei Petrarca trafen Lesen und Sterben zusammen. Sein Haupt fiel auf die Buchseiten. Zu schön, sagen andere. Ich will die Szene so glauben, wie sie überliefert ist“, bemerkt Hans Bender am Ende des Gesprächs, während Theo Breuer zuvor die Gelegenheit nutzt, sich u. a. zu James Joyce’ Hauptwerk zu äußern: „Alles hat seine Zeit, heißt es in der Bibel im Buch der Prediger. Bis vor einigen Jahren ist es mir nie gelungen, James Joyce’ Ulysses vollständig zu Ende zu lesen, ein Buch, das mich seit dem 19. Le­bens­jahr begleitet. Hunderte Male hab ich die erste Seite, mehrfach die ersten 70/80 Seiten gelesen, dann kreuz und quer bis hin zu Mollys Monolog am Ende.“

Francisca Ricinskis Gespräch mit Matei Vişniec sowie ein Beitrag von Paul Tischler über die Zipser deutsche Literatur runden diesen Teil der Zeitschrift ab.

Mit „Memento mori unterm chinesischen Mond“ bringt uns Ulrich Bergmann einmal mehr das von ihm erlebte China nahe – diesmal mit Gedanken über die chinesische Lyrik und ihre Übersetzung ins Deutsche.

Vom Schreibtisch einiger Gegenwartsautoren haben wir für die Rubrik „Atelier“ Gedichte von Klaus Martens („Dies ist ein Gedicht älterer Bauart, / mit dem der abenteuerlustige Autor / oft und gut gefahren ist“), Michael Hillen („am ende seines lebens, heißt es, / fanden zu picasso allein / noch drei menschen: / der frisör, der schneider und ein kunsthistoriker“) und dem aus Moldawien stammenden Autor Nicolae Spătaru („dem Tod war ich stets ein treuer Freund / heute habe ich gespürt, wie er für wenige Augenblicke / seinen erschöpften Flügel schützend über mich breitete“) ausgewählt, außerdem Essays von Maximilian Zander, Irene Klaffke und Wolfgang Schlott sowie Prosatexte von Eric Giebel und Herwig Haupt.

Rainer Wedler, Wolfgang Schlott, Ulrich Bergmann und Christine Kappe besprechen neu erschienene Bücher von Wang Gang, Franz Hohler, Thomas Brock, Holger Benkel, Ekaterine Gabaschwili, Tschola Lomtatidse u. a.
Traian Pop

Es signiert:

• Ute Döring • Kurt Drawert • Barbara Zeizinger •  Horst Samson •Klaus Martens •    Michael Hillen • Rodica Draghincescu • Rainer Wedler • Matei Vişniec • Nicolae Spătaru •  Eric Giebel • Herwig Haupt • Theo Breuer • Gespräch mit Hans Bender • Irene Klaffke • Wolfgang Schlott • Ulrich Bergmann • Die Monde der gelben Mitte • Paul Tischler • Vom Zipserland nach Deutschland • Christine Kappe •

MATRIX 1/2016 (43) • Das andere Dresden • Literaturalltag im Elbflorenz

M_43_AVor 75 Jahren starb James Joyce. Wer kennt ihn nicht? Doch wer hat ihn gelesen? Die Essays von Klaus Martens und Simona-Grazia Dima versuchen nun, Ihnen zwei wichtige Werke des schmalen Mannes mit der Nickelbrille nahezubringen: die Prosasammlung „Dubliner“ und den experimentellen Roman „Finnegans Wake“.

Der originelle amerikanische Dichter Thomas Lux (von uns schon in MATRIX 34 vorgestellt) ist wieder da – dank der wunderbaren Übersetzungen von Klaus Martens: mit eine Serie von neuen und neuesten Gedichten, darunter eines, „Ode an die Narben“, das noch nicht in einem Buch veröffentlicht worden ist.

„Dresden (obersorbisch Drježdźany, von altsorbisch drežďany „Sumpf-“ oder „Auwald-Bewohner“) ist die Landeshauptstadt des Freistaates Sachsen“ – so Wikipedia. Zwischen der reklamierten fehlenden Assimilations- und Selbsterneuerungsfähigkeit des Ur-Dresdners, den es gar nicht gibt, und Michael Bartschs immer lauteren Zweifeln am marktwirtschaftlichen Evangelium, zwischen dem Aufschrei von Benno Budar: „Seht mal, wie schön Dresden ist!“, und den Erinnerungen von Benedikt Dyrlich ans Dresden seiner Mutter findet ein reiches Kulturleben statt, über das kaum einer der Medienvertreter berichtet, von denen die Stadt in immer größerer Anzahl belagert wird, seitdem Pegida in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt ist.
Wir denken zu einseitig, denn dieser Ort hat viel mehr zu bieten als das politische Abseits, das uns aus den Nachrichten entgegenschlägt. Um die Vielfalt und Lebendigkeit der Literaturszene in „Elbflorenz“ zu belegen, hat unser Redakteur Benedikt Dyrlich – darin bestens bewandert – für Sie einige Gedichte, Prosatexte, Essays, Rezensionen und Bilder aus dem Riesenangebot ausgewählt. Für uns ist er auch mit der Kamera durch die Stadt gelaufen, um Symbolbilder aus dem „Florenz des Nordens“ festzuhalten. Neben den Dresdnern Michael Bartsch, Nancy Aris, Abdelwahhab Azzawi, Kerstin Becker, Benno Budar, Uwe Claus, Silvio Colditz, Benedikt Dyrlich, Michael G. Fritz, Peter Gehrisch, Axel Helbig, Lothar Koch, Christina Koenig, Dieter Krause, Gregor Kunz, Andreas Paul, Lutz Rathenow, Bernd Rump, Mike Scholz, Carla Schwiegk, Gundula Sell, Volker Sielaff, Norbert Weiß, Patrick Wilden, Jens Wonneberger, Karin Weber sowie den Künstlerinnen Else Gold und Gudrun Trendafilov, deren Werke zusammen mit Bildern von Gregor Kunz die MATRIX-Ausstellungsräume dieser Ausgabe bestücken, veröffentlichen wir auch zwei „Dresdner Texte“ von Traian Pop Traian und Ursula Teicher-Maier.

Dass Theo Breuers Herz immer höher schlägt, wenn es um Friederike Mayröcker geht, bekräftigt sein Essay zu zwei zuletzt erschienenen Büchern ein weiteres Mal.

Charlotte Ueckert erinnert an Angelika Krogmann, Ulrich Bergmann teilt persönliche Gedanken über seine Generation mit und die Bonner LEXIS-Gruppe präsentiert einen wunderbaren griechischen Autor, Stamatis Polenakis, dessen  Lyrik ein permanenter Dialog mit der jüngeren Geschichte sowie bedeutenden Texten der Weltliteratur ist, wie Elena Pallantza im Einführungstext anmerkt.
Neben Polenakis stellen wir im „Atelier“ auch Texte von Mark Behrens, Norbert Sternmut, Gabriele Frings und Franz Hofner vor.

Im „Forum“ schreibt diesmal Axel Kutsch einen kritischen Beitrag über die Art und Weise, wie Lyrik-Anthologien zurzeit in Zeitschriften von Rang besprochen werden. Wir stimmen ihm zu: Einige Anthologien verdienen ein solches Abkanzeln nicht – viele aber schon.

Und unsere Rezensenten Wolfgang Schlott, Elke Engelhardt, Anke Bütow und Uli Rothfuss haben für Sie Neuerscheinungen von Ana Blandiana, Johannes Anyuru, Stefanie Golisch, Charlotte Ueckert und Rainer Wedler gelesen.
Wir hoffen, Ihren Erwartungen entsprochen zu haben, und laden Sie herzlich ein, viele der hier veröffentlichten Autoren auf der Leipziger Buchmesse persönlich zu treffen, wo wir u. a. auch diese Ausgabe vorstellen werden. Der Termin steht schon fest: 17. März 2016, 10–11 Uhr, Forum OstSüdOst in Halle 4, Stand E505. Anschließend (ab 11 Uhr) findet am gleichen Ort die Veranstaltung „Literatur sorbischer Autoren und ihrer Freunde in der Literaturzeitschrift BAWÜLON“ statt.

Und zu guter Letzt: Die nächste Ausgabe feiert den Dichter und Essayisten Kurt Drawert, der 60 Jahre jung wird, und erscheint pünktlich an seinem Geburtstag.
Ihr
Traian Pop

Es signiert:

• Klaus Martens • James Joyce 75 Jahre nach seinem Tod • Simona-Grazia Dima • Nancy Aris • Abdelwahhab Azzawi • Michael Bartsch • Kerstin Becker • Benno Budar • Uwe Claus • Silvio Colditz • Benedikt Dyrlich • Literaturalltag im Elbflorenz • Michael G. Fritz • Peter Gehrisch • Axel Helbig • Lothar Koch •  Christina Koenig • Dieter Krause • Gregor Kunz • Andreas Paul • Traian Pop Traian • Lutz Rathenow • Bernd Rump• Mike Scholz • Carla Schwiegk • Gundula Sell • Volker Sielaff • Ursula Teicher-Maier • Karin Weber • Norbert Weiß • Patrick Wilden • Jens Wonneberger • Else Gold • Gudrun Trendafilov • Jayne-Ann Igel • Theo Breuer • Charlotte Ueckert• Ulrich Bergmann • Stamatis Polenakis (Σταμάτης Πολενάκης)• Mark Behrens • Norbert  Sternmut • Gabriele Frings• Franz Hofner • Anke Bütow • Uli Rothfuss • Axel Kutsch• Elke Engelhardt • Wolfgang Schlott •

 

MATRIX 3/2014 (37) • 100 Jahre Erster Weltkrieg

M_37_1Seismogramme des Kriegsalltags

Eine Fata Morgana schien die endgültige Fassung dieser MATRIX-Ausgabe zu sein: Sie wuchs und wuchs und wuchs und wir mussten irgendwann STOPP! sagen, sonst hätte sie alle vorstellbaren Rahmen gesprengt. Das 100-jährige Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist eigentlich vorbei, doch angesichts der heutigen Realität sollten wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Es lässt sich nicht ohne Weiteres verdrängen, dass wir Bürger eines Landes sind, das in der Vergangenheit heftig vom Kriegsfiebervirus erwischt wurde und dadurch sich selbst und der Welt unvorstellbares Leid und Schaden zugefügt hat. Dennoch sieht es so aus, als wollten sich unsere Volksvertreter auch bei diesem Anlass trotz des weltweit ausgebrochenen Erinnerungsfiebers eher zurückhalten. Doch das Gedenken an die Tragödie – so unbequem es sein mag – beinhaltet auch eine Chance. Es liegt an uns, diese Gelegenheit zu nützen. Was natürlich nicht leicht ist in Zeiten der Kriegsrhetorik, des Nationalismus, Dschihadismus etc., aber immer noch möglich. So lange, wie uns die Zeit reicht.
Dass durch eine Reihe von peinlichen Pannen und grotesken Lügen, durch eine unglaubliche Mischung von guten und schlechten Absichten, von verborgenem und sichtbarem Willen, über Nacht ein Weltkrieg entstand, ist Gott sei Dank geklärt: nichts Nennenswertes, nichts Ideelles, nichts Zukunftsweisendes dahinter – und trotzdem ein Weltkrieg. Die kleinlichen Querelen, die Nichtigkeiten und die dazugehörige unfähige, aus der Zeit gefallene Diplomatie wirken auf mich sonderbar aktuell. Warum interessiert sich heutzutage niemand für die Haufen von internationalen und nationalen Lügen, von willkürlichen Interpretationen, von ethnozentristischen Gedanken, frage ich immer öfter, ohne eine Antwort zu finden. Deswegen höre ich aber nicht auf, weiterhin zu fragen – weil ich immer noch an Recht, Gerechtigkeit, Fortschritt und Freiheit glaube. Ich weiß, ich weiß, auch die Barbarei führt die Argumente „Recht, Gerechtigkeit, Fortschritt und Freiheit“ im Munde. Dies entschuldigt aber nicht unser Zögern, Wegsehen und Schweigen. Denn selbst nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs haben sich die kriegerischen Handlungen – ob sie Panama, Vietnam, Irak, Jugoslawien, Afghanistan, Ukraine heißen, um nur einige Desaster aufzulisten – fortgesetzt. Auch die gegenwärtige Isolierung Russlands weckt Befürchtungen. Mehr vielleicht als alle anderen Konflikte, die fast alle Regionen der Welt entzündet haben. Dem Zusammenhang zwischen dem heutigen weltpolitischen Aufrüsten und dem Ersten Weltkrieg wird aber immer noch kaum Beachtung geschenkt. Wegen des größten wirtschaftlichen Erfolgs aller Zeiten – namens Waffenindustrie?
Zeitzeugen der damaligen blutigen Kämpfe gibt es nicht mehr. Die schrecklichen Geschehnisse geraten zunehmend in Vergessenheit. Was bleibt, sind die Schauplätze. Die Wege der Erinnerung 14–18, wie die Franzosen sie genannt haben. Kriegs-Tourismus: Was für eine makabre Beschäftigung, dachte ich, als ich quasi ohne Vorwarnung mitten auf einen solchen Schauplatz der blutigen Stellungskämpfe geriet. Nun weiß ich, dass sich die Gegner in einem Abstand von wenigen Metern gegenüberlagen. Sie haben sich gegenseitig beobachtet, gesehen, gehört. Eigentlich haben sie in diesen engen Stellungen zusammen gelebt, sind hier zusammen gestorben. Wussten sie auch warum?

Klaus Martens schreibt in seinem Essay: „.. uns geht die allzu wenig beachtete literarische Seite der laufenden Diskussionen an, vor allem die Opfer der Kämpfe auf allen Seiten der Fronten: Georg Trakl, Ernst Stadler, Alfred Lichtenstein, August Stramm, Wilfred Owen, Rupert Brooke, Guillaume Apollinaire, Charles Péguy – wir kennen die Namen, diese und viele andere. Aber auch Überlebende wie Gottfried Benn und Ernst Jünger, deren Werke direkt oder indirekt nie davon loskamen.“
Die kleine Werkauswahl ergänzen literarische und historisch-analytische Beiträge von Axel Kutsch, Richard Wagner, Horst Samson, Otto Alscher, Dieter Schlesak, Gabriele Frings, Peter Ettl, Norbert Sternmut, Thomas Kade, Gisela Hemau, Franz Heinz, Katharina Kilzer, Manfred Pricha, Hans Schneiderhans, Peter Frömmig, Sander Wilkens, Rainer Wedler, Barbara Zeizinger, Francisca Ricinski und Charlotte Ueckert – als ein Versuch, uns die damaligen Ereignisse künstlerisch nahezubringen. Dass ein solches Unterfangen nicht einfach ist, trotz (oder wegen?) der 100 Jahre, die dazwischen stehen, beweist die simple Feststellung unseres Autors Frank Milautzcki über Rudolf Börsch: „Ob er in Galizien oder in Frankreich den Tod suchte und fand, bleibt vorerst offen.“
Als Rahmen habe ich einige Fotos ausgewählt – und füge hier als Kommentar hinzu: Was bleibt, ist der Rasen, mit schmucklosen Kreuzen übersät. Einige davon sind aus Metall und schwarz, so sah es der Versailler Vertrag für alle deutschen Gefallenenfriedhöfe vor. Dazwischen Steinstelen für die gefallenen jüdischen Soldaten, die für Deutschland gekämpft haben.

Entgegen allen kriegerischen Handlungen erlauben wir uns weiterhin, an Literatur und Kunst zu glauben. Wir feiern also mit Theo Breuers Essay „Wie eine Lumpensammlerin“ das runde Geburtsdatum Friederike Mayröckers, unser China-Korrespondent Ulrich Bergmann eröffnet seine Reihe „Die Monde der gelben Mitte“ und Horst Waldemar Nägele feiert mit uns den 250. Geburtstag des dänisch-deutschen Dichters und Philosophen Jens Immanuel Baggesen.
Unser Atelier bietet diesmal „An imaginary conversation“ (zwischen Tycho Brahe und Johannes Kepler), das erste Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen Jean-Patrick Connerade (pen-name Chaunes) und unserem Redakteur Uli Rothfuss, sowie neue Texte von Jürgen Kross, Martina Hegel, Andreas Noga, Edith Ottschofski und Gerhard Bauer. Der Debütant diese Ausgabe, Thomas Reeh, stellt sich mit einem Prosastück vor: „Es ist alles unwahr oder 10 Liebesbegegnungen“. Jede Menge neue Bücher rezensieren Theo Breuer, Johann Holzner, Wolfgang Schlott, Uli Rothfuss, T. T. Pop, Dieter Mettler, Benedikt M. Trappen und Jo Weiß. Peter Frömmig hat für uns die Ausstellung „Reisen. Fotos von unterwegs“ im Literaturmuseum der Moderne in Marbach angeschaut. Und Aufmerksamkeit verdienen auch die Materialien in unserem Forum, für die Klaus Staeck, Horst Samson und Wolfgang Schlott zeichnen.

Wir wünschen Ihnen – trotz des schwierigen Themas – eine angenehme Lektüre!

T. Pop

Es signiert:

• Barbara Zeizinger • Gabriele Frings • Rudolf Börsch • Wilfred Owen • Georg Trakl • August Stramm • Robert Frost • Richard Wagner • Klaus Staeck  • Horst Samson • Horst Waldemar Nägele • Gisela Hemau • Axel Kutsch • Klaus Martens • Otto Alscher • Dieter Schlesak • Franz Heinz • Rainer Wedler• Manfred Pricha • Norbert Sternmut • Gerhard Bauer • Charlotte Ueckert • Jean-Patrick Connerade/Chaunes • Uli Rothfuss • Peter Frömmig • Peter Ettl • Thomas Kade • Sander Wilkens • Martina Hegel • Edith Ottschofski • Jürgen Kross • Andreas Noga • Ulrich Bergmann • Johann Holzner • Theo Breuer • Jo Weiß • Traian Pop Traian • Benedikt M. Trappen • Hans Schneiderhans • Katharina Kilzer • Francisca Ricinski • Dieter Mettler • Wolfgang Schlott •

MATRIX 4/2014 (38) • Esma Oniani

M38Was Sie gerade lesen, sind nur geklonte/geklaute Zeilen aus einem langen Brief an einen Kulturminister, der vor etwa drei Wochen an den Börsenverein sowie einige Zeitungen ging.
Eine Reaktion darauf habe ich nicht mitbekommen, deshalb denke ich, dass selbst eine Skandalentscheidung hinsichtlich einer Preisverleihung nicht so viel graues Licht werfen wie eine noch viel grauere literarische Landschaft schlucken kann. Es ist unerklärlich, schier unglaublich, aber trotzdem wahr, was da – wieder einmal, muss man sagen – passiert ist.

Ich gehe weder von gehörigem Unwissen noch von hochgradigem Desinteresse der Juroren aus und genauso wenig wie gezielter Korruption, obwohl es ganz danach aussieht, so abwegig ist deren ,Richtspruch‘. Da wird die Literatur förmlich vom hohen Gerüst gestürzt und ein Popanz von Verlag als Polier auf die Bretter weit über den Köpfen projiziert. Was für eine Kulturschande!

Diese Entscheidung Jahr für Jahr Ignoranten überlassen? Wie lange soll das unwidersprochen fortdauern? Künftig sollten Sachverständige in diese Entscheidung aktiv eingebunden sein, anstatt die Köpfe in den Sand zu stecken und so haarsträubende Verdikte zu akzeptieren, wenn Dichterland und öffentliche Gelder beteiligt sind.

Nun, da die Katze aus dem Sack ist und tot im Dreck liegt, sind Kreativität und offensiver Umgang mit solch grober Fehlentscheidung gefragt, will heißen, der Geschädigte hat eine Wiedergutmachung für den zugefügten Schmerz und die ungerecht erlittene Schmach verdient, und sei es auch nur in Form einer Entschuldigung. Am segensreichsten wäre es freilich für die Literatur des schönen, sich mit einer wahrlich großen dichterischen Vergangenheit schmückenden Ländle, ein rühmliches Projekt zu fördern anstatt eines belanglosen – man höre und staune – „mit Buchideen zum amerikanischen Transzendentalismus“, was immer das sein mag.

Dass das Kulturministerium da nicht rebelliert, sondern mitspielt, ist dabei mehr als nur erstaunlich.
Dass das verschlafene Leitungsgremium des dichterländlichen Verbandes deutscher Schriftsteller da nicht kritisch seine Stimme erhebt, ist die nächste Katastrophe.

„Nun, da die Katze aus dem Sack ist und tot im Dreck liegt“, wollte ich von Editorial, Zeitschrift und Literatur nichts mehr wissen. Wolle aber und mache das, wer kann …

Ich bin mächtig, ich bin nichts…

Eines allerdings sollte dem Literaturbetrieb niemand ankreiden: dass man sich nicht ausreichend mit Georgiens literarischer Landschaft auseinandergesetzt habe. Als einen ersten Tropfen auf den heißen Stein sehen wir daher den Versuch, eine Grande Dame der georgischen Literatur und Kunst vorzustellen: Esma Oniani. Jörg Alexander Henle erinnert sich an seine erste Begegnung mit deren bildkünstlerischem Werk: Ein Feuerwerk in Rot empfing den Besucher, der von der Straße in die Gemäldegalerie eintrat. (…) Die Bilder von Esma Oniani waren Flammen, die Wasser nicht löschen konnte. Was sie ausstrahlten, war Kraft. Kraft und Zärtlichkeit. 60 Jahre alt war die Künstlerin, die 1999 starb. Wir denken an „Blau“, wenn wir den Namen Yves Klein hören. Von nun an werde ich an Esma Oniani denken, wenn ich „Rot“ höre. Wir laden Sie ein, die georgische Schriftstellerin und Malerin kennenzulernen: mit Gedichten, Gedanken über die Poesie, Zeichnungen und Bildern ab Seite 7.

 »Fetzchen« ∙ It’s Mayröcker Time

Mit Ștefan Aug. Doinaș wollen wir der deutschsprachigen Leserschaft den Blick ins Werk eines der prominenten Akteure der gegenwärtigen Literatur aus Rumänien vermitteln. Mit einem Essay von Theo Breuer feiern wir Friederike Mayröcker, eine der markantesten literarischen Stimmen der heutigen Zeit, die am 20. Dezember 90 Jahre jung wird.

Die Monde der gelben Mitte

Unser China-Korrespondent Ulrich Bergmann berichtet in seiner Reihe „Die Monde der gelben Mitte“ über „Qingdao – eine neue Welt und drei chinesische Parabeln“. Das Atelier präsentiert Gedichte von Rainer Maria Gassen, Wolfgang Schlott und Elke Engelhardt sowie Prosatexte von Mark Behrens, Sabine Bentler und Alex Judea, dazu einen Theaterstück-Auschnitt von Christian Knieps.
Das Bücherregal dieser Ausgabe schmücken aufschlussreiche Rezensionen. Es signieren: Edith Ottschofski, Wolfgang Schlott, Rainer Wedler, Uli Rothfuss, Willi van Hengel, Klaus Martens, Elke Engelhardt, Dieter Mettler und Stefanie Golisch. Wolfgang Schlott besuchte Yuri Alberts Ausstellung im Bremer Museum für moderne Kunst, Weserburg. Und Barbara Zeizinger berichtet im Forum über unsere Präsenz auf der Frankfurter Buchmesse 2014 sowie über die Verleihung des Gerhard-Beier-Preises an unseren Mitstreiter Horst Samson.

Liebe Leserinnen und Leser, falls ich Sie mit meinen einleitenden Gedanken belastet oder sogar belästigt haben sollte, tut mir das leid, aber ich denke, dass eine freie Meinungsäußerung unserem Literaturleben nicht schaden kann. Mag sein, dass nicht alles so grau ist, wie es manchmal aussieht. Doch nichts zu sagen, das bringt nichts. Sich aber über irgendwelche Entscheidungen einiger Preisrichter zu ärgern, statt sich mit Literatur und Kunst zu befassen, das ist auch nicht richtig – das gebe ich an dieser Stelle offen zu. Es gibt Besseres zu tun.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, eine gute, versöhnliche Weihnachtszeit und einen gelungenen Start ins neue Jahr!

Herzlich,
Traian Pop

Es signiert:

• Esma Oniani • Dominik Irtenkauf • Jörg A. Henle • Ștefan Aug. Doinaș • Theo Breuer • Rainer Maria Gassen • Sabine Bentler • Uli Rothfuss • Mark Behrens • Elke Engelhardt • Rewas Twaradse • Edith Ottschofski • Ulrich Bergmann • Willi van Hengel • Rainer Wedler • Stefanie Golisch • Dieter Mettler • Wolfgang Schlott • Alex Judea • Christian Knieps • Traian Pop • Klaus Martens • Barbara Zeizinger •

Hans Bergel

Hans Bergel – biobibliographischer Steckbrief bergelhans0001

Geboren am 26.07.1925 in Rosenau, Siebenbürgen; erstes von vier Kindern des Lehrers Erich Bergel und der Katharina (Truetsch). Volksschule in Rosenau. Gymnasium in Sächsisch-Regen, Kronstadt, Hermannstadt, hier 1942 Ausschluss aus der Schule wegen antinazistischer Haltung. Herbst 1944 Verbindung zum bewaff­neten antikommunistischen Widerstand (bis 1947). Winter 1945 Flucht aus dem Sammellager der zur Depor­tation in die UdSSR ausgehobenen Deutschen. Bei Hirten in den Südkarpaten. 1945 Verhaftung des Vaters wegen Beihilfe zum Widerstand. 1946 Abitur. 1947 missglückter Fluchtversuch aus dem Land; ein Jahr Haft, Gruppenausbruch aus dem Gefängnis in Temeswar. 1948/49 Wehrdienst in Bukarest beim Armee-Sport-Club, Abt. Leichtathletik; Landesmeister und Rekordinhaber. 1950-56 im Ski-National-Team; Leiter eines Trainingszentrums in Kronstadt. Fernstudium, 1954 politisch erzwungener Abbruch, abermalige Ver­haftung. 1957-58 Kulturredakteur der „Volkszeitung“, Kronstadt. 1959 Verurteilung zu 15 Jahren: regime­feindliche Doppeldeutigkeit der Erzählung „Fürst und Lautenschläger“ (1957), „eines der seltenen Doku­mente der Widerstandsliteratur der 50er Jahre in Rumänien“ (Peter Motzan, 1995), 1964 aufgrund allgemeiner Begnadigung entlassen. 1964-68 Cellist am Musik-Theater in Kronstadt. 1965 Auswanderung der Ehefrau, der Kunstmalerin Susanne (Schunn), und der drei minderjährigen Kinder. 1968 Emigration zur Familie. In München 1969-1989 Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks, Chefredakteur der „Siebenbürgischen Zeitung“, 1989-2009 Mitherausgeber der „Südostdeutschen Vierteljahresblätter“ (seit 2006 „Spiegelungen“). Engagierte Journalis­tik im Zeichen der KSZE, Korb III, Schlussakte Helsinki 1975; im Auftrag des AA Verhandlungen in Buka­rest über Familienzusammenführung. Ausgedehnte Reisen. 1976-89 von rumänischer Regierung mit Einrei­severbot belegt. Seit 1986 zweite Ehe mit Elke (Raschdorf). Bergel lebt in Gröbenzell, Oberbayern, und Costermano, Veneto. Er ist Buchautor und Verfasser ungezählter Zeitungsartikel und Funksendungen, dazu Bei­trägen in über 50 Anthologien und ebensovielen Periodika des In- und Auslands sowie zahlreicher Vor- oder Nachworte (2015).

Balthasar Waitz

Balthasar
Balthasar Waitz, geboren am 18. August 1950 in Nitzkydorf, im Banat, Rumänien. Prosaautor, Übersetzer und Publizist. Studium der Germanistik-Romanistik in Temeswar. Deutschlehrer in Reschitza; darauf Redakteur der deutschen Tagezeitung NBZ Temeswar; der deutschen Literaturzeitschrift „Neue Literatur“, Bukarest. 1992-2006 Übersetzer und freischaffender Autor in Temeswar. Der Autor war Mitglied des deutschen Literaturkreises „Adam Müller-Guttenbrunn“ in Temeswar. 1985 unterzeichnete er gemeinsam mit den Autoren Herta Müller, Richard Wagner, William Totok, Johann Lippet, Horst Samson und Helmuth Frauendorfer einen Protestbrief der Banater deutschen Autoren an die RKP und die Leitung des Rumänischen Schriftstellerverbandes. Derzeit als Redakteur der deutschen Tageszeitung „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“ („Banater Zeitung“ in Temeswar) tätig. Der Autor ist Mitglied des Rumänischen Schriftstellerverbandes, des „Internationalen Exil-P.E.N. – Sektion deutsch-sprachige Länder“ und des deutschen Literaturkreises „Stafette“ Temeswar. Lebt in Temeswar/Rumänien. Texte in Anthologien in Rumänien und Deutschland: „So lacht man bei uns”, Kriterion Verlag 1989, „Heiteres Europa“, Rowohlt Verlag 1992, „Aufs Wort gebaut”, ADZ Verlag 2002, Stafette-Sammelbände 2007-2012. Buchveröffentlichungen: „Ein Alibi für Papa Kunze“, Dacia Verlag, Klausenburg, 1981; „Widerlinge“, Facla Verlag, Temeswar, 1984; „Alptraum“, Kriterion Verlag, Bukarest, 1996; „Krähensommer und andere Geschichten aus dem Hinterland“ im Verlag Cosmopolitan Art, Temeswar 2011. Übersetzungen: Dusan Petrovici „Erotica Hermetica/Die hermetische Erotik“, Übersetzung ins Deutsche, Hestia Verlag, Temeswar, 1994; Literaturpreise: 2011 erhielt Balthasar Waitz den Nikolaus-Berwanger-Literaturpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes, Zweigstelle Temeswar.

MATRIX 1/2015 (39) • Dieter P. Meier-Lenz

M39Stellen Sie sich mal vor: Egal ob die Information von einer Zeitung, einem Radiosender, TV-Programm oder Blog kommt – überall die gleiche Meinung. Stellen Sie sich dazu noch vor, dass keiner es merkt, zu merken scheint oder merken möchte. Alle haben sich damit arrangiert, alle können damit gut leben. Was soll da noch die Erinnerung an Zeiten, als es verschiedenste Meinungen und Ansichten zum gleichen Thema gab? Wohin mit den „edel, hilfreich und gut“ gesinnten Militanten, die ringsum in der Nachbarschaft die Briefkästen mit Flugblättern gespickt haben, die mit Bild und Adresse vor dem „Störfaktor unserer guten Nachbarschaft“ warnen, der ihrer Ansicht nach „zwischen uns keinen Platz“ habe? Wohin mit dem „Lügenpressevorwurf“? Wohin mit der ständigen Manipulation der Öffentlichkeit in großem Stil? Wohin mit den Whistleblower-Enthüllungen? Wohin mit den Verschwörungstheoretikern, die endlich kapiert haben, was „unseren“ Werten, Interessen und Rechten am besten dient? Eine Vorstellung lässt mir schon lange keine Ruhe: Jeder weiß, das Christus’ Opfer nur der Gipfel einer Pyramide von Opfern ist, die jeden Tag wächst und jede der alltäglichen Wachstumsprognosen (um auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben) in den Schatten stellt – aber keiner hat damit ein Problem. Dass diese Vorstellung Realität ist, will ich immer noch nicht wahrhaben. So viel Freiheit muss mir doch erlaubt sein. Ihnen auch, keine Angst. Probieren Sie’s! Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich ein total anderer Mensch bin, seitdem mir bewusst wurde, wie und was sich hinter der Freiheit verstecken kann.

Als Freiheit sehe ich auch die Entscheidung der Redaktion von „Charlie Hebdo“ an, die absolut passende Karikatur dieser Tage, die ihr sogar umsonst angeboten wurde, nicht zu veröffentlichen: das Bild mit dem französischen Präsidenten François Hollande, der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, den Staatschefs von etwa 40 weiteren Ländern sowie Vertretern eigentlich aller großen Weltreligionen beim „Republikanischen Marsch“. Dass dies nur ein Fototermin war, wissen angeblich alle. Vor allem jene, die sich lieber etwas anderes gewünscht hätten: einen Verzicht, zum Beispiel auf die kollektive Anreise, um die so eingesparten Reisekosten einem Fond zu spenden, der den Hinterbliebenen und den überlebenden Opfern zugute kommt. Genauso wie jene, die diese Inszenierung bewusst als Beweis für die fröhliche Nachricht sehen, dass unsere politischen Vertreter – Seite an Seite mit dem saudischen Außenminister und gemeinsam mit dem Volk – für eine freie Presse marschiert sind. Vielleicht ist es aber auch ganz anders gewesen. Man könnte genauso gut annehmen, dass diese Inszenierung nichts anderes als eine Falle für mögliche Attentäter war: dass die Elite dieser Welt sich selbst als Lockvogel zur Verfügung gestellt hat, um die Aufmerksamkeit potenzieller Attentäter von den Angehörigen und Freunden der Opfer abzulenken. Wie sähe es dann mit dem Thema „Mangel an Courage“ aus? Ah, ja, noch eine Verschwörungstheorie: dieses ewige „Wort des Jahres“, das uns immer wieder Hilfestellung gibt …

165 Jahre EMINESCU

Unter dem Motto „Und wenn die Wolken weiterziehen: 165 Jahre EMINESCU“ stellen wir in diesem Heft den in Rumänien überaus verehrten romantischen Dichter Mihail Eminescu vor, der mit seinem Werk Maßstäbe setzte für die weitere Entwicklung der rumänischen Literatursprache – mit einigen Übersetzungen sowie einem ausführlichen Essay von Christian W. Schenk. Simona-Grazia Dimas Beitrag „Eminescu, Schopenhauer, Veda“ rundet unser Gedenken mit eine Facette der heutigen Rezeption seines Werkes ab.

Dieter P. Meier-Lenz wird 85

Feiern – und zwar auf 118 Seiten – wollen wir in dieser MATRIX das Geburtstagskind Dieter P. Meier-Lenz, der 85 Jahre alt wird: „Ein großer Dichter ohne jede Attitüde“, wie unser Redakteur Rainer Wedler hervorhebt. Nicht nur mit seinen Gedichten, sondern auch mit einem kurzen Interview sowie einigen Essays, Prosabeiträgen und Bildern versuchen wir, Ihnen einen lebhaften Eindruck vom Autor und seinem Werk zu vermitteln.
Auf eine literarische Reise – „Zurück in die Zukunft der 1990er-Jahre“ – nimmt uns Theo Breuer in seinem Essay „Traumtänzer“ mit.

China auf der Suche nach der optima res publica?

Und Ulrich Bergmann setzt seine China-Fahrt fort und berichtet von der Suche dieses Staates nach der „optima res publica“.

„Das Schreiben ist meine Weise zu existieren“, räumt Dorthe Nors, eine dänische Schriftstellerin, die mit ihren Büchern gerade die Welt erobert, im Gespräch mit unserer Chefredakteurin Francisca Ricinski ein.
Michael Fruth und Willi van Hengel bestücken das Atelier mit gelungener Poesie und Prosa. Die Essays und Rezensionen von Ulrich Bergmann, Christine Kappe, Wolfgang Schlott, Uli Rothfuss, Christian Knieps und Elke Engelhardt füllen unser Bücherregal. Henri-Paul Campbell berichtet im Forum über den Deutsch-Arabischen Lyrik-Salon.

Und nicht zuletzt informieren wir Sie, dass unsere nächste MATRIX-Ausgabe, die dem bekannten Schriftsteller Richard Wagner gewidmet ist, kurz von der Leipziger Buchmesse erscheinen wird, wo sie am 15. März um 12.30 Uhr im Café Europa (Halle 4, Stand E401) vorgestellt wird. Übrigens finden Sie uns in wie im letzten Jahr in Halle 4, Stand E404. Folgende Autoren begleiten uns diesmal auf der Messe: Ilse Hehn, Steliana Huhulescu, Christine Kappe, Edith Konradt, Ioana Nicolaie, Franciska Ricinski, Barbara Zeizinger, Dato Barbakadze, Mark Behrens, Ulrich Bergmann, Benedikt Dyrlich, Eric Giebel, Wjatscheslaw Kuprijanow, Klaus Martens, Horst Samson, Bosko Tomasevic, Rainer Wedler und Karl Wolff. Den raffinierten Literaturliebhaber und -kenner Gert Weisskirchen konnten wir als Moderator gewinnen. Sie sind herzlich eingeladen, uns zu besuchen.

Ich hoffe, Sie sind neugierig geworden und wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr
Traian Pop

Es signiert:

• Michael Fruth • Jürgen Nendza •  Johann P. Tammen • Dieter P. Meier-Lenz  • Und wenn die Wolken weiter ziehn: 165 Jahre EMINESCU • Christian W. Schenk • Traian Pop • Simona-Grazia Dima • Dorthe Nors • Francisca Ricinski • Christoph Leisten  • Christian Knieps • Theo Breuer • Traumtänzer · Zurück in die Zukunft der 1990er Jahre • Elke Engelhardt • Ulrich Bergmann • Willi van Hengel • Rainer Wedler • Wolfgang Schlott • Barbara Zeizinger • Henri-Paul Campbell •

MATRIX 2/2015 (40) • Richard Wagner

MATRIX_40_A… wo es eine Literatur gibt,
da gibt es nicht diese Literatur einfach, sondern es gibt sie,
weil nach ihr verlangt wird … (143 Seiten mit und über Richard Wagner)

 

Wenn ich Sie aufforderte, das Editorial dieser MATRIX einem Psychiater vorzulegen, würden Sie lachen. Dennoch behaupte ich, dass diese „komische“ Gattung rasch ihre Funktion und somit ihre Existenzberechtigung verlieren kann. Doch lesen Sie zunächst die Geschichte und versuchen Sie erst danach, mir zu widersprechen.
Seit einigen Wochen arbeite ich intensiv an dieser Ausgabe, ohne einen Gedanken an das Editorial verloren zu haben. Nun ist das Heft fast fertig, und ich … schreibe das Editorial. Es soll, wenn möglich, soviel wie möglich über die Beziehung des Herausgebers zu den herausgegebenen Texten vermitteln und ungefähr so lang sein wie jenes der letzten Ausgabe. Um diesen Platz geht es eigentlich, obwohl bisher davon nie die Rede war. Und weil der vom Buchstabenhunger geplagte Editorial-Schreiber immer wieder unsere „Welt und ihre Dichter“ und unsere „Debütanten“ als Vorratskammer betrachtet und aus unserem „Atelier“ und unserem „Bücherregal“ genascht hat, sah ich mich veranlasst, auf diese Art von „literarischem Schengen-Raum“ zu verzichten. Das Editorial sollte also in Zukunft eine Pufferzone erhalten und durch einen Riesenzaun von Inhaltsverzeichnis und Inhalt getrennt werden. Gesagt, getan. Zehn Zentimeter breit und siebzehn Zentimeter lang. Nur stellte ich beim Nachmessen fest, dass von den zehn Zentimetern Breite höchstens acht übrig waren und die Länge sich sonderbarerweise auch um etwa drei Zentimeter verkürzt hatte. Denn das Problem lag woanders: Als die anderen Rubriken mein Vorhaben kapiert hatten, fingen sie an, sich zu wehren, weil ich mit Gewalt auf ihr Grundstück vorgedrungen war. „Der Titel da gehört mir“, meckerte das Inhaltsverzeichnis. „Und dieser Buchstabe da gehört mir“, warf mir das „Forum“ eine halbe Stunde später vor. Allerdings gibt es für solche Orte keine Landvermesser, und ich persönlich habe zwei linke Hände, wenn es um so etwas geht.
Hinzu kamen die Angst, nicht rechtzeitig fertig zu werden, und die noch größere Befürchtung, dass Autoren wie Leser dieser Ausgabe mit meinem Editorial nichts anfangen könnten. Wäre es besser, es ganz verschwinden zu lassen? Anscheinend ja. Doch was sollte dann mit den vielen Buchstaben, Wörtern und Sätzen geschehen, die schon über den Zaun hierher gesprungen waren? Erlauben Sie mir, zumindest einiges zu zitieren:

Der Aussiedler, der sich nach zwei Seiten behaupten muss: dem Einheimischen seine Zugehörigkeit weismachen und dem Ausländer den Unterschied erklären. (…)  Der Aussiedler kann nicht Einheimischer und will nicht Ausländer sein.

Die Auswanderung ins Zentrum ist stets auch eine Kapitulation vor der Unlösbarkeit der Widersprüche der Peripherie. Im Zentrum aber wird der Minderheitenschriftsteller bald erfahren, dass ihm sein Dilemma erhalten bleibt.

Im Westen für die Schublade schreiben, heißt für die westliche Öffentlichkeit     schreiben. Für alle, die nicht Einheimische sind, gibt es die entsprechenden Schubladen. Den Schlüssel zu den Schubladen hat der Literaturbetrieb.

Niemand entgeht der Frage nach der Landsmannschaft. Was für ein Landsmann sind Sie?

Als Ceausescu und ich 68er waren.

… die Behauptung, Solschenizyn sei im Lager womöglich Informant gewesen. Sie wird sogleich mit dem aktuellen Kundera-Streit assoziiert. Als sei Kundera als Informant in Erscheinung getreten. In beiden Fällen wurde nichts dergleichen bewiesen, die skandalöse Unterstellung aber ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Als Parkinson-Kranker hat man mehr Zeit als andere Leute, man ist halt langsam, wenn man aber langsam denkt, denkt man vielleicht auch Gescheiteres, als wenn man mal schnell etwas denkt.
Brennpunkt-Publizist, Ehrenmörder-Anwalt, Geldwirtschafts-kritiker, Kindheits-Dekonstruktivist, Koran-Versteher, Leuchter-report-Bibliograph, Listenplatz-Politiker, Polkappenforscher, Schiffbruchsphilosoph, Stalker-Therapeut“, die „zehn krisenfesten Berufe für arme Geister.

All diese Zitate stammen aus unserem Schwerpunkt, der diesmal Richard Wagner gewidmet ist. Nicht zu überlesen, wie er sein Banat …

jetzt / da ich es nur noch von außen zu sehen bekomme / von der Weltstadt aus / in die ich mich vor Jahrzehnten mit fliegender Fahne begeben habe / ist es / als läge das Banat weit draußen vor den Toren des Planeten

… nicht nur sieht, sondern uns allen schenkt. Genauso wie sein gesamtes Werk. Danke also, Richard, dass du uns die Texte zur Verfügung gestellt hast. Und vor allem, dass du tust, was du tust, und dass du bist, wie du bist. Dank auch an Horst Samson, der nicht nur die Verbindung zu Richard Wagner aufrechterhalten, sondern sich auch um die Zusammenstellung dieses Schwerpunkts gekümmert hat. Dank auch dem Institut für Kultur und Geschichte Südosteuropas in München für die Unterstützung und die Zusammenarbeit, die uns erlaubt, zu hoffen, dass in Zukunft weitere Projekte dieser Art zustande kommen.

Dankbar bin ich auch allen anderen Autoren, die den Schwerpunkt dieses Heftes mit schönen Beiträgen unterstützt haben, etwa Franz Heinz mit seinem Essay über „Die deutsche Seele“ oder György Dalos mit seinen Überlegungen zu „Richard Wagners Dilemma“ oder Olivia Spiridon und den Tübinger Studenten mit deren Stellungnahmen zu Richard Wagner am Rande eines Seminars im Wintersemester 2012/13.
Feiern wir also zusammen mit Richard Wagner den Sieg der Literatur und des gesunden Menschenverstandes auf fast 150 Seiten.

Blicke auf Brinkmann : Weiter und weiter machen in einer gu­ten Gegen­wart

Am 23. April 2015 jährt sich zum 40. Mal der Tag, an dem Rolf Dieter Brinkmann in London von einer Limousine erfasst und auf der Stelle getötet wurde – aus diesem Anlass lädt Theo Breuer Sie ein, „Blicke auf Brinkmann“ zu werfen mit dem Essay „Weiter und weiter machen in einer guten Gegenwart“. Boško Tomaševićs Gedichte runden „Die Welt und ihre Dichter“ ab, und Ulrich Bergmann setzt seine China-Fahrt fort und berichtet über „Mao Zedong – Der Lange Marsch und die Lyrik“. Klaus Martens, Horst Samson, Hellmut Seiler, Benedikt Dyrlich, Harald Gröhler, Ursula Teicher-Maier und Johann Lippet bestücken das „Atelier“ mit origineller Lyrik und Prosa. Die Rezensionen von Horst Samson, Wolfgang Schlott, Uli Rothfuss, Rainer Wedler, Gert Weisskirchen, Elke Engelhardt sowie sowie der Debütantin Julia Göricke nehmen neue Bücher unter die Lupe.
Nicht zuletzt informieren wir Sie, dass diese MATRIX-Ausgabe auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wird, wozu am 15. März, um 12.30 Uhr im Café Europa (Halle 4, Stand E 401) herzlich eingeladen sind.

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

Ihr
Traian Pop

Es signiert:

• Hellmut Seiler • Horst Samson • Richard Wagner und die Folgen • Johann Lippet • Franz Heinz • Theo Breuer • György Dalos • Boško Tomašević • Klaus Martens • Benedikt Dyrlich • Ulrich Bergmann •  Olivia Spiridon • Elke Engelhardt • Edith Ottschofski • Ursula Teicher-Maier •  Harald Gröhler • Rainer Wedler • Wolfgang Schlott • Gert Weisskirchen • Uli Rothfuss •

 

Matrix 3/2015 (41) • Nikolaus Berwanger


MATRIX_41_A
…Was würden wir rumänischsprachigen Schriftsteller / ohne die deutschsprachigen anfangen, / fragte sich Mariana Marin … (Wir sind frei), schrieb ich 1998, fünfzehn Jahre später.

Nikolaus Berwanger war damals für mich kein Unbekannter, aber er zählte nicht zu jenen, an die ich dachte, als ich am Schluss der Preisverleihung des Schriftstellerverbandes meinen Freund, den berühmten Literaturhistoriker und Kritiker Cornel Ungureanu, nach den nicht anwesenden deutschsprachigen Autoren fragte, ohne eine Antwort zu erwarten, denn allen war bereits klar, „dass die Deutschen uns für eine bessere Welt verlassen“: Den Anfang hatte doch schon der große Protektor Berwanger selbst gemacht. Ich war damals von den Texten der deutschen Kollegen begeistert – ohne Deutsch zu können –, da sie zum Großteil als Interlinearversionen für mich zugänglich waren. Dennoch wusste ich, dass sich hinter Berwangers prächtiger Gestalt, die mir ab und zu – dank meines Nebenjobs bei einer Literaturzeitschrift – über den Weg lief, viel mehr verbarg, als von außen zu sehen war: Mundartschriftsteller und höherer Parteifunktionär – echte Schimpfworte für uns, die wir gegen die Tradition und die Parteilinie schwammen –, dessen Position (mit den dazugehörigen Beziehungen) ihm ermöglichte, alles zu erledigen; ein Opportunist, der sowohl von den Deutschen (Westen inklusive) als auch von den Rumänen alles verlangte und bekam. Was für ein Kurzschluss, was für ein Irrtum!
Seine Texte sowie die Aussagen vieler Zeitzeugen, die Horst Samson – de facto Herausgeber dieser MATRIX-Ausgabe – hier gesammelt hat, bestätigen nun nicht nur, wie wichtig für mich und meine rumänischen, ungarischen, serbokroatischen Kollegen der Kontakt zu den deutschsprachigen war (lesen Sie dazu die Beiträge von Mária Pongrácz, Ildico Achimescu, Pia Brînzeu), sondern auch, dass ich ein besonders großes Glück gehabt habe, in der Nähe solcher Persönlichkeiten zu leben. Nun, da Nikolaus Berwanger in diesen Tagen 80 Jahre alt geworden wäre, versuchen wir – wie Richard Wagner, einer der besten Schriftsteller, die ich kenne, schreibt –, „etwas in Gang zu setzen“: „Es geht auch um die Lehren, die aus dem Blick auf das Leben eines Nikolaus Berwanger zu ziehen sind. Wenn ein Berwanger im Zeichen der Kontrolle und des Verbots etwas in Gang setzen konnte, so sollten auch wir, die wir jetzt im Zeichen der Verführung leben, der Manipulation, etwas bewegen können.“
Sie werden es uns bestimmt nachsehen, dass dieses Heft so umfangreich geworden ist – doch wenn wir alles, was wir zunächst sammelten, veröffentlicht hätten, wäre es mehr als doppelt so dick geworden. Wir hoffen, dass wir mithilfe der Texte von Nikolaus Berwanger, von den schon genannten beiden Autoren sowie von Karin Berwanger, Paul Schuster, Sigrid Eckert-Berwanger, Walter Engel, Eduard Schneider, Annemarie Podlipny-Hehn, Annemarie Schuller, Luzian Geier, Heinrich Lay, Hans Stemper oder Halrun Reinholz – neben Schriftstellern und Literaturwissenschaftlern haben sich auch Verwandte, Bekannte, Freunde und Leser zu Wort gemeldet – „etwas bewegen können“.

»Auswertung der Flugdaten« · Notizen zu Thomas Kling

Theo Breuer erinnert mit seinen „Notizen zu Thomas Kling“ an den vor zehn Jahren verstorbenen Dichter. Anlässlich von Axel Kutschs 70. Geburtstag am 16. Mai 2015 veröffentlichen wir – von Theo Breuer ausgewählt – sieben Gedichte aus „Versflug“, dem jüngst erschienenen neuen Gedichtband. Herzlichen Glückwunsch, Axel Kutsch! Und unser kürzlich gefeiertes Geburtstagskind Dieter P. Meier-Lenz stellt uns Lola vor: in einem Gespräch und acht Gedichten.

Daxue und Zhongyong – Die Große Lehre, Maß und Mitte

Mit „Daxue und Zhongyong – Die Große Lehre, Maß und Mitte“ sucht Ulrich Bergmann uns das von ihm erlebte China nahezubringen. Und Christine Kappe, Rainer Wedler, Eric Giebel, Wolfgang Schlott, Uli Rothfuss und Stefanie Golisch runden diese Ausgabe mit Essays und Bücherbesprechungen ab.

Am 13. April starb Günter Grass, kurz nachdem er es geschafft hatte, sein letztes Manuskript – keinen Roman, sondern ein Experiment, eine Mischung aus Prosa und Dichtung – „druckfertig“ zu haben. Der Abschied von einem deutschen Gegenwartsautor, der nicht nur mit seiner Literatur auch außerhalb Deutschlands für Wirbel gesorgt hat, erfolgte unterschiedlich – obwohl ausnahmslos unter dem Motto: „De mortuis nil nisi bene.“ Nun, da der politische Provokateur und künstlerische Workaholic nicht mehr da ist, bleibt uns – die wir ihn oft nur noch unter polemischen Stichworten von „Waffen-SS“ bis hin zu „Was gesagt werden muss“ und „Europas Schande“ wahrgenommen haben – zum Glück nichts anderes übrig, als seine Bücher erneut aufzuschlagen. Von der „Blechtrommel“, dem „Big Bang“ der deutschen Nach-kriegsliteratur, bis zu „Hundejahre“, seinem „ungelesensten“ Roman, wie Denis Scheck in einem Interview anmerkt: „Ich habe jedenfalls noch keinen Mitarbeiter des WDR getroffen, der weiß, dass das letzte Drittel von ,Hundejahre‘ im Wesentlichen von einem Redakteur des WDR handelt, der in Köln-Marienburg lebt und dort Talkshows moderiert. Und Grass war immer jemand, der sich der Medienwirklichkeit sehr früh bewusst war, und das auch literarisch reflektierte. Und lesen Sie mal das letzte Drittel der ,Hundejahre‘; das ist ein Roman über das Deutschland des Jahres 2015. Da kann man Gänsehaut bekommen.“
Schwer fällt uns auch, den Verlust von Hans Bender als unwiderrufliche Tatsache zu akzeptieren. Der Autor und Mitbegründer der renommierten Literaturzeitschrift „Akzente“ war zudem Herausgeber der „Konturen – Blätter für junge Dichtung“ sowie zahlreicher Anthologien, u. a. „In diesem Lande leben wir. Deutsche Gedichte der Gegenwart“ von 1978. „Das war das Logbuch, das war der richtungsweisende Band, wo man sich über die neueste Lyrikproduktion informieren konnte“, so DLF-Literaturredakteur Hajo Steinert.
Diese Ausgabe schließt mit zwei Texten von Theo Breuer im Gedenken an Hans Bender und Günter Grass.

Ihr
Traian Pop

• Horst Samson • Nikolaus Berwanger • Richard Wagner • Theo Breuer • Axel Kutsch • Dieter P. Meier-Lenz • Ulrich Bergmann • Karin Berwanger • Sigrid Eckert-Berwanger • Walter Engel • Eduard Schneider • Mária Pongrácz • Paul Schuster • Ildico Achimescu • Pia Brînzeu • Annemarie Schuller • Luzian Geier • Heinrich Lay • Annemarie Podlipny-Hehn • Hans Stemper • Halrun Reinholz • Christine Kappe  • Uli Rothfuss • Eric Giebel • Stefanie Golisch • Rainer Wedler • Wolfgang Schlott • Harald Gröhler • Rainer Wedler • Wolfgang Schlott • Gert Weisskirchen • Uli Rothfuss •

Matrix 4/2015 (42) • Hans Bergel

 

M_42 „… Was würden wir rumänischsprachigen Schriftsteller / ohne die deutschsprachigen anfangen, / fragte sich Mariana Marin … (Wir sind frei)“, schrieb ich 1998, fünfzehn Jahre später.

„In seinem Werk daheim“ Hans Bergel

Als ich diese Verse zu Papier brachte, dachte ich nicht an Hans Bergel, auch wenn ich ihn inzwischen kennengelernt hatte – indirekt, durch den ersten Übersetzer meiner Gedichte, Georg Scherg. Dies ist im vorliegenden Kontext natürlich unerheblich, und ich muss gestehen, dass ich ihn heute genauso wenig kenne wie sein Werk – denn die paar Bücher und Texte, die ich von ihm gelesen habe, ändern kaum etwas an dieser Tatsache. Allerdings war mir klar, dass sich eine MATRIX-Ausgabe unbedingt auch mit ihm auseinandersetzen sollte. Warum? Auf jeder Seite des über 250 Seiten umfassenden Teils zu Hans Bergel findet sich eine Antwort darauf – die bestimmt auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, entdecken werden: in den zahlreichen Gedichten und Prosastücken, in den Essays, Briefen, Tagebuchfragmenten und Privatfotos sowie Plakaten, Laudationes und Porträts, die um Hans Bergel kreisen.

„Mein Leitspruch, den ich mir seit Jahrzehnten täglich vorsage, gilt als sein berühmtester Satz. Er lautet – Sie wissen es –: ,Ich weiß, dass ich nichts weiß.‘ Das bedeutet für mich: Ich weiß, dass ich täglich von vorne beginnen und alles auf eine Karte setzen muss, ohne mir des Ausgangs sicher zu sein. Alles, was ich in meinem Leben wollte und über diese Stunde hinaus will, verstehe ich als Handwerker, dessen einziges Streben es ist, saubere Arbeit abzuliefern. Als ein Handwerker an der unbeschreiblich schönen deutschen Sprache.“

So Bergel über Bergel.

Dass – wie Horst Samson, der unermüdliche Redakteur des Schwerpunktes Hans Bergel, sein Geleitwort beendet – „,der Mann ohne Vaterland‘ […] nicht wirklich unbehaust, sondern […] buchstäblich in seinem Werk daheim [ist]“, ahnte ich bereits. Nun sehe ich mich also aufgefordert, ihn zu Hause in seinem Werk zu besuchen. Eingeladen hat er uns schon immer.

Besucht haben ihn auf jeden Fall einige unserer Zeugen seines Weges: Horst Samson, Peter Motzan, Ana Blandiana, Katharina Kilzer, Siegbert Bruss, Peter Paspa, Susanne Schunn, Leonid Balaclav, um nur einige zu nennen. Sonst hätten wir diese Ausgabe gar nicht zusammenstellen können.

In diesem Heft möchten wir Balthasar Waitz zum sechzigsten Geburtstag gratulieren mit einer kleinen Auswahl aus seinen sehr eindrucksvollen Gedichten sowie einem Essay von Cosmin Dragoste keiner hört sie keiner sieht sie über ihn und sein Werk.

Nikolaus Berwanger wäre in diesem Jahr achtzig geworden. Ergänzend zu unserer ihm gewidmeten Ausgabe (Nr. 41) veröffentlichen wir hier noch einen Essay über ihn von Cornel Ungureanu, einem der renommiertesten rumänischen Literaturkritiker.

…wohl nicht sein „letztes Gedicht“ Dieter P. Meier-Lenz

Am 01.07. starb Dieter P. Meier-Lenz, kurz nachdem er uns seine letzten Texte zur Veröffentlichung angeboten hat, die in der vorherigen Ausgabe erschienen sind. In dieser Ausgabe gedenken wir seiner mit einem Gedicht aus seinem letzten Band („hirnvogel. Ausgewählte Gedichte 1990–2014“. Mit 7 Zeichnungen von Brigitte Kühlewind Brennenstuhl, Pop Verlag, 2014), das mit folgenden Versen schließt:

„kein inhalt und ohne gewicht
und schon im entstehen zersprungen
so endet mein letztes gedicht“

Es war wohl nicht sein „letztes Gedicht“, sondern eines der letzten. Wir trauern um ihn – voller Dankbarkeit, ihn unter uns gehabt zu haben –, und nehmen uns vor, sein Werk weiterhin bekannt zu machen. Dazu trägt ein Text von Andreas Noga bei, der ihm – wie viele von uns – nahegestanden hat.

Politische Cartoons in Maos China

Mit seinem Beitrag „Politische Cartoons in Maos China“ führt Ulrich Bergmann eine weitere Facette des fernöstlichen Staates vor Augen. Unser „Atelier“ bietet diesmal Essays, Aphorismen, Gedichte und Prosa von Maximilian Zander, Stefanie Golisch, Franz Hofner, Katja Kutsch, Raluca Naclad und Herwig Haupt. Buchbesprechungen von Katharina Kilzer, Elke Engelhardt, Wolfgang Schlott, Andreas Rumler und Stefanie Golisch runden diese schon wieder überbordende Ausgabe ab – und eine Nachricht, die uns gerade aus Rumänien erreicht hat: Unsere Chefredakteurin Francisca Ricinski wurde zum „Botschafter der Poesie“ ernannt. Wir gratulieren und freuen uns schon auf ihre nächsten Beiträge!

Ihr
Traian Pop

Es signiert:

• Horst Samson • Hans Bergel • Peter Motzan • Dieter P. Meier-Lenz • Ana Blandiana • Renate Windisch-Middendorf •Peter Paspa • Cornel Ungureanu • Balthasar Waitz • Ulrich Bergmann • Cosmin Dragoste • Andreas Noga • Maximilian Zander • Stefanie Golisch • Franz Hofner • Katja Kutsch • Raluca Naclad • Herwig Haupt • Katharina Kilzer • Elke Engelhardt • Andreas Rumler • Wolfgang Schlott •

 

Horst Samson

horst samsonHORST SAMSON, *1954, im Weiler Salcimi (Baragan/Rumänien), Lehrer, Journalist, war Redakteur der Zeitschrift „Neue Literatur“ (Bukarest) des Rumänischen Schriftstellerverbandes und Sekretär des Literaturkreises „Adam Müller-Guttenbrunn“ der Schriftstellervereinigung Temeswar (Rumänien) von 1981 bis zur Auflösung des Kreises (Oktober 1984). 1985 mit Publikationsverbot belegt, 1986 von der Securitate mit Mord bedroht. Er emigrierte 1987 zusammen mit anderen Schriftstellern der Temeswarer Autorengruppe (Richard Wagner, Herta Müller, Johann Lippet, William Totok, Helmuth Frauendorfer) aus Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland, lebt heute in Neuberg, bei Frankfurt am Main.
Veröffentlichte neun Gedichtbände, unter anderem „Was noch blieb von Edom“ (1994) ,,La Victoire. Poem” (Lyrikedition 2000, München; Hrg.: Heinz Ludwig Arnold), „Und wenn du willst, vergiss“ (Pop Verlag Ludwigsburg, 2010); „Kein Schweigen bleibt ungehört“, 2013, Pop Verlag Ludwigsburg.
Gedichte in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften („Sinn und Form“, „Akzente“, ,,Das Plateau”, ,,Litfass”, ,,Die Horen”, „Matrix“, „Bawülon“ etc.).
Mitherausgeber: Salman Rushdie: „Die Satanischen Verse“, Artikel 19 Verlag; „Pflastersteine.  Literarisches Jahrbuch des Adam Müller-Guttenbrunn-Literaturkreises“, Temeswar/Rumänien.
Herausgeber: „Heimat – gerettete Zunge. Visionen und Fiktionen deutschsprachiger Autoren aus Rumänien“, 2013, Pop Verlag Ludwigsburg.
Mehrere Literaturpreise: u. a. Lyrikpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes 1981; Preis des Literaturkreises „Adam Müller-Guttenbrunn“ Temeswar 1982; Stipendiat des Deutschen Literaturfonds Darmstadt 1988/89; Nordhessischer Lyrikpreis 1992 der Europa-Akademie Eschwege, der Stadt Eschwege und des Werra-Meißner-Kreises; Förderpreis des Lyrikpreises Meran/Italien 1998; 2007 ausgezeichnet für „Das schönste deutsche Delfingedicht“ von der Gesellschaft zum Schutz der Delfine, der Zeitschrift „Das Gedicht“ (München) und Rewe-Touristik; Gerhard- Beier-Preis 2014 der Literaturgesellschaft Hessen.
Gedichte des Autors wurden ins Englische, Französische, Rumänische, Schwedische, Serbokroatische und Ungarische übersetzt.
Mitglied im Internationalen P.E.N. (2006-2014 Generalsekretär des „Internationalen EXIL-P.E.N. Sektion Deutschsprachige Länder“) und Mitglied im VS.

Arzu Alır

Arzu Alır*1973 in Patnos/Ağri in der Türkei. Sie studierte Bildungswissenschaften und unterrichtet in Ankara. Ihre Erzählungen und Gedichte wurden in zahlreichen Zeitschriften veröffentlicht. Sie hat zwei Gedichtbände publiziert: „Yalnizlik Üsür“ (Einsamkeit friert), Kül-Sanat Publishing, „Şeytan Gül dalina dönerse“ (Wenn Satan sich zum Rosenzweig beugt), Everest Publishing. „Die Sehnsucht in Alırs Poesie spiegelt die Schönheit des Gewissens.“ (Pakize Barista)

Josiane Alfonsi

In Frankreich geboren, besuchte sie die Französische Schule in Donaueschingen und das Gymnasium in Frankreich; Studium an der Universität Nizza (Literatur und Italianistik) sowie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen (Völkerkunde und Empirische Kulturwissenschaft). Sie lebt in Tübingen und ist seit 1990 vor allem in der südwest deutschen Literaturszene aktiv. Einzeltitel: Je suis – Du bist, Tübingen 1990; Kultur. Culture, Reicheneck 1997; Le temps du dire / Sagen-Zeit, Tübingen 1998. Texte in Anthologien: Zwischen den Zeiten. Zwischen den Welten. Berlin 1995; Die Lehre der Fremde. Die Leere des Fremden, Tübingen 1997. Auszeichnungen: Würth Literaturpreis der Universität Tübingen, 1997; Stipendium des Stuttgarter Schriftstellerhauses, 1999; Stipendium der Hermann Hesse Stiftung, Calw 2001.

Lieferbare Titel von Josiane Alfonsi: Poesie/poésie Zeitgenössische Dichtung aus Frankreich und Deutschland ISBN: 3-937139-00-1. 168 Seiten:14,5 × 20,5 cm. 14,00Eur[D]

Shahla Aghapour

Shahla Aghapour ist Autorin, Malerin, Bildhauerin und Performancekünstlerin. Sie wurde in Teheran (Iran) geboren, wo sie Kunst an der dortigen Freien Universität studierte. Seit 1976 war sie im Bereich Kunst und Kunsthandwerk tätig. Von 1980-1983 arbeitete sie als Journalistin für politische Zeitungen. 1986/1987 emigrierte sie aus dem Iran und lebt seit 1988 als freischaffende Künstlerin in Deutschland. 2000 begann sie ein Aufbaustudium an der Universität der Künste (UdK) Berlin, das sie 2003 als Master of Art (Art in Context) abschloss. Seit 2002 leitet sie künstlerisch-lyrische Projekte und Workshops und arbeitet als freie Dozentin in verschiedenen Kultureinrichtungen. Seit 2005 ist sie Mitglied des Iranischen Exil-P.E.N., seit 2007 Vorsitzende des Iranischen Exilschriftstellerverbands.

Shahla Aghapour veröffentlichte ihre Beiträge in verschiedenen iranischen und deutschen Zeitschriften, u.a. in der Welt am Sonntag, in der Anthologie „Brüche und Übergänge“ sowie im „Ge-Denkwerk home-homeless“. Viele ihrer Gedichtbände erschienen im Selbstverlag. Auf Persisch veröffentliche sie seit 2005 fünf Lyrikbände: zwei im AIDA Verlag Bochum, zwei im Forough Verlag Köln und einen im Ghesseh Verlag Teheran. Ihre Lesungen und Kunstausstellungen finden in zahlreichen Kultureinrichtungen statt.

Lieferbare Titel von Shahla Aghapour

Oliver Twist in Teheran. (LYRIK- Sammlung) ISBN: 978-3-937139-98-2;  Preis: 13,90 Euro.

Ledebur, Benedikt

Benedikt Ledebur, deutscher Schriftsteller, Essayist, Übersetzer und Heraus-geber. Geb. 1964 in München, lebt in Wien. Studium der Theologie in Fribourg, Datentechnik und Philosophie in Wien. Literaturkritik und Beiträge in Zeit-schriften wie Kolik, Wespennest, Neue deutsche Literatur, Schreibheft. 2002 Autorenprojekt im Literarischen Quartier Alte Schmiede, Wien: „Erkenntnis, Metaphysik und Dichtung“, Untersuchungen und Texte zu Giordano Bruno. Zahlreiche Texte im Netz. Buchpublikationen: Poetisches Opfer – Klagenfurt, Ritter 1998; ÜBER/TRANS/LATE/SPÄT – Paris, Onestarpress, 2001; Nach John Donne – Wien , Verlag der Pudel, 2004; genese, Düsseldorf 2008 u. a.

Beiträge in:

– MATRIX 36

MATRIX 1/2014 (35) • Mit und über Dato Barbakadse

 

M_35-1
Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Der teuerste Autor, den ich jemals veröffentlicht habe, ist einer – das muss ich vorausschicken –, der mich „verführt“ hat: Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren einer Person begegnet zu sein, die so charmant und vor allem so arglos wirkte. Sein Manuskript stand meinen Auffassungen und Ansichten teilweise entgegen: nicht unbedingt vom Inhalt her, trotz großer Meinungsverschiedenheiten zwischen Verleger und Autor, sondern von der Haltung her, von der Art des Umgangs mit eini-gen Personen. Als ich den Vertrag aufsetzte, fiel es mir ehrlich gesagt schwer, mir vorzustellen, wie dieser Band zwischen den anderen Titeln des POP-Verlags einen Platz finden könnte, doch ging ich davon aus, dass der Verkauf des Buches zumindest die Druckkosten decken würde. Dem Autor allerdings schwebte vor, dass sein Werk lediglich in 200 Exemplaren aufgelegt werden sollte, die er zudem selbst verteilen bzw. verkaufen wollte, und zwar nur an bestimmte Personen. Was mich betrifft, muss ich zugeben, dass mir – egal ob als Autor oder als Verleger – noch nie durch den Kopf gegangen ist, ein von mir veröffentlichtes Buch könnte in falsche Hände geraten. Und ich kann mir auch jetzt nicht vorstellen, wie ein Autor tickt, der sein Werk von höchstens 200 ausgewählten Personen gelesen wissen will. Doch kann man einen Verlag, der nur 200 Exemplare eines Titels druckt, überhaupt Verlag nennen? Und kann man einen Autor, der nur 200 Exemplare seines Werkes drucken lässt, um es selbst zu verteilen, überhaupt als Schriftsteller bezeichnen? Schade eigentlich, dass ich darauf so viel Zeit, Energie und Geld verschwendet habe – lieber hätte ich eine Ausgabe von MATRIX mehr herausgebracht.

Schreiben für den Elfenbeinturm?

Andererseits aber kann mich kein Verlust daran hindern, meinen teuersten Autor weiterhin zu mögen und ihm nur das Beste zu wünschen. Das versuchte ich ihm immer wieder zu vermitteln und ich bin mir sicher, er hat sehr wohl verstanden, was ich meinte, es aber nie gezeigt – wer weiß warum. Als eine von uns beiden sehr geschätzte Autorin starb, sagte er mir: „Na ja, Traian, möge Gott sie in Frieden ruhen lassen, nachdem sie nun das Fegefeuer hinter sich hat – wie auch wir anderen, die schreiben, da durch müssen.“ Jetzt, wo er alles von ferne sieht, will ich ihm noch einmal für seine eigensinnigen Worte und Taten danken und ihn bitten, mir zu vergeben, dass ich nicht immer in der Lage war, seine Signale ohne Weiteres zu verstehen.
Es gibt – und das ist auch gut so, meine ich – Literaturen und Literaturen, Autoren und Autoren, Verlage und Verlage, Zeitschriften und Zeit-schriften. Denn zwischen, sagen wir, einem Autor, der nur an sein Werk denkt, und einem, der mehr an seinem Image und Erfolg arbeitet, lässt sich – nicht immer, aber immer wieder – ein komischer Unterschied feststellen: Während der Letztere nie kapituliert, begeht der Erstere quasi Selbstmord, indem er sich in einem Elfenbeinturm einmauert, aus dem er nur dann heruntersteigt, wenn nichts mehr geht oder der Zufall, das Glück bzw. ein Mäzen ihm gewogen ist. Lauter vielversprechende Geschichten, aber mit einer kaum beleuchteten Kehrseite … Na ja, jeder stirbt auf seine eigene (Sprech-)Weise und für sich allein.

Dato Barbakadze – Ein Leben für die (deutsche) Literatur

Und nun zu unserer jetzigen Ausgabe, zu der ich mit zwei Zitaten überleiten möchte. „Sie funktionieren alle nicht – weil niemand den Mut hat, wirklich zu helfen“, meinte Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt zu den Euro-Rettungsmechanismen. Und unser Autor Dato Barbakadze äußerte zu seinem Leben als Schriftsteller: „Ich denke nicht selten, was wäre, wenn nicht meine Freunde neben mir stünden, die meine Texte schätzen und ein starkes Gerechtigkeitsgefühl haben. Die relative Ruhe, die ich zurzeit genieße (ich weiß nicht, wie lange sie andauern wird), ist nicht durch die Logik der Entwicklung der georgischen Kultur verursacht, sondern dank meiner Freunde.“ Danke, Dato, und Dank auch an deine wie an meine Freunde, die uns erlauben zu hoffen, dass unsere literarische Welt besser ist/wird als die heutige Europäische Union.
Dato Barbakadze lebt in Europa, genauer gesagt in Georgien, und ist nicht nur ein hervorragender Dichter, sondern auch ein richtiges Arbeitstier: Er beutet sich selbst aus (klingt bekannt, oder?), um die deutsche Literatur in Georgien bekannt zu machen. Inwieweit aber der deutsche Literaturbetrieb oder die georgischen Literaturliebhaber ihm dabei behilflich sein werden, ist noch offen. „Das Interesse für das Projekt (Österreichische Lyrik des 20. Jahrhunderts in dreißig Bänden, davon elf schon veröffentlicht, als Teil eines größeren Traums: Die deutschsprachige Lyrik des 20. Jahrhunderts in achtzig Bänden, Anm. d. Red.) ist in literarischen Kreisen Georgiens sehr hoch. Das betrifft die Hochschulen und die junge Generation. Ich verdiene daran nichts, ich verschenke die Neuerscheinungen der Reihe immer an staatliche Bibliotheken in Georgien oder leihe sie einzelnen interessierten Menschen aus. Es funktioniert also ein illegales Bibliothekssystem für diese österreichische Reihe“, so Dato Barbakadze. „Für einen Dichter gibt es eine einzige Moral: seiner Heimat, also der Kunst, treu zu bleiben und durch die Arbeit zu versuchen, einen Ort in dieser Heimat zu finden“, schreibt er an anderer Stelle. Und: „Die verschiedenen Sektoren des kulturellen Lebens, jede Art der totalen Unrationalität und jede ekelhafte Fiktion wird immer durch die instabile politische Lage erklärt.“ Haben wir Ihr Interesse geweckt? Dann freuen wir uns, Ihnen mehr als achtzig Seiten mit und über Dato Barbakadze ankündigen zu können.

Kulturzentren, großen Musikern und der Lyrik unserer Zeit

„Die Welt und ihre Dichter“ bringt neue Texte von PAPI Emilian Roş-culescu, der sich seit 2009 um Aufbau und Betreuung eines Kultur-zentrums „Auf dem Berg der Wölfe“, wie er selbst sagt, im Banater Berg-land in Rumänien kümmert, sowie Texte von der französischen Seite der Pyrenäen, wo uns Dieter P. Meier-Lenz „am bildrand des morgens“ teilhaben lässt. Gedichte von Maximilian Zander und ein Auszug aus dem Roman „Auch die Brombeeren haben keine Bedeutung mehr“ von Rainer Wedler runden den literarischen Teil ab. Und mit „Welt-Atems Schwellgesang“ von Ulrich Bergmann feiern wir den 200. Geburtstag Richard Wagners.
Wie versprochen, berichtet Benedikt Dyrlich über die Proteste von 1988, als es um die Erhaltung osteuropäischen Kulturgutes ging. Lesen Sie also ab Seite 123 „Gegen Raubbau und Umsiedlung. Hintergrund eines Protestes“ und ab Seite 135 „Klitten bleibt stehen“.
Ines Arnemann schmückt mit ihren Zeichnungen nicht nur Bücher (u. a. den frisch erschienenen Band „in der falle“ von Benedikt Dyrlich), sondern auch unsere MATRIX-Ausstellung.
Theo Breuer stellt mit „Nahtwort Tatort. Ein Satz zu Lyrik und Prosa im deutschen Sprachraum 2013“ sein literarisches Lesejahr vor. Und mit den Rezensionen von Wolfgang Schlott, Andreas Noga, Rainer Wedler und Francisca Ricinski, dem Essay von Sander Wilkens, der diesmal unsere Rubrik „Kunstparkett“ bestreitet, sowie unserem Forum, das den Unter-stützern der Briefe des Sorbischen Künstlerbundes an Bundeskanzlerin Merkel und Wirtschaftsminister Gabriel gilt – wie auch all jenen, die noch nicht dabei sind –, endet die Reise dieser MATRIX-Ausagabe.
Zum Schluss laden wir Sie herzlich ein, den Ausstellungsstand und die Veranstaltungen unseres Verlags auf der Leipziger Buchmesse zu besuchen. Wir sind wie immer in den letzten Jahren ganz leicht zu finden: in Halle 4, gegenüber dem „Literaturcafé“.
Viel Vergnügen beim Lesen wünscht Ihnen
Ihr Traian Pop

Es signiert:

• Ludwig Legge  • Lyn Coffin • Dato Barbakadse • Oguz Tarihmen •
• Ulrich Bergmann • Dieter P. Meier-Lenz • PAPI Emilian Rosculescu •
• Rainer Wedler • Ines Arnemann • Benedikt Dyrlich • Andreas Noga •
• Uli Rothfuss • Dominik Irtenkauf •  Maximilian Zander • Theo Breuer •
• Sander Wilkens • Sam Hamill •  Francisca Ricinski • Wolfgang Schlott •

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Magnet, René

Magnet-1René Magnet, *1983 in Graz, Österreich, studiert an der Karl-Franzens Universität Graz Ger-manistik und Geschichte. Obwohl er schon einige literarische Arbeiten verfasste, ist dies seine erste Publikation. Er arbeitete 10 Jahre im Bereich Elektronik und machte danach das Abendabitur nach.

Pop, Traian Traian

Traian Pop Traian, 1952 Kronstadt//Rumänien. Mitglied des deutschen P.E.N.-Zentrums und des VS. Zahlreiche Preise, u.a. Preis des Rumänische Schrifstellers-verband, Temeschwar 2002. Viele Veröffentlichungen. Zuletzt: Schöne Aussichten (2005), Die 53. Woche (2012). Seit 1990 lebt er in Ludwigsburg.

Rothfuss, Uli

Uli Rothfuss, Professor für Poetik und Kulturwissenschaften und Schriftsteller, Mitglied im Internationalen PEN, Vorsitzender der Europäischen Autorenvereinigung Die KOGGE. Rektor der Akademie Faber-Castell, Stein/Nürnberg. Lebt in Calw im Schwarzwald.

Aslanov, Vougar

Vougar Aslanov, *1964 in Aserbaidschan. Studium der aserbaidschanischen, russischen, europäischen und amerikanischen Literatur an der Staatsuniversität von Baku. Redakteur bei mehreren Zeitungen in Baku und Autor zweier in Baku veröffentlichten Erzählbändern. 1998 emigriert er nach Deutschland. Studium der slawischen Philologie, Film – und Theaterwissenschaft an den Universitäten Mainz, Frankfurt und Gießen. Freier Mitarbeiter der Frankfurter Neue Presse und der Nachrichtenagentur aus Berlin n-ost Osteuropa, mit Berichterstattungen, für die Bereiche Kaukasus, Zentralasien und Russland. Seit 1999 engagiert in verschiedenen Richtungen beim Pen-Zentrum Deutschland und auch beim dessen Komitee Writer in Prison. Veröffentlichungen auf Deutsch: Auf den Baumwollfeldern, (Hörbuch, München, 2004  u. gleichnamiger Erzählband, Berlin, 2007), Die verspätete Kolonne, Berlin 2012. Preise: Förderpreis der Hessischen Filmförderung für das Drehbuch Dianas Bediener.

Wälisch, Wanda

Wanda wällisch debütDie momentan Sechzehnjährige schrieb als Kind sehr gern kleine Gedichte und hatte viel Spaß beim Erfinden von Geschichten, die sie noch lieber niederschrieb. Deswegen war ihr Lieblingsfach in der Grundschule und Mittelschule immer Deutsch und auch jetzt, wo sie auf das Berufliche Gymnasium für Agrarwirtschaft und Ernährung Dresden in die 11. Klasse geht, ist ihre poetische Ader wiedergekehrt. Diese fand besonders in der Mitte der 10. Klasse ihren Weg in das Herz von Wanda. Sie liest gern Gedichte und Jugendliteratur, in denen es auch um die möglichen Zukunftsvisionen unserer Welt geht. Zurzeit verfasst sie Gedichte.

Schlott, Wolfgang

Wolfgang Schlott, *1941 in Suhl/Thüringen. Studium der Südslawistik, Bohemistik, Soziologie, Filmästhetik, Kunstgeschichte, Latinistik in Bremen, Münster. und Konstanz. Kultur- und Literaturwissenschaftler an der Forschungsstelle Osteuropa und Dozent an der Universität Bremen, Präsident des Exil-P.E.N. Club deutschsprachiger Länder. Zahlreiche Veröffentlichungen. Zuletzt: Die Laubenpieper. Botschaften aus dem Garten Eden, Bremen 2010, Leben in Zeiten der Revolte, Roman, Berlin 2012.

Schmincke, Susanne

Susanne Schmincke, *1955 in Northeim, selbständige Zahnärztin in Koblenz, schreibt überwiegend kurze Prosa, Vorstandsmitglied bei der Literaturzeitschrift Dichtungsring in Bonn und Redaktionsmitglied bei Matrix, Ludwigsburg, dort auch Veröffentlichungen, Lesungen und Anthologie mit der Autorengruppe Brückenschreiber.

Wedler, Rainer

Rainer Wedler, Jg. 1942, fuhr nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika. Promotion über Burleys „Liber de vita“. Lyrik, Kurzprosa, Roman. Bisher sind sechzehn Titel erschienen, zuletzt die Prosasamlung Es gibt keine Spur. Zahlreiche Beiträge in verschiedenen Literaturzeitschriften, u.a. in Allmende, Die Horen, Das Gedicht, Neue deutsche Literatur, Matrix, Bawülon… Mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Preis des Rilke-Festivals Sierre. Wedler ist Mitglied des deutschen PEN.

Faust, Marcel

Marcel Faust, * 1986. Veröffentlicht u.a. wissenschaftliche Artikel zu den historischen sozialen Bewegungen, zuletzt in „Syfo“ Jahrbuch des Instituts für Syndikalismusforschung.

Martens, Klaus

Klaus Martens, *1944 in Kirchdorf / Niedersachsen, lebt in Saarbrücken und Urshult (Schweden) und arbeitet seit Jahrzehnten als Lyriker, literarischer Übersetzer und Literaturwissenschaftler. Letzte Lyrikveröffentlichungen: Das wunderbare Draußen (2010), Was Musik macht (Sonderheft Decision 2010), Alter Knochen spricht (2011), Schwedenbuch (Lyrik, Prosa, Fotos von J. Martens, 2011), Abwehrzauber (2012), Siebenachtel Leben, 2013. A Restatement of Dreams – ein Gedichtbuch in englischer Sprache – erschien 2014. Martens’ langes Gedicht Die Fähre (1995, 2006) wurde von Shun Suzuki ins Japanische, weitere Gedichte von Muriel Cormican ins amerikanische Englisch übersetzt. Martens ist der Übersetzer und Herausgeber lyrischer Werke und Werkausgaben von John Ashbery, Elizabeth Bishop, F.P. Grove, Thomas Lux, Christopher Middleton, Charles Simic, Wallace Stevens, Dylan Thomas und Derek Walcott, neben anderen.  Mitglied im P.E.N. Deutschland und im VS.

Kutsch, Katja

Katja Kutsch, *1976 in Aachen, lebt in Hürth. 2007 erschien der Erzählband Schützenfest, 2013 der Roman Song für Song; Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften sowie Filmkritiken im Internet; zwei Literaturpreise für Erzäh-lungen. Katja Kutsch ist die Tochter von Axel Kutsch.

Coles, Katharine

Katherine Coles, Author, Poet, Salt Lake City, Utah, 1 June 2009

Katharine Coles, *lebt in Salt Lake City alsProfessorin für Kreatives Schreiben und Literatur an der University of Utah. Sie ist die Gründungsdirektorin des Harriet Monroe Poetry Institute der Poetry Foundation in Chicago und hat mehrere Preise erhalten, darunter ein Stipendium der Guggenheim Foundation. Ihre Gedichte sind ins Chinesische und Holländische übersetzt worden. Bisher hat Sie folgende Gedichtbänder veröffentlicht: The One Right Touch (1992), A History of the Garden (1997),The Golden Years of the Fourth Dimension (2001), Fault (2008), The Earth Is Not Flat (2013). Zu ihren Werken zählen zwei Romane: The Measurable World (1995) und Fire Season (2005).

Die in MATRIX Nr.2/2014 (36) vorliegenden Gedichte entstammen Katharine Coles’ bemerkenswertem Band The Earth Is Not Flat (2013). Coles konnte 2010 per Schiff auf den Spuren des englischen Forschers Ernest Shackleton durch die Drake Passage zum Südpol reisen, wo sie sich, als Stipendiatin des Antarctic Science and Writers Program der National Science Foundation, einen Monat in einer Forschungsstation im Eis aufhalten konnte. Die Gedichte nehmen die extreme Fremdheit dieser Welt auf und versuchen, sie zur Person und den Erfahrungen der Dichterin in Beziehung zu setzen. Katharine Coles macht sich dabei verschiedene lyrische Formen und Techniken zunutze, darunter das aus Textfragmenten zusammengesetzte Cento.

Lippet, Johann

Johann Lippet wurde 1951 in Wels/Österreich geboren, wohin es seine Eltern in den Wirrnissen mit Ende des II. Weltkrieges verschlagen hatte. 1956 kehrte die Familie in das Geburtsdorf des Vaters im Banat, Rumänien, zurück. Nach dem Studium der Germanistik/Rumänistik in Temeswar war Johann Lippet mehrere Jahre als Deutschlehrer tätig, von 1978-1987 als Dramaturg am Deutschen Staatstheater Temeswar. Nach seiner Ausreise 1987 Ausübung verschiedener Tätigkeiten u.a. für das Nationaltheater Mannheim sowie für die Akademie für Ältere und die Stadtbücherei Heidelberg. Johann Lippet wurden mehrere Preise und Stipendien verliehen. Seit 1998 lebt er in Sandhausen bei Heidelberg als freischaffender Schriftsteller. Zahlreiche Veröffentlichungen.

Lieferbare Titel:

Migrant auf Lebzeiten, Roman (EPIK- Sammlung) 226 Seiten, ISBN:  978-3-937139-56-2 Preis: 15,90 €

Dorfchronik, ein Roman, (EPIK- Sammlung) 789 Seiten, ISBN:  978-3-937139-99-9 Preis: 25,90 €

Der Altenpfleger, Zwei Erzählungen. (EPIK- Sammlung) 259 Seiten, ISBN:  978-3-86356-012-6 Preis: 13,20 €

 

Tuchfühlung im Papierkorb. Ein Gedichtbuch.(Lyrik- Sammlung) 168 Seiten, ISBN:  978-3-86356-034-8 Preis: 17,20 €

BAWÜLON – Süddeutsche MATRIX für Literatur und Kunst, Nr. 4/2011 (4). 114 Seiten, ISSN: 2192-3809; Preis: 7,00 Euro.  Johann Lippet 60 Johann Fischart • Renarius Flabellarius (Fischart-Fan, id est Rainer Wedler) • Hellmut Seiler • Johann Lippet *„Wir werden wie im Märchen sterben“, Aktionsgruppe Banat * Dieter Scherr • Safiye Can • Norbert Sternmut •     Ferdinand Wedler • Carsten Piper • Uli Rothfuss • Rainer Wedler • Henning Schönenberger • Barbara Zeizinger u.a.

Bruchstücke aus erster und zweiter Hand. Roman. (Lyrik- Sammlung) 251 S ISBN:  978-3-86356-050-8 Preis: 15,00 €

Horst Samson (Hrsg.):  Heimat – gerettete Zunge.Visionen und Fiktionen deutschsprachiger Autoren aus Rumänien. Eine literarische Begegnung. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Wolfgang Schlott. (UNIVERSITAS Sammlung) 373 S. ISBN:  978-3-86356-051-5, € [D] 25,–

Zinkant, Hendrik

Hendrik Zinkant, *1969 in Hamm, lebt in Werther bei Bielefeld.. Studium der Germanistik, Geschichte und Publizistik in Münster. Seit 2002 als  Lehrer in der Erwachsenenbildung tätig. Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Zuletzt: Die Kuh (Geschichte) in „Sterz“ (Österreich).

Ottschofski, Edith

Edith Ottschofski, freie Journalistin und Autorin. Eigene Publikationen: „der schaum der wörter“, Gedichte, Johannis-Reeg-Verlag, 2010; außerdem zahlreiche literaturkritische Beiträge in Zeitschriften und Zeitungen, Features und andere Hörfunk-Beiträge. Mit-Herausgeberin bei Trioton, u.a. der CD Hans Bergel: „Wenn die Adler kommen“; Matthias Biskupek: „Höhnische Landschaften“; Alain Jadot: „Ich habe Bonbons mitgebracht“.

Bender, Hans

Hans Bender_1Hans Bender, * 1919 in Mühlhausen/Kraichgau, lebt in Köln. Er verfaßt Aufzeichnungen, Gedichte, Kurzgeschichten und Romane, in den letzten Jahren in erster Linie Vierzeiler. Zahlreiche Einzeltitel seit 1951, zuletzt Wie es kommen wird. Meine Vierzeiler (Hanser, München 2009), O Abendstunde. Ausgewählte Gedichte (Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2011) und Auf meine Art. Gedichte in vier Zeilen (Hanser 2012). Hans Bender war Mitbegründer und langjähriger (Mit-)Herausgeber der Literaturzeitschrift Akzente und edierte wegweisende Anthologien, darunter Mein Gedicht ist mein Messer (1955/1961), Widerspiel (1961), In diesem Lande leben wir (1978) und Was sind das für Zeiten (1988).

Frings, Gabriele

Gabriele Frings, *1966, lebt in Bonn. Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Theologie in Bonn, Berlin, Innsbruck, Rom; DFG-Stipendiatin; Dozentin für Deutsch als Fremdsprache; freie Lektorin; Redakteurin/Rezensentin; Lyrikerin. Zahlreiche Veröffentlichungen seit 2012 in Literaturzeitschriften und Anthologien, auf Poetenladen und Fixpoetry. Einige Preise und Auszeichnungen für Lyrik.