MATRIX 4/2016 (46) • Badri Guguschwili • Mich auf jeden Fall, nicht! •

MATRIX_46_ASie bekommen nun eine – leider – verspätete Ausgabe einer unserer Zeitschriften MATRIX oder BAWÜLON. Es ist eine aktuelle Ausgabe, auch wenn auf dem Cover 2016 steht. Der Grund: die Reihenfolge sollte nicht unterbrochen werden. Ich hatte immer gedacht, dass ich über das, was ich tue, was ich will und was ich muss, selbst entscheiden kann. Nun aber gibt es im Leben Situationen, die uns lehren, dass es so einfach nicht ist. Im letzten Jahr war ich durch eine plötzliche Erkrankung quasi zum Zuschauer meiner eigenen Hilflosigkeit geworden. Statt meinen verlegerischen Verpflichtungen nachzugehen, musste ich für längere Zeit im Krankenhaus und in der Reha zubringen. Jetzt aber arbeiten meine Kollegen und ich mit Hochdruck daran, die verspäteten Ausgaben fertigzustellen und den normalen Erscheinungsrhythmus wiederherzustellen. Ich bitte Sie und meine Redaktionskollegen um Pardon für die Verspätungen und hoffe, Sie bleiben uns weiterhin treu. 
Dass Dichter-zu-sein nicht leicht war, ist und wird, dachte ich schon immer. Dass ein System oder eine Gesellschaft dich als Dichter entweder unterwürfig macht oder dich tötet oder, wie Bela Tsipuria plastisch schreibt, dich erst unterwürfig macht und dann tötet, ahnte ich auch. Mehr noch hielt und halte ich für normal,dass ein Dichter sich nicht unbedingt geliebt oder erwünscht fühlt und ihm dies alles bewusst ist. Und dennoch, es tut mir physisch weh, wenn ich diese Verse lese:

„sie alle
wissen, wen genau sie brauchen!
Mich auf jeden Fall, nicht!“

Ich hätte ihm gern widersprechen wollen. Ein erster Versuch liegt Ihnen vor: Mehr von und über Badri Gugushvilli, ein georgischer Dichter, der uns Menschen sehr geliebt hat, können Sie ab Seite sieben lesen.

„Ich entdeckte sie wieder in meinen alten Tagebüchern. Und diese Exilgedichte nach dem ersten Schock und meiner Flucht aus Deutschland nach Italien schienen mir eine Rarität in meinem Werk zu sein“, schrieb mir Dieter Schlesak. Er erlaubte uns einen ersten „archäologischen“ Blick in sein Lyrik-Archiv, aus dem wir  einige Gedichte aus den 70er-Jahren für Sie ausgewählt haben.

„… an den Fahnenstangen fault die Wut“, heißt der neueste Gedichtband des unermüdlichen Kämpfers für Wahrheit und Gerechtigkeit William Totok. Zusammen mit Mariana Codrut, Christine Kappe,Lenka und Peter Frömming ergänzt er glücklicherweise unser Lyrikfest.

Benedikt Dyrlich, der zwischen und in zwei Sprache lebt und schreibt, erklärt uns … „Das Sorbische profitiert vom Deutschen, wie das Deutsche Impulse aus der sorbischen Sprache aufgenommen hat…“.
Und Ulrich Bergmann setzt seinen China-Bericht fort mit „Der Schrei – Ein expressionistisches Gedicht vor 1200 Jahren“.

Gudrun & Karl Wolff haben sich nach einer langen „Reise ins Morgen-Land“ wieder gemeldet. In einigen Essays, Reportagen und Geschichte(n) berichten sie über Ethos und Ethnogenese der Tataren vom Wolgabulgarischen Reich bis zur Republik Tatarstan, über Identitäts-und Sprachverlust, über Marina Zwetajewas Grab in Jelabuga (Patriarch Alexij II., 1990: „Die Selbsttötung Marina Zwetajewas ist einem Mord durch das Regime gleichzusetzen“) und über „Der Silicon-Valley-Spirit“, „Sonderwirtschaftszone Alabuga“ und „IT-Stadt Innopolis“.
„Verwandeln uns Kleider auch? Das Tragen ebenso, wie die Verzierung derselben?
Kleider sind mehr als nur Schutz vor Kälte und Sonne. Sie können eine symbolische Funktion (u. a. Totenhemd, Brautkleid, Priesterhemd) ausüben oder auf eine soziale und kulturelle Zugehörigkeit hinweisen. Unsere Kleidung ist immer Teil des Bildes, das wir oder andere von uns machen. Bei meinem Projekt DAS KLEID veränderten sich die Frauen im fertig bestickten Kleid. Sie wurden schweigsam und ihre Bewegungen verlangsamten sich. Ihr Auftritt bekam etwas Würdevolles, fast Majestätisches.“
Gefragt hat Elke Engelhardt, beantwortet: Elisabeth Masé. Ihr neues Projekt „DAS KLEID“ bestückt die Räume der MATRIX-Ausstellung dieser Ausgabe.

Die Rezensionen von Wolfgang Schlott, Stefanie Golisch, Mark Behrens, Rainer Wedler und Uli Rothfuss berichten wie immer über einige, in letzter Zeit erschienene Bücher, u.a von Ursula Teicher-Maier, Tatjana Kuschtewskaja, Hans-Jörg Dost, Eric Giebel und Rainer Wedler.

Ich hoffe, Sie werden eine anregende Lektüre haben.

Ihr
Traian Pop

Es signiert:

• Christine Kappe • Badri Guguschwili • Mich auf jeden Fall, nicht! • Bela Tsipuria • Wolfgang Schlott • Mariana Codruţ • William Totok • Dieter Schlesak • „Lyrikarchäologie“ • Mark Behrens • Benedikt Dyrlich • Gudrun Wolff • Karl Wolff • Rainer Wedler • Lenka • Uli Rothfuss • Elke Engelhardt • Elisabeth Masé • DAS KLEID • Peter Frömmig • Holger Benkel • Stefanie Golisch • Ulrich Bergmann • Die Monde der gelben Mitte •

MATRIX 3/2016 (45) • MaximilianZander • Bericht zur Lage •

MATRIX_45_AIn absehbarer Zeit könnte die Welt anders aussehen, das heißt „erdoganisiert“, um einen guten Freund aus der Türkei zu zitieren. Nur hat mein Freund damals an eine „erdoganisierte“ Minderheit gedacht, heute geht es um eine übergroße erdoganisierte Mehrheit, eine antikritische und antidemokratische Mehrheit, die sich gegen alle Minderheiten wendet.
Vordem undenkbar, entfaltet sich heute eine konservative Revolution gegen alle zivilisatorischen Werte. All dies ist eingebettet in der sogenannten postfaktischen Ära. „Die Toten haben damit begonnen, sich zu fürchten“, hat ein rumänischer Dichter in Zeiten des faschistoiden Kommunismus geschrieben. Was würde er heute schreiben?
Können wir überhaupt etwas gegen diese trügerische „Normalität“ unternehmen? Können wir es uns leisten zu schweigen, uns nicht einzumischen? Das ginge nur, wenn sich die demokratischen Kräfte fest zusammenschlössen. Dagegen sehe ich nur Feigheit, Kollaboration und dumpfe Gleichgültigkeit. Ich setze aber große Hoffnungen in Künstler, Schriftsteller und Denker, in eine Elite im gramscianischen Sinn. Ich träume von einer aufgeklärten Jugendrevolte gegen die Welt, die eigentlich ihr gehören soll. So gesehen fühle ich mich noch immer jung.  
 
Das Gedicht „Zehn Verbote“ von Theo Breuer spiegelt auf frappierende Weise die augenblickliche Situation in der Türkei Erdogans. Viele Texte dieser Ausgabe passen wie bestellt zu diesem Problemfeld.

„Ich habe zu Max Zanders Gedichten nie etwas geschrieben“, schrieb mir der Autor der „Zehn Verbote“, als ich eine „Umfrage“ zu Zander gemacht habe. Und Breuer weiter:
„Wir haben seit vielen Jahren etwa einmal im Monat stundenlange telefonische Literaturgespräche geführt. Wenige Wochen vor seinem Tod wollte ich – gleichsam außer der Reihe – über die Möglichkeit einer ihm gewidmeten Matrix-Ausgabe sprechen, wozu es allerdings nicht einmal ansatzweise kam. Es ging ihm gesundheitlich schlecht, und er meinte:
,Theo, ich rufe Dich an, sobald es mir besser geht.‘ Das war oft so gewesen in den letzten Jahren, und ich wünschte ihm, nicht ahnend, dass es das letzte Mal war, dass wir miteinander sprachen, gute Besserung. Das war‘s. Zwei Wochen später erhielt ich die Nachricht vom Tod meines Freundes Maximilian Zander. Umso mehr freue ich mich, dass Du diese Ausgabe nun machst.“
Maximilian Zander, der uns mit seinen Gedichten und Aphorismen seit Jahren begleitet, hat mir mehrmals Autoren vorgeschlagen für den Schwerpunkt der einen oder anderen Ausgabe. Eine davon habe ich quasi persönlich genommen, aber der vorgeschlagene Autor wollte nichts davon wissen und drohte mir die Redaktionskreis zu verlassen, falls etwas in der Richtung unternehme. Über eine „Zander“ Ausgabe traute ich mich nie, ihn anzusprechen.
Jetzt liegen die Reisenden / in getrennten Schachteln / mit gewaschenen Händen / mit dem Rücken zur Nacht.
Mir bleibt nur festzustellen, dass er etwas geahnt hat und eine solche Besprechung vermeiden wollte.“

„Ich habe die poesie erfunden und habe kein herz mehr“ schrieb Virgiel Mazilescu, ein zeitgenössischer im deutschsprachigen Raum wenig bekannter rumänischer Dichter. Ruxandra Niculescu,  eine gute Kennerin der rumänischen Literaturszene, hat für uns 25 Texte Mazilescus ins Deutsche übertragen.
„Es mag sein, dass Poesie nicht den realen Nutzen im Auge hat, doch sie kann der Welt Frieden und Hoffnung geben.“ Hadaa Sendoo sagt uns damit nichts Neues: neu und frisch dagegen ist die Art, wie es der berühmte mongolische Dichter sagt. Maya Gogoladse sprach für uns mit dem Autor. Andreas Weiland hat einige Gedichte Hadaas Sendoo für die MATRIX ins Deutsche übertragen.
Joachim Britze stellt uns den georgischen Autor Micho Mosulishvili vor.
Josef Balazs denkt über unseren Mitstreiter Horst Samson nach und stellt ihm vor einem interessierten Publikum elf Fragen, siehe S. 117ff. das “Nürnberger Interview”.
Ulrich Bergmann bringt uns das heutige China näher, indem er uns den Sinologen und Poeten Wolfgang Kubin vorstellt.
Im Atelier finden sich Beiträge von Klaus Martens, Marius Koity, Dieter Beck, Ruxandra Niculescu, Peter Ettl, Norbert Sternmut, Rainer Wedler und Dorothea Šołćina.

Gleich zwei Debütantinnen  können wir vorstellen: Justyna Michniuk (Jetzt bin ich eine Europäerin, in Polen geboren / trage Schwarz, weil ich ewig trauere / um die verlorene Identität / Ich kenne zwar fünf Sprachen / in keiner aber kann ich ausdrücken / wie sehr ich von der Wirklichkeit enttäuscht bin) und Jîn Musa (da werden sich Wille  / und Freiheit ergeben / wie die Blätter / dem Wind / du wirst es spüren bis in die Adern / da ich es lebe).

Matthias Hagedorn, Wolfgang Schlott, Uli Rothfuss und Holger Benkel besprechen Neuerscheinungen von A.J. Weigoni, Hans Bergel / Manfred Winkler, Thomas Brock, Holger Benkel, Sylvain Tesson, Gudrun & Karl Wolff, Edith Ottschofski, José Samarago, Ulrich Bergmann, Mani Matter und Roland Kaehlbrandt.

Traian Pop

Es signiert:

• Frank Milautzcki • MaximilianZander • Bericht zur Lage • Peter Ettl  • Theo Breuer  • Josef Balazs • Virgil Mazilescu • Barbara Zeizinger • Horst Samson • Klaus Martens • Giuseppe Pontiggia • Hadaa Sendoo • Rainer Wedler • Micho Mossulischwili • Uli Rothfuss • Marius Koity • Dieter Beck • Ruxandra Niculescu • Norbert Sternmut • Holger Benkel • Dorothea Šołćina • Ulrich Bergmann • Die Monde der gelben Mitte  • Matthias Hagedorn • Wolfgang Schlott • Christine Kappe • DEBÜT: Justyna Michniuk • Jîn Musa 

MATRIX 2/2016 (44) • Kurt Drawert • 60 Jahre. 47 Antworten

M_44Damit große Dichter existieren können, braucht man große Leser.
Walt Whitman

„Niemand wird noch an den Büchern anderer interessiert sein, wir werden unsere eigenen Romane lesen, bestellt bei den Self-Publisher-Verlagen. Wir werden alle Schriftsteller sein“, stellt Matei Vişniec, einer der großen Dramatiker der Gegenwart, fest und ergänzt: „Anscheinend sind wir schon im Sternzeichen der leserlosen Schriftsteller angelangt … Uns gefällt die Umwandlung vom denkenden zum absorbierenden Gehirn, vom Erbauer zum Nachahmer… Ich bin mir nicht sicher, dass der Aufruhr noch möglich ist in einer Welt, in der die Hirnwäsche immer effizienter wird und die zu dieser ,Mutation‘ eingesetzten Instrumente immer sophistischer werden, einfallsreicher, subtiler … Die Mediendiktatur hat der Diktatur des Showgeschäfts die Hand gereicht. Auf meinen Fiktionsseiten halte ich fest, dass nach einigen Jahrzehnten ein Dostojewski lesender Mensch es riskiert, zum Lobotomiepatienten gestempelt zu werden. Denn ein Mensch, der liest, schaut nicht mehr fern, wird also resistent, ein indirekter Oppositioneller des Medienimperiums. Mein letztes, bei Cartea Românescă veröffentlichtes Buch Der Mensch, aus dem das Böse extrahiert wurde enthält drei Stücke, die eine Analyse der Art und Weise, wie der Mensch Schritt für Schritt seine Werkzeuge zum Verstehen der Welt, aber auch die seiner Zukunftssicherung zerstört. Ich will nicht pessimistischer als Cioran sein … Wer konnte sich aber beim Fall des Kommunismus vorstellen, dass die folgende große Gefahr der Menschheit der Integralismus sein wird. Es gibt Lösungen, damit wir uns nicht von Moden verblöden lassen, von Modellen, zahlreichen Formen des Dilettantismus, die nicht nur in der Politik gedeihen, sondern auch in der Kunst. Wenn ich dem Menschen nicht zutrauen würde, dass er sich über die Mittelmäßigkeit erheben kann, würde ich keine Literatur mehr schreiben.“

Auch mit dieser MATRIX-Ausgabe versuchen wir gegen die Strömung von Hirnwäsche und Verblödung anzuschwimmen. Neben oben zitiertem Matei Vişniec und unserer Ehrengast Kurt Drawert unterstützen wieder zahlreiche zeitgenössische Autoren unser Vorhaben, Literatur unter die Menschen zu bringen, nicht mehr und nicht weniger.

„…es gibt Container voller schlechter Bücher, jedes Halbjahr neue, und sie verstopfen regelmäßig die Zu- und Abflüsse des Literaturbetriebes“, schreibt Kurt Drawert, der gerade 60 Jahre jung geworden ist, im Jahr 2001. „Mein Schutz sind meine Bücher, in ihnen habe ich alles für mich Wichtige gesagt – der Rest sind Irritationen und halbe Wahrheiten, die allenfalls für die Psychoanalyse von Bedeutung sind, aber nicht für das öffentliche Leben. Ich bin immer wieder erstaunt, wie offensichtlich gern sich einige in ihre körperlichen Öffnungen blicken lassen, ihre banalen Verwerfungen voyeuristischen TV-Skandalen zur Verfügung stellen und ihre platten Empfindungen in die Kameras nuscheln, als gehörten sie zum Weltkulturerbe an und für sich. Das ist natürlich Ausdruck einer restlos verkommenen und exhibitionistisch ausgerichteten Massenkultur, aber leider auch mehr: die medialisierte Pathogenese einer verlorenen Beziehung des Einzelnen zu sich selbst, der für einen Moment der Anerkennung vermutlich alles tun würde“, fügte er 2011 hinzu.

„60 Jahre. 47 Antworten“ – im Hauptteil dieser Ausgabe stellt Kurt Drawert mit einer großzügig edierten Auswahl seine bislang erschienenen Bücher vor. Als Hommage zum 60. Geburtstag, zu dem wir herzlich gratulieren, kann er sich mit diesen Versen selbst beschenken:

Ich bin, was ich in meiner Sprache bin,
Was ich in den Worten bin, die ich mir
            über mich mache.

Wir bedanken uns für die freundliche Unterstützung und Abdruckgenehmigung sowohl beim Autor als auch bei allen in dieser Ausgabe erwähnten Verlagen, die ihn publizistisch betreuen.

Rodica Draghincescu, Horst Samson, Barbara Zeizinger und Theo Breuer gratulieren Kurt Drawert mit Textbeiträgen, während Ute Döring 17 wunderbare Fotos beisteuert, die im Übrigen viel mehr Lob verdienen als diesen einfachen Hinweis – in einer der kommenden Ausgaben wollen wir weitere Facetten ihres künstlerischen Werks vorstellen.

„Die Welt und ihre Dichter“ wird in dieser Ausgabe glücklich ergänzt durch Theo Breuers Gespräch mit Hans Bender, der am 28. Mai 2015 im Alter von nahezu 96 Jahren starb.
„Bei Petrarca trafen Lesen und Sterben zusammen. Sein Haupt fiel auf die Buchseiten. Zu schön, sagen andere. Ich will die Szene so glauben, wie sie überliefert ist“, bemerkt Hans Bender am Ende des Gesprächs, während Theo Breuer zuvor die Gelegenheit nutzt, sich u. a. zu James Joyce’ Hauptwerk zu äußern: „Alles hat seine Zeit, heißt es in der Bibel im Buch der Prediger. Bis vor einigen Jahren ist es mir nie gelungen, James Joyce’ Ulysses vollständig zu Ende zu lesen, ein Buch, das mich seit dem 19. Le­bens­jahr begleitet. Hunderte Male hab ich die erste Seite, mehrfach die ersten 70/80 Seiten gelesen, dann kreuz und quer bis hin zu Mollys Monolog am Ende.“

Francisca Ricinskis Gespräch mit Matei Vişniec sowie ein Beitrag von Paul Tischler über die Zipser deutsche Literatur runden diesen Teil der Zeitschrift ab.

Mit „Memento mori unterm chinesischen Mond“ bringt uns Ulrich Bergmann einmal mehr das von ihm erlebte China nahe – diesmal mit Gedanken über die chinesische Lyrik und ihre Übersetzung ins Deutsche.

Vom Schreibtisch einiger Gegenwartsautoren haben wir für die Rubrik „Atelier“ Gedichte von Klaus Martens („Dies ist ein Gedicht älterer Bauart, / mit dem der abenteuerlustige Autor / oft und gut gefahren ist“), Michael Hillen („am ende seines lebens, heißt es, / fanden zu picasso allein / noch drei menschen: / der frisör, der schneider und ein kunsthistoriker“) und dem aus Moldawien stammenden Autor Nicolae Spătaru („dem Tod war ich stets ein treuer Freund / heute habe ich gespürt, wie er für wenige Augenblicke / seinen erschöpften Flügel schützend über mich breitete“) ausgewählt, außerdem Essays von Maximilian Zander, Irene Klaffke und Wolfgang Schlott sowie Prosatexte von Eric Giebel und Herwig Haupt.

Rainer Wedler, Wolfgang Schlott, Ulrich Bergmann und Christine Kappe besprechen neu erschienene Bücher von Wang Gang, Franz Hohler, Thomas Brock, Holger Benkel, Ekaterine Gabaschwili, Tschola Lomtatidse u. a.
Traian Pop

Es signiert:

• Ute Döring • Kurt Drawert • Barbara Zeizinger •  Horst Samson •Klaus Martens •    Michael Hillen • Rodica Draghincescu • Rainer Wedler • Matei Vişniec • Nicolae Spătaru •  Eric Giebel • Herwig Haupt • Theo Breuer • Gespräch mit Hans Bender • Irene Klaffke • Wolfgang Schlott • Ulrich Bergmann • Die Monde der gelben Mitte • Paul Tischler • Vom Zipserland nach Deutschland • Christine Kappe •

MATRIX 1/2016 (43) • Das andere Dresden • Literaturalltag im Elbflorenz

M_43_AVor 75 Jahren starb James Joyce. Wer kennt ihn nicht? Doch wer hat ihn gelesen? Die Essays von Klaus Martens und Simona-Grazia Dima versuchen nun, Ihnen zwei wichtige Werke des schmalen Mannes mit der Nickelbrille nahezubringen: die Prosasammlung „Dubliner“ und den experimentellen Roman „Finnegans Wake“.

Der originelle amerikanische Dichter Thomas Lux (von uns schon in MATRIX 34 vorgestellt) ist wieder da – dank der wunderbaren Übersetzungen von Klaus Martens: mit eine Serie von neuen und neuesten Gedichten, darunter eines, „Ode an die Narben“, das noch nicht in einem Buch veröffentlicht worden ist.

„Dresden (obersorbisch Drježdźany, von altsorbisch drežďany „Sumpf-“ oder „Auwald-Bewohner“) ist die Landeshauptstadt des Freistaates Sachsen“ – so Wikipedia. Zwischen der reklamierten fehlenden Assimilations- und Selbsterneuerungsfähigkeit des Ur-Dresdners, den es gar nicht gibt, und Michael Bartschs immer lauteren Zweifeln am marktwirtschaftlichen Evangelium, zwischen dem Aufschrei von Benno Budar: „Seht mal, wie schön Dresden ist!“, und den Erinnerungen von Benedikt Dyrlich ans Dresden seiner Mutter findet ein reiches Kulturleben statt, über das kaum einer der Medienvertreter berichtet, von denen die Stadt in immer größerer Anzahl belagert wird, seitdem Pegida in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt ist.
Wir denken zu einseitig, denn dieser Ort hat viel mehr zu bieten als das politische Abseits, das uns aus den Nachrichten entgegenschlägt. Um die Vielfalt und Lebendigkeit der Literaturszene in „Elbflorenz“ zu belegen, hat unser Redakteur Benedikt Dyrlich – darin bestens bewandert – für Sie einige Gedichte, Prosatexte, Essays, Rezensionen und Bilder aus dem Riesenangebot ausgewählt. Für uns ist er auch mit der Kamera durch die Stadt gelaufen, um Symbolbilder aus dem „Florenz des Nordens“ festzuhalten. Neben den Dresdnern Michael Bartsch, Nancy Aris, Abdelwahhab Azzawi, Kerstin Becker, Benno Budar, Uwe Claus, Silvio Colditz, Benedikt Dyrlich, Michael G. Fritz, Peter Gehrisch, Axel Helbig, Lothar Koch, Christina Koenig, Dieter Krause, Gregor Kunz, Andreas Paul, Lutz Rathenow, Bernd Rump, Mike Scholz, Carla Schwiegk, Gundula Sell, Volker Sielaff, Norbert Weiß, Patrick Wilden, Jens Wonneberger, Karin Weber sowie den Künstlerinnen Else Gold und Gudrun Trendafilov, deren Werke zusammen mit Bildern von Gregor Kunz die MATRIX-Ausstellungsräume dieser Ausgabe bestücken, veröffentlichen wir auch zwei „Dresdner Texte“ von Traian Pop Traian und Ursula Teicher-Maier.

Dass Theo Breuers Herz immer höher schlägt, wenn es um Friederike Mayröcker geht, bekräftigt sein Essay zu zwei zuletzt erschienenen Büchern ein weiteres Mal.

Charlotte Ueckert erinnert an Angelika Krogmann, Ulrich Bergmann teilt persönliche Gedanken über seine Generation mit und die Bonner LEXIS-Gruppe präsentiert einen wunderbaren griechischen Autor, Stamatis Polenakis, dessen  Lyrik ein permanenter Dialog mit der jüngeren Geschichte sowie bedeutenden Texten der Weltliteratur ist, wie Elena Pallantza im Einführungstext anmerkt.
Neben Polenakis stellen wir im „Atelier“ auch Texte von Mark Behrens, Norbert Sternmut, Gabriele Frings und Franz Hofner vor.

Im „Forum“ schreibt diesmal Axel Kutsch einen kritischen Beitrag über die Art und Weise, wie Lyrik-Anthologien zurzeit in Zeitschriften von Rang besprochen werden. Wir stimmen ihm zu: Einige Anthologien verdienen ein solches Abkanzeln nicht – viele aber schon.

Und unsere Rezensenten Wolfgang Schlott, Elke Engelhardt, Anke Bütow und Uli Rothfuss haben für Sie Neuerscheinungen von Ana Blandiana, Johannes Anyuru, Stefanie Golisch, Charlotte Ueckert und Rainer Wedler gelesen.
Wir hoffen, Ihren Erwartungen entsprochen zu haben, und laden Sie herzlich ein, viele der hier veröffentlichten Autoren auf der Leipziger Buchmesse persönlich zu treffen, wo wir u. a. auch diese Ausgabe vorstellen werden. Der Termin steht schon fest: 17. März 2016, 10–11 Uhr, Forum OstSüdOst in Halle 4, Stand E505. Anschließend (ab 11 Uhr) findet am gleichen Ort die Veranstaltung „Literatur sorbischer Autoren und ihrer Freunde in der Literaturzeitschrift BAWÜLON“ statt.

Und zu guter Letzt: Die nächste Ausgabe feiert den Dichter und Essayisten Kurt Drawert, der 60 Jahre jung wird, und erscheint pünktlich an seinem Geburtstag.
Ihr
Traian Pop

Es signiert:

• Klaus Martens • James Joyce 75 Jahre nach seinem Tod • Simona-Grazia Dima • Nancy Aris • Abdelwahhab Azzawi • Michael Bartsch • Kerstin Becker • Benno Budar • Uwe Claus • Silvio Colditz • Benedikt Dyrlich • Literaturalltag im Elbflorenz • Michael G. Fritz • Peter Gehrisch • Axel Helbig • Lothar Koch •  Christina Koenig • Dieter Krause • Gregor Kunz • Andreas Paul • Traian Pop Traian • Lutz Rathenow • Bernd Rump• Mike Scholz • Carla Schwiegk • Gundula Sell • Volker Sielaff • Ursula Teicher-Maier • Karin Weber • Norbert Weiß • Patrick Wilden • Jens Wonneberger • Else Gold • Gudrun Trendafilov • Jayne-Ann Igel • Theo Breuer • Charlotte Ueckert• Ulrich Bergmann • Stamatis Polenakis (Σταμάτης Πολενάκης)• Mark Behrens • Norbert  Sternmut • Gabriele Frings• Franz Hofner • Anke Bütow • Uli Rothfuss • Axel Kutsch• Elke Engelhardt • Wolfgang Schlott •

 

MATRIX 3/2014 (37) • 100 Jahre Erster Weltkrieg

M_37_1Seismogramme des Kriegsalltags

Eine Fata Morgana schien die endgültige Fassung dieser MATRIX-Ausgabe zu sein: Sie wuchs und wuchs und wuchs und wir mussten irgendwann STOPP! sagen, sonst hätte sie alle vorstellbaren Rahmen gesprengt. Das 100-jährige Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist eigentlich vorbei, doch angesichts der heutigen Realität sollten wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Es lässt sich nicht ohne Weiteres verdrängen, dass wir Bürger eines Landes sind, das in der Vergangenheit heftig vom Kriegsfiebervirus erwischt wurde und dadurch sich selbst und der Welt unvorstellbares Leid und Schaden zugefügt hat. Dennoch sieht es so aus, als wollten sich unsere Volksvertreter auch bei diesem Anlass trotz des weltweit ausgebrochenen Erinnerungsfiebers eher zurückhalten. Doch das Gedenken an die Tragödie – so unbequem es sein mag – beinhaltet auch eine Chance. Es liegt an uns, diese Gelegenheit zu nützen. Was natürlich nicht leicht ist in Zeiten der Kriegsrhetorik, des Nationalismus, Dschihadismus etc., aber immer noch möglich. So lange, wie uns die Zeit reicht.
Dass durch eine Reihe von peinlichen Pannen und grotesken Lügen, durch eine unglaubliche Mischung von guten und schlechten Absichten, von verborgenem und sichtbarem Willen, über Nacht ein Weltkrieg entstand, ist Gott sei Dank geklärt: nichts Nennenswertes, nichts Ideelles, nichts Zukunftsweisendes dahinter – und trotzdem ein Weltkrieg. Die kleinlichen Querelen, die Nichtigkeiten und die dazugehörige unfähige, aus der Zeit gefallene Diplomatie wirken auf mich sonderbar aktuell. Warum interessiert sich heutzutage niemand für die Haufen von internationalen und nationalen Lügen, von willkürlichen Interpretationen, von ethnozentristischen Gedanken, frage ich immer öfter, ohne eine Antwort zu finden. Deswegen höre ich aber nicht auf, weiterhin zu fragen – weil ich immer noch an Recht, Gerechtigkeit, Fortschritt und Freiheit glaube. Ich weiß, ich weiß, auch die Barbarei führt die Argumente „Recht, Gerechtigkeit, Fortschritt und Freiheit“ im Munde. Dies entschuldigt aber nicht unser Zögern, Wegsehen und Schweigen. Denn selbst nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs haben sich die kriegerischen Handlungen – ob sie Panama, Vietnam, Irak, Jugoslawien, Afghanistan, Ukraine heißen, um nur einige Desaster aufzulisten – fortgesetzt. Auch die gegenwärtige Isolierung Russlands weckt Befürchtungen. Mehr vielleicht als alle anderen Konflikte, die fast alle Regionen der Welt entzündet haben. Dem Zusammenhang zwischen dem heutigen weltpolitischen Aufrüsten und dem Ersten Weltkrieg wird aber immer noch kaum Beachtung geschenkt. Wegen des größten wirtschaftlichen Erfolgs aller Zeiten – namens Waffenindustrie?
Zeitzeugen der damaligen blutigen Kämpfe gibt es nicht mehr. Die schrecklichen Geschehnisse geraten zunehmend in Vergessenheit. Was bleibt, sind die Schauplätze. Die Wege der Erinnerung 14–18, wie die Franzosen sie genannt haben. Kriegs-Tourismus: Was für eine makabre Beschäftigung, dachte ich, als ich quasi ohne Vorwarnung mitten auf einen solchen Schauplatz der blutigen Stellungskämpfe geriet. Nun weiß ich, dass sich die Gegner in einem Abstand von wenigen Metern gegenüberlagen. Sie haben sich gegenseitig beobachtet, gesehen, gehört. Eigentlich haben sie in diesen engen Stellungen zusammen gelebt, sind hier zusammen gestorben. Wussten sie auch warum?

Klaus Martens schreibt in seinem Essay: „.. uns geht die allzu wenig beachtete literarische Seite der laufenden Diskussionen an, vor allem die Opfer der Kämpfe auf allen Seiten der Fronten: Georg Trakl, Ernst Stadler, Alfred Lichtenstein, August Stramm, Wilfred Owen, Rupert Brooke, Guillaume Apollinaire, Charles Péguy – wir kennen die Namen, diese und viele andere. Aber auch Überlebende wie Gottfried Benn und Ernst Jünger, deren Werke direkt oder indirekt nie davon loskamen.“
Die kleine Werkauswahl ergänzen literarische und historisch-analytische Beiträge von Axel Kutsch, Richard Wagner, Horst Samson, Otto Alscher, Dieter Schlesak, Gabriele Frings, Peter Ettl, Norbert Sternmut, Thomas Kade, Gisela Hemau, Franz Heinz, Katharina Kilzer, Manfred Pricha, Hans Schneiderhans, Peter Frömmig, Sander Wilkens, Rainer Wedler, Barbara Zeizinger, Francisca Ricinski und Charlotte Ueckert – als ein Versuch, uns die damaligen Ereignisse künstlerisch nahezubringen. Dass ein solches Unterfangen nicht einfach ist, trotz (oder wegen?) der 100 Jahre, die dazwischen stehen, beweist die simple Feststellung unseres Autors Frank Milautzcki über Rudolf Börsch: „Ob er in Galizien oder in Frankreich den Tod suchte und fand, bleibt vorerst offen.“
Als Rahmen habe ich einige Fotos ausgewählt – und füge hier als Kommentar hinzu: Was bleibt, ist der Rasen, mit schmucklosen Kreuzen übersät. Einige davon sind aus Metall und schwarz, so sah es der Versailler Vertrag für alle deutschen Gefallenenfriedhöfe vor. Dazwischen Steinstelen für die gefallenen jüdischen Soldaten, die für Deutschland gekämpft haben.

Entgegen allen kriegerischen Handlungen erlauben wir uns weiterhin, an Literatur und Kunst zu glauben. Wir feiern also mit Theo Breuers Essay „Wie eine Lumpensammlerin“ das runde Geburtsdatum Friederike Mayröckers, unser China-Korrespondent Ulrich Bergmann eröffnet seine Reihe „Die Monde der gelben Mitte“ und Horst Waldemar Nägele feiert mit uns den 250. Geburtstag des dänisch-deutschen Dichters und Philosophen Jens Immanuel Baggesen.
Unser Atelier bietet diesmal „An imaginary conversation“ (zwischen Tycho Brahe und Johannes Kepler), das erste Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen Jean-Patrick Connerade (pen-name Chaunes) und unserem Redakteur Uli Rothfuss, sowie neue Texte von Jürgen Kross, Martina Hegel, Andreas Noga, Edith Ottschofski und Gerhard Bauer. Der Debütant diese Ausgabe, Thomas Reeh, stellt sich mit einem Prosastück vor: „Es ist alles unwahr oder 10 Liebesbegegnungen“. Jede Menge neue Bücher rezensieren Theo Breuer, Johann Holzner, Wolfgang Schlott, Uli Rothfuss, T. T. Pop, Dieter Mettler, Benedikt M. Trappen und Jo Weiß. Peter Frömmig hat für uns die Ausstellung „Reisen. Fotos von unterwegs“ im Literaturmuseum der Moderne in Marbach angeschaut. Und Aufmerksamkeit verdienen auch die Materialien in unserem Forum, für die Klaus Staeck, Horst Samson und Wolfgang Schlott zeichnen.

Wir wünschen Ihnen – trotz des schwierigen Themas – eine angenehme Lektüre!

T. Pop

Es signiert:

• Barbara Zeizinger • Gabriele Frings • Rudolf Börsch • Wilfred Owen • Georg Trakl • August Stramm • Robert Frost • Richard Wagner • Klaus Staeck  • Horst Samson • Horst Waldemar Nägele • Gisela Hemau • Axel Kutsch • Klaus Martens • Otto Alscher • Dieter Schlesak • Franz Heinz • Rainer Wedler• Manfred Pricha • Norbert Sternmut • Gerhard Bauer • Charlotte Ueckert • Jean-Patrick Connerade/Chaunes • Uli Rothfuss • Peter Frömmig • Peter Ettl • Thomas Kade • Sander Wilkens • Martina Hegel • Edith Ottschofski • Jürgen Kross • Andreas Noga • Ulrich Bergmann • Johann Holzner • Theo Breuer • Jo Weiß • Traian Pop Traian • Benedikt M. Trappen • Hans Schneiderhans • Katharina Kilzer • Francisca Ricinski • Dieter Mettler • Wolfgang Schlott •

MATRIX 4/2014 (38) • Esma Oniani

M38Was Sie gerade lesen, sind nur geklonte/geklaute Zeilen aus einem langen Brief an einen Kulturminister, der vor etwa drei Wochen an den Börsenverein sowie einige Zeitungen ging.
Eine Reaktion darauf habe ich nicht mitbekommen, deshalb denke ich, dass selbst eine Skandalentscheidung hinsichtlich einer Preisverleihung nicht so viel graues Licht werfen wie eine noch viel grauere literarische Landschaft schlucken kann. Es ist unerklärlich, schier unglaublich, aber trotzdem wahr, was da – wieder einmal, muss man sagen – passiert ist.

Ich gehe weder von gehörigem Unwissen noch von hochgradigem Desinteresse der Juroren aus und genauso wenig wie gezielter Korruption, obwohl es ganz danach aussieht, so abwegig ist deren ,Richtspruch‘. Da wird die Literatur förmlich vom hohen Gerüst gestürzt und ein Popanz von Verlag als Polier auf die Bretter weit über den Köpfen projiziert. Was für eine Kulturschande!

Diese Entscheidung Jahr für Jahr Ignoranten überlassen? Wie lange soll das unwidersprochen fortdauern? Künftig sollten Sachverständige in diese Entscheidung aktiv eingebunden sein, anstatt die Köpfe in den Sand zu stecken und so haarsträubende Verdikte zu akzeptieren, wenn Dichterland und öffentliche Gelder beteiligt sind.

Nun, da die Katze aus dem Sack ist und tot im Dreck liegt, sind Kreativität und offensiver Umgang mit solch grober Fehlentscheidung gefragt, will heißen, der Geschädigte hat eine Wiedergutmachung für den zugefügten Schmerz und die ungerecht erlittene Schmach verdient, und sei es auch nur in Form einer Entschuldigung. Am segensreichsten wäre es freilich für die Literatur des schönen, sich mit einer wahrlich großen dichterischen Vergangenheit schmückenden Ländle, ein rühmliches Projekt zu fördern anstatt eines belanglosen – man höre und staune – „mit Buchideen zum amerikanischen Transzendentalismus“, was immer das sein mag.

Dass das Kulturministerium da nicht rebelliert, sondern mitspielt, ist dabei mehr als nur erstaunlich.
Dass das verschlafene Leitungsgremium des dichterländlichen Verbandes deutscher Schriftsteller da nicht kritisch seine Stimme erhebt, ist die nächste Katastrophe.

„Nun, da die Katze aus dem Sack ist und tot im Dreck liegt“, wollte ich von Editorial, Zeitschrift und Literatur nichts mehr wissen. Wolle aber und mache das, wer kann …

Ich bin mächtig, ich bin nichts…

Eines allerdings sollte dem Literaturbetrieb niemand ankreiden: dass man sich nicht ausreichend mit Georgiens literarischer Landschaft auseinandergesetzt habe. Als einen ersten Tropfen auf den heißen Stein sehen wir daher den Versuch, eine Grande Dame der georgischen Literatur und Kunst vorzustellen: Esma Oniani. Jörg Alexander Henle erinnert sich an seine erste Begegnung mit deren bildkünstlerischem Werk: Ein Feuerwerk in Rot empfing den Besucher, der von der Straße in die Gemäldegalerie eintrat. (…) Die Bilder von Esma Oniani waren Flammen, die Wasser nicht löschen konnte. Was sie ausstrahlten, war Kraft. Kraft und Zärtlichkeit. 60 Jahre alt war die Künstlerin, die 1999 starb. Wir denken an „Blau“, wenn wir den Namen Yves Klein hören. Von nun an werde ich an Esma Oniani denken, wenn ich „Rot“ höre. Wir laden Sie ein, die georgische Schriftstellerin und Malerin kennenzulernen: mit Gedichten, Gedanken über die Poesie, Zeichnungen und Bildern ab Seite 7.

 »Fetzchen« ∙ It’s Mayröcker Time

Mit Ștefan Aug. Doinaș wollen wir der deutschsprachigen Leserschaft den Blick ins Werk eines der prominenten Akteure der gegenwärtigen Literatur aus Rumänien vermitteln. Mit einem Essay von Theo Breuer feiern wir Friederike Mayröcker, eine der markantesten literarischen Stimmen der heutigen Zeit, die am 20. Dezember 90 Jahre jung wird.

Die Monde der gelben Mitte

Unser China-Korrespondent Ulrich Bergmann berichtet in seiner Reihe „Die Monde der gelben Mitte“ über „Qingdao – eine neue Welt und drei chinesische Parabeln“. Das Atelier präsentiert Gedichte von Rainer Maria Gassen, Wolfgang Schlott und Elke Engelhardt sowie Prosatexte von Mark Behrens, Sabine Bentler und Alex Judea, dazu einen Theaterstück-Auschnitt von Christian Knieps.
Das Bücherregal dieser Ausgabe schmücken aufschlussreiche Rezensionen. Es signieren: Edith Ottschofski, Wolfgang Schlott, Rainer Wedler, Uli Rothfuss, Willi van Hengel, Klaus Martens, Elke Engelhardt, Dieter Mettler und Stefanie Golisch. Wolfgang Schlott besuchte Yuri Alberts Ausstellung im Bremer Museum für moderne Kunst, Weserburg. Und Barbara Zeizinger berichtet im Forum über unsere Präsenz auf der Frankfurter Buchmesse 2014 sowie über die Verleihung des Gerhard-Beier-Preises an unseren Mitstreiter Horst Samson.

Liebe Leserinnen und Leser, falls ich Sie mit meinen einleitenden Gedanken belastet oder sogar belästigt haben sollte, tut mir das leid, aber ich denke, dass eine freie Meinungsäußerung unserem Literaturleben nicht schaden kann. Mag sein, dass nicht alles so grau ist, wie es manchmal aussieht. Doch nichts zu sagen, das bringt nichts. Sich aber über irgendwelche Entscheidungen einiger Preisrichter zu ärgern, statt sich mit Literatur und Kunst zu befassen, das ist auch nicht richtig – das gebe ich an dieser Stelle offen zu. Es gibt Besseres zu tun.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, eine gute, versöhnliche Weihnachtszeit und einen gelungenen Start ins neue Jahr!

Herzlich,
Traian Pop

Es signiert:

• Esma Oniani • Dominik Irtenkauf • Jörg A. Henle • Ștefan Aug. Doinaș • Theo Breuer • Rainer Maria Gassen • Sabine Bentler • Uli Rothfuss • Mark Behrens • Elke Engelhardt • Rewas Twaradse • Edith Ottschofski • Ulrich Bergmann • Willi van Hengel • Rainer Wedler • Stefanie Golisch • Dieter Mettler • Wolfgang Schlott • Alex Judea • Christian Knieps • Traian Pop • Klaus Martens • Barbara Zeizinger •

MATRIX 1/2015 (39) • Dieter P. Meier-Lenz

M39Stellen Sie sich mal vor: Egal ob die Information von einer Zeitung, einem Radiosender, TV-Programm oder Blog kommt – überall die gleiche Meinung. Stellen Sie sich dazu noch vor, dass keiner es merkt, zu merken scheint oder merken möchte. Alle haben sich damit arrangiert, alle können damit gut leben. Was soll da noch die Erinnerung an Zeiten, als es verschiedenste Meinungen und Ansichten zum gleichen Thema gab? Wohin mit den „edel, hilfreich und gut“ gesinnten Militanten, die ringsum in der Nachbarschaft die Briefkästen mit Flugblättern gespickt haben, die mit Bild und Adresse vor dem „Störfaktor unserer guten Nachbarschaft“ warnen, der ihrer Ansicht nach „zwischen uns keinen Platz“ habe? Wohin mit dem „Lügenpressevorwurf“? Wohin mit der ständigen Manipulation der Öffentlichkeit in großem Stil? Wohin mit den Whistleblower-Enthüllungen? Wohin mit den Verschwörungstheoretikern, die endlich kapiert haben, was „unseren“ Werten, Interessen und Rechten am besten dient? Eine Vorstellung lässt mir schon lange keine Ruhe: Jeder weiß, das Christus’ Opfer nur der Gipfel einer Pyramide von Opfern ist, die jeden Tag wächst und jede der alltäglichen Wachstumsprognosen (um auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben) in den Schatten stellt – aber keiner hat damit ein Problem. Dass diese Vorstellung Realität ist, will ich immer noch nicht wahrhaben. So viel Freiheit muss mir doch erlaubt sein. Ihnen auch, keine Angst. Probieren Sie’s! Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich ein total anderer Mensch bin, seitdem mir bewusst wurde, wie und was sich hinter der Freiheit verstecken kann.

Als Freiheit sehe ich auch die Entscheidung der Redaktion von „Charlie Hebdo“ an, die absolut passende Karikatur dieser Tage, die ihr sogar umsonst angeboten wurde, nicht zu veröffentlichen: das Bild mit dem französischen Präsidenten François Hollande, der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, den Staatschefs von etwa 40 weiteren Ländern sowie Vertretern eigentlich aller großen Weltreligionen beim „Republikanischen Marsch“. Dass dies nur ein Fototermin war, wissen angeblich alle. Vor allem jene, die sich lieber etwas anderes gewünscht hätten: einen Verzicht, zum Beispiel auf die kollektive Anreise, um die so eingesparten Reisekosten einem Fond zu spenden, der den Hinterbliebenen und den überlebenden Opfern zugute kommt. Genauso wie jene, die diese Inszenierung bewusst als Beweis für die fröhliche Nachricht sehen, dass unsere politischen Vertreter – Seite an Seite mit dem saudischen Außenminister und gemeinsam mit dem Volk – für eine freie Presse marschiert sind. Vielleicht ist es aber auch ganz anders gewesen. Man könnte genauso gut annehmen, dass diese Inszenierung nichts anderes als eine Falle für mögliche Attentäter war: dass die Elite dieser Welt sich selbst als Lockvogel zur Verfügung gestellt hat, um die Aufmerksamkeit potenzieller Attentäter von den Angehörigen und Freunden der Opfer abzulenken. Wie sähe es dann mit dem Thema „Mangel an Courage“ aus? Ah, ja, noch eine Verschwörungstheorie: dieses ewige „Wort des Jahres“, das uns immer wieder Hilfestellung gibt …

165 Jahre EMINESCU

Unter dem Motto „Und wenn die Wolken weiterziehen: 165 Jahre EMINESCU“ stellen wir in diesem Heft den in Rumänien überaus verehrten romantischen Dichter Mihail Eminescu vor, der mit seinem Werk Maßstäbe setzte für die weitere Entwicklung der rumänischen Literatursprache – mit einigen Übersetzungen sowie einem ausführlichen Essay von Christian W. Schenk. Simona-Grazia Dimas Beitrag „Eminescu, Schopenhauer, Veda“ rundet unser Gedenken mit eine Facette der heutigen Rezeption seines Werkes ab.

Dieter P. Meier-Lenz wird 85

Feiern – und zwar auf 118 Seiten – wollen wir in dieser MATRIX das Geburtstagskind Dieter P. Meier-Lenz, der 85 Jahre alt wird: „Ein großer Dichter ohne jede Attitüde“, wie unser Redakteur Rainer Wedler hervorhebt. Nicht nur mit seinen Gedichten, sondern auch mit einem kurzen Interview sowie einigen Essays, Prosabeiträgen und Bildern versuchen wir, Ihnen einen lebhaften Eindruck vom Autor und seinem Werk zu vermitteln.
Auf eine literarische Reise – „Zurück in die Zukunft der 1990er-Jahre“ – nimmt uns Theo Breuer in seinem Essay „Traumtänzer“ mit.

China auf der Suche nach der optima res publica?

Und Ulrich Bergmann setzt seine China-Fahrt fort und berichtet von der Suche dieses Staates nach der „optima res publica“.

„Das Schreiben ist meine Weise zu existieren“, räumt Dorthe Nors, eine dänische Schriftstellerin, die mit ihren Büchern gerade die Welt erobert, im Gespräch mit unserer Chefredakteurin Francisca Ricinski ein.
Michael Fruth und Willi van Hengel bestücken das Atelier mit gelungener Poesie und Prosa. Die Essays und Rezensionen von Ulrich Bergmann, Christine Kappe, Wolfgang Schlott, Uli Rothfuss, Christian Knieps und Elke Engelhardt füllen unser Bücherregal. Henri-Paul Campbell berichtet im Forum über den Deutsch-Arabischen Lyrik-Salon.

Und nicht zuletzt informieren wir Sie, dass unsere nächste MATRIX-Ausgabe, die dem bekannten Schriftsteller Richard Wagner gewidmet ist, kurz von der Leipziger Buchmesse erscheinen wird, wo sie am 15. März um 12.30 Uhr im Café Europa (Halle 4, Stand E401) vorgestellt wird. Übrigens finden Sie uns in wie im letzten Jahr in Halle 4, Stand E404. Folgende Autoren begleiten uns diesmal auf der Messe: Ilse Hehn, Steliana Huhulescu, Christine Kappe, Edith Konradt, Ioana Nicolaie, Franciska Ricinski, Barbara Zeizinger, Dato Barbakadze, Mark Behrens, Ulrich Bergmann, Benedikt Dyrlich, Eric Giebel, Wjatscheslaw Kuprijanow, Klaus Martens, Horst Samson, Bosko Tomasevic, Rainer Wedler und Karl Wolff. Den raffinierten Literaturliebhaber und -kenner Gert Weisskirchen konnten wir als Moderator gewinnen. Sie sind herzlich eingeladen, uns zu besuchen.

Ich hoffe, Sie sind neugierig geworden und wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr
Traian Pop

Es signiert:

• Michael Fruth • Jürgen Nendza •  Johann P. Tammen • Dieter P. Meier-Lenz  • Und wenn die Wolken weiter ziehn: 165 Jahre EMINESCU • Christian W. Schenk • Traian Pop • Simona-Grazia Dima • Dorthe Nors • Francisca Ricinski • Christoph Leisten  • Christian Knieps • Theo Breuer • Traumtänzer · Zurück in die Zukunft der 1990er Jahre • Elke Engelhardt • Ulrich Bergmann • Willi van Hengel • Rainer Wedler • Wolfgang Schlott • Barbara Zeizinger • Henri-Paul Campbell •

MATRIX 2/2015 (40) • Richard Wagner

MATRIX_40_A… wo es eine Literatur gibt,
da gibt es nicht diese Literatur einfach, sondern es gibt sie,
weil nach ihr verlangt wird … (143 Seiten mit und über Richard Wagner)

 

Wenn ich Sie aufforderte, das Editorial dieser MATRIX einem Psychiater vorzulegen, würden Sie lachen. Dennoch behaupte ich, dass diese „komische“ Gattung rasch ihre Funktion und somit ihre Existenzberechtigung verlieren kann. Doch lesen Sie zunächst die Geschichte und versuchen Sie erst danach, mir zu widersprechen.
Seit einigen Wochen arbeite ich intensiv an dieser Ausgabe, ohne einen Gedanken an das Editorial verloren zu haben. Nun ist das Heft fast fertig, und ich … schreibe das Editorial. Es soll, wenn möglich, soviel wie möglich über die Beziehung des Herausgebers zu den herausgegebenen Texten vermitteln und ungefähr so lang sein wie jenes der letzten Ausgabe. Um diesen Platz geht es eigentlich, obwohl bisher davon nie die Rede war. Und weil der vom Buchstabenhunger geplagte Editorial-Schreiber immer wieder unsere „Welt und ihre Dichter“ und unsere „Debütanten“ als Vorratskammer betrachtet und aus unserem „Atelier“ und unserem „Bücherregal“ genascht hat, sah ich mich veranlasst, auf diese Art von „literarischem Schengen-Raum“ zu verzichten. Das Editorial sollte also in Zukunft eine Pufferzone erhalten und durch einen Riesenzaun von Inhaltsverzeichnis und Inhalt getrennt werden. Gesagt, getan. Zehn Zentimeter breit und siebzehn Zentimeter lang. Nur stellte ich beim Nachmessen fest, dass von den zehn Zentimetern Breite höchstens acht übrig waren und die Länge sich sonderbarerweise auch um etwa drei Zentimeter verkürzt hatte. Denn das Problem lag woanders: Als die anderen Rubriken mein Vorhaben kapiert hatten, fingen sie an, sich zu wehren, weil ich mit Gewalt auf ihr Grundstück vorgedrungen war. „Der Titel da gehört mir“, meckerte das Inhaltsverzeichnis. „Und dieser Buchstabe da gehört mir“, warf mir das „Forum“ eine halbe Stunde später vor. Allerdings gibt es für solche Orte keine Landvermesser, und ich persönlich habe zwei linke Hände, wenn es um so etwas geht.
Hinzu kamen die Angst, nicht rechtzeitig fertig zu werden, und die noch größere Befürchtung, dass Autoren wie Leser dieser Ausgabe mit meinem Editorial nichts anfangen könnten. Wäre es besser, es ganz verschwinden zu lassen? Anscheinend ja. Doch was sollte dann mit den vielen Buchstaben, Wörtern und Sätzen geschehen, die schon über den Zaun hierher gesprungen waren? Erlauben Sie mir, zumindest einiges zu zitieren:

Der Aussiedler, der sich nach zwei Seiten behaupten muss: dem Einheimischen seine Zugehörigkeit weismachen und dem Ausländer den Unterschied erklären. (…)  Der Aussiedler kann nicht Einheimischer und will nicht Ausländer sein.

Die Auswanderung ins Zentrum ist stets auch eine Kapitulation vor der Unlösbarkeit der Widersprüche der Peripherie. Im Zentrum aber wird der Minderheitenschriftsteller bald erfahren, dass ihm sein Dilemma erhalten bleibt.

Im Westen für die Schublade schreiben, heißt für die westliche Öffentlichkeit     schreiben. Für alle, die nicht Einheimische sind, gibt es die entsprechenden Schubladen. Den Schlüssel zu den Schubladen hat der Literaturbetrieb.

Niemand entgeht der Frage nach der Landsmannschaft. Was für ein Landsmann sind Sie?

Als Ceausescu und ich 68er waren.

… die Behauptung, Solschenizyn sei im Lager womöglich Informant gewesen. Sie wird sogleich mit dem aktuellen Kundera-Streit assoziiert. Als sei Kundera als Informant in Erscheinung getreten. In beiden Fällen wurde nichts dergleichen bewiesen, die skandalöse Unterstellung aber ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Als Parkinson-Kranker hat man mehr Zeit als andere Leute, man ist halt langsam, wenn man aber langsam denkt, denkt man vielleicht auch Gescheiteres, als wenn man mal schnell etwas denkt.
Brennpunkt-Publizist, Ehrenmörder-Anwalt, Geldwirtschafts-kritiker, Kindheits-Dekonstruktivist, Koran-Versteher, Leuchter-report-Bibliograph, Listenplatz-Politiker, Polkappenforscher, Schiffbruchsphilosoph, Stalker-Therapeut“, die „zehn krisenfesten Berufe für arme Geister.

All diese Zitate stammen aus unserem Schwerpunkt, der diesmal Richard Wagner gewidmet ist. Nicht zu überlesen, wie er sein Banat …

jetzt / da ich es nur noch von außen zu sehen bekomme / von der Weltstadt aus / in die ich mich vor Jahrzehnten mit fliegender Fahne begeben habe / ist es / als läge das Banat weit draußen vor den Toren des Planeten

… nicht nur sieht, sondern uns allen schenkt. Genauso wie sein gesamtes Werk. Danke also, Richard, dass du uns die Texte zur Verfügung gestellt hast. Und vor allem, dass du tust, was du tust, und dass du bist, wie du bist. Dank auch an Horst Samson, der nicht nur die Verbindung zu Richard Wagner aufrechterhalten, sondern sich auch um die Zusammenstellung dieses Schwerpunkts gekümmert hat. Dank auch dem Institut für Kultur und Geschichte Südosteuropas in München für die Unterstützung und die Zusammenarbeit, die uns erlaubt, zu hoffen, dass in Zukunft weitere Projekte dieser Art zustande kommen.

Dankbar bin ich auch allen anderen Autoren, die den Schwerpunkt dieses Heftes mit schönen Beiträgen unterstützt haben, etwa Franz Heinz mit seinem Essay über „Die deutsche Seele“ oder György Dalos mit seinen Überlegungen zu „Richard Wagners Dilemma“ oder Olivia Spiridon und den Tübinger Studenten mit deren Stellungnahmen zu Richard Wagner am Rande eines Seminars im Wintersemester 2012/13.
Feiern wir also zusammen mit Richard Wagner den Sieg der Literatur und des gesunden Menschenverstandes auf fast 150 Seiten.

Blicke auf Brinkmann : Weiter und weiter machen in einer gu­ten Gegen­wart

Am 23. April 2015 jährt sich zum 40. Mal der Tag, an dem Rolf Dieter Brinkmann in London von einer Limousine erfasst und auf der Stelle getötet wurde – aus diesem Anlass lädt Theo Breuer Sie ein, „Blicke auf Brinkmann“ zu werfen mit dem Essay „Weiter und weiter machen in einer guten Gegenwart“. Boško Tomaševićs Gedichte runden „Die Welt und ihre Dichter“ ab, und Ulrich Bergmann setzt seine China-Fahrt fort und berichtet über „Mao Zedong – Der Lange Marsch und die Lyrik“. Klaus Martens, Horst Samson, Hellmut Seiler, Benedikt Dyrlich, Harald Gröhler, Ursula Teicher-Maier und Johann Lippet bestücken das „Atelier“ mit origineller Lyrik und Prosa. Die Rezensionen von Horst Samson, Wolfgang Schlott, Uli Rothfuss, Rainer Wedler, Gert Weisskirchen, Elke Engelhardt sowie sowie der Debütantin Julia Göricke nehmen neue Bücher unter die Lupe.
Nicht zuletzt informieren wir Sie, dass diese MATRIX-Ausgabe auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wird, wozu am 15. März, um 12.30 Uhr im Café Europa (Halle 4, Stand E 401) herzlich eingeladen sind.

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

Ihr
Traian Pop

Es signiert:

• Hellmut Seiler • Horst Samson • Richard Wagner und die Folgen • Johann Lippet • Franz Heinz • Theo Breuer • György Dalos • Boško Tomašević • Klaus Martens • Benedikt Dyrlich • Ulrich Bergmann •  Olivia Spiridon • Elke Engelhardt • Edith Ottschofski • Ursula Teicher-Maier •  Harald Gröhler • Rainer Wedler • Wolfgang Schlott • Gert Weisskirchen • Uli Rothfuss •

 

Matrix 3/2015 (41) • Nikolaus Berwanger


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…Was würden wir rumänischsprachigen Schriftsteller / ohne die deutschsprachigen anfangen, / fragte sich Mariana Marin … (Wir sind frei), schrieb ich 1998, fünfzehn Jahre später.

Nikolaus Berwanger war damals für mich kein Unbekannter, aber er zählte nicht zu jenen, an die ich dachte, als ich am Schluss der Preisverleihung des Schriftstellerverbandes meinen Freund, den berühmten Literaturhistoriker und Kritiker Cornel Ungureanu, nach den nicht anwesenden deutschsprachigen Autoren fragte, ohne eine Antwort zu erwarten, denn allen war bereits klar, „dass die Deutschen uns für eine bessere Welt verlassen“: Den Anfang hatte doch schon der große Protektor Berwanger selbst gemacht. Ich war damals von den Texten der deutschen Kollegen begeistert – ohne Deutsch zu können –, da sie zum Großteil als Interlinearversionen für mich zugänglich waren. Dennoch wusste ich, dass sich hinter Berwangers prächtiger Gestalt, die mir ab und zu – dank meines Nebenjobs bei einer Literaturzeitschrift – über den Weg lief, viel mehr verbarg, als von außen zu sehen war: Mundartschriftsteller und höherer Parteifunktionär – echte Schimpfworte für uns, die wir gegen die Tradition und die Parteilinie schwammen –, dessen Position (mit den dazugehörigen Beziehungen) ihm ermöglichte, alles zu erledigen; ein Opportunist, der sowohl von den Deutschen (Westen inklusive) als auch von den Rumänen alles verlangte und bekam. Was für ein Kurzschluss, was für ein Irrtum!
Seine Texte sowie die Aussagen vieler Zeitzeugen, die Horst Samson – de facto Herausgeber dieser MATRIX-Ausgabe – hier gesammelt hat, bestätigen nun nicht nur, wie wichtig für mich und meine rumänischen, ungarischen, serbokroatischen Kollegen der Kontakt zu den deutschsprachigen war (lesen Sie dazu die Beiträge von Mária Pongrácz, Ildico Achimescu, Pia Brînzeu), sondern auch, dass ich ein besonders großes Glück gehabt habe, in der Nähe solcher Persönlichkeiten zu leben. Nun, da Nikolaus Berwanger in diesen Tagen 80 Jahre alt geworden wäre, versuchen wir – wie Richard Wagner, einer der besten Schriftsteller, die ich kenne, schreibt –, „etwas in Gang zu setzen“: „Es geht auch um die Lehren, die aus dem Blick auf das Leben eines Nikolaus Berwanger zu ziehen sind. Wenn ein Berwanger im Zeichen der Kontrolle und des Verbots etwas in Gang setzen konnte, so sollten auch wir, die wir jetzt im Zeichen der Verführung leben, der Manipulation, etwas bewegen können.“
Sie werden es uns bestimmt nachsehen, dass dieses Heft so umfangreich geworden ist – doch wenn wir alles, was wir zunächst sammelten, veröffentlicht hätten, wäre es mehr als doppelt so dick geworden. Wir hoffen, dass wir mithilfe der Texte von Nikolaus Berwanger, von den schon genannten beiden Autoren sowie von Karin Berwanger, Paul Schuster, Sigrid Eckert-Berwanger, Walter Engel, Eduard Schneider, Annemarie Podlipny-Hehn, Annemarie Schuller, Luzian Geier, Heinrich Lay, Hans Stemper oder Halrun Reinholz – neben Schriftstellern und Literaturwissenschaftlern haben sich auch Verwandte, Bekannte, Freunde und Leser zu Wort gemeldet – „etwas bewegen können“.

»Auswertung der Flugdaten« · Notizen zu Thomas Kling

Theo Breuer erinnert mit seinen „Notizen zu Thomas Kling“ an den vor zehn Jahren verstorbenen Dichter. Anlässlich von Axel Kutschs 70. Geburtstag am 16. Mai 2015 veröffentlichen wir – von Theo Breuer ausgewählt – sieben Gedichte aus „Versflug“, dem jüngst erschienenen neuen Gedichtband. Herzlichen Glückwunsch, Axel Kutsch! Und unser kürzlich gefeiertes Geburtstagskind Dieter P. Meier-Lenz stellt uns Lola vor: in einem Gespräch und acht Gedichten.

Daxue und Zhongyong – Die Große Lehre, Maß und Mitte

Mit „Daxue und Zhongyong – Die Große Lehre, Maß und Mitte“ sucht Ulrich Bergmann uns das von ihm erlebte China nahezubringen. Und Christine Kappe, Rainer Wedler, Eric Giebel, Wolfgang Schlott, Uli Rothfuss und Stefanie Golisch runden diese Ausgabe mit Essays und Bücherbesprechungen ab.

Am 13. April starb Günter Grass, kurz nachdem er es geschafft hatte, sein letztes Manuskript – keinen Roman, sondern ein Experiment, eine Mischung aus Prosa und Dichtung – „druckfertig“ zu haben. Der Abschied von einem deutschen Gegenwartsautor, der nicht nur mit seiner Literatur auch außerhalb Deutschlands für Wirbel gesorgt hat, erfolgte unterschiedlich – obwohl ausnahmslos unter dem Motto: „De mortuis nil nisi bene.“ Nun, da der politische Provokateur und künstlerische Workaholic nicht mehr da ist, bleibt uns – die wir ihn oft nur noch unter polemischen Stichworten von „Waffen-SS“ bis hin zu „Was gesagt werden muss“ und „Europas Schande“ wahrgenommen haben – zum Glück nichts anderes übrig, als seine Bücher erneut aufzuschlagen. Von der „Blechtrommel“, dem „Big Bang“ der deutschen Nach-kriegsliteratur, bis zu „Hundejahre“, seinem „ungelesensten“ Roman, wie Denis Scheck in einem Interview anmerkt: „Ich habe jedenfalls noch keinen Mitarbeiter des WDR getroffen, der weiß, dass das letzte Drittel von ,Hundejahre‘ im Wesentlichen von einem Redakteur des WDR handelt, der in Köln-Marienburg lebt und dort Talkshows moderiert. Und Grass war immer jemand, der sich der Medienwirklichkeit sehr früh bewusst war, und das auch literarisch reflektierte. Und lesen Sie mal das letzte Drittel der ,Hundejahre‘; das ist ein Roman über das Deutschland des Jahres 2015. Da kann man Gänsehaut bekommen.“
Schwer fällt uns auch, den Verlust von Hans Bender als unwiderrufliche Tatsache zu akzeptieren. Der Autor und Mitbegründer der renommierten Literaturzeitschrift „Akzente“ war zudem Herausgeber der „Konturen – Blätter für junge Dichtung“ sowie zahlreicher Anthologien, u. a. „In diesem Lande leben wir. Deutsche Gedichte der Gegenwart“ von 1978. „Das war das Logbuch, das war der richtungsweisende Band, wo man sich über die neueste Lyrikproduktion informieren konnte“, so DLF-Literaturredakteur Hajo Steinert.
Diese Ausgabe schließt mit zwei Texten von Theo Breuer im Gedenken an Hans Bender und Günter Grass.

Ihr
Traian Pop

• Horst Samson • Nikolaus Berwanger • Richard Wagner • Theo Breuer • Axel Kutsch • Dieter P. Meier-Lenz • Ulrich Bergmann • Karin Berwanger • Sigrid Eckert-Berwanger • Walter Engel • Eduard Schneider • Mária Pongrácz • Paul Schuster • Ildico Achimescu • Pia Brînzeu • Annemarie Schuller • Luzian Geier • Heinrich Lay • Annemarie Podlipny-Hehn • Hans Stemper • Halrun Reinholz • Christine Kappe  • Uli Rothfuss • Eric Giebel • Stefanie Golisch • Rainer Wedler • Wolfgang Schlott • Harald Gröhler • Rainer Wedler • Wolfgang Schlott • Gert Weisskirchen • Uli Rothfuss •

Matrix 4/2015 (42) • Hans Bergel

 

M_42 „… Was würden wir rumänischsprachigen Schriftsteller / ohne die deutschsprachigen anfangen, / fragte sich Mariana Marin … (Wir sind frei)“, schrieb ich 1998, fünfzehn Jahre später.

„In seinem Werk daheim“ Hans Bergel

Als ich diese Verse zu Papier brachte, dachte ich nicht an Hans Bergel, auch wenn ich ihn inzwischen kennengelernt hatte – indirekt, durch den ersten Übersetzer meiner Gedichte, Georg Scherg. Dies ist im vorliegenden Kontext natürlich unerheblich, und ich muss gestehen, dass ich ihn heute genauso wenig kenne wie sein Werk – denn die paar Bücher und Texte, die ich von ihm gelesen habe, ändern kaum etwas an dieser Tatsache. Allerdings war mir klar, dass sich eine MATRIX-Ausgabe unbedingt auch mit ihm auseinandersetzen sollte. Warum? Auf jeder Seite des über 250 Seiten umfassenden Teils zu Hans Bergel findet sich eine Antwort darauf – die bestimmt auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, entdecken werden: in den zahlreichen Gedichten und Prosastücken, in den Essays, Briefen, Tagebuchfragmenten und Privatfotos sowie Plakaten, Laudationes und Porträts, die um Hans Bergel kreisen.

„Mein Leitspruch, den ich mir seit Jahrzehnten täglich vorsage, gilt als sein berühmtester Satz. Er lautet – Sie wissen es –: ,Ich weiß, dass ich nichts weiß.‘ Das bedeutet für mich: Ich weiß, dass ich täglich von vorne beginnen und alles auf eine Karte setzen muss, ohne mir des Ausgangs sicher zu sein. Alles, was ich in meinem Leben wollte und über diese Stunde hinaus will, verstehe ich als Handwerker, dessen einziges Streben es ist, saubere Arbeit abzuliefern. Als ein Handwerker an der unbeschreiblich schönen deutschen Sprache.“

So Bergel über Bergel.

Dass – wie Horst Samson, der unermüdliche Redakteur des Schwerpunktes Hans Bergel, sein Geleitwort beendet – „,der Mann ohne Vaterland‘ […] nicht wirklich unbehaust, sondern […] buchstäblich in seinem Werk daheim [ist]“, ahnte ich bereits. Nun sehe ich mich also aufgefordert, ihn zu Hause in seinem Werk zu besuchen. Eingeladen hat er uns schon immer.

Besucht haben ihn auf jeden Fall einige unserer Zeugen seines Weges: Horst Samson, Peter Motzan, Ana Blandiana, Katharina Kilzer, Siegbert Bruss, Peter Paspa, Susanne Schunn, Leonid Balaclav, um nur einige zu nennen. Sonst hätten wir diese Ausgabe gar nicht zusammenstellen können.

In diesem Heft möchten wir Balthasar Waitz zum sechzigsten Geburtstag gratulieren mit einer kleinen Auswahl aus seinen sehr eindrucksvollen Gedichten sowie einem Essay von Cosmin Dragoste keiner hört sie keiner sieht sie über ihn und sein Werk.

Nikolaus Berwanger wäre in diesem Jahr achtzig geworden. Ergänzend zu unserer ihm gewidmeten Ausgabe (Nr. 41) veröffentlichen wir hier noch einen Essay über ihn von Cornel Ungureanu, einem der renommiertesten rumänischen Literaturkritiker.

…wohl nicht sein „letztes Gedicht“ Dieter P. Meier-Lenz

Am 01.07. starb Dieter P. Meier-Lenz, kurz nachdem er uns seine letzten Texte zur Veröffentlichung angeboten hat, die in der vorherigen Ausgabe erschienen sind. In dieser Ausgabe gedenken wir seiner mit einem Gedicht aus seinem letzten Band („hirnvogel. Ausgewählte Gedichte 1990–2014“. Mit 7 Zeichnungen von Brigitte Kühlewind Brennenstuhl, Pop Verlag, 2014), das mit folgenden Versen schließt:

„kein inhalt und ohne gewicht
und schon im entstehen zersprungen
so endet mein letztes gedicht“

Es war wohl nicht sein „letztes Gedicht“, sondern eines der letzten. Wir trauern um ihn – voller Dankbarkeit, ihn unter uns gehabt zu haben –, und nehmen uns vor, sein Werk weiterhin bekannt zu machen. Dazu trägt ein Text von Andreas Noga bei, der ihm – wie viele von uns – nahegestanden hat.

Politische Cartoons in Maos China

Mit seinem Beitrag „Politische Cartoons in Maos China“ führt Ulrich Bergmann eine weitere Facette des fernöstlichen Staates vor Augen. Unser „Atelier“ bietet diesmal Essays, Aphorismen, Gedichte und Prosa von Maximilian Zander, Stefanie Golisch, Franz Hofner, Katja Kutsch, Raluca Naclad und Herwig Haupt. Buchbesprechungen von Katharina Kilzer, Elke Engelhardt, Wolfgang Schlott, Andreas Rumler und Stefanie Golisch runden diese schon wieder überbordende Ausgabe ab – und eine Nachricht, die uns gerade aus Rumänien erreicht hat: Unsere Chefredakteurin Francisca Ricinski wurde zum „Botschafter der Poesie“ ernannt. Wir gratulieren und freuen uns schon auf ihre nächsten Beiträge!

Ihr
Traian Pop

Es signiert:

• Horst Samson • Hans Bergel • Peter Motzan • Dieter P. Meier-Lenz • Ana Blandiana • Renate Windisch-Middendorf •Peter Paspa • Cornel Ungureanu • Balthasar Waitz • Ulrich Bergmann • Cosmin Dragoste • Andreas Noga • Maximilian Zander • Stefanie Golisch • Franz Hofner • Katja Kutsch • Raluca Naclad • Herwig Haupt • Katharina Kilzer • Elke Engelhardt • Andreas Rumler • Wolfgang Schlott •

 

Matrix 2/2014 (36) • Axel Kutsch spannt Versnetze übers Wortland

Cover MATRIX 36

M_36A

Europa, ah, meine offene Wunde … Jahrelang habe ich von Europa geträumt. Jahrelang hat mich umgetrieben, dass die meisten Einwohner der EU nicht wissen oder nicht wissen wollen, dass Europa nicht an den Grenzen der EU endet, und sich damit schwertun, dass ein Rumäne, Bulgare, Ukrainer, Georgier oder Russe nichts anderes als ein ganz normaler Europäer ist, auch wenn er nicht in den privilegierten Teil Europas reisen kann bzw. darf. In einem Teil dieses nicht privilegierten Europa kochen nun wieder Ambitionen, Träume, Ideen, Interessen guten oder weniger guten Willens hoch – wie auf dem Basar oder noch schlimmer, auch wenn uns West-Europäern dieses Wort nicht gefällt.  Alle sprechen heutzutage über die Ukraine.

Die Kunst der „Friedensstifter“

Ehrlich gesagt, sollte ich als gebürtiger Rumäne und fast bedingungsloser Unterstützer der europäischen Idee sowie als deutscher Verleger und Redakteur auf der West-Seite stehen. Weil z. B. ein großer Teil Rumäniens von Russland okkupiert wurde (als Folge eines ehemaligen deutsch-russischen Abkommens) und bis heute noch nicht zurückgekehrt ist; oder weil ich immer noch die Zerstörung Jugoslawiens als Zerstörung eines Teils von Europa verstehe. Wenn ich aber die Geschichtslektion einer Politikerin höre, die demnächst den Stuhl des mächtigsten Präsidenten der Welt einnehmen will – was unter Umständen geschehen könnte –, wird mir schwindlig. Genauso, wenn ich mich mit der Kriegsrhetorik fast aller Friedensakteure konfrontiert sehe: von den Friedensnobelpreisträgern Barack Obama und EU über einige Regierungschefs europäischer Länder bis zu Putin (der wahrscheinlich diese Medaille auch unbedingt in seiner Vitrine haben will und kapiert hat, dass dies nur durch Friedenswillen oder -akte nicht zu erreichen ist). Ach, diese Friedensstifter, die überall in der Welt potenzielle Brandstifter suchen, um ihnen Streichhölzer jeder Art zu schenken. Ach, diese Friedensstifter, die bereit sind, selbst Feuer zu legen, wenn sich kein potenzieller Brandstifter finden lässt. Nicht umsonst natürlich: „Gewinner“ gibt es immer, auch wenn hinterher keiner von ihnen etwas mit dem selbst angerichteten Chaos zu tun gehabt haben will. Es reicht manchmal – wie bei einem Kinderspiel –, der Reihenfolge von Ursache und Wirkung zu folgen, um herauszufinden, wer und was … Wer aber will das ehrlich?

Literatur und Kunst am Scheideweg

Wohin, in dieser Konstellation, mit der Literatur? Wohin mit der Lyrik? Unser Vorhaben wirkt manchmal extrem, weil es sich um ein Gleichgewicht von Tradition und Avantgarde, von Respekt gegenüber unserem Kulturerbe und kritischem Geist bemüht. Was gerade passiert, kann aus vielen Gesichtspunkten als tragisch aufgefasst werden, aber es gibt auch berechtigte Gründe, nach vorn zu schauen. Es stimmt, man schreibt heutzutage viel ( allein schon gemessen an dem, was ich täglich an Post bekomme) und liest wenig(er) oder kaum noch (gemessen an dem,  was ich als Verleger verkaufe). Die junge Generation lebt in einer Zeit von Copy & Paste zwischen okay und Cool und wird am Arbeitsplatz von „Spezialisten“ für das Führen/Unterdrücken/Überwachen anderer Menschen getrimmt. Niemand will mehr wahrhaben, dass es auch Bereiche gibt, wo normalerweise die Wirtschaft und Politik draußen vor der Tür bleiben müssen. Dem Geld reicht es jetzt nicht mehr, nur zu regieren, es will dafür auch gelobt werden.

Ein kleiner Text bringt große Hoffnung

Dennoch, gibt es auch etwas anderes. Erlauben Sie mir zu zitieren: „Lieber Traian, habe soeben noch mal die Seiten für die BAWÜLON-Sonderausgabe durchgelesen und bin Dir unendlich dankbar, dass Du mir mit dieser wunderbaren Idee auf die faule Haut gerückt bist. Der Gott, an den ich glaube, ist ein BESONDERER. Aber er hat Dich als Motorengel geschickt, um mich in die Gänge zu bringen. Hoch und lang soll er leben, wo immer er sich aufhält und versteckt … Wie das heute in diese terroristisch geprägten Zeiten so reinpasst, habe ich auf Dich einen Anschlag vor. (…) Das ist – wenn ich die Familie ausblende – mein größter Wunsch in diesem Frühjahr, neben der Hoffnung, dass FRIEDEN bleibt, trotz einiger unverständlich kriegstreiberischer Medien, einiger verrückter (NATO)Politiker und der zwei irren Präsidenten, der eine weiß, der andere schwarz.“  Das hat mir ein Autor zu BAWÜLON Nr. 2/2014 geschrieben – ich kann Ihnen das Heft nur empfehlen, es ist tatsächlich eine (BE)SONDERAUSGABE.

Lyrik: Literatur der kleinen Auflage

Auch der thematische Schwerpunkt einer Zeitschrift für Literatur und Kunst kann durchaus dazu dienen, den Finger in eine brennende Wunde zu legen. Wenn aber das Thema die Grenzen der Berichterstattung sprengt und auf die Straße in die Mitte der Gesellschaft springt, zeigt es seine wahre Brisanz – aus kultureller, sozialer wie auch politischer Sicht. Dazu könnte man von vornherein die Auswahl unseres Wiederholungstäters Theo Breuer rechnen: eine Auswahl, die nicht nur mit der Dimension des Phänomens namens Axel Kutsch überrascht, sondern auch mit seiner ungewohnten Art konfrontiert, „wie ich es alles sehe“, „wer-was sagt/schreibt/meint“. Der Vermittler „eines breiter gefächerten Bildes unserer aktuellen Poesie“ (aus dem deutschen Sprachraum), der die „Vernetzung der Generationen“ spannend findet und feststellt, „dass die Poesie älterer Jahrgänge genau so frisch und anregend ist wie die junger Talente“, macht kein Geheimnis aus der Tatsache, dass er als Herausgeber genau weiß, dass nicht nur die Genies knapp sind – „Das war schon immer so“, merkt er an –, sondern auch, dass es sich beim Genre Lyrik um „ein Nischenprodukt“ handelt, „das sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt“, dass also Lyrik nach wie vor die Literaturgattung der kleinen Auflagen ist. „Lyrik wird heute in erster Linie in Kleinverlagen veröffentlicht – eine oft selbstausbeuterische Angelegenheit von ,Überzeugungstätern‘, deren Zahl in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Mit ihrem Engagement haben sie maßgeblichen Anteil daran, dass man wieder von einer Blüte in der deutschsprachigen Poesie reden kann. Allerdings sollte man sich nichts vormachen: „Die breite Öffentlichkeit nimmt keine Notiz davon“, sagt er im Interview. Und: „Wer sich als Autor und Herausgeber ausschließlich der Lyrik widmet, muss schon fahrlässig naiv sein – wenn er mit einem großen Publikum rechnet.“ „Er schrieb Gedichte/ für eine bessere Welt./ Sie wurde nicht besser, sein Werk gefällt …“

Boten von Literatur, Kunst und Kultur

Man kann nicht ansatzweise von Lyrik leben, aber man kann wunderbar mit Lyrik leben. Axel Kutsch wird dieser Tage 69 – „eine rundum runde Zahl, eine Zahl zum Lieben schön“, schreibt Theo Breuer, der nicht nur den Autor Axel Kutsch, seine Texte und Anthologien kommentiert, sondern auch seiner persönlichen Beziehung zu Kutsch, Kutsch-Texten und Kutsch-Anthologien nachgeht. „Es ist eine Fama, dass Gedichte im zeitgenössischen Leben moderner Menschen kaum eine oder gar keine Rolle spielen. Das Gegenteil ist der Fall: Buchstäblich überall begegne ich attraktiven Wörtern, Reimen, Sprüchen, Zweizeilern, Vierzeilern. SMS-Botschaften vor allem junger Menschen geraten immer wieder zu verblüffend lyrisch verdichteten Kurzsequenzen …“ Lassen Sie sich verführen, liebe Leserinnen und Leser, von den mehr als 100 Seiten dieses Marathons, der hier Axel Kutsch gewidmet ist. Und dazu noch von Beiträgen von Hans Bender, Katja Kutsch, Katharine Coles, Ulrich Bergmann, Gabriele Frings, Traian Pop Traian, Hendrik Zinkant, Susanne Schmincke, Bernd Marcel Gonner und Vougar Aslanov. Die Debütanten Wanda Wälisch, Rene Magnet und Fabian Bohl stellen sich mit ersten Texten vor. Und Dieter Mettler, Christoph Leisten, Ulrich Bergmann, Wolfgang Schlott, Rainer Wedler, Gabriele Frings, Marcel Faust, Edith Ottschofski und Christine Kappe haben für Sie einige an die Redaktion geschickte Bücher sorgfältig unter die Lupe genommen. Zum guten Schluss: Anlässlich der WM in Brasilien hat Theo Breuer einen Essay geschrieben, der elfstimmig anklingen lässt, wie eng Fußball und Lyrik zusammenhängen.

Eine abwechslungsreiche Lektüre wünscht Ihr Traian Pop

Es signiert:

• Katja Kutsch • Katharine Coles • Hans Bender • Theo Breuer • Axel Kutsch • Christine Kappe • Ulrich Bergmann • Gabriele Frings • Rainer Wedler •  Uli Rothfuss • Susanne Schmincke • Dieter Mettler •  Christoph Leisten • Edith Ottschofski • Klaus Martens • Vougar Aslanov • Bernd Marcel Gonner • Marcel Faust • Dieter Mettler • Hendrik Zinkant • Traian Pop Traian • Wolfgang Schlott • u.a.

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