MATRIX 2/2021 (64)

Zeitschrift für Literatur und Kunst

Ich mag keinen Exhibitionismus, aber ich habe trotzdem das Bedürfnis, die Kleider meines bescheidenen Ich wieder einmal fallen zu lassen. Des bescheidenen Ich, das so verrückt geworden ist, als Autor, Redakteur, Kolumnist – und was es sich sonst erträumt hat in seiner parallelen Welt – erneut vorstellig zu werden. Weil ich, wie schon so oft gesagt, zu danken habe, dass es mir erlaubt ist, dabei zu sein.

So wie mein Vater, der als Pilot für den Flug und die Passagiere verantwortlich war, es getan hat. Von ihm habe ich einen Traum geerbt: wie schön es sein kann, sich dem Willen des Himmels zu überlassen, auch wenn man Seiner Majestät dem Himmel manchmal aus der Hand rutscht. Genauso wie ich von ihm geerbt habe, dem Wunsch nachzugeben, selbst zu erfahren, was es heißt, den Flug für andere vorzubereiten, für ein Flugzeug und seine Passagieren einzustehen. Und das mehrmals wöchentlich, egal ob tags oder nachts, egal ob sommers oder winters, egal ob bei Hitze, Regen oder Schneesturm.

Eine Art, ein Flugzeug mit Passagieren anvertraut bekommen zu haben, scheint auch der Versuch zu sein, eine Literaturzeitschrift am Leben zu erhalten in einer Zeit, als Corona-Pandemie und Klimakatastrophe jedem Flugversuch entgegenstanden. Stimmt, unter Quarantäne gestellt zu werden, ist nicht gerade lustig. Um nicht missverstanden zu werden: Ich gehöre zu denen, die Impfen als einen Akt der Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Gesellschaft sehen. Ich sage dies nicht, um den Überraschungseffekt, der die Passagiere dieses Fluges erwartet, zu verderben, sondern um eine Wahrheit zu wiederholen, die jeder kennt und die niemand hören möchte: Jene, ohne die eine Pandemie und eine Klimakatastrophe nicht existieren würden, sind wir. Nur wir, unabhängig davon, ob wir uns an Bord der Literatur und Kultur begegnen, für die es immer enger wird, oder – im Gegenteil – von deren Existenz keine Ahnung haben bzw. davon nichts wissen wollen.

Genauso wie die Literatur selbst ein Virus ist, gegen das weder Interesse noch Ignoranz, weder Gut- noch Böswilligkeit, weder Armut noch Reichtum, weder persönliche Schwäche noch politische oder militärische Macht und auch nicht die Literatur selbst, die sich so oft für Pfennige prostituiert hat, bisher ein Gegenmittel gefunden haben. Trotz unzähliger Versuche. Von der Inhaftierung bis zum Verbot, ja bis zur raffinierten wirtschaftlich oder politisch korrekten Behandlung.

Dass sich hinter der wirtschaftlich oder politisch korrekten Behandlung von Pandemie und Klimakatastrophe auch eine unfaire Art, mit Literatur umzugehen, verbirgt, ist längst keine Neuentdeckung mehr. Genauso wie die politisch korrekte Behandlung der Literatur eine Katastrophe für Literatur selbst ist. Wenn immer mehr „Literaturfreunde“ sich berechtigt fühlen, mir unbedingt beizubringen, dass z. B. Schneewittchen von Rassismus und Diskriminierung oder Rotkäppchen von Sexismus geprägt seien.
Soll mein Ich, obwohl es zu seiner Männlichkeit steht, aber nicht an Sex denkt, wenn es sich an Rotkäppchen erinnert, soll mein Ich dieses wunderbare Märchen mit seinen Lehren über Gut und Böse, über Naivität und Realität, über Recht, Unrecht und Gerechtigkeit, das meine Kindheit begleitet hat, einfach vergessen? Und Schneewittchen zukünftig außer Acht lassen? Muss ich nun annehmen, dass das wirtschaftlich und politisch korrekte Benehmen uns selbst erfasst hat? Erfasst nicht, aber eingeholt schon, flüstert mir eine berühmte Romanfigur ins Ohr.

Pragmatisch wäre also, in das Flugzeug, das ich unbedingt in Betrieb halten möchte, die Geimpften, Genesenen oder Nicht-Infizierten einsteigen zu lassen. Da ich aber mit Pragmatismus nichts am Hut habe, wähle ich die Passagiere immer noch nach Kriterien aus, die ich mir selbst angesichts der allgemeinen Befindlichkeiten kaum einzugestehen wage. Ist das ein Zeichen dafür, dass meine Finger voller Viren sind? Trotz des Versuchs eines EU-Werbespots, mir beizubringen, wie ich meine Hände korrekt waschen muss? Gott sei Dank drängt sich nicht alles als Vorschrift auf, manches ist nur als Geschenk zu bekommen …
Denn was hätte die Dame aus dem Werbespot mit der Tatsache anfangen können, das z. B. unser georgischer Autor Dato Barbakadse eine „türkische Pizza“ isst „in einem ärmlichen Café in Kopenhagen, Hauptstadt Österreichs / mit ein paar nicht so schlechten Aussichten auf den Seine-Fluss“? Hätte sie eine Probe an die Behörde geschickt, um die Virenbelastung festzustellen?
Und wie hätte das RKI die Tatsache eingestuft, dass Christa Wißkirchen „Vatermutter“ sagt statt „Mamapapa“ und „Erzeuger“ statt „Eltern“ und „Projektion“ statt „Liebe“ und „System“ statt „Schule“ und so weiter und so weiter?

Europa hätte bestimmt Selbstanzeige erstattet, wäre aus dem Zentrum Zentraleuropas zu ihr gedrungen: „Die Anarchisten haben ihre Knallfrösche vergessen (und die Fahnenträger laufen ohne Fahnen / einzeln über den leeren Platz / wo der Volksredner von einer Säule herab / per Liveschaltung seine Zuhörer anfleht / nicht das Haus zu verlassen.)“, wie Thomas Böhme uns gerade mitteilt, während Michael Denhoff von countertimecounter sagt, dass die Komposition immer lebendiger werde trotz der Absicht, der mittlerweile so genannten ,Corona-Krise‘ (die in seiner Wahrnehmung vielmehr eine globale Gesellschafts- und Systemkrise – mit in mancherlei Hinsicht geradezu kafkaesken Zügen – geworden sei) keinen Zutritt in seine künstlerische Arbeit zu erlauben.

Der Gemeinplatz ist allseits bekannt: Was soll der Träumer, wenn heute Pragmatiker und Problemlöser gefragt sind? Wer glaubt im Ernst, dass Lawrenti Ardasiani kein Träumer war, als er in Tiflis die Verwandlung und Europäisierung mit all ihren karnevalesken Zügen akribisch beobachtet und literarisch gestaltet hat? Man könnte auch meinen, Matthias Buth wäre ein Verwalter der Ungerechtigkeit, die immer noch unsere Zeit prägt, Barbara Zeizinger und Rainer Wedler wären Puppenspieler, die sich selbst manövrieren, Silvia Schreiber eine unsichtbare Mitbewohnerin in unseren Wohnungen, Körpern, Gedanken. Und die Rezensenten: viel zu indiskrete Leser, die viel zu diskret über die eigenen Entdeckungen berichten. Den Editorial-Unterzeichner sollte man lieber vergessen: Er spottet jeder Vorstellung von gesundem Menschenverstand. Der einzige Zeitzeuge dieser Ausgabe, der das Schreiben zu seinem Hauptberuf gemacht hat, Hans Todt, mahnt: „In der heutigen Zeit des Internets finde ich es wichtig, dass junge Menschen überhaupt lesen.“

So könne aber keine Identität als Literaturgemeinde entstehen, die integrieren soll statt ausschließen, meldet sich die schon erwähnte Romanfigur zu Wort und fügt hinzu: Dieser Flug findet bestimmt nicht mehr statt. Doch, antworte ich, während die unentschlossene Jahreszeit die Unterwäsche von Rotkäppchen in meinem Handgepäck sucht, nachdem sie mir den Reisespiegel überreicht hat, in dem Schneewittchen sich schminkte, damit ich mich selbst davon überzeugen kann, dass ihr Negativ-Test gefälscht war. Ich finde aber keinen Grund zu feiern, obwohl mein Ich mich aus dem Spiegel ohne FFP2-Maske anstarrt.

Ich halte ihm das Blatt Papier unter die Nase, auf dem ich gerade begonnen habe, den Leitartikel dieser Ausgabe zu schreiben:

„… ich werde dich nie wiedersehen. So viele Tode / warten auf dich“, schreit Matthias Buth mit einem Vers von Adam Zagajewski, „und dann / der tod / zu jeglicher schönheit entschlossen“, zitiert er weiter, diesmal aus einem Gedicht von SAID. „Ruf leise: Strudirella. Wenn dann eine Nixe aus dem Wasser schaut, ist sie deine Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßtante“, antwortet ihm Herwig Haupt. „Auf einem Bild fährst Du unter Wasser mit dem Rad zur Kirche, liebe Irene Klafke“, denkt Christine Kappe, während sie sich mit dem Fahrrad auf den Weg zur Trauerfeier macht. Wollten sie vielleicht Strudirella treffen?

Eine gute Reise hätte ich allen Entschwundenen wünschen wollen, aber meine Stimme macht nicht mit. Ich bin jedoch sicher, dass sie mich hören. Und selbst wenn es nicht so sein sollte, ist es wichtig für mich und Sie, die diese Zeilen lesen, das zu glauben.

Es ist bereits Oktober und die MATRIX-Sommerausgabe endlich druckreif …

Traian Pop

• Dato Barbakadze • Christa Wißkirchen • Thomas Böhme • Michael Denhoff • Lawrenti Ardasiani • Bela Tsipuria • Matthias Buth • Herwig Haupt • Ulrich Bergmann • Christine Kappe • Irene Klaffke • Rainer Wedler • Was und wie viel wurde bzw. wird uns täglich mit auf den Weg gegeben? Was und wie viel davon wollen und können wir tragen bzw. ertragen? • Hans Todt • Barbara Zeizinger • Silvia Schreiber • Christel Wollmann-Fiedler • Wolfgang Schlott • Tania Gensfett • Uli Rothfuss • Katharina Kilzer • Stefanie Golisch • Dieter Mettler • Traian Pop •

Inhalt

Traian Pop • Editorial / S.4

Die Welt und ihre Dichter

Ein Gedicht für jede Jahreszeit
Dato Barbakadse • genius loci / S. 9

Christa Wißkirchen • Sechs Gedichte / S. 12
Thomas Böhme • Fünf Gedichte / S. 18
Michael Denhoff • countertimecounter / S. 26
Dato Barbakadse • 64 Haiku / S. 33
Luka Bakradse • Haiku-Kränze / S. 47
Beka Barkaia • Die kombinatorische Poesie Akira Mikitos / S. 49
Lawrenti Ardasiani • Solomon Isakitsch Medschghanuaschwili . Auszug / S. 53
Bela Tsipuria • Verwandlung, Europäisierung und Karnevalität von Solomon Isakitsch und Tiflis / S. 65
Matthias Buth • Lemberg ist Poesie – wie alle Heimat . Zum Tod von Adam Zagajewski / S. 79
Matthias Buth •Auf dem Rückweg vom Tod . In Deutschlands Sprache . In Memoriam SAID / S. 83
Herwig Haupt • Zwölf Gedichte / S. 89
Herwig Haupt • Das Märchen vom Nixenstein . Prosa / S. 104
Ulrich Bergmann • In memoriam Herwig Haupt / S. 119
Christine Kappe • Irene Klaffke, bildende Künstlerin, 1945 – 2021 – ein Nachruf in Briefform / S. 123
Rainer Wedler • Die Versuche des Rudolph Anton R. . Auszug / S. 127
Barbara Zeizinger • Herzwurzeln / S. 145

Zeitgeschichte
Was und wie viel wurde bzw. wird uns täglich mit auf den Weg gegeben? Was und wie viel davon wollen und können wir tragen bzw. ertragen?
Hans Todt • Ich kam aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Cherbourg und stand ohne alles da / S. 157

Atelier
Silvia Schreiber • Du siehst mich nicht . Prosa / S. 160

Bücherregal
Christel Wollmann-Fiedler • Die Reise des Wasserzeichens / S. 177
Wolfgang Schlott • Dato Turaschwili, Das andere Amsterdam / S. 179
Tania Gensfett • Die dämmernde außerterrestrische Leiter ins All . Gedichte von Ágnes Nemes Nagy (1922-1991) / S. 181
Uli Rothfuss • Kultur und Freiheit . Ein Buch von Roland Bernecker
und Ronald Grätz (Hg.) / S. 185
Matthias Buth • Der Worterheller aus Rumänien . Gott weiß mich hier. Radu Carp im Gespräch mit Eginald Schlattner / S. 187
Matthias Buth • Ännchen singt weiter, nicht nur in Königsberg . Klaus Ferentschik, Kalininberg & Königsgrad: Große Miniaturen / S. 191
Katharina Kilzer • Am Ende des Tunnels Licht – Tamara Labas’ Gedichtband Durst der Krieger – Liebesgedichte / S. 194
Stefanie Golisch • Es geht immer weiter. Zu Dato Barbakadses Und so weiter. Sieben Haiku-Kränze / S. 197
Dieter Mettler • Rainer Wedler, Die Versuche des Rudolph Anton R. / S. 199

MATRIX 1/2021 (63)

MATRIX 1/2021 (63)

Zeitschrift für Literatur und Kunst

Die Tage werden länger, trotz des Virus, trotz allem, was vor, auf den Treppen und im Parlamentsgebäude „der größten Demokratie, die der Planet seit seiner Existenz kennt“, passiert ist. Ja, nur wenige hätten gedacht, dass die Demokratie solch ein Kleid zur Schau tragen kann.
Ich, der vor 32 Jahren die Chance bekommen hat, eine Demokratie auf der eigenen Haut zu spüren, bin dankbar für die Geschenke, die mir das Land gemacht hat, wo einige Vorfahren der Mutter meiner Kinder geboren wurden – selbst wenn ich immer wieder erzählen muss, woher ich komme, selbst wenn einige Gutmenschen unermüdlich versuchen, mich für die Taten mancher ehemaliger „Landsleute“, mit denen ich nie zu tun gehabt habe, verantwortlich zu machen. Ich muss Glück in diesem Land gehabt haben, von dem ich – wie viele andere heutzutage noch – dachte, dass auf der Straße Milch und Honig fließen.
Doch nach dem, was ich vor Kurzem im Fernsehen gesehen habe, muss ich zugeben: Die Demokratie, von der ich träumte, fließt leider auch nicht auf der Straße.
Die Intoleranz, die jede Meinung unterdrückt, die nicht mit der eigenen übereinstimmt – dieses „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, das mich vor mehr als 30 Jahren zum Exil verurteilt hat –, erschreckt mich heute genauso wie damals. Egal ob es in der Sprache des Landes, das mich aufgenommen hat, oder in der Sprache „der größten Demokratie, die der Planet seit seiner Existenz kennt“, geäußert wird.
Nicht nur die Bilder, die vor, auf den Treppen und im Parlamentsgebäude „der größten Demokratie, die der Planet seit seiner Existenz kennt“, gedreht wurden, erschrecken mich, sondern vor allem die Versammlung unterschiedlicher Strömungen, in denen keiner einen anderen Standpunkt tolerieren und jede Gruppierung ihre eigene „Wahrheit“ durchsetzen will, koste es, was es wolle.
Die in den Universitäten geborene politische Korrektheit, die gerade von jenen, die noch nie eine Universität von innen gesehen haben, mit Beschlag belegt wurde, ist zu Exzessen eskaliert, von denen manch ein gefürchteter Diktator nur träumen konnte. Initiativen, die zunächst unbestreitbare Ungerechtigkeiten zu parieren versuchten, haben noch mehr Ungerechtigkeiten produziert. Es wird eine einzige Wahrheit reklamiert, an die niemand rühren darf, und diejenigen, die andere Meinungen vertreten, werden eingeschüchtert, ausgegrenzt, wenn nicht ausgeschlossen. Der ursprünglich gerechtfertigte Widerstand gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie, Transphobie, Fremdenfeindlichkeit und andere Ausgrenzungen hat sich zur Hexenjagd entwickelt. Die Idee der Vielfalt hat es geschafft zu teilen, statt zu vereinen! Die Plattform Cancel Culture ging so weit, sogar ein Verbot von Shakespeare zu fordern, weil seine Schriften „farbigen Studenten gegenüber feindlich“ seien, um nur ein Beispiel zu nennen. Leuchttürme der universellen Kultur wurden plötzlich zur persona non grata, weil sie das Pech hatten, männlich und – was für eine Unverschämtheit! – weiß zu sein. Gerechte Bewegungen, die friedlich begannen, etwa Black Lives Matter, mündeten in Gewalt. Auch die Wortwahl sollte in der freien Welt eingeschränkt und Wörter wie „Mutter“, „Vater“, „Bruder“, „Schwester“ aus dem Wortschatz gestrichen werden, um die Sensibilität derer nicht zu verletzen, die sich in ihnen nicht erkennen: die Diktatur des Neutrums. Und was ist dann mit denen, die sich in den verbotenen Wörtern erkennen? Das hört sich genauso an wie zu jenen Zeiten, die ich nie wieder erleben wollte. Ich hätte nicht gedacht, die finsteren stalinistischen Ideen nach Jahren in der freien Welt wieder anzutreffen! Ich hatte vielmehr gedacht, das Paradies auf Erden entdeckt zu haben. Und nun frage ich mich, wer oder was niedergerissen wird. Die Freiheitsstatue selbst? Und von wem? Von Linksextremisten, von Rechtsextremisten? Von ihren vereinten Kräften?
„Nachrichten zu verfolgen ist wie ein gute Portion Gift zu schlucken“, das sage ich immer öfter. Wem nützt es, zu wiederholen, was jeder in den neuesten Nachrichten gesehen hat? Wem hilft es, wenn ich mitteile, wie ich mich fühle? Wer versteht diese allgemeine Kakophonie? Welche Handlungen sind notwendig und gerecht, welche destruktiv und absurd?
Allerdings ist mir bewusst, dass es im Laufe der Geschichte schon immer Hass, Korruption und Gewalt gegeben hat; genauso wie die Tatsache, dass trotz unbeschreiblicher Spannungen und Feindseligkeiten das Leben weitergegangen ist. Sollte das die Lehre aus der Geschichte sein? Tun wir weiterhin so, als würde das alles nicht passieren?
Um keine voreilige Antwort zu geben, schlage ich zunächst vor, unter den Nachrichten des Tages auch etwas Erfreuliches zu suchen. Und wenn da nichts zu finden ist, suchen Sie bitte in sich selbst: etwas, von dem Sie sicher sind, dass es existiert – sogar in diesen verrückten Zeiten, in denen wir vor allem Antworten auf Fragen wollen, auf die wir keine Antworten bekommen können. Ich habe jedoch das Gefühl, dass trotz der verstörenden Situation des Augenblicks und im Gegensatz dazu dieses „wunderbare Ding“ neben uns ist, vielleicht in uns, aber das Problem besteht darin, dass wir uns zu weit davon entfernt haben, um es wahrzunehmen …
Ich habe es probiert. Ich, der nicht geglaubt hat, dass in der Demokratie ein Gabelstaplerfahrer besser lebt als ein Ingenieur in der Diktatur. Ich, der nie gedacht hätte, ein Editorial in einer anderen Sprache als meiner Muttersprache zu schreiben und Autoren in einer Sprache zu veröffentlichen, die ich erst als Erwachsener lernen musste. Ich habe es probiert und probiere weiterhin, mir beizubringen, meine „wunderbare Seite“ zu entdecken und sie Ihnen zu schenken. Denn ohne Sie hat meine „wunderbare Seite“ keinen Sinn. Ich selbst habe nur dank der vielen „guten Seiten“ überlebt, die ich bisher geschenkt bekommen habe. Eine davon ist der glückliche Zufall, dass ich einen Autor kennengelernt habe, der vor einigen Tagen siebzig geworden ist.

Eigentlich wollte ich ein Editorial schreiben, in dem ich nichts und niemanden kritisiere, sondern unserem Geburtstagskind , dem Schriftsteller Johann Lippet, gratuliere. Vor allem weil ich ihn bewundere, wie er es geschafft hat, (s)eine Ecke der Welt voller eigener Gedanken und Erinnerungen zu leben und zu verewigen und gleichzeitig uns, seine Leser, zu glücklichen Teilhabern zu machen. Danke, lieber Johann Lippet, für dein Stück Welt, aus dem die Einfachheit und die Natürlichkeit noch nicht verschwunden sind.
„Im Gesamtwerk des Schriftstellers blieben das Banat und das Schicksal seiner Menschen bis zum jüngsten Buch („Franz, Franzi, Francisc“, Romanfragment) ein Leitthema.“ So Luzian Geier über den gefeierten Schriftsteller-Chronisten der Banater Gemeinschaft.
„Johann Lippet“, schreibt Horst Samson, „ist der Chronist des Alltagslebens der Banater Schwaben in der Banater Heide. Sein genauer und kenntnisreicher Blick auf diesen Landstrich, auf die Dörfer und Menschen, ihren Alltag und ihre Erlebnisse in geschichtsträchtigen Vernetzungen mit und in ihren dörflichen Gemeinschaften werden virtuos und im sprachlich authentischen Kolorit erzählt, dokumentarisch verlässlich beschrieben und exemplarisch am Beispiel seiner Heimatgemeinde Wiseschdia literarisch reizvoll verortet.“
Theo Breuer erkennt in Johann Lippets Banat-Büchern literarische Werke, „die verloren gegangener H∙e∙i∙m∙a∙t ein Denk-, Ehren-, Mahnmal setzen“, und hebt die fundamentale Bedeutung „des letzten Satzes des 789 Seiten umfassenden Buchs mit dem bezeichnenden Titel Dorfchronik, ein Roman hervor: Im Grunde genommen erscheint uns jetzt die Wirklichkeit, von der wir erzählt haben, sowieso nur noch als Fundgrube für Fiktion.“
„ich, johann lippet, bin nur indirekt aus dem banat“, schrieb der Autor in der 1980 in Rumänien veröffentlichten und sehr geschätzten biographie. ein muster. Lesen Sie ab Seite 17 einen Auszug daraus, der erstmals in Deutschland erscheint:
„Und weiter: Ich kehre immer wieder zurück. Wie der Täter an den Tatort. Der Vergleich hinkt, ich weiß, es fühlt sich aber so an. (…)
Und ich erinnere mich an Wintermorgen. Wir Kinder liegen bei geöffnetem Fenster in den Betten im hinteren Zimmer, die Tuchent bis unters Kinn gezogen, und wenn dann Mutter, die von der Küche aus den dicken Ofen im Zimmer angeschürt hat, das Fenster wieder schließt, ist die wohlige Wärme, die der Ofen ausstrahlt, regelrecht zu riechen.
Allein schon wegen dieser unvergleichlichen Wärme und dem damit verbundenen Gefühl von Geborgenheit werde ich immer wieder zurückkehren.“
Die „Phantome der Erinnerung“, die sich zwischen diesen zwei Aussagen Johann Lippets bewegen, können Sie auch als Premiere ab Seite 33 lesen. Um ein umfassenderes Bild von seinem Werk zu bekommen, haben wir für Sie einige seiner Gedichte ausgewählt, die in den 70er- und 80er-Jahren in Rumänien entstanden sind. Horst Samson, dem wir nicht nur diese Auswahl, sondern auch die meisten Fotografien dieser Ausgabe verdanken, widmet dem Zelebrierten eines seiner letzten Gedichte.

Selbstverständlich fanden wir, dass eine Ausgabe, die dem „Chronisten des Alltagslebens der Banater Schwaben“ gewidmet ist, mit einem der besten Texte eröffnet werden soll, die der Autor dieses Editorials je über das Banat gelesen hat: dem Gedicht „Banater Elegie“ von Johann Lippets „Aktionsgruppe“-Kollegen und Freund Richard Wagner.

Als ich weiter oben versucht habe, Ihnen den Schwerpunkt dieser Ausgabe vorzustellen, wagte ich die Aussage: „Nachrichten zu verfolgen ist wie ein gute Portion Gift zu schlucken.“ Nun muss ich allerdings zurückrudern: Das trifft nicht immer zu. Mindestens ein Wunder ist in letzter Zeit geschehen: Es gibt viel früher als gehofft die Impfung! Die Impfung, die nach Maskulinum oder Neutrum klingt und tatsächlich so weiblich ist, verspricht, uns allen zu helfen. Ist das nicht wunderbar? Ich weiß nicht, wie Sie dazu stehen, aber ich brauchte so eine Nachricht.

Nun kann ich ruhig weitermachen, um unsere Ausgabe fertigzubekommen. MATRIX stellt Ihnen auch Gedichte von Amiran Swimonischwili (Paco) im Original (georgisch) und in deutscher Übertragung vor sowie Erinnerungen an seine Seltsamkeit, an seine herausragende Originalität, die in keiner Weise in Verbindung zu seinem Dichten stand.
Klaus Martens präsentiert diesmal nicht nur einige seiner neuesten Gedichte, sondern eröffnet auch unsere Recherche „Was wurde uns allen als Bürde mit auf den Weg gegeben? Wie viel davon wollen und können wir tragen?“ Auf ihn folgt Wendel Schäfer, der empfiehlt, dass wir uns kein Buch verbieten lassen.
Über Robert Musil und seinen Mann ohne Eigenschaften trauen sich nicht sehr viele Leser zu sprechen. Ulrich Bergmann tut es, und zwar im Sinne des Romans, was heißt, dass in seinem Essay noch viele Türchen offen bleiben, trotz der respektablen Länge.
Benedikt Dyrlich zeigt uns eine Facette Roms aus dem Jahr 1983, geträumt durch das DDR-Fenster und gesehen durch die DDR-Sonnenbrille.
Und Edith Ottschofski nimmt uns mit in die Berliner S-Bahn, während sie Gedichte schreibt.
Die Rezensenten haben diesmal weniger Platz zur Verfügung. Ihre Leseeindrücke teilen Barbara Zeizinger, Uli Rothfuss und Matthias Buth mit.
Vielen Dank auch an Literaturport.de, wo unsere Zeitschrift aufgenommen wurde. Es war nicht einfach und ich hoffe, dass die Freude nicht nur unsererseits ist, sondern auch seitens derer, die das Portal verwalten oder sich dort informieren. Dieser Erfolg ehrt und verpflichtet uns gleichzeitig. Und Sie, liebe Leserinnen und Leser, haben nur zu gewinnen.

Ihr Traian Pop

• Richard Wagner • Luzian Geier • Johann Lippet • Horst Samson • Amiran Swimonischwili (Pako) • Beka Kurchuli • Klaus Martens • Wendel Schäfer • Ulrich Bergmann  • Edith Ottschofski • Barbara Zeizinger • Uli Rothfuss • Matthias Buth •

Inhalt

Traian Pop • Editorial / S.3

Die Welt und ihre Dichter
Ein Gedicht für jede Jahreszeit
Richard Wagner • Banater Elegie / S. 9
biographie. ein muster • Johann Lippet zum 70.ten
Luzian Geier • Schriftsteller-Chronist seiner Banater Gemeinschaft . Der Autor Johann Lippet wurde 70 / S. 13
Johann Lippet • biographie. ein muster . ein Banater Schwaben-Epos aus den 80er jahre / S. 17
Johann Lippet • Phantome der Erinnerung / S. 33
Horst Samson • Allegorie . Ein Gedicht für Johann Lippet / S. 86
Johann Lippet • Frühe Gedichte . Die 70er und 80er Jahre in Rumänien. . Eine Text-Auswahl von Horst Samson / S. 89
Amiran Swimonischwili (Pako) • Fünf Gedichte in Original (georgisch) und in deutscher Übertragung / S. 122
Beka Kurchuli • Pako . Erinnerungen eines Freundes / S. 133
Klaus Martens • Fünfzehn Gedichte / S. 139

Zeitgeschichte
Was und wie viel wurde bzw. wird uns täglich mit auf den Weg gegeben? Was und wie viel davon wollen und können wir tragen bzw. ertragen?
Traian Pop • Ich wage es… / S. 154
Klaus Martens • (Er) hatte die Wahl zwischen den Kommunisten und den Nazis gehabt. Letztere hatten wohl die schickeren Mützen. / S. 155
Wendel Schäfer • Lasst euch kein Buch verbieten / S. 161
Ulrich Bergmann • Der Mann ohne Eigenschaften – eine Utopie?/ S. 163
Benedikt Dyrlich • Mein Italien 1983 / S. 185

Atelier
Edith Ottschofski • saumselige annäherung . Acht U-Bahn gedichte. / S. 199
Bücherregal
Barbara Zeizinger • Andreas Kossert, Flucht. Eine Menschheitsgeschichte / S. 206
Uli Rothfuss • Harald Gröhler, Frischer Schnee / S. 209
Matthias Buth • Jürgen Brôcan, Ritzelwellen / S. 211

 

MATRIX 2/2020 (60)

Zeitschrift für Literatur und Kunst

Liebe Leser,

überlegen Sie einmal kurz, welche Themen Sie ansprechen würden, wenn Sie dieses Editorial zu schreiben hätten. Gerade jetzt, wenn alle Editorials vom Corona-Virus infiziert sind und der Gedanke, eine MATRIX-Ausgabe auf den Markt zu bringen, die eigentlich im Frühling erscheinen und über die Leipziger Buchmesse berichten sollte, zumindest absurd, wenn nicht sinnlos zu sein scheint? Und wen wollten, wen könnten wir mit dieser Ausgabe, die nur höchst peripher mit der Pandemie zu tun hat, erreichen: ein betroffenes, ein nicht betroffenes Publikum?

Dieses Editorial zu schreiben fällt mir alles andere als leicht. Vielleicht hätte ich es früher angehen und erst richtig gären lassen sollen, statt es bis zur Deadline hinauszuschieben und es nun so zu verfassen, als ginge die Sonne morgen nicht mehr auf.

Ich hätte jede Silbe wiegen können, bis sie zu Tränen gerührt worden wäre. Und es selbst dann nicht ohne Zögern gewagt, sie in die Welt treten zu lassen.

Ich hätte Sie, liebe Leser, an meinen Schreibtisch eingeladen, ohne die sich stapelnden Papiere aufzuräumen oder die Tee- und Kaffeeflecken wegzuwischen. Ich hätte Sie über meine Schulter schauen lassen im Vertrauen darauf, dass sich Ihnen genau das einprägen würde, was dann der ersten Korrektur zum Opfer gefallen wäre. Und hätte Tee und Kaffee geschlürft und die Tastatur bespritzt, ohne mich darum zu kümmern, dass es keinen guten Eindruck machte.

Ich hätte mir die Zeit genommen, um zu erfahren, was mein Vater, was meine Mutter, was mein Bruder, was meine Frau, was meine Kinder, was mein Nachbar oder was der Angestellte an der Theke mir berichten könnten. Ich hätte geweint und gelacht über das, was ihnen passiert war, und nicht über das, was ich gelesen oder mir vorgestellt hatte. Und hätte Kleinigkeiten ignoriert.

Ich hätte mich nicht um diejenigen gekümmert, die ich nicht mag, geschweige denn um ihre Meinung. Und hätte mich den Händen derjenigen anvertraut, die mich so akzeptieren, wie ich bin, und mir helfen, jeden Tag, den ich älter werde und immer heftiger mit mir selbst hadere, zu bestehen – mit all meiner Hilflosigkeit und Verzweiflung, mit all dem Wahnsinn, den ich erlebt oder mir vorgestellt habe, und mit all meinen Romanen und Gedichten, die sich noch in der Projektphase befinden. Ach, meine Lieben, wenn ich dieses Editorial noch einmal schreiben könnte, hätte ich es erst getan, nachdem ich mich um euch gekümmert hätte.

Ich hätte mich nicht gefragt, warum gerade ich mich zum Beispiel mit dem Buch eines Autors befassen muss, der damit höchstwahrscheinlich deshalb zu mir kommt, weil niemand sonst es angenommen hat. Dessen Gedichtband zwar gewaltig ist, aber kein bekannter Kolumnist oder Kritiker sich die Mühe machen wird, darüber zu schreiben, weil jeder, absolut jeder weiß, wie gering die Chancen sind, dass Bücher besprochen werden, die von einem No-Name-Autor in einem No-Name-Verlag veröffentlicht wurden – und seien sie noch so bemerkenswert. Ein Autor allerdings, der sich selbstverständlich die erste Gelegenheit nicht entgehen lassen wird, zu einem namhaften Verlag zu wechseln, selbst wenn der ihn jahrelang ignoriert hat.

Ich hätte mich nicht gefragt, warum gerade ich mich etwa auch mit einem Autor auseinandersetzen muss, der nichts über das Programm des Verlags weiß. Oder einem, der weder mit dem Programm noch der Buchgestaltung einverstanden ist und darauf besteht, alles auf den Kopf zu stellen. Oder einem, der nichts von einem Vertrag hören will. Oder …

Sie sehen, dass ich dieses Editorial nicht noch einmal schreiben möchte, obwohl es bisher nichts mit dem Inhalt dieser Ausgabe zu tun hat. Als ob ich nicht ganz bei der Sache wäre. Aber ich bin wohl kein ausgewiesener „Editorial-Verfasser“.

„ (…) wüsche die wände in unschuld ( wär reif für den pinsel ) / ließe die stele traumeln und die füllen fallen / hielte den hund – und die toren steif / wüßte was müßte und wie mir geschähe : / schlüge die zeit rot ogottogott und / drei fliegen ( mit meiner klappe ) / ginge euch auf den leim und den keks“ (…). Theo Breuer schenkte uns ein Frühlingsgedicht. Dass es erst jetzt gedruckt wird, scheint gerade passend für die Absurdität dieser Zeiten.

Aus seinem neuesten literarischen Schaffen steuerte Klaus Martens einige Gedichte bei, die unsere Galerie „Die Welt und ihre Dichter“ eröffnen. Es folgen lyrische Texte von John Edward Williams – Dichter, Romancier und Gründer der renommierten Literaturzeitschrift Denver Quarterly –, die Ulrich Bergmann übersetzt hat.

„Bemerkenswerte Literatur verspricht keine Lösungen, sondern zeigt Verhältnisse und Verstrickungen auf, fasst den Geist ihrer Zeit, ohne im Gewand des Zeitgeistigen aufzutreten. Auch wenn es wohl bis auf weiteres nur wenige bemerken werden, Schäfers Kurzprosa zählt zu dieser Literatur. Und – Schäfers Prosa eignet ein Alleinstellungsmerkmal.“ So Klaus Wiegerling über Wendel Schäfer. „Lasst euch kein Buch verbieten“, mahnte der Autor, der gerade 80 geworden ist, als wir ihn nach einer Empfehlung für unsere jungen Leser gefragt haben. Alles Gute zum neuen Lebensjahr von der MATRIX-Redaktion, lieber Herr Schäfer! Und Sie, liebe Leserinnen und Leser, sind herzlich eingeladen zu einem kleinen Geburtstagsempfang mit neueren und älteren Texten unseres Gefeierten. Die Festrede wird natürlich von Klaus Wiegerling, einem der besten Kenner von Schäfers Werk, gehalten. Und ich nutze hier die Gelegenheit, Ihnen noch seinen kürzlich erschienenen Band Freigang der Käuze. Von Schelmen, Tröpfen, schrägen Vögeln ans Herz zu legen.

„George Enescu fließt über Trompete und Flügel in Rumäniens innerste Mitte und stirbt und stirbt und stirbt und stirbt nicht“, schreibt der Dichter Matthias Buth und feiert unter anderem „eine Donau, die sich zu weigern scheint, Europa zu verlassen: ,Nein sie will nicht / Sie macht sich flach / […] Sie ist nun hier und will doch bleiben / Sie hat ihr Fließen zurückgenommen / Auf zehn Zentimeter in der Sekunde / So als könne sie auf der Stelle fließen / […] Wo sich doch noch einmal alles umkehren sollte / Dort‘.“ Markus Bauer entdeckt aufmerksam und inspiriert einige Facetten des Werkes von Matthias Buth in seinem Essay „Ich baue mit geliehenen Worten Häuser, die fliegen“.

Das Redaktionsteam begrüßt Sabina Kienlechner, deren Flug des Erzengels Michael über Europa nach Italien führt: „Falls Sie jemals nach Mattinata kommen sollten, so besuchen Sie unbedingt die Apotheke des Dottor Sansone. Sein ,kleines Museum der Geschichte‘, wie er es nennt, ist das weiseste und richtigste der ganzen Welt: ein Haufen von Trümmern und Scherben.“

Josef Balazs’ Interview mit einer der letzten Dorfschreiberinnen von Katzendorf hebt an: „Sagt jemand, er wisse nicht, wo Katzendorf liege, outet er sich gleich als Nichtleser der großen deutschen Zeitungen – der FAZ, der ZEIT, der Neuen Zürcher Zeitung. Denn sie haben sich fast alle mit Katzendorf beschäftigt. Sogar Deutschlandfunk Kultur. Das will was heißen. Dieses Dorf muss ein außergewöhnliches Dorf sein.“ Ich weiß nicht, ob Dagmar Dusil angenommen hat, dass ihr Buch über Katzendorf ein Besteller wird. Aber ihre Texte voller Leben und Menschlichkeit sprechen dafür. Lesen Sie die Beiträge von und über Dagmar Dusil ab Seite 107.

Mittlerweile sei es „keineswegs mehr unvorstellbar, dass – wenn heute zu früher geworden ist – selbst die großen Verbrechen des letzten Jahrhunderts im Fundus des Brauchtums landen. / Es muss nur genug Zeit vergehen.“ Eindeutig: Die zwei Prosastücke von Wolfgang David tragen Die Last der Geschichte.

Die Last der Lebenden tragen nun wir, die Hinterbliebenen, wenn wir an unsere Kollegen und Freunde Theodor Vasilache („Nichts ist ganz neu unter der Sonne, / vielleicht nur die Augen, mit denen wir das Unheil betrachten, / und vielleicht / nicht einmal sie …“) und Friedrich-Wilhelm Steffen („die töchter poloniens hier an der straße / des namens ihrer hauptstadt mit Kopernikus gleich nebenan / und fragen mich oh verzeihung sind sie ein dichter“) erinnern. Mit einigen Fotos und Gedichten sowie Nachrufen von Kira Mantsu, Uli Rothfuss, Peter Küstermann und Marcus Neuert versuchen wir, uns den Abschied leichter zu machen.

Ein Junior-Professor und eine polnische Studentin, die sich an einem Nacktbadestrand zwei sehr unterschiedliche Geschichten aus der Vergangenheit und der Gegenwart erzählen: Anton Sterblings Sommerschule schließt den Kreis unserer jetzigen Runde durch die Welt der Dichter.

Für das Bücherregal haben unsere Rezensenten Matthias Buth, Wolfgang Schlott, Ulrich Bergmann und Uli Rothfuss Bücher von Peter Gehrisch, Horst Samson, Ilse Hehn, Doris Distelmaier-Haas, Nadine Schneider, Werner Streletz und Peter Handke ausgesucht. Ihre Bewertungen können Sie ab S. 183 lesen.

Und last not least trägt Widmar Puhl zwei Berichte aus der Kulturszene bei: Musik für die Ewigkeit und Corona ist für die Kultur der GAU.

Eine lebendige Lektüre wünscht Ihnen
Traian Pop

Zauberer des Wortes

Sie sind Zauberer des Wortes und einige von ihnen schon lange nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch über deren Grenzen hinaus bekannt. Einige sind – sonderbarerweise – im Ausland sogar bekannter und beliebter als zu Hause. Und einige warten noch darauf, entdeckt zu werden. Sie kommen alle aus Rumänien. Nicht nur, aber auch deswegen bieten wir ihren Werken so viel Platz wie möglich in unserer MATRIX, einer Veröffentlichung des – wie einer der eloquentesten Schriftsteller Rumäniens und gleichzeitig des deutschsprachigen Raumes bemerkt hat – „vielstimmigen Verlags POP, Inhaber Traian Pop, beheimatet in Rumänien, zu Hause in Deutschland“. Und hoffen, eine Antwort zu finden auf die Frage: Wie viel noch zu entdeckende Literatur aus Rumänien versteckt sich in den Schubladen der Autoren, Übersetzer und Verlage, die mit diesem Land verbunden sind?
So viel darüber, was mir als Initiator dieses Projekts vor etwa drei Jahren durch den Kopf ging, als das Ganze sich noch in der Planungsphase befand. Inzwischen ist vieles passiert und die Leipziger Buchmesse, auf der Rumänien Gastland war, liegt schon einige Monate zurück, doch fertig sind wir mit unserem Vorhaben noch lange nicht. Und werden, wie es aussieht, nie damit fertig sein.

Alltag des Schreibens

Eginald Schlattner, ein im Dörfchen Rothberg bei Hermannstadt/Sibiu lebender siebenbürgischer Autor und evangelischer Pfarrer, dessen letztes Buch Wasserzeichen definitiv zu den besten Titeln des Jahres 2018 gehört, eröffnet unsere Gala. In einer „kurzen Darbietung“ zu Wasserzeichen schrieb er u. a.:
Doch nachdem es heißt, der Heilige Geist Gottes hat sein Wohlgefallen an gelungenen kulturellen Schöpfungen, sage ich: Gott befohlen.
Zu mir ein Wort: Für mich stand das vergangene Jahr unter dem Zeichen von „fallen“, war gezeichnet von „Missfällen“: Arbeitsunfall in der Kirche beim Friedensgebet. Und dann weiter: Nach dem Hinfall unselige Fälle und Vorfälle noch und noch. Auch ein Todesfall.
Nun also: Ausfälle, ja! Aber kein Wegfall: Jeden Sonntag halte ich Gottesdienst, allerdings vor den Menschenkindern aus den Lehmhütten beim Bach. Evangelische Deutsche sind wir noch vier Greise zu begraben. Selbst die Toten sterben aus.
Dazwischen wahrlich das Ganze metaphysisch überhöht von Glücksfällen.
Und wie wir es glauben wollen: Alles in allem kein Unfall! Sondern eine Kette von Fügungen. Denkbar auch als Weg Gottes da hinaus, um nachzudenken, was am Ende der Biografie als Sündenfall benannt werden sollte und vielleicht in letzter Stunde wiedergutgemacht werden kann. Über dem Portal meiner Kirche (1225) steht in Marmorlettern: „Weise mir, Herr, DEINEN Weg.“
Leider Rückfall vor einem Monat, unerträgliche Schmerzen. Es geschah eines Abends wie aus heiterem Himmel, wahrlich ein Überfall. Ich tappe neuerlich mit dem Gestell zwischen Bett, Bad, Büro meines Weges.
Traumziel bleibt, wieder mit dem flotten Krückstock, wie im Sommer, hochgestimmt dahinzuwallen, so z. B. von der Küche bis zur Kirche, unbegleitet!
Ansonsten beschirmt Tag und Nacht die Haustochter Carmen
Bianca Trandafir mit viel Lachen und in Liebe. Die sich vor sieben Jahren, spitalsreif geschlagen, aus der Lehmhütte vom Bach eines Nachts auf den Pfarrhof gerettet hat, wissend um die offene Tür hier. Ich sagte: „Bleib!“
Nach zwölf Jahren ist es so weit: Am 16. März 2018 um 17.30 Uhr stellt Frau Dr. Edith Konradt das Buch vor: „Wasserzeichen“. Leipziger Buchmesse, Stand Rumänien.
Es ist ein letztes Wort am Ende meiner Biografie. Das letzte Wort. Ob und wie es gehört wird?
Zwei Damen befinden, die den Inhalt am Stück kennen und jedes Teilstück dazu: „Die Fülle von springlebendigen Gestalten und oft haarsträubenden historischen Gegebenheiten verdichtet sich zum breiten Zeitgemälde.“ (Edith Konradt) „Langwierig, aber nicht langweilig. Und ,Wasserzeichen‘ kann den übrigen Büchern ‚das Wasser reichen‘.“ (Tamar Ambros)
Auf der Himmelsleiter der Geltungen, gewiss, wünsche ich meinen Büchern einen würdigen Platz. Aber auf den obersten Sprossen der Skala gilt für mich, den Geistlichen, als triftig ungleich anderes. Denn: Meiner Seele Seligkeit hängt nicht von den Büchern ab.
Wie einfach, klar und natürlich. Man versucht das Leben zu leben – egal ob es seine schöne oder weniger schöne Seite zeigt –, bewusst und froh, diese einmalige Chance nutzen zu dürfen.
Haben Sie bitte Verständnis für den Verfasser dieses Editorials, wenn er dem oben Gesagten kaum noch etwas hinzuzufügen hat. Was könnte ich Ihnen denn noch erzählen? Dass sich auch im Dasein eines Schriftstellers vieles um den normalen Alltag dreht? Selbst in Rumänien – wie überall, wo man (noch) schreibt und liest. Es geht – wie Sie den ausgewählten Textbeispielen entnehmen können – um nicht mehr und nicht weniger als um das Leben in dieser Ecke der Welt, das zu weiten Teilen anders war und ist, als man es sich im Westen in vielen klischeehaften Bildern vorstellt, nämlich keineswegs nur Dracula, Bettler, Ceauşescu, Securitate, leere Regale, Plattenbauten und Korruption. Meiner Meinung nach will Eginald Schlattner auf keinen Fall die Siebenbürger Sachsen, die Rumänen, die Ungarn, die Zigeuner – die sich übrigens in Rumänien selbst so nennen und nicht Roma – sowie alle, die dort gelebt haben oder immer noch leben, verteidigen oder verurteilen, er versucht nicht, sich oder andere reinzuwaschen, er lässt nur sein Leben – und alles, was dazugehört – in seine Prosa einfließen. Einfach so, aus Lust am Erzählen. Nicht weil er es so plant, sondern weil er nicht anders kann. Er ist kein gelernter, sondern ein geborener Schriftsteller. Einer mit einem eigenen Stern in der himmlischen Nomenklatur. Was nicht unbedingt heißt, dass er und sein Werk mit bedeutenden Literaturpreisen bedacht wurden. Denn das Gegenteil gehört leider auch zur unserer „Normalität“. Selbst wenn z. B. der Roman Rote Handschuhe, der Eginald Schlattners zwei Jahre Untersuchungshaft bei der Securitate in Stalinstadt (heute wieder Kronstadt/Braşov) thematisiert, unter den hundert besten in deutscher Sprache geschriebenen Büchern 1999–2001 figuriert (Goethe-Institut, Internationes). Übrigens wird eine der nächsten Ausgaben von MATRIX dem Werk und Wirken von Eginald Schlattner als Schwerpunktthema gewidmet sein.
Der „rumänische Teil“ dieser Ausgabe wird durch Lyrik unterstützt. Es signieren u. a.: Ana Blandiana (Die Einsamkeit ist eine Stadt, / in der die anderen gestorben sind – welch ein wunderbarer Einstieg in die Welt der Lyrikerin!), die junge Autorin Ana Donţu (mit tom&jerry konntest du alles tun), Dinu Flămând (frühmorgens das Schweigen der Nacht / am Fenster die Asche der Zeit), Ilse Hehn (Der Versuch, auf Füchsen zu reiten. // Nichts geht mehr bis aufs Blut, / die Pferde sind tot, es lebe der Gaucho, / die Pampa verloren an den Westen), Petru Ilieşu (Rumänien, / – Siehe da die Logik von der Immunität der Parlamentarier / siehe ein neues Handwerk rentabel und geschützt / das der Demokratie alle schmutzigen Spuren verwischt […] Rumänien, ein neuer Sieg! / Eine neue Diktatur der Opfer. / Ein Frieden! / Noch ein Frieden! / Ein … neuer Frieden!), Traian Pop Traian (der Augenblick der Liebe muss vor anderen geheimgehalten werden / denn die Gefahr mehr zu lieben als du verkraftest verzehnfacht sich / wenn alles öffentlich wird wenn der Zuschauer dich zu immer / höheren Leistungen zwingt ausgerechnet dich der du so konservativ veranlagt bist / dass du nicht einmal ihren Namen in Kleinbuchstaben schreiben würdest), Horst Samson (Also werde ich zappeln, werde zappeln / In der Hoffnung auch, dass der Mann am Schlegel / Mut und Weisheit genug haben wird, zu berichten, / Wie maßlos gering sein Verdienst war), Hellmut Seiler (Es geht also weiter. Immer weiter. / Die Wirklichkeit eine Strickleiter, / zur Kenntlichkeit verzerrt) und Robert Șerban, einer der erfolgreichsten (noch) Jungautoren aus der rumänischen Literaturszene (tatsächlich / erwarte ich nichts wenn / das Blatt Papier vor mir liegt / genauso wie ich auf einer Brücke / nichts anderes erwarte als dass sie mich hinüberbringt / oder entzweibricht).

Die Welt und ihre Dichter wird eingerahmt von einigen neu ins Deutsche übersetzten Gedichten von Wjaceslaw Kuprijanow. Und ein Essay von Klaus Martens – „Ich bin, der ich bin. Wer oder was schreibt wem? Einige Phänomene in der (zumeist) amerikanischen Lyrik“ – fliegt über den Atlantik zu uns, um die Reise durch die Welt abzurunden.
Die deutschen Autoren sind natürlich auch vertreten, diesmal durch Gedichte von Michael Hillen und Peter Gehrisch sowie Prosa von Marco Sagurna: ein Auszug aus dem Roman Werbia, ausgezeichnet mit dem „Prima Verba“-Debütpreis 2018 des POP-Verlags.

Wolfgang Schlott, Widmar Puhl, Matthias Hagedorn und Elisabeth Schawerda besprechen neu erschienene Bücher von Eginald Schlattner, Hartmut E. Arras, Peter Meilchen, Tom Täger & A.J. Weigoni, Klaus F. Schneider sowie Charlotte Ueckert. Und „PANTHEON. Ein großartiges Jazzprojekt mit Bach“ heißt Widmar Puhls Bericht aus der Kulturszene.

So viel diesmal und bis bald,
Traian Pop

• Lasst euch kein Buch verbieten • Wendel Schäfer wurde 80 • Theo Breuer • Ein Gedicht für den Frühling • Klaus Martens • John Edward Williams • Matthias Buth • Sabina Kienlechner • Dagmar Dusil • Anton Sterbling • Markus Bauer • Josef Balazs • Wolfgang David • Theodor Vasilache • Friedrich-Wilhelm Steffen • Klaus Wiegerling •   Markus Bauer • Kira Mantsu • Uli Rothfuss • Peter Küstermann • Marcus Neuert • Ulrich Bergmann • Horst Samson • Traian Pop • Widmar Puhl • Wolfgang Schlott •   

Editorial / S. 4

Die Welt und ihre Dichter

Ein Gedicht für den Frühling
Theo Breuer • nicht die bohne / S. 9

Klaus Martens • Acht Gedichte / S. 11
John Edward Williams • Three poems / Drei Gedichte in der Übertragung von Ulrich Bergmann / S. 18

Lasst euch kein Buch verbieten • Wendel Schäfer wurde 80
Wendel Schäfer • Der Bilderschädel . Der Schrei . Wegen der Wölfe . Das Nachtfenster . Prosa / S. 29
Klaus Wiegerling • Wendel Schäfers Kampf mit der Ordnung . Zur Kurzprosa eines wenig bekannten Meisters / S. 43
Wendel Schäfer • Schönes Mittelalter . Die große Botschaft . Prosa / S. 48
Matthias Buth • Zehn Psalmen / S. 53
Matthias Buth • George Enescu fließt über Trompete und Flügel in Rumäniens innerste Mitte und stirbt und stirbt und stirbt und stirbt nicht / S. 60
Matthias Buth • Spiegelbild . Bleibt ihm mitgegeben / S. 63
Markus Bauer • „ich baue mit geliehenen Worten Häuser, die fliegen“ / S. 78
Sabina Kienlechner • Der Flug des Erzengels Michael über Europa . Prosa / S. 84
Dagmar Dusil • Mioara . Prosa / S. 107
„Das Schreiben schlich sich nachts an mich heran“ • Dagmar Dusil antwortet, Josef Balazs fragt / S. 111
Dagmar Dusil • Von Harumden nach Paris . Prosa / S. 123
Wolfgang David • Zuviel Empathie? . Die Last der Geschichte . Prosa / S. 129
Theodor Vasilache • „Gegenschauspiel – Spectacol impotrivă“ Trei Poezii / Drei Gedichte in der Übertragung von Horst Samson/ S. 134
Kira Mantsu • Lebe wohl, geliebter Freund! / S. 142
Theodor Vasilache • Drei Gedichte / S. 145
Friedrich-Wilhelm Steffen • Fünf Gedichte / S. 157
Uli Rothfuss • Danke F.W. – Ein aufrechter Mann der Kultur: Friedrich Wilhelm Steffen / S. 157
Peter Küstermann und Marcus Neuert • Zum Tode von Friedrich Wilhelm Steffen / S. 161
Anton Sterbling • Sommerschule . Prosa / S. 162

Bücherregal

Matthias Buth • Peter Gehrisch . Das Märchen hebt an, guten Abend! / In den Schutzräumen der Phantasie. / S. 185
Wolfgang Schlott • Horst Samson . Das Meer im Rausch / S. 188
Wolfgang Schlott • Bocca della Verità • Roms Flair in flagranti von Ilse Hehn / S. 192
Wolfgang Schlott • Tabula Rasa • Menschenrechte. Universal und vor Ort. / S. 195
Ulrich Bergmann • Von Verzicht und Gewinn . Gedanken über Doris Distelmaier-Haas / S. 198
Uli Rothfuss • Ein großartiges Buch der Wehmut . „Drei Kilometer“ Roman von Nadine Schneider / S. 201
Uli Rothfuss • Literarische Kunststücke . Werner Streletz . Unterwegs mit Georg Trakl, Robert Desnos und Edgar Allan Poe. / S. 203
Uli Rothfuss • Vom Aufbruch zur Rache, ein Wachtraum des Aufspürens von Überbleibseln am Wegrand . Das zweite Schwert. Eine Maigeschiche von Peter Handke / S. 205

Aus der Kulturszene
Widmar Puhl • Musik für die Ewigkeit / S.207
Widmar Puhl • Corona ist für die Kultur der GAU / S.210

Die Welt und ihre Dichter

• Kreuz und quer – Literatur aus Rumänien •
Eginald Schlattner • Wasserzeichen . Ein Auszug aus dem gleichnamigen Roman. / S. 9
Ana Blandiana • Zehn Gedichte / S. 25
Ana Donţu • Drei Gedichte / S. 35
Dinu Flămând • Acht Gedichte / S. 39
Ilse Hehn • Sieben Gedichte und drei Arbeiten / S. 47
Petru Ilieşu • Rumänien. Post scriptum . Ein Poem / S. 60
Traian Pop Traian • Acht Gedichte / S. 73
Horst Samson • Vier Gedichte. / S. 83
Hellmut Seiler • Acht Gedichte / S. 93
Robert Șerban • Zehn Gedichte / S. 105

Wjatscheslaw Kuprijanow • Sechs Gedichte (Russ. / Dt.) / S. 116
Klaus Martens • Ich bin, der ich bin. Wer oder was schreibt wem? Einige Phänomene in der (zumeist) amerikanischen Lyrik. / S. 128

Atelier
Michael Hillen • Zwölf Gedichte. / S. 143
Peter Gehrisch • Chronos, preise mir jetzt nicht das Chaos! . Elf Gedichte. / S. 155
Marco Sagurna • Warmia . Ein Auszug aus dem gleichnamigen Roman. / S. 167

Bücherregal
Wolfgang Schlott • Eginald Schlattner, Wasserzeichen. / S. 176
Wolfgang Schlott • Hartmut E. Arras, Vom Freischärler zum Propagandisten des Nationalsozialismus. Mein Vater Erwin Arras (1905-1942). / S. 180
Wolfgang Schlott • 630 Buch / Katalog-Projekt von Peter Meilchen, Tom Täger & A.J. Weigoni. / S. 184
Widmar Puhl • Klaus F. Schneider, „pret-a-porter“. / S. 186
Matthias Hagedorn • Die Fluidität der Poesie . 630 . Peter Meilchen, Tom Täger und A.J. Weigoni. / S. 189
Elisabeth Schawerda • Charlotte Ueckert, Die Fremde aus Deutschland. / S. 199

Musik
Widmar Puhl • Pantheon . Ein großartiges Jazzprojekt mit Bach / S. 201

MATRIX 1/2020 (59) • Anna Blandiana • Sie könnte die nächste Nobelpreisträgerin sein

MATRIX 1/2020 (59) • Anna Blandiana • Sie könnte die nächste Nobelpreisträgerin sein

«Auf der Straße wusste ich nie, ob man mich verfluchen oder küssen würde»
Zeitzeugin Ana Blandiana

Die Popularität des Schriftstellers ergibt sich aus der Begegnung seiner eigenen Einsamkeit mit der des Lesers. Wenn nicht, reduziert sich alles auf eine einfache Form der Manipulation.

In einem imaginären Interview antwortete mir eine Schriftstellerin, die ich seit jeher bewundere, u. a. weil sie so schreibt – meine ich –,
dass sie sich selbst verletzlich zeigt von all dem, „was sich in dieser Welt bewegt“, antwortete sie also, bevor ich meinen Mund aufmachen konnte, auf eine Frage, die angeblich in der Luft geschwebt hatte. Ob mich ihre Antwort überraschte oder traurig machte, spielt hier keine Rolle. Wichtig ist, was sie zu sagen hatte, SIE, die große Dame der Struga Poetry Evenings 2019, wo ich die Ehre hatte, teilnehmen zu dürfen.

„Bei der Popularität eines Schriftstellers geht es in erster Linie um die Unzufriedenheit der Kollegen.“ Was für eine Antwort! Was für eine Frage! Besser konnte es nicht anfangen. Es tut richtig weh, nicht nur weil es sehr hart klingt, sondern weil es – mit seltenen Ausnahmen, die eigentlich die Regel bestätigen – stimmt. Sagen Sie mir bitte nicht, dass ich richtig gehört habe. Sagen Sie mir bitte nicht, dass ich so etwas geträumt, gedacht, gesagt oder geschrieben habe. Und wenn ja, sagen Sie mir bitte, dass ich ein Lügner bin. Oder betrachten Sie mich einfach als einen Menschen!
„Der Begriff der Popularität eines Schriftstellers ist inhaltlich und zeitlich sehr begrenzt“, höre ich weiter wie hypnotisiert. „In einer diktatorisch organisierten Gesellschaft gab und gibt es populäre Schriftsteller, die von den Lesern geliebt werden, weil sie ihnen das Gefühl der Freiheit in einer vollkommen unfreien Welt geben. Natürlich hat dies nichts mit dem Heimerfolg eines Bestsellerautors, den Marketingregeln steuern, zu tun. Er wird vielmehr deswegen geliebt, weil er das ausspricht, was seine Leser sich fürchten, selbst zu äußern, auch wenn sie dies gern getan hätten. Wenn jedoch die Diktatur verschwindet, verschwindet auch der Grund der Kritik für diesen wahren Superstar und gefährdet implizit dessen Erfolg. Denn Freiheit bedeutet nicht nur das Verschwinden des Diktators, sondern auch die Freiheit, mit dem Lesen aufzuhören. Komischerweise sind das Wort und der Autor, der es zum Überleben verwendet hat, am stärksten betroffen. Andererseits bedeutet beliebt zu sein nicht unbedingt, erfolgreich zu sein.“
Dass ich dies geträumt habe, bin ich nun fast sicher. Warum ich es geträumt habe? Wahrscheinlich unter dem Eindruck des gestrigen Tages, als ich versuchte, ein Editorial zu schreiben, und es nicht klappte. Denn wie kann man über eine Ikone schreiben, ohne den Verdacht zu erwecken, ihre Aura ausnutzen zu wollen?
An diese Ikone hatte ich mich bereits in den 1980er Jahren geklammert, indem ich ihre von der Regierung damals verbotenen Texte aus der Zeitschrift Amfiteatru einfach ,gestohlen‘ und als Dialog in ein Theaterstück eingebaut hatte. (Eine Art zu schreien: „Ich bin auch hier und denke genauso wie du, nimm mich bitte ernst“, denke ich jetzt. „Eine Geste der Solidarität“, flüstert mir mein egozentrisches Alter Ego zu.) Das Stück mit diesen ,geklauten‘ (also zitierten) Texten wurde mit dem Theaterpreis des Magazins Orizont sowie des Schriftstellerverbands Timişoara ausgezeichnet und in derselben Stadt sogar für eine Inszenierung am Deutschen Staatstheater – auf Rumänisch – vorgeschlagen. Erfolg habe ich also damit gehabt, bestimmt auch dank der berühmten Texte. Leider waren diese Texte auch der Behörde bekannt, und die Inszenierung wurde – trotz förmlicher Genehmigung – verboten, bevor die Uraufführung stattfinden konnte.
Ob sie sich an dieses Theaterstück noch erinnere, traute ich mich nicht zu fragen. Sie bleibt für mich eine Schriftstellerin, die volle Aufmerksamkeit verdient, und ein moralisches Vorbild, dem man folgen sollte. Ihr Gesicht macht mich manchmal glücklich, manchmal aber traurig. Zunächst weil ihr „Romi“ – ein weiterer Begleiter meiner Lesefreude von damals wie heute – nicht mehr an diesem Poetenfest teilnehmen konnte. Und dann, weil es „bei der Popularität eines Schriftstellers in erster Linie um die Unzufriedenheit der Kollegen“ geht. Und nicht zuletzt, weil – können Sie sich das vorstellen? – keine Zeitung, kein Fernsehsender und kein Medienunternehmen aus Rumänien den Weg nach Struga gefunden hat. Jetzt, wenn alle frei reisen dürfen. Kein Kollege, kein Vertreter des Kulturministeriums, des Schriftstellervereins oder einer anderen Kulturinstitution aus Rumänien ist da gewesen. Und das bei einer Auszeichnung, deren Gewinner – mit wenigen Ausnahmen – zum Nobelpreis weiterbefördert wurden. Das hat mir noch einmal bestätigt, dass es zu den bemerkenswertesten Talenten einiger Völker gehört, sich selbst im Weg zu stehen bzw. sich selbst ein Bein zu stellen.
Ach ja, ein Autor, der sogar 1982, zu den Zeiten der Diktatur, dabei sein durfte, als ein anderer Rumäne, Nichita Stănescu, den Preis erhielt – wie seine Anwesenheit als Privatperson möglich war, kann ich mir nicht vorstellen, weil Jugoslawien damals das erste Ziel der Flüchtlinge aus Rumänien war –, nahm auch diesmal teil und schaffte es nicht nur, den Makedoniern die rumänische Flagge zu zeigen, sondern auch auf die Festivalbühne vorzupreschen. Mich erinnerte die Szene an ein Fußballspiel, bei dem ein Mädchen nackt auf der Rasen springt und zum Erstaunen der Spieler, des Schiedsrichters und der Zuschauer mit dem Ball jongliert. Nackt war der Autor nicht und das Poetenfest neigte sich schon seinem Ausklang zu. Die einzige Folge war ein Foto, das ihn auf der Bühne zeigt und immer noch im Internet wie auch auf dem Cover einer regionalen Zeitschrift zu finden ist. Was aber nirgends zu finden ist: der Stapel von Bier- und Cola-Dosen, die unser Protagonist sekundenschnell vom Tisch abräumte und in seiner riesigen Tasche verschwinden ließ. Kritisieren wir jedoch nicht, schließlich dürfen Sie nicht vergessen: Wir befanden uns auf dem Balkan. Und ob es uns nun passt oder nicht: Später hat sich herausgestellt, dass seine Beiträge (übrigens sehr gute) die einzigen bleiben sollten, die in Rumänien über die Struga Poetry Evenings erschienen sind.
Als balkanspezifisch ließe sich auch die pharaonische Eröffnungsfeier einstufen (mit Reden von Kultur- und Politikvertretern, klassischer Musik, Poesie, jungen, schönen Fackelträgerinnen und gewaltigem Feuerwerk) sowie die nur zwei, drei Minuten lange Preisverleihung, bei der eine Wasser-Kunstinstallation es schaffte, die Ton- und Beleuchtungsanlage fast zu neutralisieren, gerade als sie endlich zu funktionieren schien. Auch kann als wahres Symbol dieses Events die Tatsache gelten, dass am Tag vor der Preisverleihung fast alle Tafeln mit den Namen der Preisträger verschwunden waren. „Von nationalistischen Albanern zerstört“, meinte ein wütender Makedonier. „Warum nicht von Fans geklaut?“, versuchte ich immer noch hoffnungsvoll einzuwenden. Vergessen wir aber nicht, dass dieses einmalige Poetry Festival an der Kreuzung vieler ethnischer, wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und religiöser Divergenzen und Konflikte trotz Armut, Korruption und Pannen einen Stellenwert erreicht hat, der für mich ein Geheimnis bleibt.
Ana Blandiana sagte in ihrer Dankesrede: „May the god of poetry holding the golden wreath continue to bless Macedonia!“ Ich unterschreibe das, und zwar von Herzen.

Nun schlage ich aber vor, dass wir uns dieser MATRIX-Ausgabe zuwenden, die nur den Anfang einer Präsentation der Struga-Poesie des letzten Jahres darstellt. „Sie könnte die nächste Nobelpreisträgerin sein“, heißt unser Schwerpunkt zu Recht, denn die Dichterin Ana Blandiana befindet sich neben Autoren wie Bulat Okudzhava, W. H. Auden, Pablo Neruda, Eugenio Montale, Léopold Sédar Senghor, Artur Lundkvist, Hans Magnus Enzensberger, Nichita Stănescu, Andrey Voznesensky, Yiannis Ritsos, Allen Ginsberg, Joseph Brodsky, Ted Hughes, Yehuda Amichai, Yves Bonnefoy, Tomas Tranströmer und Margaret Atwood in bester Struga-Gesellschaft.

Wir feiern Ana Blandiana mit ihren Gedichten in zahlreichen Übertragungen sowie zwei ausführlichen Essays über ihr Werk von Elizabeta Šeleva und Viorica Patea und versuchen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Festivalatmosphäre mit Ana Blandianas Dankesrede sowie zahlreichen Bildern nahezubringen. Unser Mitstreiter aus der Schweiz, Andreas Saurer, stellt in einem Interview und zwei Essays die Bürgerrechtlerin Ana Blandiana vor. Und die Laudatio von Horst Samson auf Ana Blandiana, die im Herbst in Bratislava mit dem Jan-Smrek-Preis 2019 geehrt wurde, widmet sich poetischen wie moralischen Aspekten ihres Schaffens.

Zwei Schriftsteller, zwei leidenschaftliche Leser, die Jorge Luis Borges‘ Diktum Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn mit denkwürdigen Beiträgen untermauern: Ich bin in Büchern beheimatet. Und wenn ich an meine eigenen Schreibprozesse denke, ahne ich, dass mein Bücherregal nicht nur bei Umzügen die meisten Umstände verursacht, sondern das Kostbarste ist, das ich besitze, bekennt Iris Wolff in der fesselnd formulierten Festrede Poesie als Optik, die die Welt formt (gehalten auf dem Internationalen Bibliothekskongress am 16. Mai 2018 in Graz), während es in Theo Breuers neuem – visuell angereicherten – Essay Zunder. Vom alltäglichen Wunder des Lesens heißt: Gelesene Gedichte und Geschichten sind der Zunder, der mein literarisches Feuerchen flackern läßt.

Edith Ottschofski hat fürs Bücherregal den Roman „Dor und der September“ von Karl Friedrich Borée wiederentdeckt. „Ich glaube, wir sind ein Volk von Pflanzen“, nennt Wolfgang Schlott seine Gedanken zu Ana Blandianas Gedichtbuch „Geschlossene Kirchen“. Hans Bergels Rezension „Der Himmel überschüttet mit Sternen …“ über Horst Samsons neuen Gedichtbuch „Das Meer im Rausch“ rundet die Rubrik ab.

Um den Kreis dieser Ausgabe zu schließen, laden wir zum Schluss nach Georgien ein zum TIFL . 5th Tbilisi International Festival of Literature, begleitet von Manfred Chobot, einem der Teilnehmer.

Einige Autoren dieser Ausgabe werden uns in wenigen Tagen zur Leipziger Buchmesse begleiten. Besuchen Sie uns und unsere Veranstaltungen, wir laden Sie herzlich dazu ein! Die Redaktionsmitglieder und Schriftsteller sind in Halle 4, Stand E306, anzutreffen.

Bis bald also: Traian Pop

Es signieren: • Struga Poetry Evenings 2019 • Golden Wreath for Ana Blandiana •Viorica Patea • Hort Samson • Sie könnte die nächste Nobelpreisträgerin sein • Ján-Smrek-Preis for Ana Blandiana • Andreas Saurer • Elizabeta Šeleva • Iris Wolff • Theo Breuer • Edith Ottschofski • Wolfgang Schlott • Hans Bergel • Manfred Chobot • Paul Buciuţă • Miguel Ruíz Durán • Daniel Mordzinski • Dagmar Chobot • Traian Pop • Traian Pop •

Traian Pop • Editorial / S.4

Die Welt und ihre Dichter
Anna Blandiana: Sie könnte die nächste Nobelpreisträgerin sein

Anna Blandiana • Geschlossene Kirchen . Ein Gedicht in vier Versionen / S. 9
Anna Blandiana • Zwei Gedichte in der Übertragung von Dieter Schlesak / S. 15
Viorica Patea • Ana Blandiana: The Country beyond the Country / S. 19
Anna Blandiana • Drei Gedichte in der Übertragung von Rolf-Frieder Marmont / S. 39
Anna Blandiana • Thanksgiving / S. 43
Andreas Saurer • Zeitzeugin Ana Blandiana: «Auf der Strasse wusste ich nie, ob ich verflucht oder geküsst würde» / S. 44
Traian Pop • Bilder / S. 40/41
Anna Blandiana • Gedicht in der Übertragung von Horst Fassel / S. 53
Anna Blandiana • Gedicht in der Übertragung von Joachim Wittstock / S. 54
Anna Blandiana • Vier Gedichte in der Übertragung von Franz Hodjak / S. 55
Anna Blandiana • Gedicht in der Übertragung von Dieter Roth / S. 59
Anna Blandiana • Gedicht in der Übertragung von Bettina Schuller / S. 60
Dieter Schlesak • Eine neue Misere mit mehr Hoffnung / S. 61
Anna Blandiana • Acht Gedichte in der Übertragung von Horst Samson / S. 64
Anna Blandiana • Acht Gedichte in der Übertragung von Katharina Kilzer / S. 73
Anna Blandiana • Vier Gedichte in der Übertragung von Übertragung von Maria Herlo / S. 83
Andreas Saurer • Friedhof als Dorfchronik / S. 87
Andreas Saurer • Rumäniens moralische Hauptstadt / S. 92
Elizabeta Šeleva • Address on the Occasion of Announcing Ana Blandiana the 2019 Winner of the “Golden Wreath” Award of Struga Poetry Evenings / S. 96
Anna Blandiana • Fünf Gedichte in der Übertragung von Hans Bergel / S. 108
Horst Samson • Viele Heimaten stehen leer – Unbehauste im „Globalen Dorf“ / S. 116
Anna Blandiana • Ten poems in the translation of Paul Scott Derrick und Viorica Patea/ Zece poezii / S. 128
Horst Samson • Sie könnte die nächste Nobelpreisträgerin sein / S. 151
Iris Wolff • Poesie als Optik, die die Welt formt / S. 156
Theo Breuer • Zunder . Vom vertrauten Wunder des Lesens / S. 165

Bücherregal
Edith Ottschofski • Liebe in der Zwischenkriegszeit . Wiederentdeckter Roman von Karl Friedrich Borée / S.199
Wolfgang Schlott • „Ich glaube, wir sind ein Volk von Pflanzen“ . Zu Ana Blandiana Gedichtbuch, Geschlossene Kirchen. / S. 201
Hans Bergel • „Der Himmel überschüttet mit Sternen …“ . Horst Samsons Gedichtbuch Das Meer im Rausch / S. 205

Aus der Kulturszene
Manfred Chobot • Wein – Chinkali – Tschurtschchela . TIFL . 5th Tibilisi Festival of Literature / S.207