MATRIX 1/2021 (63)

MATRIX 1/2021 (63)

Zeitschrift für Literatur und Kunst

Die Tage werden länger, trotz des Virus, trotz allem, was vor, auf den Treppen und im Parlamentsgebäude „der größten Demokratie, die der Planet seit seiner Existenz kennt“, passiert ist. Ja, nur wenige hätten gedacht, dass die Demokratie solch ein Kleid zur Schau tragen kann.
Ich, der vor 32 Jahren die Chance bekommen hat, eine Demokratie auf der eigenen Haut zu spüren, bin dankbar für die Geschenke, die mir das Land gemacht hat, wo einige Vorfahren der Mutter meiner Kinder geboren wurden – selbst wenn ich immer wieder erzählen muss, woher ich komme, selbst wenn einige Gutmenschen unermüdlich versuchen, mich für die Taten mancher ehemaliger „Landsleute“, mit denen ich nie zu tun gehabt habe, verantwortlich zu machen. Ich muss Glück in diesem Land gehabt haben, von dem ich – wie viele andere heutzutage noch – dachte, dass auf der Straße Milch und Honig fließen.
Doch nach dem, was ich vor Kurzem im Fernsehen gesehen habe, muss ich zugeben: Die Demokratie, von der ich träumte, fließt leider auch nicht auf der Straße.
Die Intoleranz, die jede Meinung unterdrückt, die nicht mit der eigenen übereinstimmt – dieses „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, das mich vor mehr als 30 Jahren zum Exil verurteilt hat –, erschreckt mich heute genauso wie damals. Egal ob es in der Sprache des Landes, das mich aufgenommen hat, oder in der Sprache „der größten Demokratie, die der Planet seit seiner Existenz kennt“, geäußert wird.
Nicht nur die Bilder, die vor, auf den Treppen und im Parlamentsgebäude „der größten Demokratie, die der Planet seit seiner Existenz kennt“, gedreht wurden, erschrecken mich, sondern vor allem die Versammlung unterschiedlicher Strömungen, in denen keiner einen anderen Standpunkt tolerieren und jede Gruppierung ihre eigene „Wahrheit“ durchsetzen will, koste es, was es wolle.
Die in den Universitäten geborene politische Korrektheit, die gerade von jenen, die noch nie eine Universität von innen gesehen haben, mit Beschlag belegt wurde, ist zu Exzessen eskaliert, von denen manch ein gefürchteter Diktator nur träumen konnte. Initiativen, die zunächst unbestreitbare Ungerechtigkeiten zu parieren versuchten, haben noch mehr Ungerechtigkeiten produziert. Es wird eine einzige Wahrheit reklamiert, an die niemand rühren darf, und diejenigen, die andere Meinungen vertreten, werden eingeschüchtert, ausgegrenzt, wenn nicht ausgeschlossen. Der ursprünglich gerechtfertigte Widerstand gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie, Transphobie, Fremdenfeindlichkeit und andere Ausgrenzungen hat sich zur Hexenjagd entwickelt. Die Idee der Vielfalt hat es geschafft zu teilen, statt zu vereinen! Die Plattform Cancel Culture ging so weit, sogar ein Verbot von Shakespeare zu fordern, weil seine Schriften „farbigen Studenten gegenüber feindlich“ seien, um nur ein Beispiel zu nennen. Leuchttürme der universellen Kultur wurden plötzlich zur persona non grata, weil sie das Pech hatten, männlich und – was für eine Unverschämtheit! – weiß zu sein. Gerechte Bewegungen, die friedlich begannen, etwa Black Lives Matter, mündeten in Gewalt. Auch die Wortwahl sollte in der freien Welt eingeschränkt und Wörter wie „Mutter“, „Vater“, „Bruder“, „Schwester“ aus dem Wortschatz gestrichen werden, um die Sensibilität derer nicht zu verletzen, die sich in ihnen nicht erkennen: die Diktatur des Neutrums. Und was ist dann mit denen, die sich in den verbotenen Wörtern erkennen? Das hört sich genauso an wie zu jenen Zeiten, die ich nie wieder erleben wollte. Ich hätte nicht gedacht, die finsteren stalinistischen Ideen nach Jahren in der freien Welt wieder anzutreffen! Ich hatte vielmehr gedacht, das Paradies auf Erden entdeckt zu haben. Und nun frage ich mich, wer oder was niedergerissen wird. Die Freiheitsstatue selbst? Und von wem? Von Linksextremisten, von Rechtsextremisten? Von ihren vereinten Kräften?
„Nachrichten zu verfolgen ist wie ein gute Portion Gift zu schlucken“, das sage ich immer öfter. Wem nützt es, zu wiederholen, was jeder in den neuesten Nachrichten gesehen hat? Wem hilft es, wenn ich mitteile, wie ich mich fühle? Wer versteht diese allgemeine Kakophonie? Welche Handlungen sind notwendig und gerecht, welche destruktiv und absurd?
Allerdings ist mir bewusst, dass es im Laufe der Geschichte schon immer Hass, Korruption und Gewalt gegeben hat; genauso wie die Tatsache, dass trotz unbeschreiblicher Spannungen und Feindseligkeiten das Leben weitergegangen ist. Sollte das die Lehre aus der Geschichte sein? Tun wir weiterhin so, als würde das alles nicht passieren?
Um keine voreilige Antwort zu geben, schlage ich zunächst vor, unter den Nachrichten des Tages auch etwas Erfreuliches zu suchen. Und wenn da nichts zu finden ist, suchen Sie bitte in sich selbst: etwas, von dem Sie sicher sind, dass es existiert – sogar in diesen verrückten Zeiten, in denen wir vor allem Antworten auf Fragen wollen, auf die wir keine Antworten bekommen können. Ich habe jedoch das Gefühl, dass trotz der verstörenden Situation des Augenblicks und im Gegensatz dazu dieses „wunderbare Ding“ neben uns ist, vielleicht in uns, aber das Problem besteht darin, dass wir uns zu weit davon entfernt haben, um es wahrzunehmen …
Ich habe es probiert. Ich, der nicht geglaubt hat, dass in der Demokratie ein Gabelstaplerfahrer besser lebt als ein Ingenieur in der Diktatur. Ich, der nie gedacht hätte, ein Editorial in einer anderen Sprache als meiner Muttersprache zu schreiben und Autoren in einer Sprache zu veröffentlichen, die ich erst als Erwachsener lernen musste. Ich habe es probiert und probiere weiterhin, mir beizubringen, meine „wunderbare Seite“ zu entdecken und sie Ihnen zu schenken. Denn ohne Sie hat meine „wunderbare Seite“ keinen Sinn. Ich selbst habe nur dank der vielen „guten Seiten“ überlebt, die ich bisher geschenkt bekommen habe. Eine davon ist der glückliche Zufall, dass ich einen Autor kennengelernt habe, der vor einigen Tagen siebzig geworden ist.

Eigentlich wollte ich ein Editorial schreiben, in dem ich nichts und niemanden kritisiere, sondern unserem Geburtstagskind , dem Schriftsteller Johann Lippet, gratuliere. Vor allem weil ich ihn bewundere, wie er es geschafft hat, (s)eine Ecke der Welt voller eigener Gedanken und Erinnerungen zu leben und zu verewigen und gleichzeitig uns, seine Leser, zu glücklichen Teilhabern zu machen. Danke, lieber Johann Lippet, für dein Stück Welt, aus dem die Einfachheit und die Natürlichkeit noch nicht verschwunden sind.
„Im Gesamtwerk des Schriftstellers blieben das Banat und das Schicksal seiner Menschen bis zum jüngsten Buch („Franz, Franzi, Francisc“, Romanfragment) ein Leitthema.“ So Luzian Geier über den gefeierten Schriftsteller-Chronisten der Banater Gemeinschaft.
„Johann Lippet“, schreibt Horst Samson, „ist der Chronist des Alltagslebens der Banater Schwaben in der Banater Heide. Sein genauer und kenntnisreicher Blick auf diesen Landstrich, auf die Dörfer und Menschen, ihren Alltag und ihre Erlebnisse in geschichtsträchtigen Vernetzungen mit und in ihren dörflichen Gemeinschaften werden virtuos und im sprachlich authentischen Kolorit erzählt, dokumentarisch verlässlich beschrieben und exemplarisch am Beispiel seiner Heimatgemeinde Wiseschdia literarisch reizvoll verortet.“
Theo Breuer erkennt in Johann Lippets Banat-Büchern literarische Werke, „die verloren gegangener H∙e∙i∙m∙a∙t ein Denk-, Ehren-, Mahnmal setzen“, und hebt die fundamentale Bedeutung „des letzten Satzes des 789 Seiten umfassenden Buchs mit dem bezeichnenden Titel Dorfchronik, ein Roman hervor: Im Grunde genommen erscheint uns jetzt die Wirklichkeit, von der wir erzählt haben, sowieso nur noch als Fundgrube für Fiktion.“
„ich, johann lippet, bin nur indirekt aus dem banat“, schrieb der Autor in der 1980 in Rumänien veröffentlichten und sehr geschätzten biographie. ein muster. Lesen Sie ab Seite 17 einen Auszug daraus, der erstmals in Deutschland erscheint:
„Und weiter: Ich kehre immer wieder zurück. Wie der Täter an den Tatort. Der Vergleich hinkt, ich weiß, es fühlt sich aber so an. (…)
Und ich erinnere mich an Wintermorgen. Wir Kinder liegen bei geöffnetem Fenster in den Betten im hinteren Zimmer, die Tuchent bis unters Kinn gezogen, und wenn dann Mutter, die von der Küche aus den dicken Ofen im Zimmer angeschürt hat, das Fenster wieder schließt, ist die wohlige Wärme, die der Ofen ausstrahlt, regelrecht zu riechen.
Allein schon wegen dieser unvergleichlichen Wärme und dem damit verbundenen Gefühl von Geborgenheit werde ich immer wieder zurückkehren.“
Die „Phantome der Erinnerung“, die sich zwischen diesen zwei Aussagen Johann Lippets bewegen, können Sie auch als Premiere ab Seite 33 lesen. Um ein umfassenderes Bild von seinem Werk zu bekommen, haben wir für Sie einige seiner Gedichte ausgewählt, die in den 70er- und 80er-Jahren in Rumänien entstanden sind. Horst Samson, dem wir nicht nur diese Auswahl, sondern auch die meisten Fotografien dieser Ausgabe verdanken, widmet dem Zelebrierten eines seiner letzten Gedichte.

Selbstverständlich fanden wir, dass eine Ausgabe, die dem „Chronisten des Alltagslebens der Banater Schwaben“ gewidmet ist, mit einem der besten Texte eröffnet werden soll, die der Autor dieses Editorials je über das Banat gelesen hat: dem Gedicht „Banater Elegie“ von Johann Lippets „Aktionsgruppe“-Kollegen und Freund Richard Wagner.

Als ich weiter oben versucht habe, Ihnen den Schwerpunkt dieser Ausgabe vorzustellen, wagte ich die Aussage: „Nachrichten zu verfolgen ist wie ein gute Portion Gift zu schlucken.“ Nun muss ich allerdings zurückrudern: Das trifft nicht immer zu. Mindestens ein Wunder ist in letzter Zeit geschehen: Es gibt viel früher als gehofft die Impfung! Die Impfung, die nach Maskulinum oder Neutrum klingt und tatsächlich so weiblich ist, verspricht, uns allen zu helfen. Ist das nicht wunderbar? Ich weiß nicht, wie Sie dazu stehen, aber ich brauchte so eine Nachricht.

Nun kann ich ruhig weitermachen, um unsere Ausgabe fertigzubekommen. MATRIX stellt Ihnen auch Gedichte von Amiran Swimonischwili (Paco) im Original (georgisch) und in deutscher Übertragung vor sowie Erinnerungen an seine Seltsamkeit, an seine herausragende Originalität, die in keiner Weise in Verbindung zu seinem Dichten stand.
Klaus Martens präsentiert diesmal nicht nur einige seiner neuesten Gedichte, sondern eröffnet auch unsere Recherche „Was wurde uns allen als Bürde mit auf den Weg gegeben? Wie viel davon wollen und können wir tragen?“ Auf ihn folgt Wendel Schäfer, der empfiehlt, dass wir uns kein Buch verbieten lassen.
Über Robert Musil und seinen Mann ohne Eigenschaften trauen sich nicht sehr viele Leser zu sprechen. Ulrich Bergmann tut es, und zwar im Sinne des Romans, was heißt, dass in seinem Essay noch viele Türchen offen bleiben, trotz der respektablen Länge.
Benedikt Dyrlich zeigt uns eine Facette Roms aus dem Jahr 1983, geträumt durch das DDR-Fenster und gesehen durch die DDR-Sonnenbrille.
Und Edith Ottschofski nimmt uns mit in die Berliner S-Bahn, während sie Gedichte schreibt.
Die Rezensenten haben diesmal weniger Platz zur Verfügung. Ihre Leseeindrücke teilen Barbara Zeizinger, Uli Rothfuss und Matthias Buth mit.
Vielen Dank auch an Literaturport.de, wo unsere Zeitschrift aufgenommen wurde. Es war nicht einfach und ich hoffe, dass die Freude nicht nur unsererseits ist, sondern auch seitens derer, die das Portal verwalten oder sich dort informieren. Dieser Erfolg ehrt und verpflichtet uns gleichzeitig. Und Sie, liebe Leserinnen und Leser, haben nur zu gewinnen.

Ihr Traian Pop

• Richard Wagner • Luzian Geier • Johann Lippet • Horst Samson • Amiran Swimonischwili (Pako) • Beka Kurchuli • Klaus Martens • Wendel Schäfer • Ulrich Bergmann  • Edith Ottschofski • Barbara Zeizinger • Uli Rothfuss • Matthias Buth •

Inhalt

Traian Pop • Editorial / S.3

Die Welt und ihre Dichter
Ein Gedicht für jede Jahreszeit
Richard Wagner • Banater Elegie / S. 9
biographie. ein muster • Johann Lippet zum 70.ten
Luzian Geier • Schriftsteller-Chronist seiner Banater Gemeinschaft . Der Autor Johann Lippet wurde 70 / S. 13
Johann Lippet • biographie. ein muster . ein Banater Schwaben-Epos aus den 80er jahre / S. 17
Johann Lippet • Phantome der Erinnerung / S. 33
Horst Samson • Allegorie . Ein Gedicht für Johann Lippet / S. 86
Johann Lippet • Frühe Gedichte . Die 70er und 80er Jahre in Rumänien. . Eine Text-Auswahl von Horst Samson / S. 89
Amiran Swimonischwili (Pako) • Fünf Gedichte in Original (georgisch) und in deutscher Übertragung / S. 122
Beka Kurchuli • Pako . Erinnerungen eines Freundes / S. 133
Klaus Martens • Fünfzehn Gedichte / S. 139

Zeitgeschichte
Was und wie viel wurde bzw. wird uns täglich mit auf den Weg gegeben? Was und wie viel davon wollen und können wir tragen bzw. ertragen?
Traian Pop • Ich wage es… / S. 154
Klaus Martens • (Er) hatte die Wahl zwischen den Kommunisten und den Nazis gehabt. Letztere hatten wohl die schickeren Mützen. / S. 155
Wendel Schäfer • Lasst euch kein Buch verbieten / S. 161
Ulrich Bergmann • Der Mann ohne Eigenschaften – eine Utopie?/ S. 163
Benedikt Dyrlich • Mein Italien 1983 / S. 185

Atelier
Edith Ottschofski • saumselige annäherung . Acht U-Bahn gedichte. / S. 199
Bücherregal
Barbara Zeizinger • Andreas Kossert, Flucht. Eine Menschheitsgeschichte / S. 206
Uli Rothfuss • Harald Gröhler, Frischer Schnee / S. 209
Matthias Buth • Jürgen Brôcan, Ritzelwellen / S. 211

 

MATRIX 3/2020 (61)

Zeitschrift für Literatur und Kunst

Es war noch Sommer und die Dürre versuchte, die Vorhersagen von Umweltaktivisten zu widerlegen, die gemunkelt hatten, dass das Abstellen der Motoren, insbesondere was die Zivilluftfahrt betreffe, der ganzen Welt zeigen werde, wie gut es sei, auf das zu verzichten, was man nicht unbedingt brauche.
Mein ursprünglicher Plan war es, hier ein Gedicht von Peter Frömmig zu veröffentlichen. Aber Louise Glück, eine Dichterin, die unsere Übersetzerin Stefanie Golisch bereits vor einigen Jahren als eine der bestbewerteten Autorinnen in Übersee unter den „gut bewerteten“ vorgestellt hatte, eine Dichterin, die allerdings kein Redaktionsmitglied als Kandidatin für die begehrteste literarische Trophäe der Welt gesehen hatte, hielt Stefanie hartnäckig ein Sommergedicht unter die Augen. Versuche, es abzulehnen, gerade jetzt, wenn Louises Name in aller Munde ist?
Das hat eine andere Kandidatin für die Anführung des Autorenzuges, Catherine (Kitty) O’Meara, nicht daran gehindert, eine Pandemie-Granate in den Kopf des Dichters Horst Samson zu platzieren, sodass er nicht schlafen konnte, bis er den Text ins Deutsche übersetzt hatte.

Die gesamte Redaktion geht zu Boden, gerade als Mia Lecomte uns mit ihrer leisen Stimme unbedingt erzählen will, dass ihr Großvater für immer an seiner La petite klebte.
Ich krieche auf das Handy zu, das mir die Explosion von Kittys Granate aus der Hand gerissen hat: Dichterin bin ich / auch wenn die Träne gefriert / die Wolke zerbricht / der Hai mich anfällt, schreibt Anna Santoliquido gerade, und ich lese ihre Zeilen trotz der halben Worte, die immer noch in der Luft tanzen.
Wenn ich könnte, würde ich unter dem Schreibtisch Schutz suchen, wie bei einem Erdbeben in Japan gesehen. Aber ich kann nicht, ich habe alles unter den Schreibtisch gestopft, was nicht in die Regale passt, die die Wände füllen, also stecke ich meinen Kopf in einen Stapel ungeöffneter Briefe. Und möchte Kitty schelten für die Idee, ihre Granate gerade in unsere Redaktion zu werfen, als mir jemand ins Ohr flüstert: „Hör auf mit dem Blödsinn, diese Granate tut anderen weh und nicht dir!“

Auf einmal Ruhe: Stefanie unterhält sich mit Louise, Horst gibt es auf, einen Kommentar auf Facebook zu veröffentlichen, der Kittys Fans erneut schrecklich irritieren würde.
Ich hätte nie gedacht, dass Friedenssicherung sich so schwierig anlassen könnte, aber in unserer Redaktion folgt nicht einmal eine konventionelle Ausgabe des Magazins klaren Parametern, geschweige denn eine, die auf Messers Schneide zustande gekommen ist, während der unsichtbare Feind jeden Beteiligten aus dem Nichts anspringen kann. Und am Ende versuchen die Mitglieder des Redaktionsrats, die Redakteure, Lektoren, Korrektoren und externen Mitarbeiter aufzuräumen, als ob es möglich wäre, jemals Ordnung in dieses Chaos zu bringen.
Diesmal haben wir Glück gehabt, der Angriff hat nicht länger als drei Minuten gedauert und nach einer knappen Viertelstunde ist kein verdächtiges Geräusch mehr zu hören. Aber wir können uns nicht an die Arbeit machen: Rainer, unser klarer Kopf, hat die Bewertung des Schadens noch nicht abgeschlossen. In letzter Zeit braucht er dafür länger, ein Jüngerer und Toleranterer sollte gefunden werden, um ihm zu helfen – aber woher soll der kommen, woher so viel Jugend, woher so viel Toleranz? Er berichtet schließlich, dass drei oder vier Manuskripte zerstört wurden, dass aber – wie durch ein Wunder – kein Autor tödlich verletzt wurde.

Die Hose eines der Praktikanten ist vorne nass. Niemand hat den Vorfall bemerkt, bis Radu Carp Eginald Schlattner nach seiner ersten Begegnung mit der orthodoxen Kirche fragt. Der Praktikant allerdings schwört, dass seine Kaffeetasse übergeschwappt ist, doch niemand verliert ein Wort darüber. Vor drei Jahren hat der Zufall die Wege des siebenbürgisch-deutschen Romanschriftstellers Eginald Schlattner und des rumänischen Politikwissenschaftlers Radu Carp gekreuzt – eine Begegnung, aus der ein Interviewband hervorging, das 2018 zunächst in Bukarest auf Rumänisch veröffentlicht wurde und nun auch übertragen vorliegt – trotz aller Vorbehalte des Autors, dessen Muttersprache selbstverständlich Deutsch ist und dem es abwegig erschien, quasi „rückübersetzt“ zu werden.
Es herrscht Stille, die folgenden ernsten Literaturpassagen bringen die Jammernden zum Schweigen. Endlich.

„Es gab Sehnsucht nach etwas, das verloren war, Sehnsucht nach etwas, das sich nicht erfüllt hatte, Sehnsucht danach, etwas zu finden, und manchmal auch danach, etwas zu verlieren“, schreibt Iris Wolff, laut Denis Scheck „eine Autorin mit einem traumsicheren Sprachgefühl“.

Kurz vor seinem Tod im März 2019 hat der Dichter, Romanautor, Essayist und Übersetzer Dieter Schlesak seine analogen wie digitalen Manuskriptordner durchgesehen, also „Lyrikarchäologie“ betrieben, und einen Band mit Gedichten und Gedanken zusammengestellt, der eine ebenso bezeichnende wie bewegende Auswahl seines literarischen Schaffens bietet. Paul Celan, einer seiner wichtigen Wegbegleiter, durfte natürlich nicht fehlen.

Genauso wie im Fall von Theo Breuer und Horst Samson. Auch von diesen beiden Autoren haben wir einige Texte für Sie ausgewählt, um Paul Celans 100. Geburtstag zu feiern.

Finden und gefunden werden, Matthias Buths poetischer Nachruf auf Axel Vieregg, findet seinen Platz vor Eva Bergs neuesten Gedichten.

Über Neuerscheinungen sowie Berichte aus der Kulturszene gibt es diesmal keinen Streit: Widmar Puhl, Wolfgang Schlott, Uli Rothfuss, Mathias Buth und Peter von Mallinckrodt kommen gut miteinander aus.

Hans Lindemann findet nichts Besseres zu tun, als unsichtbar zu werden und es uns zu überlassen, sein literarisches Werk zu entdecken. Klar, wir werden es tun. Vielleicht schon in der nächsten Ausgabe.

Ich schleiche mich leise in die Küche, um mir einen grünen Tee zu machen. Auf dem Weg lasse ich noch einmal das Video mit Hinweisen zum Ausfüllen der Formulare für eine Verlagsförderung durch meinen Kopf laufen. Und den extravaganten Wortlaut meiner Bewerbung sowie die nicht weniger extravagante Chance, die mir das Leben gegeben hat: mit Literatur zu tun zu haben in einem Land, dessen Sprache ich vor ein paar Jahren noch nicht kannte. Meine Hand zitterte, als ich auf Senden ging.
„Was für eine lustige Bewerbung du gemacht hast, es sieht so aus, als ob du zu jenen Mistkerlen zählst, die nicht viel sagen, aber tun. Schade, es war eine gute Sache …“ Mein Kollege lächelt mich an, als er mir das kochende Wasser wegschnappt und auf seinem überdimensionierten Handy eine E-Mail vor die Augen hält: Alle Förderungen seien gestoppt worden.
„Stimmt nicht“, sage ich ihm, „ich glaube, ich wünschte damals, mein Laptop würde hängen bleiben, als ich die Sendetaste drückte.“
„Doch, stimmt, du bist so einer“, antwortet er, „auch wenn dies das schlechteste Editorial ist, das jemals geschrieben wurde.“

Liebe Leserinnen und Leser, ich habe nichts anderes gemacht, als einen Arbeitstag der Redaktion zu beschreiben, wie ich ihn erlebe. Ob Sie es glauben oder nicht, ist eine andere Geschichte. Um ehrlich zu sein, ist es nicht wichtig, wie unsere Redaktion in Corona-Zeiten arbeitet – allein das Ergebnis zählt. Und diese Ausgabe kann sich meiner Meinung nach sehen lassen.
Viel Freude beim Entdecken wünscht Ihnen
Traian Pop

• Eginald Schlattner • „Gott weiß mich hier“ •  Dieter Schlesak • 100 Jahre Paul Celan • Theo Breuer • Horst Samson • Louise Glück • Iris Wolff • Catherine (Kitty) O’Meara • Eva-Maria Berg • Mia Lecomte • Anna Santoliquido • Matthias Buth • Uli Rothfuss • Peter von Mallinckrodt • Ulrich Bergmann • Traian Pop • Widmar Puhl • Wolfgang Schlott • 

Editorial / S.4

Die Welt und ihre Dichter

Ein Gedicht für den Herbst
Louise Glück • The Myth of Innocence . Der Mythos der Unschuld / S. 7

Catherine (Kitty) O’Meara • And (the) people stayed home . Und die leute blieben zu hause / S. 12
Horst Samson • Ein Gedicht geht um die Welt / S. 14
Mia Lecomte • Weniger als die Hälfte . Sei poesie / Sechs Gedichte in der Übertragung von Barbara Pumhösel und Eva Taylor / S. 18
Anna Santoliquido • Sieben Gedichte / S. 30
„Gott weiß mich hier“ • Radu Carp im Gespräch mit Eginald Schlattner / S. 42
Iris Wolff • Die Unschärfe der Welt / S. 57

100 Jahre Paul Celan
Dieter Schlesak • Absenz Und Nie. Das Ebenbildliche nach Auschwitz. Am Rand / S. 69
Theo Breuer • nicht weniger nicht mehr / S. 99
Horst Samson • „In den Lüften liegt man nicht eng“ . Anmerkungen zur unauflösbaren Tragik des Dichters Paul Celan (1920 – 1970) / S. 113
Horst Samson • Sieben Paul Celan zugeeignete Gedichte / S. 136

Matthias Buth • Finden und gefunden werden . Axel Vieregg: Wortsucher / S. 145
Eva-Maria Berg • Acht Gedichte / S. 161

Bücherregal
Widmar Puhl • Kompakte Wucht der Sprache. Gedichte von Dato Barbakadse / S. 169
Widmar Puhl • Ich bin viele. Frauenstimmen aus Georgien / S. 176
Wolfgang Schlott • Matthias Buth . Der Schnee stellt seine Leiter an die Ringmauer / S. 179
Wolfgang Schlott • Sigrid Katharina Eismann . Das Paprikaraumschiff / S. 201
Uli Rothfuss • Mathias Enard . Kompass / S. 184
Uli Rothfuss • Martin Walser . Mädchenleben oder Die Heiligsprechung / S. 186
Matthias Buth • Iris Wolff . Die Unschärfe der Welt / S. 188
Matthias Buth • Ernst Kerneck . Die drei Mäntel des Anton K. – The Three Overcoats of Anton K. / S. 191
Peter von Mallinckrodt • Gisela Hemau, Auf der Rückseite der Augen / S. 194
Ulrich Bergmann • Ines Hagemeier, Dichtungsringerin / S. 198

Aus der Kulturszene
Widmar Puhl • Verlorener Komponist & Teufelsgeiger, weiblich . Das erste Konzert des SWR Symphonie Orchesters nach sieben (7) Monaten in der Stuttgarter Liederhallle / S. 201
Wolfgang Schlott • Nachruf auf seinen Pressereferenten und spiritus rector Hans Lindemann / S. 204

Ausgaben 2016-2020

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