MATRIX Nr.2/2014 (36) Debüt

Debuet_36Die Debütanten Fabian Bohl (*1982 in Gelsenkirchen, lebt In Balve/Sauerland. Studien der Rechtswissenschaft, der Philosophie und Theologie sowie der Klassischen Philologie, Germanistik und der Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum an. Während des Studiums entstanden erste literarische Arbeiten.), Wanda Wälisch (Die momentan Sechzehnjährige schrieb als Kind sehr gern kleine Gedichte und hatte viel Spaß beim Erfinden von Geschichten, die sie noch lieber niederschrieb.) und Rene Magnet (*1983 in Graz, Österreich, studiert an der Karl-Franzens Universität Graz Ger-manistik und Geschichte.) stellen sich mit ersten Texten vor:
Wanda Wälisch • Es ist alles unwahr oder 10 Liebesbegegnungen · Gedicht / S.181
René Magnet • Blindblauer Montag · Prosa / S.183
Fabian Bohl • zóon dichótomon · Prosa / S.188

 

MATRIX 2/2013 (32) • 60 Jahre Die KOGGE in Minden

MATRIX_32_1 „Sind Sie überflüssig?“, fragt Ilija Trojanow mich als Leser zu Beginn seines Buches „Der überflüssige Mensch“. Genau diese Frage habe ich an einige Bekannte weitergereicht – ohne die geringste Hoffnung, eine klare Antwort zu bekommen. Und noch leise hinzugefügt: „Was tun Sie, um dies zu verhindern?“ Können Sie erraten, wie viele Antworten ich bekommen habe? Doch sprechen wir lieber über etwas anderes, oder?

Den Zug verpasst

Allen Ernstes habe auch ich manchmal gedacht, dass unser globalisierter Spät-, Turbo-, Mit-menschlichem-Gesicht- oder Wie-auch-immer-Kapitalismus als Nebenprodukt seiner Effizienz nicht nur Müll produziert, sondern auch Menschen zu Müll machen kann. Dabei hatte ich vor allem diejenigen im Blick, die nichts außer Verkaufszahlen als Frühstück, Mittag- oder Abendessen vorgesetzt bekommen. Weiterzudenken machte mir irgendwie Angst. Zu Recht, sage ich nun, da ich merke, dass es noch schlimmer sein kann. Natürlich werden nicht alle, die sich im Treibsand zwischen Erfolg und Überflüssigkeit befinden, zu Müll gemacht, sondern nur jene, die es nicht geschafft haben, rechtzeitig zum Zug zu kommen: die trotz Selbstoptimierung, permanenter Erreichbarkeit, unbezahlter Überstunden, andauernder Upgrades und professioneller Beobachtung im zunehmenden Konkurrenzkampf keine Tickets für den Zug des Wohlstands ergattern konnten, weil einfach alle Tickets schon verkauft waren – die anderen waren entweder schneller oder besser, was letztlich keine Rolle spielt, wenn der Zug voll ist.
Was wird aus diesen Menschen aus der Sicht von Ökonomen, internationalen Organisationen, global agierenden Eliten? Nichts! „Wer nichts produziert und – schlimmer noch – nichts konsumiert, existiert gemäß den herrschenden volkswirtschaftlichen Bilanzen nicht“, schreibt Trojanow. Und fährt fort: „Manche Menschen sind in diesem System Müll. Irgendwann weiß man nicht, wohin damit.“
„Haben Sie von überflüssigen Menschen gehört?“, „Was tun Sie, um dies zu verhindern?“, „Was raten Sie einem überflüssigen Menschen?“: Diese Fragen und noch einige weitere hätte ich gern von den einen oder anderen Politikern – und nicht nur von ihnen – beantwortet.

Die Kogge – Schreiben von, gegen und über die Welt hinaus

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, möchte ich eine mögliche Art vorstellen, einem solchen Zustand zu begegnen: In dieser Ausgabe von MATRIX könnte sie als „Welt gewinnen – mit und durch Literatur“ beschrieben werden, wie unser Redakteur, Prof. Dr. Uli Rothfuss, Vorsitzender der Europäischen Autorenvereinigung DIE KOGGE, im August 2010 sein Vorwort zu „Der Jaguar im Spiegel. Ein KOGGE Lesebuch“ betitelte.
Die Europäische Autorenvereinigung DIE KOGGE leistet, schreibt Uli Rothfuss, mit ihrer „Literatur über Grenzen“ viel für den europäischen Gedanken: für Toleranz, für gegenseitiges Verständnis, für das Überwinden von nationalen oder sprachlichen Grenzen. Für die Mitglieder der KOGGE bedeutet das Schreiben einen immer neuen Anlauf, sich über die Utopie des geistig Geschaffenen der Welt zu nähern, um über diese hinauszugehen; nicht nur darzustellen, wie die Welt ist und wie sie sich uns darstellt, sondern Möglichkeiten aufzuzeigen, wie die Welt sein könnte; Utopien zu entwickeln, aus denen heraus Entwicklungen angestoßen werden, die weit über die reine Literatur hinausreichen. Literatur als Impulsgeber, Literatur als, ja, Weltveränderer.
Lassen Sie, geneigte Leser, sich überraschen von der Vielfalt in Ausdruck und Form, die Ihnen in diesem Sammelband der KOGGE begegnen wird. Freuen Sie sich auf Literatur in ihrer reinen Form: auf die direkte Ansprache als Leserin und Leser, zu erleben, wie die Welt ist oder wie sie sein könnte. Die Grenzen verschwimmen, und das ist die beste Voraussetzung, mit und durch Literatur Welt zu gewinnen – diese Worte treffen auch auf unseren KOGGE-Teil zu, der 146 Seiten in Anspruch nimmt: 146 Seiten als kleinen Dank an DIE KOGGE, die jetzt ihr 60. Jubiläum in Minden feiert. Herzlichen Glückwunsch!

Ein Jubiläum macht Freude,… und Lust auf mehr

Egal ob Sie jetzt nach Minden fahren werden oder nicht – Sie, liebe Leserinnen und Leser, sind alle herzlich eingeladen, mit MATRIX das KOGGE-Jubiläum zu feiern. Charlotte Ueckert, Mark Behrens (der übrigens auch der Gewinner unseres Debütpreises 2013 ist), Wolf Peter Schnetz, Tatjana Kuschtewskaja, Rainer Bartels, Pilar Baumeister, Beppo Beyerl, Manfred Chobot, Dagmar Dusil, Herbert Friedmann, Willi F. Gerbode, Harald Gröhler, Jürgen Jankofsky, Ralf Jandl, Gerald Jatzek, Bernd Kebelmann, Christoph Andreas Marx, Susanna Piontek, Helmut Rizy, Robert Stauffer, Axel Thormählen, Alf Tondern, Martin A. Völker, Rainer Wochele, Barbara Zeizinger, Myron Wojtowytsch, Johanna Anderka, Renate Axt, Eva-Maria Berg, Susanne Brandt, Gudula Budke, Ingo Cesaro, Fritz Deppert, Manfred Hausin, Ilse Hehn, Harald K. Hülsmann, Rudolf Kraus, Mechthild Podzeit-Lütjen, Małgorzata Płoszewska, Traian Pop Traian, Uli Rothfuss, Ulrieke Ruwisch, Michael Starcke, Tina Stroheker und Piotr Szczepański haben einige literarische Delikatessen gespendet, um für Sie ein vielfältiges und aussagekräftiges Bild unseres Geburtstagskinds zu zeichnen.
Für den Erhalt und die Rehabilitierung der menschlichen Würde plädieren natürlich alle Beiträge dieser Ausgabe: die wunderbaren Gedichte von Klaus Hensel, die Texte von Oleg Mityaev, einem der besten Songwriter Russlands, der Essay von Jan Decker, der einige Ungarische Zustände unter die Lupe nimmt, genauso wie die Texte von Gheorghe Hibovski, Gabriele Frings und Anton Potche sowie unser „Bücherregal“, kritisch durchgesehen von Jutta Dornheim, Wolfgang Schlott, Rainer Wochele und Rainer Wedler.

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viel Vergnügen!

Ihr
Traian Pop

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MATRIX 1/2013 (31) • Schatten und Ebenbild • neue sorbische Literatur und Kunst

M_31_1Die gegenwärtige sorbische Dichtung und Kunst sollte der Schwerpunkt unserer jetzigen Ausgabe sein. Was sie historisch geprägt hat – vom ältesten erhaltenen sorbischen Text (Bautzener Bürgereid, 1532) über die Reformation, die den Beginn der sorbischen Literatur markiert, und die Entwicklung des Nationalgefühls im 19. Jahrhundert bis zur Unterdrückung während des Nationalsozialismus oder der Förderung im Sinne des „Aufbaus des Sozialismus“ zu DDR-Zeiten –, das kann ich nicht ohne Weiteres beurteilen.

Das habe ich vor fast zwei Jahren in meinem Editorial angemerkt, als wir Ihnen den ersten Kontakt mit der sorbischen Literatur und Kultur durch einige sorbische Dichter und Künstler zu vermitteln versucht haben. Ich erinnere mich noch genau, dass während der Arbeit an der damaligen Ausgabe einer der Autoren mir sagte: „Was ist denn ,sorbische‘ Kunst? Und was dann ,deutsche‘ Kunst? Ich halte nichts von nationalen Stempeln und würde dir vorschlagen: ,Kunst und Gedichte zweisprachiger Lausitzer Dichter‘.“

Dennoch habe ich diesmal ganz bewusst einen Teil unseres literarischen Fests unter den Titel Schatten und Ebenbild – neue sorbische Literatur gestellt. Nicht weil ich gegen die damalige Formulierung etwas hätte, nicht weil ich „nationale Stempel“ ins Gespräch bringen wollte oder weil ich nicht wüsste, dass diese Autoren zweisprachig sind, sich also in zwei Sprachen entwickelt haben und weiterentwickeln. Ich bin auch nicht der Ansicht, dass die Themen, die Problematik sowie die Art und Weise, sie darzustellen, ein sorbisches Etikett tragen müssten. Das wäre so, als ob ich diese wunderbare Literatur und Kultur zum Ghetto verurteilte. Gott bewahre! Literatur ist Literatur und Kunst ist Kunst. Alles, was von Wert ist, wird überall und immer gültig sein, überall und immer wahrgenommen werden. Und alles, was nicht von Wert beziehungsweise nichtssagend ist, wird niemals und nirgendwo gebraucht. Ich habe mich vielmehr für den weiter oben genannten Titel entschieden, weil mir ganz einfach das Gesicht dieser Literatur und Kunst so eindrucksvoll und einprägsam entgegengetreten ist, dass ich es unbedingt mit einem Namen ansprechen wollte. Und ich habe keinen besseren gefunden als … sorbisch.

Wie gesagt, das ist nur ein Teil unseres literarischen Fests – und was für einer! Denn das sorbische Literaturfest (das tatsächlich am 17. März 2013 auf der Leipziger Buchmesse stattfindet und von allen sprachkünstlerisch oder kulturhistorisch Interessierten live miterlebt werden kann*), bringt diesmal einige junge Prosaschriftsteller zusammen: Benno Budar, Jěwa-Marja Čornakec, Benedikt Dyrlich, Lubina und Dušan Hajduk-Veljković, Marion Quitz – auf deren Tuschezeichnungen hier ebenfalls hingewiesen sei –, Lenka (Christiane Piniek / Christiana Piniekowa) sowie Dorothea Šołćina. Und wenn die Formulierung Förderung im Sinne des „Aufbaus des Sozialismus“ zu DDR-Zeiten im vorangestellten Zitat für Sie, liebe Leserinnen und Leser, eine Irritation mit sich bringt, Ihnen also immer noch keine Ruhe lassen sollte, dann lade ich Sie ein, sich in dem ausführlichen Essay von Benedikt Dyrlich mit dem Titel Sorbischer Dichter in der DDR. Erfahrungen aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht nur detaillierte, sondern auch höchst kompetente Auskünfte zum Thema Unter Förderung, Beobachtung und Gängelei zu holen.

Theo Breuers B·U·C·H·S·T·A·B·E·E·T-Essay über Gedichte des vergangenen Jahres im deutschen Sprachraum vollendet ein gleichsam vierblättriges literarisches Kleeblatt, das 2012 aus Atmendes Alphabet für Friederike Mayröcker (MATRIX 28), Jeder auf seine Art für Hans Bender (MATRIX 29) und dem Gedichtband Das gewonnene Alphabet erwachsen ist.

Unter dem Motto Das Knirschen des Schnees unter den Stiefeln stellen wir diesmal Georg Janßens Malereien zu Gedichten und Prosa von Karl Wolff vor, natürlich in Begleitung von dessen Gedichten – als einen einladenden Auszug aus dem gleichnamigen Buch, das vor Kurzem erschienen ist.

Fred Viebahn schreibt uns wieder aus den USA. In Deutsch auf Deutsch in Amerika trifft er auf Amerikanisch eine Frau aus deutschen Landen.

Acht neue Texte von Franz Hodjak, dem ebenso facetten- wie nuancenreichen Dichter, Prosa- und Dramenautor, der neben vielen anderen Ehrungen auch den Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1990 erhielt, sowie neue Texte von Florica Madritsch Marin, Michael Hillen, Jan Christ, Ulrich Bergmann und Balthasar Waitz nehmen ebenfalls an unserem literarischen Fest teil.

Natürlich fehlen auch diesmal die Rezensionen nicht: Wolfgang Schlott, Barbara Zeizinger und Uli Rothfuss haben für Sie einige an die Redaktion geschickte Bücher sorgfältig unter die Lupe genommen.

Ihnen eine angenehme, spannende Lektüre – und vergessen Sie nicht: Sie sind alle herzlich eingeladen zu unserem Literaturfest auf der Buchmesse Leipzig 2013! Dort finden Sie uns in Halle 4, Stand  404.

Ihr
Traian Pop

Es signiert:

• Benno Budar • Jěwa-Marja Čornakec • Benedikt Dyrlich • Lubina und Dušan Hajduk-Veljković • Marion Quitz • Lenka • Dorothea Šołćina • Ulrich Bergmann • Balthasar Waitz • Jan Christ • Theo Breuer • Franz Hodjak • Uli Rothfuss • Florica Madritsch • Georg Janßen • Karl Wolff • Fred Viebahn • Traian Pop • Barbara Zeizinger • Wolfgang Schlott • Michael Hillen •

MATRIX 4/2012 (30) • Genowefa Jakubowska-Fijałkowska • Poesie sitzt nicht in der Sonne

M_30_1 Normalerweise werden unterschiedliche literarische Ansichten bzw. Standpunkte in – meist öffentlichen – Polemiken behauptet und diskutiert. Normalerweise. Weil es auch Autoren bzw. Rezipienten gibt, die jede von ihrer eigenen abweichende Meinung als Kriegserklärung verstehen und entsprechend reagieren.
Dass zwischen Polemik und Pamphlet ein gewaltiger Unterschied besteht, liegt auf der Hand.
Doch es hat Zeiten gegeben – und ich meine damit keineswegs die gute alte Zeit! –, als sich Polemiken und Pamphlete noch an ungeschriebene Konventionen, sprich: Manieren, gehalten haben. Solche Debatten um der Sache willen begannen allerdings zu verschwinden, als einige Kombattanten die Claqueure für sich entdeckten und deren Ovationen zu wahren Ehrentiteln machten: Keine Ahnung – davon aber jede Menge …
Was anfangs eine Art Revolte oder besser gesagt Bravourstück war, zeigte aber eher über kurz als über lang seine Folgen: Stück für Stück wurden die meisten Prinzipien des Fairplay demontiert. Heutige Kämpfe zwischen Streithähnen kennen anscheinend nicht einmal die Boxregeln – sie beachten überhaupt keine Regeln mehr. Die Trivialität des Diskurses scheint kaum mehr Wert als der Euro zu haben – wobei ich mich nicht auf die Auseinandersetzungen unserer Volksvertreter im Bundestag oder auf irgendeine Talkrunde im Fernsehen beziehe. Es geht mir um literarische Dispute. Und um den blinden Hass, mit dem einige Kombattanten andere – und damit zwangsläufig auch sich selbst – diskreditieren.

Traurig, traurig, denke ich, während mir klar wird, welches Albtraum-Szenario ich hier in Gedanken entwerfe. Ein Szenario, das in Zeiten, wo alle Welt in Container guckt und den Superstar bzw. den Dschungelkönig sucht, wohl immer noch eher auf Reality-Soaps und Casting-Shows zutrifft – oder etwa nicht?

„Wie in einem Film noir holt die Dichterin das Verborgene ans Licht und beleuchtet für einen kurzen Augenblick die geschlossene Gesellschaft der kaputten Existenzen, bevor sie wieder in der Finsternis der siebten Provinz versinken.“ Mit Urszula Usakowska-Wolffs Einführung ins außergewöhnliche Werk von Genowefa Jakubowska-Fijalkowska eröffnen wir diese Ausgabe, in der die polnische Schriftstellerin und Künstlerin auch Schwerpunkt ist. Wir laden Sie herzlich ein, nicht nur an einem „Fest der Dichtung“ teilzunehmen, sondern auch an einer offenen Diskussion über Poesie und Biografie, über Norm, Pathologie und Mythologie, über Schreiben in der Provinz und Fernreisen als Fluchten vor sich selbst (siehe Interview ab Seite 21). Ein Blick in die Ausstellung „Fotos sind mein Gedächtnis“ rundet unsere Begegnung mit einer hochoriginellen europäischen Stimme ab.

Bei unserem „Fest der Dichtung“ geht es danach weiter mit Billy Collins, einem Autor aus den USA, der 1994 von der renommierten Zeitschrift „Poetry“ zum Dichter des Jahres gekürt wurde, von 2001 bis 2003 als Poet Laureate der Vereinigten Staaten amtierte und in seinem Heimatstaat New York zum „Literary Lion“ und „Staatsdichter“ aufrückte. Lesen Sie einige seiner Texte sowie die eindringlichen Kommentare seiner Übersetzerin ins Deutsche, Stefanie Golisch. Außerdem können Sie bei unserem Besuch der internationalen Literaturszene dem bekanntesten albanischen Dichter aus Skopje in Mazedonien, Kalosh Çeliku, sowie Tekgül Ari, einer Schriftstellerin aus Ankara, begegnen.

Jutta Dornheim unternimmt einen „Versuch der Annäherung an einen unnahbar Gewordenen – statt eines Nachrufs auf Arno Lustiger“, und der Berliner Reiner David rekonstruiert anhand der Akten seine Geschichte in der DDR unter dem Motto: „Das Leben schreibt die besten Storys“.

Im Weitwinkel der Gegenwartsliteratur werden diesmal Werke von Michael Hillen, Eje Winter, Vesna Lubina, Peter Ettl, Peter Frömmig, Norbert Sternmut, Hellmut Seiler, Rainer Wedler, Herwig Haupt, Katerina Poladjan, Ingrid Leibhammer sowie unserer Debütantin Anke Meyring fokussiert. Matthias Hagedorns Essay über das neue Gedichtbuch von Theo Breuer sowie die Buchbesprechungen von Wolfgang Schlott und Rainer Wedler bieten wertvolle Fingerzeige.

Anlässlich seines 20-jährigen Bestehens bot das Ludwig Museum Koblenz eine Reihe ansprechender, breit gefächerter Kunstveranstaltungen. Francisca Ricinski hat für uns „TheatronToKosmo im Dialog mit Werken von Anselm Kiefer“ besucht. Und Urszula Usakowska-Wolffs Kunstparkett bringt einen ausführlichen Kommentar zu Frank Stellas „Retrospektive“ im Kunstmuseum Wolfsburg.

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viel Vergnügen!

Traian Pop

 

Es signiert:

• Vesna Lubina • Norbert Sternmut • Helmut Seiler • Michael Hillen • Billy Colins •
• Francisca Ricinski-Marienfeld • Katerina Poladjan • Ingrid Leibhammer • Peter Ettl •  Herwig Haupt • Reiner Wedler • Peter Frömmig • Kalosh Celiku • Jutta Dornheim
• Stefanie Golisch• Reiner David • Christine Kappe • Tekgül Ari • Matthias Hagedorn • Traian Pop  • Wolfgang Schlott • Urszula Usakowska-Wolff •

MATRIX 4/2012 (29) • Jeder auf seine Art für Hans Bender

M_29_1 Was in aller Welt will ich noch …

Vielleicht st das Alter schuld an der immer öfter wiederkehrenden Angst, nie etwas richtig gemacht zu haben. Vielleicht aber auch die naheliegende ›Realität‹. Jederzeit und mühelos zu haben, dieser geschmackvoll gemixte Cocktail von Kot und Schweiß. Irreführend und verführerisch der Geruch, die Farbe, der Durst sowie der unstillbare Hunger nach Vulgarität und Promiskuität. Nach Kitsch. Ja, der unbesiegbare Kitsch, unser heiliger Schweinestall. Eine Wortwelt ohne Deckung. Eine Formenwelt, die immer noch nach passenden Inhalten sucht. Eine Welt, die nicht einfach zu verlassen ist, auch wenn das die einzige Möglichkeit wäre, sie zu zerstören.

Wie aber war das mit der Versuchung, sie in Dichtung umzuwandeln? Ich bin doch selbst von manchem Geruch, von Vulgarität und Promiskuität verführt worden. Ihnen weiszumachen, dass ich es bereue, will ich nicht einmal versuchen: Der Cocktail schmeckt dem Schreibenden ›außerordentlich‹ (wenn auch nicht besonders gut). Und was ist von der Versuchung übrig geblieben? Einbetonierter Kitsch, sonst nichts? Oder doch?

Haben Sie, liebe Leser, auch Angst? Ich gebe zu: Ich habe quasi ununterbrochen Angst. Verstärkt allerdings erst in den letzten Jahren – seitdem ich beschlossen habe, mich regelmäßig mit Matrix an Sie zu wenden.

„Dumm sein ist Macht“, steht in einer der letzten Ausgaben des Stern. Dem stimme ich zu, auch wenn ich es sehr bedauerlich finde. Denn diese Aussage beschreibt eine Gegebenheit, die uns gegenwärtig begleitet. Ja, in dieser Welt, in der fast alles – zumindest nach außen hin – perfekt erscheinen soll, in der fast jeder versucht, sich besser zu vermarkten, und mehr in die eigene Kopie investiert, die ihn vor den anderen repräsentieren soll, als in sich selbst, in dieser Welt also tauche ich auf, fast regelmäßig, um Ihnen zu erzählen, dass meine Kräfte und Möglichkeiten bei weitem nicht ausreichen, sie zu verändern. Dass ich längst nicht der Einzige bin, der das so erlebt, weiß ich schon. Sonst hätte ich nicht nur die vorliegende, sondern auch alle anderen MATRIX-Ausgaben selbst schreiben und lesen müssen. Und auch dafür bezahlen. Doppelt sogar: erstens, um sie zu drucken, zweitens, um sie lesen zu dürfen. Lachen Sie bloß nicht: In den Schatten mancher ›lachender Gesichter‹ wachsen Monster.
Doch was hat das alles mit Matrix zu tun? Diese 29. Ausgabe ist ein Beispiel dafür, was Redaktion und Autoren sich unter ›Dienern der gegenwärtigen Literatur‹ vorstellen. Nicht zu verwechseln mit ›Dienstleistern‹, deren Musterbeispiele so oft und so gern angst- und hemmungslos erscheinen und mich auf diese Weise immer wieder ins Bockshorn gejagt haben.

Als Diener der Literatur wie als Mensch, der anders nicht sein und denken kann, sehe ich Hans Bender auf der literarischen Bühne stehen, als dramatische Person und Darsteller zugleich. Und ich wünsche mir, dass auch er, der AUTOR Hans Bender, uns – die Menschen um ihn herum – liest. Ja, dass er uns ›liest‹: alles, was uns eigentlich und unverwechselbar ausmacht, um es in seine verzaubernde Sprache zu fassen und es uns wieder zu schenken – ›auf seine Art‹, wie sonst. Ob ich mich getraut habe, ihm etwas von meinen Wünschen zu erzählen? Natürlich nicht. Dennoch ist alles schon passiert. Und es passiert immer noch und wird auch weiterhin passieren: Er hat uns schon ›gelesen‹ und sein Werk selbst ›liest‹ uns andauernd – wie jedes Werk, das etwas zu sagen hat. Um mehr über uns zu erfahren, brauchen wir nur ab und zu eines seiner vielen Bücher in die Hand zu nehmen. Oder einige Seiten dieser Ausgabe zu lesen und wiederzulesen.

Schön und gut, aber das hindert mich nicht, weiter in Angst zu leben. Hans Bender wird wohl meinen Text lesen. Mir das zum einen naturgemäß wünschend, bin ich zum anderen ernsthaft besorgt. Was wird er denken, wenn er feststellt, dass ich es – schon wieder – geschafft habe, ein Editorial zu verfassen, ohne über den Gefeierten zu schreiben?

Was könnte man noch sagen? Was sollte noch gesagt werden? Ist denn nicht schon alles gesagt? Was willst du noch hinzufügen, wenn, beispielsweise, Rose Ausländer, Gottfried Benn, Theo Breuer, Rolf Dieter Brinkmann, Michael Krüger, Axel Kutsch, Friederike Mayröcker oder Hans Bender selbst sich zu Wort gemeldet haben? Dass du Akzente gekannt hast, bevor du ein Wort auf Deutsch lesen konntest? Dass du, armer Herausgeber und Verleger, glücklich und dankbar bist, ihn als Gast zu haben? Dass du dich genauso dumm findest wie der Stern-Autor unsere Politiker, auch wenn du keine MACHT hast und auch keine brauchst – oder das zumindest denkst? Das hat er bestimmt bemerkt. Und wenn nicht, wird er es gleich bemerken. Wird er für deine Schwäche Verständnis zeigen?
„Manchmal erledigen sich viele Dinge von selbst, manchmal lassen sie sich überhaupt nicht erledigen. Manchmal reichen der feste Wille und die eigene Kraft, manchmal bringt einen jeder noch so große Willens- und Kraftaufwand nicht weiter.“ Das habe ich einmal zu Papier gebracht. Soll alles beim Alten bleiben? Uh, wenn es so leicht wäre!

Theo Breuer („mein Glück“, wie ich ihn schon mal genannt habe) und allen Beiträgern, die dieses Unternehmen mit Beiträgen bereichern, möchte ich von Herzen danken. Und ich möchte Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die 140 Seiten empfehlen, die unter dem guten Stern Hans Benders stehen. Jeder auf seine Art für Hans Bender ist weit mehr als nur ein Teil dieser Ausgabe. Es ist ein Teil unserer Wünsche. Ein Teil unserer Träume. Ein Teil unserer Hoffnungen. Ein Dank also auch an die Literatur an sich. Und die Bilder: Zwei einzigartige Hans-Bender-Porträts sind der Fotografin Renate von Mangoldt zu verdanken, eine Zeichnung Georg Eisler, zwei weitere Porträts Manfred Gierig sowie – last but not least – Hans Georg Schwark.

Der gegenwärtigen Literatur verdanken wir auch die Texte und Bilder, die die anschließenden Rubriken füllen. Fred Viebahn berichtet aus Virginia, wie es aussieht, „wenn es von allen Seiten knallt“. Karl Wolff, Harald Gröhler und Barbara Zeizinger gewähren uns Einblicke in kommende Gedichtbände – genauso wie Imre Török in einen Roman und Ulrich Bergmann in einen Band mit Prosa. Wolfgang Schlott bespricht neue Bücher – Wjatscheslaw Kuprijanows Gedichtband Verboten sowie Ngo Nguyen Dungs Kurzprosabuch Insel der Feuerkrabben –, Karl Wolff bringt uns die Russischen Filmtage in Münster nahe. Scharf und verführerisch ist der Essay von Urszula Usakowska-Wolff, der die Ausstellung eines „Genies der Fotografie“ behandelt: Diane Arbus, noch bis 24. September im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen.

In Namen der Redaktion lade ich Sie noch einmal herzlich ein, an diesem literarisch-künstlerischen Fest teilzunehmen!

Ihr
Traian Pop

Es signiert:

• Michael Augustin • Rose Ausländer • Franz Joachim Behnisch • Hans Bender • Gottfried Benn • Wolfgang Bittner • Johannes Bobrowski • Theo Breuer • Rolf Dieter Brinkmann • Jürgen Brôcan • Werner Bucher • Joseph Buhl • Michael Buselmeier • Hugo Dittberner • Anne Dorn • Georg Eisler • Susanne Eules • Manfred Gierig • Peter Hamm • Markus Haupt • Walter Hinck • Dieter Hoffmann • Werner Irro • Gerhard Jaschke • Walter Kappacher • Michael Krüger • Axel Kutsch • Werner Lutz • Friederike Mayröcker •  Renate von Mangoldt • Volker Neuhaus • Joachim Rönneper • Hans Georg Schwark • Arnold Stadler • Tina Stroheker • Jürgen Theobaldy • Maximilian Zander •  Ulrich Bergmann • Harald Gröhler • Imre Török • Traian Pop • Wolfgang Schlott • Urszula Usakowska-Wolff • Fred Viebahn • Karl Wolff  • Barbara Zeizinger •

MATRIX 2/2012 (28) • Atmendes Alphabet für Friederike Mayröcker

M_28_1Warum Friederike Mayröcker? Weil sie zu den großen deutschsprachigen Autoren der Gegenwart zählt? Weil sie unzählige Titel veröffentlicht hat? Weil so viele Kritiker über sie und ihr Werk geschrieben haben? Weil sie eine Menge Preise bekommen hat? Natürlich auch. Aber nicht nur deswegen. Weitere Gründe finden Sie in  den zahlreichen Beiträgen dieser MATRIX-Ausgabe. Einer Ausgabe, zu deren Schwerpunkt – über 250 Seiten stark – mehr als 80 mit dem Werk Friederike Mayröckers vertraute Autoren und Künstler beigetragen haben.

Angesichts solch geballter kreativer Kompetenz fände ich es verwegen, im engen Rahmen eines Editorials über Friederike Mayröcker zu schreiben – das brächte, mehr als sicher, uns allen im besten Fall … nichts. Weil mir schon die Worte fehlen, um meiner Freude und Dankbarkeit gegenüber Friederike Mayröcker,  die unsere Einladung ohne Wenn und Aber akzeptiert und uns so viele neue Texte zur Verfügung gestellt hat, einen entsprechenden Ausdruck zu verleihen. Lassen Sie sich also ab Seite 157 von Friederike Mayröcker selbst verführen – und Sie werden verstehen, warum meine Worte streiken! Danken möchte ich auch all den Mitwirkenden an dieser Ausgabe, deren Beiträge – ob Gedicht, Essay, Prosa, Interview, Fotografie, Zeichnung, Malerei etc. – in welcher Form auch immer um das Werk und die Persönlichkeit Friederike Mayröckers kreisen.

Ein Wort allerdings über das Glück, Theo Breuer an meiner Seite zu haben. Eigentlich ist er nicht nur der Herausgeber, Redakteur, Lektor und Gestalter von Atmendes Alphabet für Friederike Mayröcker auf den Seiten 7 bis 259, wie im Impressum vermerkt, sondern ein bedeutender Autor, der zu den im „Hinterland“ des Literaturbetriebs arbeitenden Menschen gehört, ohne deren Hilfe und Engagement ein Vorhaben wie das unsere gar nicht möglich wäre. Nur einige von ihnen zu nennen wäre ungerecht, und für alle reicht der Platz im Editorial nicht aus. Eines aber möchte ich, obwohl riskant, hinzufügen: Als Autor und Freund, der mir seit einigen Jahren – ich muss wiederholen: glücklicherweise – zur Seite steht, wurde Theo Breuer nicht nur Motor, sondern gleichzeitig Kraftstoff und Fahrer der letzten Matrix-Ausgaben. Und ich kann nur hoffen, dass er uns noch lange begleitet.
Lassen Sie sich von Theo Breuer – vom Vorwort über den Essay Überschwemmt, die Lust am Taumel bis zu PS für FM – und der von ihm getroffenen Auswahl verführen! Etwas will ich dazu noch verraten: Leicht war’s nicht, da sich die Flut von Briefen und E-Mails kaum bewältigen ließ – die aber gleichzeitig auch die Bestätigung dafür war, dass unsere Entscheidung, Friederike Mayröcker in einer speziellen Ausgabe zu feiern, richtig war. Was Theo Breuers Auswahl betrifft: Wir, die Redaktion, haben ihm freie Hand gelassen, auch bei seinen Kriterien – und das zu Recht, wie der lebendige Dialog mit Friederike Mayröcker und ihrem Werk zeigt, der einige Facetten dieser wunderbaren Literatur wie neu aufscheinen lässt.

Weil die Redaktion vom atmenden Alphabet für Friederike Mayröcker überschwemmt wurde, haben wir uns entschieden, alle anderen Rubriken zu kürzen bzw. auf einige zu verzichten. Das aber nicht auf Kosten der Qualität. Dafür sollen die Gedichte von Johann Lippet, Dieter Schlesak, Rainer Wedler, Horst Samson und Traian Pop Traian sprechen. Wolfgang Schlott nimmt im Bücherregal zwei Neuerscheinungen unter die Lupe, und Urszula Usakowska-Wolff stellt im Kunstparkett anlässlich der 7. Berlin Biennale fest: „Wenn man Kunst für politische Zwecke missbraucht, verkommt sie, was aus der Geschichte hinreichend bekannt ist, zur Propaganda.“

Neugierig? Wir hoffen es und wünschen Ihnen viel Vergnügen!

Ihr Traian Pop

Es signiert:

• Ilse Aichinger • Dato Barbakadse • Maja-Maria Becker • Hans  Bender • Theo Breuer • Andrea Brincker • Peter Clar • Crauss. • Michael Donhauser • Jutta Dornheim • Richard Dove • Ulrike  Draesner • Elke Erb • Susanne Eules • Christel Fallenstein • Matthias Fallenstein • Marcell Feldberg • Ingrid Fichtner • Johannes CS Frank • Zsuzsanna Gahse • Chana  Galvagni • Andrea Grill • Bernadette Haller • Karl-Friedrich Hacker •  Michael Hammerschmid • Bodo Hell • Friedrich Hölderlin • Semier Insayif • Gerhard Jaschke • Katharina Kaps • Udo Kawasser • Odile Kennel • Marie-Thérèse Kerschbaumer • Ilse Kilic • Claudia Klučarić • Sirkka  Knuuttila  • Simone Kornappel • Axel Kutsch • Augusta Laar • Alma Larsen • Aurélie  Le Née • Michael Lentz • Swantje Lichtenstein • Silke Markefka • Friederike  Mayröcker • Novalis • José F. A. Oliver • Elisabeth Pein • Kevin Perryman  • Peter Pessl • Judith Nika Pfeifer • Marion Poschmann • Andreas Quirinus-Born • Ilma Rakusa • Sophie Reyer • Francisca Ricinski-Marienfeld • Elisabeth von Samsonow • Julia Schiff • Matthias Schmidt • Norbert Schneider • Vroni Schwegler • Jan Skudlarek • Marion  Steinfellner • Ginka Steinwachs • Marlene Streeruwitz • Ulrich Tarlatt • Yoko Tawada • Liesl Ujvary • Anja Utler • Anatol Vitouch • Mikael Vogel • Nikolai Vogel • Jürgen Völkert-Marten • Linde Waber • Peter Weibel • A. J. Weigoni • Fritz Widhalm • Herbert J. Wimmer • Gisela von Wysocki • Berto Xenien-Heuer • Barbara Yurtdas • Christiane Zintzen /  Traian Pop Traian • Johann Lippet • Horst Samson • Rainer Wedler • Wolfgang Schlott • Urszula Usakowska-Wolff •