MATRIX 2/2018 (52) • Made by Characters – Lyrik aus Georgien •

Leg alles offen auf den Tisch, den Wahnsinn der Gesellschaft, ihre Attitüden, ihre Auswüchse, und du wirst sofort, ohne das Recht, dich zu wehren, ihr Feind, das trojanische Pferd, der Unglücksbringer, das schwarze Schaf, der Irrsinnige, der in die Zwangsjacke gehört, eine unerschöpfliche Quelle der Abschreckung, damit allen die Lust vergeht, aus der Reihe zu tanzen. Klar: ein gefesselter kritischer Geist. Deshalb nimmt die Feigheit so oft und nicht zufällig „pazifistische“ Konturen an. (Aus dem Gedächtnis zitiert)

Ich bin eigentlich kein „Krieger“, aber es fällt mir schwer, ein „Pazifist“ im zitierten Sinne zu sein, auch wenn ich mich manchmal scheue, „die Karten offen auf den Tisch zu legen“. Aus zwei Gründen. Erstens, weil ich schon seit Langem – wenn überhaupt –
kein Spiel ohne Tricksereien erlebt habe. Zweitens, weil jeder Gewinn in der anderen Waagschale durch einen Verlust ausgeglichen wird. Jeder von uns kennt diese einfache Wahrheit, aber keiner will sie zur Kenntnis nehmen.

Albträume eines Verlegers
Mir geisterten im Laufe dieses Jahres Bilder des Schreckens durch den Kopf. Es ging um unseren Auftritt bei der Frankfurter Buchmesse 2018. Genauer gesagt, um unser Anliegen, Ihnen die georgische Literatur näherzubringen. Es wäre einfach zu behaupten, Georgien sei ein Land wie jedes andere, die georgische Literatur sei eine Literatur wie jede andere und so weiter und so fort. Doch dem ist nur so, wenn man alles aus der Ferne betrachtet. Wenn man aber versucht, sich zu nähern, ändert sich das Bild. Ich befürchtete also, dass die vertrauten Vorstellungen von georgischer Landschaft, Geschichte und Kultur sich verflüchtigen könnten. Es ist nicht einfach, mit solchen Ängsten umzugehen, wenn man sich schon seit Jahren um einige – nicht wenige – georgische Autoren und Werke gekümmert hat.
Nach etwa vierzig aus dem Georgischen übersetzten und veröffentlichten Titeln hätte ich leider immer noch nicht sagen können, dass alles reibungslos lief, dass ich mich über die Ergebnisse freuen könnte. Warum? Weil mich meine Albträume einfach nicht losließen und ich mich scheute, darüber zu sprechen.
Zu meinen angstbesetzten Vorstellungen gehörte, dass ich es mit einem sogenannten Übersetzer aus dem Georgischen zu tun haben könnte, der gar kein Georgisch kann. Weil ich, naiv oder dumm, ihn vorher nicht nach seiner Qualifikation und beruflichen Laufbahn als Übersetzer gefragt hatte.
Schreckensvisionen waren auch, dass ein sogenannter Herausgeber mir das von ihm betreute Buch erst nach dem verbindlichen Abgabetermin liefern und mir untersagen würde, es lektorieren bzw. korrigieren zu lassen. Dass er mich zwingen könnte, eine bestimmte Druckerei zu nehmen und – damit nicht genug – eine mir unbekannte Person als bevollmächtigte Vertretung des Verlags in einem mir fremden Land zu akzeptieren. Dass es sich um einen Herausgeber handelte, der sich selbst dazu ernannt hatte, erst nachdem das Buch unter Vertrag stand; ein Herausgeber, der sich zwischen Verlag und Druckerei drängen und das zum Druck geschickte Buch hinterher noch ändern könnte, ohne den Verlag zu informieren; ein Herausgeber, der dem Verlag verbieten würde, die Annahme der Bücher zu verweigern, falls sie nicht ordnungsgemäß gedruckt wären; ein Herausgeber, der den Verlag zwingen könnte, die Druckkosten zu begleichen, bevor die gedruckten Bücher überhaupt geliefert wären – mit dem Hinweis, dass andernfalls die von ihm bevollmächtigte Person ermordet würde, falls der Betrag nicht sofort auf das Konto einginge. Und wäre von so einem Herausgeber nicht auch zu erwarten, dass er im Namen des Verlags auf der Buchmesse eigenmächtig agieren könnte, ohne den Verleger davon in Kenntnis zu setzen?
Mich plagten aber noch andere Sorgen. Eine der qualifiziertesten Übersetzerinnen aus dem Georgischen hatte akzeptiert, für uns einen bekannten Roman ins Deutsche zu übersetzen. Doch statt diese Übertragung zu fördern, wollten die von den georgischen Behörden beauftragten Juroren einen Übersetzer favorisieren, der überhaupt kein Georgisch kann. Uns blieb also nichts anderes übrig, als das Buch auch ohne Förderung auf den Markt zu bringen. Und unsere Ausgabe sah sehr gut aus. Gelobt und in der Presse gut besprochen wurde allerdings die geförderte Ausgabe. Und eine ängstliche Stimme flüsterte mir ins Ohr, dass die Lobbyisten vermutlich nie schlafen.
Trotz meiner Befürchtungen und Ängste berichteten einige Zeitungen doch ziemlich positiv über „unsere“ Bücher. Und dann so etwas: „Sehr geehrter Herr Pop, wir hatten bei Ihnen die im Betreff erwähnte Anthologie bestellt und haben sie auch vor wenigen Tagen erhalten. Wir sind ziemlich erschrocken über den Zustand des Buches und das umso mehr, da es ja nicht ein sehr preiswertes Buch ist. Auch wenn neu, sieht es antiquarisch aus. Gelesen, beblättert, leicht angestoßen. Ich werde es so meinem Kunden anbieten. Sollte er den Zustand monieren, behalte ich mir eine Rückgabe zur Gutschrift vor.“
Wollen wir dies tatsächlich als unabänderlich hinnehmen? Gerade jetzt, wenn Georgien im Rampenlicht steht? Gerade jetzt, wenn wir endlich die Möglichkeit haben, dass georgische Autoren und Werke von der Leserschaft gewürdigt werden? Was wird aus unserem Fleiß, aus unseren durchgearbeiteten Nächten, aus unseren Träumen, etwas Gutes für uns, für die Welt und für die Weltliteratur getan zu haben? Und was wird aus der qualifizierten Übersetzerin, die alle Feinheiten der georgischen Sprache kennt, die sich seit Jahren für die georgische Literatur und Kultur einsetzt – und zwar nicht nur als Professorin an einer der besten Universitäten im deutschen Sprachraum, sondern auch durch zahlreiche Übersetzungen aus dem Georgischen? Was bleibt dann von unseren gelungenen Nachdichtungen von Lyrikern, die – wie eine renommierte Kritikerin meint – „in die oberste Weltliga gehören“? „Die größte Entdeckung: Lyrik und Dichter aus Georgien, die in die oberste Weltliga gehören, wie (große Empfehlung) Nika Jorjaneli und sein Band Roter Schein: ,Im Sommer vergeht kein Tag, ohne dass kleine Vögel in meine Küche fliegen. / Ein kaum zu hörendes Geräusch auf dem Linoleumboden verrät ihr Erscheinen, / das sind ihre winzigen Füße. / Und ich – ich weiß auch nicht warum – scheuche die Vögel nach draußen.‘“ (Iris Radisch, Die Zeit, Nr. 43/2018).
Wie schon gesagt, ich hatte Angst, dass die ganze Arbeit futsch sei, wenn nun alle in ein und denselben Topf geworfen werden. Es sah so aus, als ob ich wählen müsste zwischen „besser machen“ und „besser verkaufen“. Was könnte ich tun gegen die Lobbyisten, gegen die Tatsache, dass heutzutage mehr in die Verpackung als in den Inhalt investiert wird? Wie könnte ich gegen diese unverantwortliche Ignoranz und Verschwendung vorgehen? Wie könnte ich mich für die Werte einsetzen, die vor meinen Augen mit Füßen getreten werden? Was war das alles? Ein Albtraum? Oder Fiktion? Wie viel Angst darf ein Traum beinhalten? Und wie viel Realität? Wie viel Realität darf in die Fiktion einfließen? Und wie viel in ein Editorial? Wahrscheinlich brauchte ich diese kalte Dusche. Ich ahnte doch, dass für einige unserer Übersetzungen mehr Zeit nötig gewesen wäre, um wirklich dem Original gerecht zu werden. Ich ahnte doch, dass ein Übersetzer, egal wie gut er beide Sprachen beherrscht, zuerst die Sprache des Werkes selbst verstehen und vom allem lieben soll, damit der Text ihm unter die Haut geht, bevor er überhaupt mit seiner Arbeit anfängt. Ich ahnte doch, dass ich mir viel zu viel vorgenommen und vieles zu schnell aus der Hand gegeben hatte. Ich ahnte doch, dass mein Kleinverlag anders aussieht, als ich ihn sehe…

Nun sind wir aber Gastland. Und zwar alle. Egal wie wir heißen, egal ob wir Georgisch verstehen oder nicht, egal ob wir überhaupt wissen, wo Georgien auf der Europakarte liegt (viele denken ja, dass Europa an der EU-Ostgrenze endet), egal ob wir Kenner oder Neugierige, ob wir Verleger, Buchhändler oder Leser sind. Egal ob wir ausgeträumt haben oder weiterhin träumen. Trauen Sie sich einzutreten: Die georgische Welt steht uns offen – und das nicht nur so lange, wie wir Gastland sind. Danke dir, Georgien, dass ich dabei sein darf, danke euch allen für euer Vertrauen und eure Hilfe, danke euch allen, dass es euch gibt!

„Georgia – Made by Characters“
Seit dem 4. Jahrhundert nach Christus gibt es die georgischen Schriftzeichen – die 33 Buchstaben des einzigartigen Alphabets, das kürzlich zum UNESCO-Welterbe erklärt wurde. Unter dem Motto „Georgia – Made by Characters“ präsentierte Georgien auf der Frankfurter Buchmesse Werke, die in dieser Schrift geschrieben wurden, und damit auch die eigentlichen Charaktere: Autoren, Künstler, die Georgier und ihr Land.
„Georgien blickt auf eine 15 Jahrhunderte lange literarische Tradition und eine bewegte Geschichte zurück. Dieses kulturelle Erbe prägt und inspiriert zeitgenössische Autorinnen und Autoren auch heute noch. Auf der Frankfurter Buchmesse 2018 werden unsere Besucherinnen und Besucher aus aller Welt die lebendige Literaturszene des kaukasischen Landes entdecken.“ (Juergen Boos, Geschäftsführer der Frankfurter Buchmesse).
„[Die georgische Literatur] hat sich Schritt für Schritt neben der modernen Weltliteratur entwickelt und vermittelt ein klares Bild von dem Charakter der Nation, die sie hervorgebracht hat.“ Und weiter: „Wir wollen als Ehrengast unsere Antwort auf die Herausforderungen der modernen Welt präsentieren – die Antwort eines Landes, das so klein ist wie unseres und das seine historischen und kulturellen Erfahrungen mit der ganzen Welt teilen möchte.“ (Medea Metreveli, Leiterin des georgischen Ehrengast-Komitees).
Wie von unseren Mitstreitern erwartet, wurden die meisten Bücher, mit denen sich Georgien auf der Messe vorgestellt hat, nicht in Großverlagen veröffentlicht, sondern in Kleinverlagen. Mit mehr als 33 Titeln dürfen wir als einer der wichtigsten Unterstützer Georgiens auf dieser Buchmesse gelten. In der vorliegenden MATRIX-Ausgabe stellen wir Ihnen einige georgische Lyrikerinnen und Lyriker vor, u. a. Dato Barbakadse, Kato Dschawachischwili, Badri Guguschwili, Nika Jorjaneli, Rusudan Kaischauri, Eka Kevanischwili, Esma Oniani, Nino Sadghobelaschwili, Lela Samniaschwili, Irma Schiolaschwili, Amiran Swimonischwili und Mariam Ziklauri.
Die Essays „Gedanken über die Poesie“ von Esma Oniani sowie „Die ewig fließende Grenze zwischen Leben und Tod“ von Peter Gehrisch runden den georgischen Teil dieser Ausgabe ab. Ich stelle gerade fest, dass ich eines der besten Bücher, die überhaupt über Georgien geschrieben wurden, nicht erwähnt habe, und bitte Karl Wolff um Verzeihung: „Von Tiflis nach Tbilissi. Reise an den Ursprung einer Sehn-Sucht“ ist immer noch aktuell, auch wenn es mehr als zehn Jahre alt ist. Ich darf es sehr empfehlen.
Und last but not least haben wir von unseren Mitstreitern Klaus Martens und Barbara Zeizinger einige Texte für Sie ausgewählt. Im Bücherregal stehen diesmal Neuerscheinungen von Karl Ove Knausgård, Holger Benkel und Hellmut Seiler, die von unseren Rezensenten Pilar Baumeister, Ulrich Bergmann und Edith Ottschofski kritisch unter die Lupe genommen wurden.
Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen
Traian Pop

Es signiert:
• Dato Barbakadse • Peter Gehrisch • Kato Dschawachischwili • Ela Gotschiaschwili • Badri Guguschwili • Nika Jorjaneli • Rusudan Kaischauri • Esma Oniani • Eka Kevanischwili • Nino Sadghobelaschwili • Lela Samniaschwili • Irma Schiolaschwili • Amiran Swimonischwili • Mariam Ziklauri • Klaus Martens • Barbara Zeizinger • Pilar Baumeister • Ulrich Bergmann • Edith Ottschofski •
Inhalt
Editorial / S. 3
Die Welt und ihre Dichter
Frankfurter Buchmesse 2018 • Gastland Georgien
Dato Barbakadse • Elf Gedichte / S. 9
Peter Gehrisch • Die ewig fließende Grenze zwischen Leben und Tod / S. 38
Kato Dschawachischwili • Zwei Gedichte / S. 47
Ela Gotschiaschwili • Zwei Gedichte / S. 52
Badri Guguschwili • Sieben Gedichte / S. 58
Badri Guguschwili • Die Metro der Illusion . Vier Gedichte / S. 68
Badri Guguschwili • Visuelle Gedichte / S. 78
Nika Jorjaneli • Neun Gedichte / S. 86
Rusudan Kaischauri • Zwei Gedichte / S. 103
Eka Kevanischwili • Zwei Gedichte / S. 106
Esma Oniani • Neun Gedichte / S. 111
Esma Oniani • Gedanken über die Poesie / S. 125
Nino Sadghobelaschwili • Zwei Gedichte / S. 147
Lela Samniaschwili • Drei Gedichte / S. 153
Irma Schiolaschwili • Drei Gedichte / S. 158
Amiran Swimonischwili • Elf Gedichte / S. 162
Mariam Ziklauri • Drei Gedichte / S. 174
Klaus Martens • Sechs Gedichte / S. 179
Atelier
Barbara Zeizinger • Die Reise . Prosa / S. 185
Bücherregal
Pilar Baumeister • Karl Ove Knausgård, Im Frühling. / S. 192
Ulrich Bergmann • Holger Benkel, fliegende wesen. / S. 195
Edith Ottschofski • Hellmut Seiler, Dieser trotzigen Ruhe Weg. / S. 201

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