MATRIX 4/2016 (46) • Badri Guguschwili • Mich auf jeden Fall, nicht! •

MATRIX_46_ASie bekommen nun eine – leider – verspätete Ausgabe einer unserer Zeitschriften MATRIX oder BAWÜLON. Es ist eine aktuelle Ausgabe, auch wenn auf dem Cover 2016 steht. Der Grund: die Reihenfolge sollte nicht unterbrochen werden. Ich hatte immer gedacht, dass ich über das, was ich tue, was ich will und was ich muss, selbst entscheiden kann. Nun aber gibt es im Leben Situationen, die uns lehren, dass es so einfach nicht ist. Im letzten Jahr war ich durch eine plötzliche Erkrankung quasi zum Zuschauer meiner eigenen Hilflosigkeit geworden. Statt meinen verlegerischen Verpflichtungen nachzugehen, musste ich für längere Zeit im Krankenhaus und in der Reha zubringen. Jetzt aber arbeiten meine Kollegen und ich mit Hochdruck daran, die verspäteten Ausgaben fertigzustellen und den normalen Erscheinungsrhythmus wiederherzustellen. Ich bitte Sie und meine Redaktionskollegen um Pardon für die Verspätungen und hoffe, Sie bleiben uns weiterhin treu. 
Dass Dichter-zu-sein nicht leicht war, ist und wird, dachte ich schon immer. Dass ein System oder eine Gesellschaft dich als Dichter entweder unterwürfig macht oder dich tötet oder, wie Bela Tsipuria plastisch schreibt, dich erst unterwürfig macht und dann tötet, ahnte ich auch. Mehr noch hielt und halte ich für normal,dass ein Dichter sich nicht unbedingt geliebt oder erwünscht fühlt und ihm dies alles bewusst ist. Und dennoch, es tut mir physisch weh, wenn ich diese Verse lese:

„sie alle
wissen, wen genau sie brauchen!
Mich auf jeden Fall, nicht!“

Ich hätte ihm gern widersprechen wollen. Ein erster Versuch liegt Ihnen vor: Mehr von und über Badri Gugushvilli, ein georgischer Dichter, der uns Menschen sehr geliebt hat, können Sie ab Seite sieben lesen.

„Ich entdeckte sie wieder in meinen alten Tagebüchern. Und diese Exilgedichte nach dem ersten Schock und meiner Flucht aus Deutschland nach Italien schienen mir eine Rarität in meinem Werk zu sein“, schrieb mir Dieter Schlesak. Er erlaubte uns einen ersten „archäologischen“ Blick in sein Lyrik-Archiv, aus dem wir  einige Gedichte aus den 70er-Jahren für Sie ausgewählt haben.

„… an den Fahnenstangen fault die Wut“, heißt der neueste Gedichtband des unermüdlichen Kämpfers für Wahrheit und Gerechtigkeit William Totok. Zusammen mit Mariana Codrut, Christine Kappe,Lenka und Peter Frömming ergänzt er glücklicherweise unser Lyrikfest.

Benedikt Dyrlich, der zwischen und in zwei Sprache lebt und schreibt, erklärt uns … „Das Sorbische profitiert vom Deutschen, wie das Deutsche Impulse aus der sorbischen Sprache aufgenommen hat…“.
Und Ulrich Bergmann setzt seinen China-Bericht fort mit „Der Schrei – Ein expressionistisches Gedicht vor 1200 Jahren“.

Gudrun & Karl Wolff haben sich nach einer langen „Reise ins Morgen-Land“ wieder gemeldet. In einigen Essays, Reportagen und Geschichte(n) berichten sie über Ethos und Ethnogenese der Tataren vom Wolgabulgarischen Reich bis zur Republik Tatarstan, über Identitäts-und Sprachverlust, über Marina Zwetajewas Grab in Jelabuga (Patriarch Alexij II., 1990: „Die Selbsttötung Marina Zwetajewas ist einem Mord durch das Regime gleichzusetzen“) und über „Der Silicon-Valley-Spirit“, „Sonderwirtschaftszone Alabuga“ und „IT-Stadt Innopolis“.
„Verwandeln uns Kleider auch? Das Tragen ebenso, wie die Verzierung derselben?
Kleider sind mehr als nur Schutz vor Kälte und Sonne. Sie können eine symbolische Funktion (u. a. Totenhemd, Brautkleid, Priesterhemd) ausüben oder auf eine soziale und kulturelle Zugehörigkeit hinweisen. Unsere Kleidung ist immer Teil des Bildes, das wir oder andere von uns machen. Bei meinem Projekt DAS KLEID veränderten sich die Frauen im fertig bestickten Kleid. Sie wurden schweigsam und ihre Bewegungen verlangsamten sich. Ihr Auftritt bekam etwas Würdevolles, fast Majestätisches.“
Gefragt hat Elke Engelhardt, beantwortet: Elisabeth Masé. Ihr neues Projekt „DAS KLEID“ bestückt die Räume der MATRIX-Ausstellung dieser Ausgabe.

Die Rezensionen von Wolfgang Schlott, Stefanie Golisch, Mark Behrens, Rainer Wedler und Uli Rothfuss berichten wie immer über einige, in letzter Zeit erschienene Bücher, u.a von Ursula Teicher-Maier, Tatjana Kuschtewskaja, Hans-Jörg Dost, Eric Giebel und Rainer Wedler.

Ich hoffe, Sie werden eine anregende Lektüre haben.

Ihr
Traian Pop

Es signiert:

• Christine Kappe • Badri Guguschwili • Mich auf jeden Fall, nicht! • Bela Tsipuria • Wolfgang Schlott • Mariana Codruţ • William Totok • Dieter Schlesak • „Lyrikarchäologie“ • Mark Behrens • Benedikt Dyrlich • Gudrun Wolff • Karl Wolff • Rainer Wedler • Lenka • Uli Rothfuss • Elke Engelhardt • Elisabeth Masé • DAS KLEID • Peter Frömmig • Holger Benkel • Stefanie Golisch • Ulrich Bergmann • Die Monde der gelben Mitte •


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