MATRIX 2/2019 (56) • Dieter Schlesak • THEOPHANIE. Letzte Reisegedichte und Texte

Ich weiß nicht wie und warum, aber die Gerechtigkeit scheint immer auf Seiten der Vernachlässigten, Marginalisierten usw. zu sein. Die Gerechtigkeit natürlich – und nicht das Urteil. Ich weiß nicht, wie und warum das so ist, aber das Gesetz und die Mehrheit in unserer demokratischen Welt entscheiden fast ausnahmslos genau umgekehrt. Was nun mit dieser Balance, die immer wieder dazu neigt, alles auf null zu setzten? Was nun mit den vielen Faktoren, Zufällen und nicht zuletzt den Menschen, die – bewusst oder nicht, mit oder ohne kriminelle Energie – an der Justierung dieses verdammt empfindlichen Gleichgewichts beteiligt sind? Sollen alle wegen unterlassener Hilfeleistung bestraft werden?

Dann nehmen Sie bitte meine Aussage zur Kenntnis: Ich bin der Erste, den ich kenne, der nicht nur sich selbst, sondern auch alle anderen vernachlässigt hat. Ich weiß nicht, ob Sie überhaupt bemerkt haben, wie viele Angehörige Ihres Bekannten- oder Freundeskreises – diejenigen, für die Sie alles tun würden, was in Ihren Kräften steht, um ihnen zu helfen, diejenigen, die öffentlich den eigenen bürgerlichen Mut immer wieder zum Ausdruck bringen – sich für gewöhnlich aus dem Staub machen. Sie sind genau dann nicht da, wenn Sie am ehesten Hilfe gebraucht hätten, erinnern sich plötzlich an Familie, Verpflichtungen, dringende Erledigungen …
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich spreche nicht von Ihnen, sondern immer noch von mir. Es stimmt, ich habe meine Familie, meine Verpflichtungen sowie alle Dringlichkeiten der Welt ignoriert. Aber: Auch wenn es anders zu sein scheint, ich erlaube mir, Ihnen in Erinnerung zu bringen, dass Ausnahmen die Regel bestätigen.

Ich weiß nicht, wie und warum das so ist, aber wir erkennen dies alles erst, wenn es zu spät zu sein scheint. Die Umstände wollten, dass Dieter Schlesak zu einem der größten, mir in meinem bisherigen Leben bekannten Opfer seines, meines sowie unser aller Rückzugs ins eigene Selbst wurde. Von dieser Tatsache wird ab sofort unser Weiterleben bestimmt werden.

Ja, er ging in letzter Zeit nicht mehr so oft ans Telefon und bat mich einige Male zu warten, bis er sein Hörgerät eingeschaltet hatte. Ich war so dumm, darauf zu warten, statt mir selbst eines zu besorgen. Denn in der Tat bin ich der wirklich Taube gewesen. Zumindest ist es ihm gelungen, mich auf den Weg nach Agliano zu bringen. Nicht mehr, aber auch nicht
weniger!

Dieter Schlesak: Das Treffen mit ihm hat mir gezeigt – als es unbedingt notwendig war –, wie klein und unbedeutend, wenn überhaupt sichtbar ich in dem Register des ewigen Notars, der Zeit, bin. Wie lange wird er über uns schreiben? Wie lange ist er bereit, uns zu ertragen? Wie lange braucht er uns? Braucht er uns überhaupt? Wofür? Trotzdem: Was für ein fantastisches Abenteuer! Unsere Reise zwischen zwei unbekannten Bahnhöfen, ohne zu wissen, wann alles anfängt und endet, wer die Reisekosten übernimmt, was mit den Hinterbliebenen passiert, was auf all dieses, so geliebt und gehasst, folgen wird. Und dennoch der Nabel der Erde zu bleiben, die sich immer wieder neu entdeckt findet, um unseren Egozentrismus zu streicheln.

Vor fast 85 Jahren führten für ihn alle Wege der Erde und des Himmels nach Schäßburg/Sighişoara. Es folgte Bukarest. Dann Stuttgart. Nun heißt die Hauptstadt der Welt Camaiore. Agliano. Die Zeitlose?

(Ich suche etwas, das ich selbst lesen möchte, und schreibe es mir auf; löse Gedichte wie eigne Rätsel, verständlich für einige, gebe sie auf. Auch wenn der Tod wie die Zeit droht. Ein Liebesbrief wäre die beste Erregung, um zu verstehen, was nicht ist.)

WER HAT MICH OBEN AN DEN BRÜCHEN ERKANNT?

Die Zeitlose
droht

Dröhnen von draußen Scheiben klirren zitternd ein Vogel
am Fenster mit mir

so treten wir an/ ohne Nachricht taub

von fern ein Dröhnen
Kräfte Wirbel die schon die Schläge vorbereiten die Nähe
die Sachen fesseln dagegen körpereng

die Augenblicke gehn
aus dem ertrunknen Meer das droht unfrei an Land

wer sie bezeichnen könnte
wäre tot

Habe ich tatsächlich deine letzten Texte gesehen, mein lieber Dieter Schlesak? Vielleicht. Verstehen kann ich alles immer noch nicht. Ich finde alles zu unerwartet, irreal, ungerecht … Einige unter dem Titel „SENSE. Die letzten Reisegedichte und Texte“ gesammelten Gedichte sind 1978 datiert. Warum „die letzten“, verstehe ich genauso wenig wie vieles andere. So lange sollest du unter dem Terror des un- (oder doch) erwarteten Treffens mit Charon gelebt haben? Auch die Frau, die mehr als 50 Jahre an deiner Seite stand, scheint noch vieles nicht zu verstehen, sondern so, wie es ist, zu akzeptieren. Sie leidet grausam, aber zeigt es nicht, klagt keinen Moment. Eine echte Grande Dame. Wie die Berge im Hintergrund, die Schneemützen tragen, obwohl schon Sommer ist: aus Stein, aber gleichzeitig extrem zerbrechlich. Sie ist fest entschlossen, auch ihren letzten Lebensabschnitt hier zu absolvieren. Sie wird es tun, wie du es an ihrer Stelle getan hättest.

Erleichterung, vorsichtig, vorsichtig, Unglücksfälle sind möglich, Sturzgeburten, Blutstürze. Dreiviertel acht ist das Kind da … furchtbare Angst beim Abtrennen, Gefühl des Erstickens, Atemnot, Form der Einfachheit, ein Jauchzen –
Leben? Noch ist der Große Schatten, der seit einem Jahr über der Welt steht, nicht da, doch eine Kontur schon in den Wolken von Westen her ist erkennbar, wie eine Schmerz­linie am Himmel, ein Riesengesicht auch, das mit spitzen Zähnen in den Himmel beißt, sodass die Vögel schreien und davonfliegen; das alles wird sich entfalten wie ein fledermausartiges Geschöpf – jetzt aber noch Stille und Morgenkühle, schöne Idylle, Ruhe, von wem behütet der noch fast Ungeborene, der sich zum Dasein bequemen soll, schreiend vorerst, „wie am Spieß“, sagte der junge Vater: „Was er denn hat, der Junge?“
Ich aber friere erbärmlich …

Habe ich tatsächlich deine letzten Texte gesehen? Bestimmt
nicht.

Ich hatte mir gerade die Finger verbrannt, als ich versuchte zu erfahren, was du uns noch oder nicht sagen wolltest. Ja, wie ein unverschämter Dieb legte ich meine Hand auf einige Gegenstände, die du auf deinem Schreibtisch liegen ließt: Sie waren alle noch warm. Dein letztes Gedicht jedoch scheint eine Rose zu sein, die plötzlich in einem Garten der Toskana aus dem Boden spross. Sieht das Paradies wie ein Garten in der Toskana aus? Oder vielleicht die Hölle? Ich weiß es nicht, aber mir wurde erlaubt, dieses Wunder selbst mitanzusehen durch das Fenster deines Arbeitszimmers. Kein Buch der Welt hätte es schöner fassen können.

Ob meine Finger auch etwas anderes als deine Wärme entdeckt haben, weiß ich leider – oder Gott sei Dank – (noch) nicht: Die Dornen der Rose wollten unbedingt meine verbrannten Finger auf ihre eigene Art behandeln.

bevor du zum Thema kommst
irrst du ab
und lebst

Welch ein Irrtum, Dieter Schlesak!
Gelebt.
Geliebt.
Das auf dem Schreibtisch liegende Tagebuch:

Dott. Amoroso
Con gratitudine
Dieter Schlesak
01. 2019 Camaiore

24./25. Januar 2019: Traum von meiner Hinrichtung […]

13. März 2019: Traum von Celan […]

Ein gelber Post-it-Zettel:

Was tun? Pop Traian?

So etwas wurde mir erlaubt zu lesen … Es ist nur ein kleiner Teil von allem, was ich unter meinen Augenlidern verstecken konnte. Und nun? Was tun, Dottore Amoroso?

Vor ungefähr einem Jahr hat uns Dieter Schlesak drei Lyrikbände und einen Roman zur Veröffentlichung angeboten. Davon haben wir nun für Sie einige Gedichte und ein Prosafragment ausgewählt.

„Es war einmal in Schäßburg“ und „Drăculea ist nicht Dracula“: Die zweí Buchbesprechungen von Barbara Zeizinger beschäfti­gen sich mit dem letzten Teil von Dieter Schlesaks Transsylvani-scher Trilogie – TranssylWAHNien und Vlad, der Todesfürst. Die Dracula-Korrektur – sowie mit dem Roman des Romans:
Der Tod und der Teufel.
Anton Sterbling ergänzt den literarischen Teil zu Dieter Schle­sak mit seinen Gedanken über eine wichtige Facette von dessen Werk:

Zu Dieter Schlesaks sehr zutreffend formulierten These der „Entpolitisierung durch Überpolitisierung“, die vielfach zu einer „Politik- und Geschichtsverhinderung“ und zugleich zu einem indifferenten Opportunismus führte, wird unter anderem befunden: „Politik gibt es also im Land selbst immer noch nicht; was es gibt, ist Herrschaft.“ Und: „Erziehung zum Unpolitischen: Erwünscht ist sozialistisches Untertanendenken. Meinungsaustausch, offene Diskussion in Versammlungen, in Massenmedien ist unerwünscht, ja, verboten.“
Im kurzen dritten Hauptteil des Buches geht es vornehmlich um Vergleiche der Anpassungsmechanismen und der da-
mit erzeugten Deformationen („Infektionen“) in Ost und West […].

Außerdem versuche ich, Ihnen Dieter Schlesak mit ein paar Bildern näherzubringen. Mehr in unseren nächsten Ausgaben von MATRIX und BAWÜLON sowie in den geplanten Neuerscheinungen. Und nicht zuletzt in der vom POP-Verlag angekündigten Werkausgabe.

Georgien trat im Oktober 2018 als Hauptdarsteller auf die Bühne der größten Buchmesse der Welt in Frankfurt. Ich weiß nicht warum – wie schon so oft gesagt –, aber die Tatsache, dass ein Kleinverlag, nämlich POP aus Ludwigsburg, dort mehr Neuerscheinungen aus der georgischen Literatur präsentiert hat als alle anderen Verlage aus dem deutschen Sprachraum insgesamt, wurde von fast allen Medien einfach übersehen. Trotzdem erschien 2019 ein weiterer Titel eines wichtigen Vertreters der georgischen Literatur: Goderdsi Tschocheli. Daraus veröffentlichen wir nun eine Kurzprosa. Und Bela Tsipuria, eine bekannte Uni-Professorin aus Tbilissi, schrieb für uns einen ausführlichen Essay über den Autor und sein Werk. Beide Texte wurden von Maja Lisowski ins Deutsche übersetzt.

Wie in der letzten Nummer feiern wir auch in dieser das 15-jährige Jubiläum des POP-Verlags. Diesmal mit Materialien zu Peter Rühmkorf (einem Essay von Theo Breuer und einem Interview von Francisca Ricinski), einem Romanausschnitt von Johann Lippet und Kurzprosa von Eje Winter.

Antworten auf „die zwei großen Aspekte unseres Lebens: Wie sollen und können wir leben und wozu? Und: Was kommt danach?“ findet Ulrich Bergmann in seinen Gedanken zu Thomas Manns Roman „Joseph und seine Brüder“. Edith Ottschofski will (und schafft es) mit einigen Gedichten, uns nach London mitzunehmen, während Ngo Nguyen Dung uns Die Erkenntnisse der Genitive und seines Lebens mitteilt. Die Karpateske Nach-Lese von Carmen Elisabeth Puchianu und ein Fragment aus Edith Lutz’ Roman Einer aus Wiesendorf schließen unsere Literatur-Ausstellung.

Das Schlusswort haben wie immer unsere Rezensenten. Uli Roth­fuss, Wolfgang Schlott und Edith Ottschofski haben für uns Bücher von Isaku Yanaiharas (Mit Alberto Giacometti), Franck Maubert (Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell), Michaela Debastia­ni (Frauenherz), Goderdsi Tschocheli (Eine Krähe für zwei), Ngo Nguyen Dung (Tausend Jahre im Augenblick) und Ioana Nicolaie (Der Himmel im Bauch) gelesen. Außerdem kommt unser Berichterstatter aus der Stuttgarter Kulturszene, Widmar Puhl, zu Wort, der über eine Schmutzkampagne gegen SWR-Chefdirigenten, ein Symphoniekonzert plus x und ein Internationales Friedenskonzert in Stuttgart schreibt.

Mehr passte in diese – schon wieder opulente – Ausgabe nicht hinein. Die nächste aber steht vor der Tür.

Ihr Traian Pop

Es signiert: • Dieter Schlesak • Anton Sterbling • Barbara Zeizinger • Goderdsi Tschocheli • Bela Tsipuria • Eje Winter • Johann Lippet • Francisca Ricinski-Marienfeld • Theo Breuer • • Peter Rühmkorf • Ulrich Bergmann • zu Thomas Manns Roman „Joseph und seine Brüder“ • Edith Ottschofski • Carmen Elisabeth Puchianu • Edith Lutz • Uli Rothfuss • Traian Pop • Wolfgang Schlott • Widmar Puhl •

Traian Pop • Editorial / S. 4

Dieter Schlesak • THEOPHANIE. Letzte Reisegedichte und Texte
Traian Pop • Porträts, 2014 . Fotos / S. 11 und S. 12
Dieter Schlesak • Sense . Gedichte / S. 13
Dieter Schlesak • Devachan . Prosa / S. 23
Dieter Schlesak • Sechs Fotos aus dem Privatarchiv des Autors, 1934–2009 / S. 53
Traian Pop • Linde Birk, die Frau, die immer an Dieter Schlesaks Seite stand und stehen wird . Foto / S. 58
Traian Pop • Dieter Schlesaks Tagebuch . Foto / S. 60
Traian Pop • Vor der Reise: Dieter Schlesaks letzte Notiz . Foto /
S. 62
Barbara Zeizinger • Es war einmal in Schäßburg. Der letzte Teil von Dieter Schlesaks Transsylvanischer Trilogie / S. 63
Barbara Zeizinger • Drăculea ist nicht Dracula. Zu Dieter Schle-saks Vlad, der Todesfürst. Die Dracula-Korrektur und Der Tod und der Teufel / S. 66
Anton Sterbling • Dieter Schlesak – Erinnerungsfragmente / S. 70
Traian Pop • Dieter Schlesaks Schreibtisch . Foto / S. 86
Traian Pop • Hier fängt die letzte Reise an: Dieter Schlesaks Ruhe-
stätte . Foto / S. 87

Die Welt und ihre Dichter
Goderdsi Tschocheli • Ein Brief an die Tannen . Prosa / S. 89
Bela Tsipuria • Der magische Realismus bei Goderdsi Tschocheli /
S. 103
Francisca Ricinski-Marienfeld • Peter Rühmkorf, 2009 . Fotos / S. 112 und S. 120
Theo Breuer • Peter Rühmkorfs Gedichtbuch Wenn – aber dann von 1999 – haltbar bis heute (und darüber hinaus) / S. 113
Francisca Ricinski-Marienfeld sprach mit Peter Rühmkorf: „Als Richter über den Dichter tauge ich nicht“ / S. 117
Johann Lippet • Franz, Franzi, Francisc . Ein Auszug aus dem gleichnamigen Roman / S. 129
Eje Winter • der ort der verwandlung . die geschichte mit valentin . Prosa / S. 143
Ulrich Bergmann • EX ORIENTE LUX. Gedanken zu Thomas Manns Roman „Joseph und seine Brüder“ / S. 149

Atelier
Edith Ottschofski • Sechs Gedichte / S. 159
Ngo Nguyen Dung • Die Erkenntnisse der Genitive und meines Lebens / S. 165
Carmen Elisabeth Puchianu • Nach-Lese. Eine kleine Karpateske .
Prosa / S. 169
Edith Lutz • Einer aus Wiesendorf . Ein Auszug aus dem gleichnamigen Roman / S. 177

Bücherregal
Uli Rothfuss • Alberto Giacometti . Zwei neue, grandiose Annäherungen an ein Kunstgenie – Isaku Yanaihara: Mit Alberto Giacometti und Franck Maubert: Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell / S. 199
Uli Rothfuss • Michaela Debastiani: Frauenherz / S. 201
Wolfgang Schlott • Goderdsi Tschocheli: Eine Krähe für zwei / S. 204
Wolfgang Schlott • Ngo Nguyen Dung: Tausend Jahre im Augen­blick / S. 208
Edith Ottschofski • Ioana Nicolaie: Der Himmel im Bauch / S. 211

Aus der Kulturszene
Widmar Puhl • Schmutzkampagne gegen SWR-Chefdirigenten? /
S. 213
Widmar Puhl • Internationales Friedenskonzert in Stuttgart: „Touch!“ / S. 215
Widmar Puhl • Symphoniekonzert plus x mit Currentzis / S. 217

 


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