MATRIX 1/2014 (35) • Mit und über Dato Barbakadse

 

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Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Der teuerste Autor, den ich jemals veröffentlicht habe, ist einer – das muss ich vorausschicken –, der mich „verführt“ hat: Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren einer Person begegnet zu sein, die so charmant und vor allem so arglos wirkte. Sein Manuskript stand meinen Auffassungen und Ansichten teilweise entgegen: nicht unbedingt vom Inhalt her, trotz großer Meinungsverschiedenheiten zwischen Verleger und Autor, sondern von der Haltung her, von der Art des Umgangs mit eini-gen Personen. Als ich den Vertrag aufsetzte, fiel es mir ehrlich gesagt schwer, mir vorzustellen, wie dieser Band zwischen den anderen Titeln des POP-Verlags einen Platz finden könnte, doch ging ich davon aus, dass der Verkauf des Buches zumindest die Druckkosten decken würde. Dem Autor allerdings schwebte vor, dass sein Werk lediglich in 200 Exemplaren aufgelegt werden sollte, die er zudem selbst verteilen bzw. verkaufen wollte, und zwar nur an bestimmte Personen. Was mich betrifft, muss ich zugeben, dass mir – egal ob als Autor oder als Verleger – noch nie durch den Kopf gegangen ist, ein von mir veröffentlichtes Buch könnte in falsche Hände geraten. Und ich kann mir auch jetzt nicht vorstellen, wie ein Autor tickt, der sein Werk von höchstens 200 ausgewählten Personen gelesen wissen will. Doch kann man einen Verlag, der nur 200 Exemplare eines Titels druckt, überhaupt Verlag nennen? Und kann man einen Autor, der nur 200 Exemplare seines Werkes drucken lässt, um es selbst zu verteilen, überhaupt als Schriftsteller bezeichnen? Schade eigentlich, dass ich darauf so viel Zeit, Energie und Geld verschwendet habe – lieber hätte ich eine Ausgabe von MATRIX mehr herausgebracht.

Schreiben für den Elfenbeinturm?

Andererseits aber kann mich kein Verlust daran hindern, meinen teuersten Autor weiterhin zu mögen und ihm nur das Beste zu wünschen. Das versuchte ich ihm immer wieder zu vermitteln und ich bin mir sicher, er hat sehr wohl verstanden, was ich meinte, es aber nie gezeigt – wer weiß warum. Als eine von uns beiden sehr geschätzte Autorin starb, sagte er mir: „Na ja, Traian, möge Gott sie in Frieden ruhen lassen, nachdem sie nun das Fegefeuer hinter sich hat – wie auch wir anderen, die schreiben, da durch müssen.“ Jetzt, wo er alles von ferne sieht, will ich ihm noch einmal für seine eigensinnigen Worte und Taten danken und ihn bitten, mir zu vergeben, dass ich nicht immer in der Lage war, seine Signale ohne Weiteres zu verstehen.
Es gibt – und das ist auch gut so, meine ich – Literaturen und Literaturen, Autoren und Autoren, Verlage und Verlage, Zeitschriften und Zeit-schriften. Denn zwischen, sagen wir, einem Autor, der nur an sein Werk denkt, und einem, der mehr an seinem Image und Erfolg arbeitet, lässt sich – nicht immer, aber immer wieder – ein komischer Unterschied feststellen: Während der Letztere nie kapituliert, begeht der Erstere quasi Selbstmord, indem er sich in einem Elfenbeinturm einmauert, aus dem er nur dann heruntersteigt, wenn nichts mehr geht oder der Zufall, das Glück bzw. ein Mäzen ihm gewogen ist. Lauter vielversprechende Geschichten, aber mit einer kaum beleuchteten Kehrseite … Na ja, jeder stirbt auf seine eigene (Sprech-)Weise und für sich allein.

Dato Barbakadze – Ein Leben für die (deutsche) Literatur

Und nun zu unserer jetzigen Ausgabe, zu der ich mit zwei Zitaten überleiten möchte. „Sie funktionieren alle nicht – weil niemand den Mut hat, wirklich zu helfen“, meinte Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt zu den Euro-Rettungsmechanismen. Und unser Autor Dato Barbakadze äußerte zu seinem Leben als Schriftsteller: „Ich denke nicht selten, was wäre, wenn nicht meine Freunde neben mir stünden, die meine Texte schätzen und ein starkes Gerechtigkeitsgefühl haben. Die relative Ruhe, die ich zurzeit genieße (ich weiß nicht, wie lange sie andauern wird), ist nicht durch die Logik der Entwicklung der georgischen Kultur verursacht, sondern dank meiner Freunde.“ Danke, Dato, und Dank auch an deine wie an meine Freunde, die uns erlauben zu hoffen, dass unsere literarische Welt besser ist/wird als die heutige Europäische Union.
Dato Barbakadze lebt in Europa, genauer gesagt in Georgien, und ist nicht nur ein hervorragender Dichter, sondern auch ein richtiges Arbeitstier: Er beutet sich selbst aus (klingt bekannt, oder?), um die deutsche Literatur in Georgien bekannt zu machen. Inwieweit aber der deutsche Literaturbetrieb oder die georgischen Literaturliebhaber ihm dabei behilflich sein werden, ist noch offen. „Das Interesse für das Projekt (Österreichische Lyrik des 20. Jahrhunderts in dreißig Bänden, davon elf schon veröffentlicht, als Teil eines größeren Traums: Die deutschsprachige Lyrik des 20. Jahrhunderts in achtzig Bänden, Anm. d. Red.) ist in literarischen Kreisen Georgiens sehr hoch. Das betrifft die Hochschulen und die junge Generation. Ich verdiene daran nichts, ich verschenke die Neuerscheinungen der Reihe immer an staatliche Bibliotheken in Georgien oder leihe sie einzelnen interessierten Menschen aus. Es funktioniert also ein illegales Bibliothekssystem für diese österreichische Reihe“, so Dato Barbakadze. „Für einen Dichter gibt es eine einzige Moral: seiner Heimat, also der Kunst, treu zu bleiben und durch die Arbeit zu versuchen, einen Ort in dieser Heimat zu finden“, schreibt er an anderer Stelle. Und: „Die verschiedenen Sektoren des kulturellen Lebens, jede Art der totalen Unrationalität und jede ekelhafte Fiktion wird immer durch die instabile politische Lage erklärt.“ Haben wir Ihr Interesse geweckt? Dann freuen wir uns, Ihnen mehr als achtzig Seiten mit und über Dato Barbakadze ankündigen zu können.

Kulturzentren, großen Musikern und der Lyrik unserer Zeit

„Die Welt und ihre Dichter“ bringt neue Texte von PAPI Emilian Roş-culescu, der sich seit 2009 um Aufbau und Betreuung eines Kultur-zentrums „Auf dem Berg der Wölfe“, wie er selbst sagt, im Banater Berg-land in Rumänien kümmert, sowie Texte von der französischen Seite der Pyrenäen, wo uns Dieter P. Meier-Lenz „am bildrand des morgens“ teilhaben lässt. Gedichte von Maximilian Zander und ein Auszug aus dem Roman „Auch die Brombeeren haben keine Bedeutung mehr“ von Rainer Wedler runden den literarischen Teil ab. Und mit „Welt-Atems Schwellgesang“ von Ulrich Bergmann feiern wir den 200. Geburtstag Richard Wagners.
Wie versprochen, berichtet Benedikt Dyrlich über die Proteste von 1988, als es um die Erhaltung osteuropäischen Kulturgutes ging. Lesen Sie also ab Seite 123 „Gegen Raubbau und Umsiedlung. Hintergrund eines Protestes“ und ab Seite 135 „Klitten bleibt stehen“.
Ines Arnemann schmückt mit ihren Zeichnungen nicht nur Bücher (u. a. den frisch erschienenen Band „in der falle“ von Benedikt Dyrlich), sondern auch unsere MATRIX-Ausstellung.
Theo Breuer stellt mit „Nahtwort Tatort. Ein Satz zu Lyrik und Prosa im deutschen Sprachraum 2013“ sein literarisches Lesejahr vor. Und mit den Rezensionen von Wolfgang Schlott, Andreas Noga, Rainer Wedler und Francisca Ricinski, dem Essay von Sander Wilkens, der diesmal unsere Rubrik „Kunstparkett“ bestreitet, sowie unserem Forum, das den Unter-stützern der Briefe des Sorbischen Künstlerbundes an Bundeskanzlerin Merkel und Wirtschaftsminister Gabriel gilt – wie auch all jenen, die noch nicht dabei sind –, endet die Reise dieser MATRIX-Ausagabe.
Zum Schluss laden wir Sie herzlich ein, den Ausstellungsstand und die Veranstaltungen unseres Verlags auf der Leipziger Buchmesse zu besuchen. Wir sind wie immer in den letzten Jahren ganz leicht zu finden: in Halle 4, gegenüber dem „Literaturcafé“.
Viel Vergnügen beim Lesen wünscht Ihnen
Ihr Traian Pop

Es signiert:

• Ludwig Legge  • Lyn Coffin • Dato Barbakadse • Oguz Tarihmen •
• Ulrich Bergmann • Dieter P. Meier-Lenz • PAPI Emilian Rosculescu •
• Rainer Wedler • Ines Arnemann • Benedikt Dyrlich • Andreas Noga •
• Uli Rothfuss • Dominik Irtenkauf •  Maximilian Zander • Theo Breuer •
• Sander Wilkens • Sam Hamill •  Francisca Ricinski • Wolfgang Schlott •

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