MATRIX 2/2015 (40) • Richard Wagner

MATRIX_40_A… wo es eine Literatur gibt,
da gibt es nicht diese Literatur einfach, sondern es gibt sie,
weil nach ihr verlangt wird … (143 Seiten mit und über Richard Wagner)

 

Wenn ich Sie aufforderte, das Editorial dieser MATRIX einem Psychiater vorzulegen, würden Sie lachen. Dennoch behaupte ich, dass diese „komische“ Gattung rasch ihre Funktion und somit ihre Existenzberechtigung verlieren kann. Doch lesen Sie zunächst die Geschichte und versuchen Sie erst danach, mir zu widersprechen.
Seit einigen Wochen arbeite ich intensiv an dieser Ausgabe, ohne einen Gedanken an das Editorial verloren zu haben. Nun ist das Heft fast fertig, und ich … schreibe das Editorial. Es soll, wenn möglich, soviel wie möglich über die Beziehung des Herausgebers zu den herausgegebenen Texten vermitteln und ungefähr so lang sein wie jenes der letzten Ausgabe. Um diesen Platz geht es eigentlich, obwohl bisher davon nie die Rede war. Und weil der vom Buchstabenhunger geplagte Editorial-Schreiber immer wieder unsere „Welt und ihre Dichter“ und unsere „Debütanten“ als Vorratskammer betrachtet und aus unserem „Atelier“ und unserem „Bücherregal“ genascht hat, sah ich mich veranlasst, auf diese Art von „literarischem Schengen-Raum“ zu verzichten. Das Editorial sollte also in Zukunft eine Pufferzone erhalten und durch einen Riesenzaun von Inhaltsverzeichnis und Inhalt getrennt werden. Gesagt, getan. Zehn Zentimeter breit und siebzehn Zentimeter lang. Nur stellte ich beim Nachmessen fest, dass von den zehn Zentimetern Breite höchstens acht übrig waren und die Länge sich sonderbarerweise auch um etwa drei Zentimeter verkürzt hatte. Denn das Problem lag woanders: Als die anderen Rubriken mein Vorhaben kapiert hatten, fingen sie an, sich zu wehren, weil ich mit Gewalt auf ihr Grundstück vorgedrungen war. „Der Titel da gehört mir“, meckerte das Inhaltsverzeichnis. „Und dieser Buchstabe da gehört mir“, warf mir das „Forum“ eine halbe Stunde später vor. Allerdings gibt es für solche Orte keine Landvermesser, und ich persönlich habe zwei linke Hände, wenn es um so etwas geht.
Hinzu kamen die Angst, nicht rechtzeitig fertig zu werden, und die noch größere Befürchtung, dass Autoren wie Leser dieser Ausgabe mit meinem Editorial nichts anfangen könnten. Wäre es besser, es ganz verschwinden zu lassen? Anscheinend ja. Doch was sollte dann mit den vielen Buchstaben, Wörtern und Sätzen geschehen, die schon über den Zaun hierher gesprungen waren? Erlauben Sie mir, zumindest einiges zu zitieren:

Der Aussiedler, der sich nach zwei Seiten behaupten muss: dem Einheimischen seine Zugehörigkeit weismachen und dem Ausländer den Unterschied erklären. (…)  Der Aussiedler kann nicht Einheimischer und will nicht Ausländer sein.

Die Auswanderung ins Zentrum ist stets auch eine Kapitulation vor der Unlösbarkeit der Widersprüche der Peripherie. Im Zentrum aber wird der Minderheitenschriftsteller bald erfahren, dass ihm sein Dilemma erhalten bleibt.

Im Westen für die Schublade schreiben, heißt für die westliche Öffentlichkeit     schreiben. Für alle, die nicht Einheimische sind, gibt es die entsprechenden Schubladen. Den Schlüssel zu den Schubladen hat der Literaturbetrieb.

Niemand entgeht der Frage nach der Landsmannschaft. Was für ein Landsmann sind Sie?

Als Ceausescu und ich 68er waren.

… die Behauptung, Solschenizyn sei im Lager womöglich Informant gewesen. Sie wird sogleich mit dem aktuellen Kundera-Streit assoziiert. Als sei Kundera als Informant in Erscheinung getreten. In beiden Fällen wurde nichts dergleichen bewiesen, die skandalöse Unterstellung aber ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Als Parkinson-Kranker hat man mehr Zeit als andere Leute, man ist halt langsam, wenn man aber langsam denkt, denkt man vielleicht auch Gescheiteres, als wenn man mal schnell etwas denkt.
Brennpunkt-Publizist, Ehrenmörder-Anwalt, Geldwirtschafts-kritiker, Kindheits-Dekonstruktivist, Koran-Versteher, Leuchter-report-Bibliograph, Listenplatz-Politiker, Polkappenforscher, Schiffbruchsphilosoph, Stalker-Therapeut“, die „zehn krisenfesten Berufe für arme Geister.

All diese Zitate stammen aus unserem Schwerpunkt, der diesmal Richard Wagner gewidmet ist. Nicht zu überlesen, wie er sein Banat …

jetzt / da ich es nur noch von außen zu sehen bekomme / von der Weltstadt aus / in die ich mich vor Jahrzehnten mit fliegender Fahne begeben habe / ist es / als läge das Banat weit draußen vor den Toren des Planeten

… nicht nur sieht, sondern uns allen schenkt. Genauso wie sein gesamtes Werk. Danke also, Richard, dass du uns die Texte zur Verfügung gestellt hast. Und vor allem, dass du tust, was du tust, und dass du bist, wie du bist. Dank auch an Horst Samson, der nicht nur die Verbindung zu Richard Wagner aufrechterhalten, sondern sich auch um die Zusammenstellung dieses Schwerpunkts gekümmert hat. Dank auch dem Institut für Kultur und Geschichte Südosteuropas in München für die Unterstützung und die Zusammenarbeit, die uns erlaubt, zu hoffen, dass in Zukunft weitere Projekte dieser Art zustande kommen.

Dankbar bin ich auch allen anderen Autoren, die den Schwerpunkt dieses Heftes mit schönen Beiträgen unterstützt haben, etwa Franz Heinz mit seinem Essay über „Die deutsche Seele“ oder György Dalos mit seinen Überlegungen zu „Richard Wagners Dilemma“ oder Olivia Spiridon und den Tübinger Studenten mit deren Stellungnahmen zu Richard Wagner am Rande eines Seminars im Wintersemester 2012/13.
Feiern wir also zusammen mit Richard Wagner den Sieg der Literatur und des gesunden Menschenverstandes auf fast 150 Seiten.

Blicke auf Brinkmann : Weiter und weiter machen in einer gu­ten Gegen­wart

Am 23. April 2015 jährt sich zum 40. Mal der Tag, an dem Rolf Dieter Brinkmann in London von einer Limousine erfasst und auf der Stelle getötet wurde – aus diesem Anlass lädt Theo Breuer Sie ein, „Blicke auf Brinkmann“ zu werfen mit dem Essay „Weiter und weiter machen in einer guten Gegenwart“. Boško Tomaševićs Gedichte runden „Die Welt und ihre Dichter“ ab, und Ulrich Bergmann setzt seine China-Fahrt fort und berichtet über „Mao Zedong – Der Lange Marsch und die Lyrik“. Klaus Martens, Horst Samson, Hellmut Seiler, Benedikt Dyrlich, Harald Gröhler, Ursula Teicher-Maier und Johann Lippet bestücken das „Atelier“ mit origineller Lyrik und Prosa. Die Rezensionen von Horst Samson, Wolfgang Schlott, Uli Rothfuss, Rainer Wedler, Gert Weisskirchen, Elke Engelhardt sowie sowie der Debütantin Julia Göricke nehmen neue Bücher unter die Lupe.
Nicht zuletzt informieren wir Sie, dass diese MATRIX-Ausgabe auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wird, wozu am 15. März, um 12.30 Uhr im Café Europa (Halle 4, Stand E 401) herzlich eingeladen sind.

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

Ihr
Traian Pop

Es signiert:

• Hellmut Seiler • Horst Samson • Richard Wagner und die Folgen • Johann Lippet • Franz Heinz • Theo Breuer • György Dalos • Boško Tomašević • Klaus Martens • Benedikt Dyrlich • Ulrich Bergmann •  Olivia Spiridon • Elke Engelhardt • Edith Ottschofski • Ursula Teicher-Maier •  Harald Gröhler • Rainer Wedler • Wolfgang Schlott • Gert Weisskirchen • Uli Rothfuss •